Team-Analyse: SC Verl 2020/2021

Der SC Verl war eins der Überraschungsteams der diesjährigen 3.Liga Saison: Vor der Saison nur aufgrund des Verzichts des SV Rödinghausens und der Auswärtstorregel aufgestiegen, waren die Erwartungen an den Sportclub eher gering.

Zum ersten Mal seit der Saison 2007/2008 spielte man wieder in der dritthöchsten Klasse Deutschlands und machte sich von Spieltag 1 daran, allen zu beweisen, dass man kein gewöhnlicher Aufsteiger war. Gegen den Zweitliga-Absteiger Wehen Wiesbaden mit Trainer Rüdiger Rehm verzeichnete der Sportclub auswärts ein 0:0. Einige Sensationssiege später stand man am 15. Spieltag plötzlich auf Platz 1 – Cheftrainer Guerino Capretti musste gar erste Fragen zu einem Durchmarsch in Liga 2 beantworten.

So weit kam es dann aber doch nicht. Das Team um Kapitän Julian Stöckner beendete die Saison dennoch auf einem starken siebten Platz und erzielte mit 66 Toren die zweitmeisten Treffer der Liga. Der Hauptgrund dafür? Das überragende Pressing. Der SC Verl ist nun mal kein gewöhnlicher Aufsteiger.

Spiel gegen den Ball

Caprettis Truppe formierte sich gegen den Ball in einer 4-3-3 Grundformation. Dabei attackierte Verl den Gegner möglichst hoch, um das Aufbauspiel sofort nach hinten zu drängen. Der 35-jährige Zlatko Janjic war dabei mit 14 Toren nicht nur der viertbeste Torschütze der Liga (gleichauf mit Yildirim), sondern der erste und wichtigste Spieler für das Pressing.

Verl Pressing Janjic
Janjic als Anführer.

Janjic führte das Pressing an: Seine Ausgangsposition orientierte sich an den zentralen Mittelfeldspielern des Gegners. Diese Spieler wollte er im Deckungsschatten behalten. Gelang ihm das, presste er auf den ballführenden Innenverteidiger oder Torwart – immer mit dem Ziel, den gegnerischen Sechser für den Ballführenden „unanspielbar“ zu halten.

Der Gegner sollte eingeladen werden, Rückpässe zum Torwart oder Querpässe zwischen den Innenverteidigern zu spielen. Während Rückpässe zum Torwart für Janjic als Signal galten, um draufzupressen und meist unkontrollierte Befreiungsschläge zu provozieren, waren die Querpässe zwischen den Innenverteidigern das Signal für die Flügelspieler Yildirim und Rabihic.

Verl Pressing Flügelspieler
Yildirim lauert auf den Querpass zwischen den Innenverteidigern.

Da diese Querpässe aufgrund der großen Distanz zwischen den Innenverteidigern lang unterwegs sind, nutzten Verls Flügelspieler den Ballweg, um Druck auf die IVs aufzubauen. Unangenehm dabei: Der Laufweg des Flügelspielers wurde außerhalb des Sichtfelds des Innenverteidigers gestartet.

Aufgrund des Drucks wollte der Innenverteidiger meist nicht Richtung gegnerisches Tor aufdrehen. Nach meiner Definition war er also nicht positiv, sondern negativ orientiert, da er zum eigenen Tor schaute und sich dorthin ausrichtete. So blieb häufig nur der Rückpass zum Torwart, auf welchen Janjic bereits lauerte.

Zentrale Mittelfeldspieler als zentrale Spieler des Verler Spiels

Ebenfalls wichtig war die Rolle der zentralen Mittelfeldspieler. Janjic versuchte zwar, nach erfolgreichem Pressingauslöser weiterhin Bindung zum gegnerischen Sechser zu halten, diese führte er aber etwas loser aus als vorher. Schließlich besaß er ebenfalls die Aufgabe, auf mögliche Rückpässe zum Torwart durchzupressen.

Hier kamen die zentralen Mittelfeldspieler ins Spiel. Diese nahmen im Zentrum lose Mannorientierungen auf die Spieler auf, die im bespielbaren Feld des Ballführenden lagen. Umso wahrscheinlicher der Pass, umso enger waren die Verler an dem Gegenspieler dran, um keine positive Orientierung zuzulassen.

Dabei war es ein elementares Element des Sportclubs, dass sie keine engen Mannorientierungen aufnahmen. Enge Mannorientierungen besitzen nämlich zwei Probleme: Erstens wird ein Pass zu dem bewachten Spieler deutlich unwahrscheinlicher, da dieser vom Ballführenden klar als „gedeckt“ erkannt wird. Und zweitens öffnet der manndeckende Spieler viel Raum in seinem Rücken, der vom Gegner bespielt werden kann.

