Teil 2: Ist Wout Weghorst ein guter Kopfballspieler?

2 Saisons, 82 Spiele,106 Luftduelle im gegnerischen Strafraum, 51 Kopfbälle und 9 Kopfballtore. Die 106 Luftduelle werden auf die Faktoren (2) analysiert, die im ersten Teil dieser Artikelreihe herausgearbeitet wurden, um zu beantworten, wieso Weghorst in dieser Saison mehr Tore mit dem Kopf erzielt. 

Analyse der zweiten Faktoren

(1) Physis und (2) Technik

Die Verbesserung dieser Aspekte lassen sich aus meiner Perspektive (leider) nicht analysieren. Wenn man Werte zu den Sprüngen von Weghorst hätte, könnte man analysieren, ob es eine physische Verbesserung gibt, die sich in seiner Sprungkraft oder anderen Werten zeigt und ihm einen Vorteil verschaft. Diese Werte können aber nicht abgerufen werden und nur anhand der Videoanalyse kann man dazu nichts sagen, somit fällt die (1) Physis aus der Analyse raus.

Anhand von den Aufzeichnungen der Spiele könnte man analysieren, ob sich seine (2) Technik verbessert hat. Also: Wie ist er in der Saison 2019/2020 gesprungen und wie in der Saison 2020/21? Auf welche Aspekte seines Kopfballspiels würde sich eine mögliche Technikveränderung auswirken? Für diese Analyse fehlt mir allerdings das Wissen (sollte jemand sich mit verschiedenen Sprungtechniken auskennen, freue ich mich über weitere Informationen und eine Analyse). Deswegen werden (1) Physis und (2) Technik aus der Analyse rausfallen. 

Ich habe mich zu Hause gequält, in vielen Extra­schichten und mit der Hilfe eines Vol­ley­ball­trai­ners. Mit ihm zusammen habe ich an meinem Timing und an meiner Sprung­kraft gear­beitet. Die ersten drei, vier Ein­heiten waren kom­plett ohne Ball, nur Tro­cken­übungen. Um zu sehen, wie ich über­haupt springe. Das Ding bei mir war näm­lich: Der Kopf­ball iso­liert, also wie ich den Ball treffe und wohin ich ihn köpfe, das war nie das Pro­blem. Aus dem Stand war ich schon vor dem Sommer sauber und genau. Im Wett­kampf ent­schei­dend ist aber nun mal das, was in der Luft pas­siert. Daran habe ich gear­beitet.

Wout Weghorst in diesem 11Freunde-Interview

In diesem Interview erklärt er, dass er an diesen Aspekten gearbeitet hat, deswegen ist davon auszugehen, dass er sie als einer seiner Schwachstellen erkannt hat und die Arbeit daran einen Großteil zu der Leistungssteigerung beigetragen hat.

(3) Timing

In dieser Kategorie soll untersucht werden, ob und wie sich seine Bewegungen vor dem Kopfball verändert hat. Er kommt zu ähnlichen Abschlusssituationen (laut xG), aber ist er erfolgreicher, weil sich seine Bewegungen vor dem Kopfball verändert haben?

Dafür werden die Kopfbälle und Flankensituationen aus beiden Saisons verglichen. Im ersten Teil wird probiert einen Grundbewegungsablauf von Weghorst in der Saison 2019/20 herauszuarbeiten und dann anschließend zu ergänzen, wenn es davon abweichende Bewegungen in der Saison 2020/21 gab. 

1. Grundposition

Weghorst geht sehr früh in den Strafraum und legt sich schnell auf einen Raum fest, aus dem er Bewegungen (vor oder im Moment der Flanke starten kann). Das frühe Festlegen auf einen Raum ergibt sich zu großen Teilen aus seiner Spielweise. Wenn der Ball im letzten Drittel ist, lässt er sich situativ fallen und kann sich für Pässe in den Zwischenlinienraum anbieten. Wenn er den Ball dort erhält, trifft er häufig Entscheidungen, die das unmittelbare Ziel haben Torgefahr zu kreieren. Er baut keine komplexen Strukturen aus oder startet Kombinationen, sondern legt den Ball ab und startet in die Tiefe, um sich für Schnittstellenpässe anzubieten oder er spielt den Ball seitlich raus und forciert Flanken. 

Einbindung im Zwischenlinienraum. Entscheidungsfindung pro Torgefahr, frühe Besetzung des Strafraums.