Insgesamt wird mit engen Manndeckungen demnach die Wahrscheinlichkeit verringert, dass der manngedeckte Spieler angespielt wird. Das lag jedoch nicht im Interesse des Sportclubs: Sie wollten lieber den Pass auf den ZM vom Gegner zulassen, um diesen durch herausrückende Bewegungen abzufangen. Ein sauberer Ballgewinn ist deutlich wertvoller als ein Ballgewinn nach einem Befreiungsschlag des Gegners, weil der Konter schneller gestartet werden kann.

Die Viererkette der Verler bereitete sich jedoch auf solche Befreiungsschläge vor. Eng gestaffelt standen die Verteidiger ungefähr auf Höhe der Mittellinie und versuchten, keine Ablagen der Offensivspieler zuzulassen.

Die Orientierung des Gegners determiniert das kollektive Verhalten

Beeindruckend war, wie kollektiv und konstant die Mannen von Guerino Capretti die richtigen Aktionen im Pressing auswählten. Dabei entstanden bereits einige spektakuläre Momente, in denen Verls Flügelspieler bis zum gegnerischen Sechser durchpressten. Damit destabilisierten sie jedoch keineswegs die eigene Struktur – sie folgten nur dem Prinzip, dass der gegnerische Ballführende immer Druck haben sollte.

Aygün Yildirim Einrücken

Aufgrund der Orientierung des Gegners war den Flügelspielern nämlich bewusst, dass sie die Seite, die sie durch ihren Laufweg „freigeben“, für den Gegner unbespielbar ist. Schließlich kann man nur in die Lücken der Formation bespielen, die man auch erkennt. Wenn ich mit meinem Pressing jedoch dafür sorgen kann, dass der Gegner diese Lücken nicht erkennt und ich gleichzeitig den Druck auf den Ballführenden erhöhen kann, dann mache ich halt diesen Laufweg – zumindest, wenn ich beim SC Verl spiele.

Dabei würde ich – mit meinem Vokabular – die Prinzipien der Verler so formulieren:

  1. Negative Orientierung suchen. Wir pressen bewusst auf Spieler, die sich zu ihrem eigenen Tor bzw. nicht zu unserem Tor orientieren.
  2. Negative Orientierung provozieren. Orientiert sich kein Gegenspieler zu seinem eigenen bzw. nicht zu unserem Tor, versuchen wir, dies herzustellen. Beispiel: Anlaufen der Innenverteidiger durch die Flügelspieler und „lose“ Mannorientierungen der Achter.
  3. Negative Orientierung attackieren + Ballweg nutzen. Ist der Ball auf dem Weg zu dem „negativ orientierten“ Gegenspieler, nutzen wir den Ballweg, um Druck auf ihn zu machen.
  4. Dynamik nutzen: Es macht der Spieler Druck, der aufgrund seiner Position und derzeitigen Dynamik den höchsten Druck auf den Gegner ausüben kann.

Die Prinzipien folgen den Zielen des Verler Pressings:

  1. Mache den Ballgewinn so wahrscheinlich wie möglich. Bringe den Gegner also in eine Situation, in der ihm kaum saubere Aktionen zum Ballvortrag zur Verfügung stehen. Dafür wichtig sind hoher Druck auf den Ballführenden und die Zugriffsmöglichkeit auf jeden Bereich, der für den Ballführenden bespielbar ist.
  2. Mache den Ballgewinn so wertvoll wie möglich. Umso näher am gegnerischen Tor der Ballgewinn stattfindet, umso besser ist die anschließende Kontermöglichkeit. Dafür muss der Ballgewinn jedoch sauber sein: Hohe und unkontrollierte Bälle benötigen mehr Zeit zur Ballverarbeitung, sodass nicht unmittelbar Tempo aufgenommen werden kann.
  3. Ist ein Ballgewinn aufgrund fehlgeschlagenen Pressings sehr unwahrscheinlich, muss die Chance auf ein Gegentor so stark wie möglich verringert werden.

Es klappt auch nicht immer alles

Der dritte Punkt kam bei den Verlern selbstverständlich auch vor. Über die lange 3.Liga Saison stellten sich die Gegner aufeinander ein und erkannten potenzielle Schwachstellen des Systems. So wurde bspw. beim Pressing des Flügelspielers auf den Innenverteidiger der gegnerische Außenverteidiger freigelassen, da ein Pass zu ihm aufgrund der Orientierung des Innenverteidigers gar nicht möglich sein sollte.

Pressing Außenverteidiger Verl
Im Rücken von Yildirim entsteht Platz. Weiß der Innenverteidiger das, kann er diesen bespielen.

Ist der Gegner jedoch darauf vorbereitet, kann er diese Schwachstelle nutzen. Die Saarbrückener zeigten am 7. Spieltag, wie das gehen könnte: Der ballnahe zentrale Mittelfeldspieler kam dem Innenverteidiger entgegen und band den eigenen Außenverteidiger mit einer simplen Ablage als 3.Mann ein.

Außerdem drehten sich die Innenverteidiger einige Male sogar bewusst zum Pressing des Flügelspielers hin, um dann auf den Außenverteidiger zu spielen. Doch es gelang auch anderen Teams, potenzielle Schwachstellen zu finden und zu nutzen.

So staffelte Kaiserslautern am 19. Spieltag die Innenverteidiger etwas enger als gewöhnlich. Dadurch wurden die Wege für die Flügelspieler weiter, was den Innenverteidigern mehr Zeit am Ball verschaffte. Diese Zeit hätten sie konsequent zum Andribbeln nutzen können – machten sie aber nicht.

Kaiserslautern Spielaufbau

Guess who´s back, back again, Raute´s back, tell a friend – ein Exkurs

Die von von Verl angewendete 4-3-3 Formation bringt gegen den Ball einige Vorteile mit: So gerät man im Mittelfeld-Zentrum quasi nie in Unterzahl. Besonders gegen 4-2-3-1 Formationen des Gegners sind die Zuordnungen – zumindest auf dem Papier – sehr erleichtert.

Die Achter rücken auf die gegnerischen Sechser raus, während sich der eigene Sechser um den gegnerischen Zehner kümmert. In dieser Saison feierte jedoch eine Formation eine Wiederauferstehung, welche die „Stärken“ der Verler Formation zunichte machte: Das 4-Raute-2.

Lukas Kwasniok mit dem FC Saarbrücken sowie Alexander Schmidt mit Aufsteiger Dynamo Dresden wendeten diese Formation gegen den Sportclub Verl an – besonders im Falle von Saarbrücken mit Erfolg. Die Raute nahm der Mannschaft von Guerino Capretti die Überzahl im Zentrum weg. Mit einem Sechser, zwei Achtern und einem Zehner stand man quasi im 4 vs. 3 und erschwerte Verl ihre Zuordnungen enorm.

Rückt Verls Sechser auf Saarbrückens Sechser raus, wird Saarbrückens Zehner frei.

Verl ließ nun den eigenen Sechser, Mehmet Kurt, bis auf den gegnerischen Sechser herausschieben. Damit enblößte Kurt den gesamten Raum vor der Abwehr, da die Achter Mannorientierungen auf Saarbrückens Achter aufnahmen. Der Zehner Saarbrückens konnte in diesem Raum immer wieder frei angespielt werden und für Gefahr sorgen.

Aber Moment mal – könnten die Innenverteidiger nicht auf diesen herausrücken? Jein. Saarbrückens Doppelspitze blieb stets in hohen Positionen und band die Innenverteidiger Verls damit. Wären diese herausgerückt, hätten diese einen noch gefährlicheren Raum geöffnet.

Auch das muss nicht zwangsläufig ein Problem sein – solange dieser Raum für den Gegner unbespielbar ist, kann ich diesen ruhig öffnen. Da Kurts Laufweg zum gegnerischen Sechser jedoch extrem weit war, konnte dieser meist in Ruhe aufdrehen und nach Optionen schauen. Verl hing völlig in der Luft – man bekam keinen Druck auf den Ballführenden und entblößte auch noch gefährliche Räume, die dieser bespielen konnte.

Zur Halbzeit nahm Capretti dann eine Anpassung vor, welche durchaus Effekt erzielte. Kurt agierte nun in höherer Grundposition und konnte den Sechser des Gegners deswegen häufiger erfolgreich unter Druck setzen. Die eigenen Achter wurden leicht zurückgezogen und zentraler positioniert, sodass mehr oder weniger eine 4-2-3-1 Formation entstand. Damit konnte der gegnerische Zehner abgedeckt werden, während man trotzdem im Zugriffsradius zu Saarbrückens Achtern blieb.

Beide „Sechser“ halten Bindung zu Saarbrückens Zehner, können aber ebenfalls auf die Achter herausrücken. Aber was macht eigentlich der rechte Außenverteidiger Verls, wenn der Ball auf der anderen Seite ist? Nix?