Welche Faktoren spielen bei seiner Raumbesetzung eine Rolle?

(i) Wo ist ein guter Raum für einen Kopfball an sich?

Direkt nach solchen kurzen Einbindungen, bewegt er sich sofort in den Strafraum und wählt dann meistens den gefährlichsten Raum (nach seiner Definition). Das sind meistens zentrale Positionen, die so nah am Tor sind, wie es geht.

Fokussiert sich auf den roten Raum.

(ii) Wo ist ein guter Raum für einen Kopfball, wenn man die Gegenspielern miteinbezieht?

Er orientiert sich bei der Positionsfindung nicht nur daran welcher Raum für einen Kopfball besonders gefährlich ist, sondern auch daran wie sich die Gegenspielern positionieren. Meistens bewegt er sich vor der Flanke sehr geschickt horizontal auf der Höhe der letzten Linie. Dadurch löst er sich von seinen Gegenspielern und muss übergeben werden, es können Zuordnungsprobleme entstehen, die er verstärkt in dem er sich häufig in der Lücke zwischen zwei Verteidigern positioniert. So zieht er entweder eine Lücke in die letzte Linie des Gegners, wenn ein Gegenspieler ihm folgt oder er kann bei Flanken nicht direkt körperlich verteidigt werden und wenn die Flanke über den ersten Verteidiger kommt, kann er frei zum Kopfball kommen. 

Bewegungen entlang der letzten Linie. Positionierung in den Lücken zwischen den Verteidigern, um Zuordnungsprobleme zu kreieren.

Was ist der Effekt davon?

Der Effekt ist, dass die Verteidiger sich früh an seine Position anpassen können und er selten in eine Situation rein startet, sondern bereits in der Zuordnung ist und sich von dort dann in die Richtung der Flanke bewegt. Die Verteidiger müssen ihn selten erst im Moment der Flanke aufnehmen und dann die Flanke verteidigen und Weghorst Bewegung aufnehmen. Meistens sieht der Ablauf bei dem Verteidiger so aus: 1. Weghorst wird aufgenommen 2. die Flanke und Weghorsts Bewegung bei der Flanke werden verteidigt.

2. Bewegungen aus der Grundposition

Aus der Grundposition kann er sich im Moment der Flanke so bewegen, dass er frei zum Kopfball kommt. Dabei greift er auf verschiedene Bewegungen zurück. Seine häufigste Bewegung ist die Bewegung vor seinen direkten Gegenspieler . Dabei passt er den Moment sehr geschickt ab und startet häufig relativ schnell nachdem sich der Gegenspieler umgeschaut hat, um ihn zu überraschen und die Information, dass er gestartet ist so lange wie möglich zurückzuhalten. Weghorst läuft dann in das Sichtfeld seines Gegenspielers und dieser hat den Nachteil, dass er direkt reagieren muss und erst merkt, dass Weghorst losgelaufen ist, wenn er bereits vor ihm ist. 

Bewegung nach dem Schulterblick des Verteidigers vor den Gegenspieler

Zusätzlich dazu hat er noch einige Doppelbewegung, die er nutzt, um sich von seinem Gegenspieler zu lösen. Er macht dann eine Bewegung in eine Richtung, ob sich dann in die andere Richtung abzusetzen. Dabei bewegt er sich häufiger nach innen und setzt sich dann nach außen ab. Diese Bewegung muss nicht unbedingt geplant sein, es kann auch sein, dass er einfach nur auf eine längere Flanke reagiert und seine eigene Bewegung anpasst. Tatsächlich kann Weghorst die Flanken gut einschätzen und früher als die Verteidiger seine Richtung wechseln, was natürlich auch daran liegt, dass er sich nur auf die Flanke und nicht unmittelbar auf einen Gegenspieler fokussieren muss. 

Doppelbewegung nach innen und dann absetzen auch außen, wenn die Flanke länger wird.

Probleme bei seinen Bewegungen?

In der Saison 2019/20 lief er häufig zu früh los, wenn er sich von seinem Gegenspieler lösen wollte. Dadurch konnte der Gegenspieler ihn verfolgen und er sich nicht richtig lösen. Ein Grund dafür könnte gewesen sein, dass er den Moment der Flanke nicht richtig einschätzte. Also mit einer zu frühen Flanke rechnet und sich dementsprechend zu früh löste. (Falsche Beantwortung dieser Fragen(?): Wann flanken meine Mitspieler? Wie flanken meine Mitspieler am häufigsten? Gibt es Mitspieler die Flanken antäuschen oder verzögern? (kann man das nutzen?)). 