Die Umstellung löste jedoch nicht alle Probleme – besonders in Umschaltszenen konnte Saarbrückens Zehner sehr gefährlich eingebunden werden.

Hier birgt die Rolle des ballfernen Außenverteidigers noch Potenzial: Da die ballferne Breite in Saarbrückens Raute – zumindest im letzten Drittel – ziemlich verwaist wurde (der klassische Flügelspieler fehlt ja), hatte der ballferne Außenverteidiger Verls defensiv ziemlich wenig zu tun. Gegen den Ball hätte man diesen einrücken lassen können, damit dieser ebenfalls lose Bindung zu Saarbrückens Zehner behält.

Diese Option kann man sich merken – die nächste Raute wird nämlich kommen.


How to recover

Um nach fehlgeschlagenem Pressing die Chance aufs Gegentor zu verringern, folgte Verl recht einfachen Mustern: Es wurde im Vollsprint nachgesetzt und versucht, den Gegner nach außen zu lenken. Wenn Verl über den Außenverteidiger geknackt wurde, war das Angenehme, dass dieser eh noch außen positioniert war und sein bespielbares Feld daher nicht so groß war wie im Zentrum (Marcelo spielt nicht in der 3.Liga).

Besonders Janjic stellte sich in dieser Saison als Rückwärtspressing-Gott heraus. Ihm gelang zwar nicht immer der Ballgewinn, aber dafür lenkte er den Gegner in Zonen, in denen seine Mitspieler schnell und einfach Zugriff herstellen konnten.

Selbst wenn der Gegner sich mal mit sauberem Ballbesitz in der Verler Hälfte festgesetzt hatte, durfte der Mittelstürmer nicht vergessen werden. Erfolgten Rückpässe auf die Außenverteidiger, erkannte Janjic dies als erstes und startete sofort seinen Laufweg. Dies war gleichzeitig ein Zeichen für seine Mitspieler, dass sie hochschieben und den Gegner vom eigenen Tor weglenken sollten.

Janjic Rückwärtspressing
Immer da, immer nah: Zlatko Janjic.

Wenn der Gegner mit Ball in der Verler Hälfte war, „zockten“ Janjic und der ballferne Flügelspieler auf höheren Positionen. Aus diesen Positionen sollten sie jedoch nicht nur ins Rückwärtspressing kommen, sondern ebenfalls das Aufrücken der gegnerischen Verteidiger verhindern.

Außerdem waren diese Positionen elementar für das gefürchtete Umschaltspiel des Sportclubs:

Umschalten nach Ballgewinn

Ein weit verbreitetes Prinzip zum „Umschalten nach Ballgewinn“ ist das Lösen aus dem Pressing über den ballfernen Raum. Das hat einen einfachen Grund: Der Ball zieht die meiste Aufmerksamkeit auf sich, sodass sich viele Spieler in Ballnähe befinden und bei einem Ballverlust Druck machen können. Damit ein Ballgewinn nicht direkt zum Ballverlust führt, muss man sich aus diesem Druck lösen.

Das geht am besten über den ballfernen Raum, weil dort (normalerweise) weniger Gegenspieler positioniert sind. Verl machte sich dies mit den hohen Positionen von Janjic und dem ballfernen Flügel zunutze. Die beiden sollten ihre Position stets so wählen, dass sie im Falle eines Ballgewinnes möglichst einfach und schnell anspielbar waren.

Zocken Offensiv Verl
Janjic und Rabihic verhindern, dass der ballferne Außenverteidiger mit aufrückt.

Von dort gab es verschiedene Variationen: Janjic legte gerne auf einen hochschiebenden 8er ab, welcher dann andribbelte. Konnte Janjic selbst aufdrehen, dribbelet er entweder selbst an oder gab den Ball zum Flügelspieler. Verl war dabei keine extrem spektakuläre Kontermannschaft, aber sehr logisch und zielstrebig in ihren Aktionen.

Ohne Dynamik ist alles doof

Das nächste (oder erste) Ziel war, immer Dynamik zu besitzen. Jeder Pass, der zu langsam gespielt wird oder generell zu lang unterwegs ist, gibt dem Gegner die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Konnte der ballführende Spieler also mit Dynamik andribbeln, versuchte er, dies so tororientiert wie möglich zu tun. Dadurch strahlte er Gefahr aus und öffnete Raum für seine Mitspieler.

Das machten sich seine Mitspieler zunutze, indem sie ebenfalls Richtung Tor attackierten. Wenn sich der Gegner schließlich am Strafraum um den Ballführenden zusammengezogen hatte, konnte er den Ball auf seine mitlaufenden Spieler „rauslegen“.

Die große Stärke der Verler bestand darin, dass sie all diese Dinge konstant richtig machten. Sie kreierten immer Dynamik, sie dribbelten immer tororientiert an, sie schoben schnell und mit sinnvollen Laufwegen hoch und ihre Laufwege blockierten sich nicht. Außerdem besaßen sie den großen Vorteil, viele saubere Ballgewinne zu erzielen, bei denen sie bereits Dynamik aufgenommen hatten.

Zusätzlich half die Positionierung der „zockenden“ Spieler dabei, sich schnell aus dem Druck des Gegners zu lösen. Aygün Yildirim, Kasim Rabihic und Zlatjo Janjic sind außerdem wirklich starke Einzelspieler. Alleine die drei erzielten 35 der 66 Tore, außerdem haben sie 27 Tore vorbereitet. Rabihic ist mit 14 Torvorlagen sogar der Assist-König der Liga.

Den genannten und noch einigen weiteren Prinzipien folgte Verl ebenfalls, wenn sie sich im kontrolliertem Ballbesitz befanden. Ihre Stärken zeigten sich jedoch erst, wenn sie in die gegnerische Formation eingedrungen sind.

Spiel in eigenem Ballbesitz

Grundsätzlich baute Verl das Spiel immer aus ihrer 4-3-3 Grundformation auf. Die beiden Außenverteidiger, Lars Ritzka auf der linken und Christopher Lannert auf der rechten Seite, hielten sich dabei tief. Mehmet Kurt, nomineller Sechser, bewegte sich meist zentriert vor der Abwehr. Die beiden Achter schoben sehr hoch und sollten wohl für scharfe, linienbrechende Pässe der Innenverteidiger erreichbar sein. Yildirim und Rabihic positionierten sich breit auf den Flügeln.

Verl 4-3-3 Spielaufbau

Aus dieser Grundformation besaßen die Verler einige Probleme im Spielaufbau. Durch einige verletzungsbedingte Ausfälle von Julian Stöckner und Lasse Jürgensen war Mehmet Kurt auf der Sechs der wichtigste Aufbauspieler. Das wussten die Gegner spätestens nach dem dritten Spieltag aber auch und stellten sich dementsprechend darauf ein.

Einige Teams nahmen ihn konsequent in Manndeckung, andere arbeiteten mit losen Mannorientierungen. Das Ziel war aber immer klar: Kurt sollte nicht an den Ball kommen. Und wenn doch, sollte eine positive Orientierung verhindert werden. Dadurch wurde der Aufbau der Verler nahezu völlig eingedämmt.


Die Krux der hohen Achter – ein Exkurs

Besonders zu Beginn der Saison stellte die hohe Position der Achter ein Problem für den Spielaufbau der Verler dar. Die Innenverteidiger und Kurt als Sechser besaßen Probleme damit, diese aus dem geordneten Aufbau anzuspielen. Das hatte mehrere Gründe:

  1. Der Pass war schlichtweg zu selten spielbar. Die Passschärfe in der Viererkette passte nicht, die Aktionen dauerten zu lang. Der Gegner musste nur wenig verschieben und gab daher kaum Lücken in den Halbräumen preis.

2. Die Position der Achter wurde zu statisch interpretiert. Nicht nur, dass die Spieler durchgehend in dem ihnen „zugeteilten“ Halbraum standen, sie variierten ihre Höhe ebenfalls nicht. Dadurch musste der Gegner sich beim Pressing nie groß neu orientieren, weil immer klar war, wo sich die Achter befinden. Bewegt man sich mehr und stellt mehr neue und unterschiedliche Situationen her, wird der Gegner auch eher Fehler machen.

3. Die Orientierung der Spieler war schlichtweg unpassend, um diese Pässe zu spielen. Besonders die Innenverteidiger schauten unter Druck meist ganz tief und zum Flügel – selbst wenn die Achter also mal anspielbar waren, „übersah“ der Ballführende sie schlichtweg. Im Rückspiel gegen Magdeburg gelang dieser Pass deutlich häufiger, da die Gastgeber die gesamte zweite Halbzeit in Unterzahl agierten. Generell war das Rückspiel gegen Magdeburg wohl das Spiel, bei welchem die Prinzipien des Sportclubs am besten sichtbar waren (von den Spielen, die ich gesehen habe): Spielen und Gehen (Laufrichtung immer in andere Richtung oder in anderer Spur als der Pass), gegenläufige Bewegungen aller Spieler, diagonale Aktionen vom Flügel etc.