Veränderungen in der Saison 2020/21

In vielen Aspekten ist sein Spiel natürlich gleichgeblieben und er greift auf ähnliche Bewegungsabläufe zurück. Allerdings lassen sich einige Verbesserungen erkenne. Eine große Veränderungen ist die Nutzung von seitlichen Räumen im Strafraum bei Flanken. Weghorst geht in dieser Saison nicht so früh in einen Grundraum, sondern bewegt sich konstanter im Strafraum. Er kann sich z.B früh in die seitlichen Räume absetzen. So vermittelt er eine bestimmte Absicht, die sein Gegenspieler verteidigt, mit der er aber jeder Zeit zu seinem Vorteil brechen kann. Es kommt häufig vor, dass er die Bewegung nach außen im Moment der Flanke abbricht und dann in die gegensätzliche Richtung ins Zentrum startet und den Raum attackiert, den er durch seine seitliche Bewegung geöffnet hat.

Räume im Zentrum öffnen, in dem er die seitlichen Räume nutzt, den Verteidiger rauszieht und sich dann in den entgegengesetzten Raum bewegen kann.

In der letzten Saison startete er oft aus einer (vergleichsweise) statischen Situationen und knüpfte dann an seine Bewegung eine Bewegung bei Flanken an, also z.B Bewegung vor den Gegenspieler. Aber seine Bewegungen bei Flanken waren nicht über einen längeren Zeitraum koordiniert.

Die Veränderung wird auch deutlich, wenn man sich anschaut, aus welchen Zonen Weghorst zum Kopfball kam in den beiden Spielzeiten.

Raumeinteilung im Strafraum von oben. Wurde rein zufällig gewählt und nicht nach Effekt so eingeteilt.

In der Saison 2019/20 hat er 17 von 27 Kopfbällen aus der roten Zone abgeben und alle drei Tore aus diesem Raum erzielt. In der Saison 2020/21 hat er 12 von 25 Kopfbällen aus der roten Zone abgeben und nur 3 von seinen 6 Toren aus dem zentralen Raum erzielt. Im direkten Vergleich: 19/20 = 63% aus der roten Zone und 20/21 = 48%.

Man kann also eine klare Veränderung feststellen, die sich vielleicht drauf zurückführen lässt, dass er sich bei seinen Bewegungen nicht mehr so stark auf einen gefährlichen Raum fokussiert, sondern freie Abschlusspositionen über die Abschlusspositionen an sich stellt. Also konkret: Er tauscht Positionen mit höherem xG gegen freiere Schüsse mit niedrigerem xG (angenommen der xG rechnet den Gegnerdruck nicht mit (variiert je nach xG-Model)).

Fazit

Erstmal muss gesagt werden, dass die Analyse nicht besonders aussagekräftig ist, da sich das meisten von der direkten Beobachtung ableitet. Um eine wahrscheinlichere Aussage zu treffen, müsste man die einzelnen Bewegungen vor den Kopfbällen visualisieren und dann direkt vergleichen. So könnte man verhindern, dass man meint eine Entwicklung zu erkennen, weil es zu den Daten passt. 

Abschließend lässt sich trotzdem sagen, dass Weghorst sich wahrscheinlich physisch und von der Sprungtechnik verbessert hat (wird nur aus seinen Aussagen geschlossen), außerdem hat er seine Bewegungen angepasst, zeigt häufiger Doppelbewegungen, bewegt sich seltener zu früh und nutzt zeitlicherer Räume, um sich bei Kopfbällen Räume freizustehen. Wenn man jetzt noch die Erkenntnisse aus dem ersten Artikel hinzunimmt, kann man auch sagen, dass sich die Qualität der Flanken von Wolfsburg verbessert haben und sie durch ihre Spielweise Weghorst häufiger in 1-gegen-1 Situationen bei Flanken isolieren.

Wenn man diese gesamten Aspekte zusammennimmt, kann man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit sagen, dass (sollte Glaser bleiben und die Spielweise konstant bleiben) Weghorst in der nächsten Saison eine ähnlich gute Leistung bei Kopfbällen zeigen wird.

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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