Die sehr hohe Position der Achter sorgte dafür, dass die Innenverteidiger diese kaum mit einem sauberen Pass erreichen konnten. Stattdessen wurde der Ball häufig auf die Außenverteidiger gegeben, welche sich ebenfalls in undankbaren Situationen befanden.

Der tödliche Pass auf den Außenverteidiger

Viele der Gegner warten nur darauf, dass der Pass auf den Außenverteidiger geht – dort fungiert die Seitenlinie als zusätzliche Einschränkung und erleichtert das Pressing. Bei Verl war dies zu Beginn der Saison besonders ausgeprägt. Durch die großen Abstände von Außenverteidiger zum Achter waren diese ebenfalls kaum anspielbar – erst recht nicht aus dem Dribbling und unter Druck des Gegners.

Die eigenen Flügelspieler kamen zur Unterstützung dann oft entgegen. Trotz der hohen individuellen Qualität von Rabihic und Yildirim war auch das keine ideale Situation. Mit negativer Orientierung und sogar negativer Dynamik den Ball an der Seitenlinie zu empfangen ist wahrlich undankbar.

Pressingauslöser Außenverteidiger
Viel Spaß, Lars.

Ritzka, ein spielstarker und intelligenter Außenverteidiger, unterstützte dies zwar mit vorderlaufenden Bewegungen im benachbarten Halbraum, das half aber nur wenig. Da der Abstand zu seinem Mitspieler schlichtweg zu groß war, erzielte sein Laufweg nur geringen Effekt – er musste vom Gegner nicht beachtet werden.

Diese Probleme sorgten dafür, dass Verl in den ersten Spielen vornehmlich über zweite Bälle und ihr überragendes Pressing zu Torchancen kamen – mit sehr viel Erfolg, wohlgemerkt. An den grundlegenden Positionierungen der Spieler im Aufbau änderte Capretti über die Saison nicht viel. Was jedoch hinzukam, waren mehrere sinnvolle und interessante Bewegungen, die an die Ballsituation angepasst waren.

Positionsbesetzung ohne Dynamik ist doof

Erhielt der Außenverteidiger den Ball, gab es zwei Variationen: Entweder der Flügelspieler kam entgegen, woraufhin der ballnahe Achter einen Tiefensprint in den Halbraum unternahm. Bekam der Flügelspieler dann den Ball, war der Druck zumindest ein wenig verringert, weil der Achter einen Spieler mitgezogen hatte. Konnte der Flügelspieler den Ball sogar mit positiver Orientierung empfangen (oft nach Ablagen von Janjic), vorderliefen die Achter ebenfalls im benachbarten Halbraum.

Tiefensprint Achter Verl
Sander sucht die Lücke zwischen Außenverteidiger und Innenverteidiger.

Der Gegner stand vor einem Dilemma: Verteidigte er den Laufweg des Achters, konnte der Flügelspieler Richtung Tor andribbeln. Blieb er beim Flügelspieler, wurde der Achter frei und konnte aus gefährlicher Position Hereingaben in den Strafraum bringen. Gegenläufige Bewegungen in benachbarten Zonen sind immer unangenehm zu verteidigen.

Wurde der Ball jedoch vom Außenverteidiger auf den Achter gespielt, sorgte das selten für einen sauberen Durchbruch. Allerdings konnte Verl hier sehr gut ins Gegenpressing gehen. Da die gegnerischen Verteidiger den Flugball verteidigen müssen, während sie nach hinten laufen, konnten sie diesen nicht so sauber und weit klären wie einen Flugball, welchen man „nach vorne“ verteidigen kann. Verl schob dann schnell und kollektiv hoch, um den Ball wiedergewinnen zu können.

Außerdem ließ Verl den eigenen Flügel vereinzelt einrücken. Das öffnete die Seitenlinie für Durchbrüche der Außenverteidiger und erlaubte mehr Kombinationsmöglichkeiten zwischen AV und Flügelspieler.

Unterstützung für die Innenverteidiger

Darüber hinaus wurden die Innenverteidiger im Aufbau ebenfalls mit zusätzlichen Bewegungen unterstützt. Unter Druck ließ sich der ballnahe Achter fallen, um dann entweder den Außenverteidiger oder vereinzelt den Sechser als 3.Mann einzubinden.

Hatte der Innenverteidiger jedoch Zeit am Ball, ging der erste Blick immer in die Tiefe. Über die Saison zeigte sich, dass die Spieler klare Referenzpunkte haben. Hat der rechte Innenverteidiger beispielsweise viel Platz und schaut in die Tiefe, sucht der rechte Flügelspieler den Weg zum Tor.

Tiefensprint Flügel Verl
Erster Blick vertikal tief.

War dieser Pass nicht spielbar, nutzten die Innenverteidiger konsequent den Raum zum Andribbeln. Allerdings reagierte zu Beginn der Saison – außer Janjic – kaum ein Spieler mit sinnvollen Folgebewegungen. So wurde das Andribbeln oft abgebrochen und der Ball auf den Außenverteidiger gespielt, was den Gegner wiederum zum Pressing einlud.

Das verbesserte sich über die Saison enorm: Janjic als Ablagen-Gott bewies ein überragendes Timing in seinen zurückfallenden Bewegungen und konnte vereinzelt von der Mittelstürmerposition sogar die aufrückenden Außenverteidiger einbinden.

Außerdem fanden sich auch die Achter immer besser zurecht und nutzten mit ihren Positionen in den Zwischenlinienräumen aus, dass der Gegner sich auf den andribbelnden Innenverteidiger konzentrieren musste. So konnten sie zwischen den Linien gefunden werden und direkt Richtung Tor andribbeln.

Hör mal, wer da waltert

Um den beiden Innenverteidigern diese Zeit zu verschaffen, wurde auch die Rolle von Mehmet Kurt etwas flexibler gestaltet. Gegen Doppelspitzen des Gegners kippte Kurt vereinzelt zwischen die Innenverteidiger oder diametral in die Toni Kroos-Position ab. Gelang es, Kurt zwischen beiden Stürmern anzuspielen, rückte der ballferne Innenverteidiger auf, um den Ball sofort mit positiver Dynamik zu empfangen. Da kamen richtige Tim Walter Vibes auf!

Tim Walter

Gute Ansätze gab es ebenfalls, als der Innenverteidiger (meist Stöckner) in bester Hauke Wahl-Manier nach einem Querpass auf den Außenverteidiger sofort hochschob. Das wurde jedoch nicht sonderlich gut eingebunden: Kurt blieb hier oft statisch auf der Sechserposition, sodass der Raum, in den Stöckner dann lief, zugestellt war. Eine gute Idee bleibt es trotzdem.

Hauke Wahl TIm Walter
Hauke Wahl, bist du´s?

Umschalten nach Ballverlust

Dass Verl nach Ballverlust sehr gut umschaltete, hatte ich bereits mehrmals angeschnitten, daher werde ich mich hier kürzer halten. Wie auch in ihrem Angriffspressing zeichnete Janjic & Co. aus, wie kollektiv sie reagierten und agierten. Das Team wusste zu jeder Zeit, ob und wie ins Gegenpressing gegangen wird. Schob ein Spieler heraus, sicherte ihn der nächste ab.

Stark war vor allem das Rückwärtspressing der Offensivspieler. Es gelang nicht nur, Druck auf den Ballführenden auszuüben (den Ballgewinn wahrscheinlicher machen), sondern ebenfalls, ihn in gut besetzte Zonen hineinzulenken (den Ballgewinn wertvoller machen). In dem verlinkten Text habe ich es bereits beschrieben: Das Ziel beim Rückwärtspressing sollte nicht (ausschließlich) sein, den Ball selbst zu gewinnen – gewinnt man den Ball, ist man plötzlich selbst mit negativer Orientierung und Dynamik am Ball. Der Ballgewinn ist also nur Vorbote des erneuten Ballverlusts.

Verl lenkt jedoch in Zonen rein, in denen die positiv orientierten Spieler den Ball gewinnen können.  Ein solcher Ballgewinn ist zusätzlich noch wertvoller, weil der Gegner bei diesen Kontern normalerweise aufrückt und sich für den ballgewinnenden Spieler mehr Räume ergeben.

Allerdings muss man bei Verl aufgrund ihrer Struktur in verschiedene Situationen unterscheiden. Stark waren sie besonders bei zweiten Bällen, die zwischen Mittelfeld und Verteidigung des Gegners sind. Hier machte sich nämlich die hohe Position der Achter bezahlt, welche überfallartig attackieren konnten und hierbei gut von Kurt abgesichert wurden. Das individuell sehr gute Verhalten aller Spieler tat dann den Rest.

Zweite Bälle Verl
Auf den zweiten Ball mit Gebrüll!

Bei allen zweiten Bällen, die im Mittelfeld des Gegners oder noch höher waren, bekamen sie jedoch Probleme. Das war die Krux der hohen Position der Achter sowie die breite Flügelbesetzung. Hatte der Gegner diese überspielt, war der Weg für alle Spieler unheimlich weit. Dem war sich die Mannschaft von Capretti jedoch bewusst und versuchte daher, diese Räume mit langen Bällen zu überbrücken oder nur dann sauber zu bespielen, wenn ein Ballverlust sehr unwahrscheinlich war.

Häufiger gewonnen als Verloren

Es war schon eine verrückte Saison in der 3.Liga. Mit Saarbrücken und dem SC Verl landeten zwei Aufsteiger auf einem einstelligen Tabellenplatz, während mit der Reserve des FC Bayern München der letztjährige Meister abstieg.

Über wirklich nennenswerte Erfahrung in der 3.Liga verfügten in Verl eigentlich nur Zlatko Janjic, Steffen Lang, Justin Eilers und mit Abstrichen Patrick Choroba. Das merkte man dem Kader zu keinem Zeitpunkt der Saison an: Stattdessen stellten Mehmet Kurt, Aygün Yildirim, Kasim Rabihic & Co. ihr Niveau auf Anhieb unter Beweis.

Erfahrung SC Verl
Daten nach der Saison. Quelle: transfermarkt.de

Ich habe die Karriere dieser Spieler vorher nicht verfolgt, daher kann ich an dieser Stelle nur mutmaßen. Entweder besitzt der SC Verl ein herausragendes Scouting, weshalb sie gute Spieler ablösefrei (!) aus den Regional- oder Oberligen Deutschlands holen. Oder die Spieler entwickeln sich in Verl extrem weiter, sodass aus talentierten Regionalligaspielern gestandene 3.Liga Profis werden.

Vermutlich wird es eine Kombination aus beidem sein. Allerdings weckte die herausragende Arbeit des SC Verls inzwischen erste Begehrlichkeiten: Sechser Mehmet Kurt wechselt im Sommer zu Wehen Wiesbaden, Edelreservist Berkan Taz geht zur Reserve von Borussia Dortmund und mit Lars Ritzka und Aygün Yildirim verlassen ebenfalls zwei weitere Leistungsträger den Verein in die zweite Liga.

In Verl bleibt man sich jedoch treu: Zur neuen Saison wurden bereits elf Spieler verpflichtet – nennenswerte Erfahrung im Profifußball besitzt davon einzig Cyrill Akono, welcher immerhin schon 33 Spiele in der 3.Liga bestritten hat. Für den Rest der Spieler gilt das Gleiche wie für alle letzten Verler Neuzugänge: Jung, entwicklungsfähig und vermutlich pressingstark.

Nachdem es ebenfalls Gerüchte über einen möglichen Wechsel von Guerino Capretti zum SC Paderborn gab, scheint hier inzwischen geklärt, dass der Cheftrainer beim SC Verl bleibt. Es wird interessant zu sehen sein, wie sich die Mannschaft des frischgebackenen Fußballlehrers in der nächsten Saison präsentieren wird.

Was kommt nächste Saison?

Diese Saison mischten sie die Liga mit ihrem intensiven und kollektiven Pressing sowie ihren überfallartigen Kontern auf. Alle Neuzugänge sprachen bereits davon, dass sie dies für die nächste Saison beibehalten wollen. Warum auch nicht – schließlich erreichte der Sportclub damit einen herausragenden siebten Platz. In der nächsten Saison wird man aber nicht mehr im Großteil der Spiele der Underdog sein, sondern das Spiel auch mal selbst mit Ball gestalten müssen.

Tabelle SC Verl
Mehr Tore als der Tabellenerste! Quelle: transfermarkt.de

Dabei zeigten die Verler im Saisonverlauf immer mehr gute Ansätze, auf denen sie nun aufbauen müssen (lol). Der Abgang von Mehmet Kurt könnte sich dafür schlussendlich sogar als positiv herausstellen – bei aller individualtaktischen Qualität, besonders am Ball, besaß der 25-jährige Sechser Probleme damit, sich wertvoll ins Spiel einzubringen, wenn er konstant vom Gegner bewacht wurde.

Die Rolle Kurts wird man vermutlich nicht auf einen Spieler übertragen können, sondern mit flexiblem Bewegungsspiel der zentralen Mittelfeldspieler auffangen müssen. In der zweiten Halbzeit des Rückspiels gegen den SC Magdeburg zeigte man bereits, wie das gehen könnte – übrigens mit Kurt.

Man darf gespannt sein, was sich der SC Verl für die Saison 2021/2022 einfallen lassen wird. Eins ist so gut wie sicher: Langweilig wird es mit der Mannschaft von Guerino Capretti nicht werden.

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