Ist Wout Weghorst ein guter Kopfballspieler?

Seit dieser Saison treffen Sie auch deut­lich häu­figer per Kopf. Zufall?
Bestimmt auch, aber nicht nur. Ich schaue nach jeder Saison, in wel­chen Berei­chen ich mich ver­bes­sern kann, welche Aspekte meines Spiels für meine wei­tere Kar­riere noch wichtig sein könnten. Diesen Sommer habe ich mir vor­ge­nommen, mein Kopf­ball­spiel zu ver­bes­sern. Mehr Tore mit dem Kopf zu machen, war das klare Ziel.

Und dann? Haben Sie sich stun­den­lang am Kopf­ball­pendel gequält?
Nein, damit habe ich es nicht pro­biert. Ich habe mich zu Hause gequält, in vielen Extra­schichten und mit der Hilfe eines Vol­ley­ball­trai­ners. Mit ihm zusammen habe ich an meinem Timing und an meiner Sprung­kraft gear­beitet. Die ersten drei, vier Ein­heiten waren kom­plett ohne Ball, nur Tro­cken­übungen. Um zu sehen, wie ich über­haupt springe. Das Ding bei mir war näm­lich: Der Kopf­ball iso­liert, also wie ich den Ball treffe und wohin ich ihn köpfe, das war nie das Pro­blem. Aus dem Stand war ich schon vor dem Sommer sauber und genau. Im Wett­kampf ent­schei­dend ist aber nun mal das, was in der Luft pas­siert. Daran habe ich gear­beitet.

Aus diesem 11Freunde-Interview

In dem Interview wird Weghorst auf sein verbessertes Kopfballspiel angesprochen. In diesem Artikel soll analysiert werden, ob sich sein Kopfballspiel verbessert hat und auf welche Faktoren sich dieser Effekt zurückführen lässt. Wie kann man Zusammenhänge zwischen einem Effekt und bestimmten Veränderung herstellen?

Der Effekt

Seine Verbesserung ist minimal. Weghorst hat in der Bundesliga in 31 Spielen 20 Tore erzielt und davon 6 mit dem Kopf. In der letzten Saison hat er in 32 Spielen von 16 Tore in der Bundesliga nur 3 mit dem Kopf erzielt und 2018/19 hat er von 17 Toren auch nur 3 mit dem Kopf erzielt. In dieser Saison erzielter er 30% seiner Tore mit dem Kopf, in der letzten Saison waren es 19% seiner Tore und 18/19 waren es nur 18%. Außerdem hatte er in der letzten Saison nach 29. Spielen, wenn man die Gelbsperre und die Verletzung raus rechnet, nur 11 Tore erzielt. Also 35% weniger als in dieser Saison. Die bessere Torquote könnte mit der erfolgreicheren Saison von Wolfsburg zusammenhängen, aber kann man sie auch auf das verbesserte Kopfballspiel zurückführen? These: Er nutzt seine Kopfballchancen besser und erzielt deswegen mehr Tore.

Wie kann man Kopfbälle analysieren?

Um zu prüfen, ob sich sein Kopfballspiel verbessert hat, muss man erstmal einen Rahmen schaffen, der eine Analyse erlaubt.

Weghorst unterscheidet in dem Interview zwischen Kopfball und Sprung auf. Also wie komme ich zum Kopfball und wie ist der Kopfball an sich? Diese Unterscheidung kann man für die Analyse aufgreifen, dann kommt man zu der Kategorie pre-Kopfball. Zu dieser Kategorie gehören (1) physische Komponenten. Ein wichtiger Teil davon ist die Sprungkraft des Spielers, die kann unterteilt werden in (i) Schnellkraft, die (ii) Explosivkraft und die (iii) Maximalkraft (Hier). Die Physis ist die Grundlage mit der über eine bestimmte (2) Technik ein bestimmtes Resultat erzielt wird. Das Resultat kann dann z.B durch den Squat Jump (SJ), den Counter Movement Jump (CMJ) und den Drop Jump (DJ) gemessen werden (Hier). Weghorst sagt im Interview, dass er mit einem Volleyballtrainer gearbeitet und die ersten drei bis vier Einheiten ohne Ball trainiert hat, deswegen kann man davon ausgehen, dass er vor allem an diesen beiden Komponenten (Physis und Technik) gearbeitet hat, um einen Vorteil gegenüber seinen Gegenspieler zu haben.

Zusätzlich zur Sprungkraft spricht Weghorst davon, dass er an seinem (3) Timing gearbeitet hat. Das Timing ist auch noch Teil des pre-Kopfballs, darunter kann man (i) die Bewegung und (ii) den Zeitpunkt des Absprungs zusammenfassen. Das (3) Timing wird auf ein bestimmtes Ziel konzipiert. (i)Bewegung: Wie komme ich möglichst frei zum Kopfball? (Gegnerdruck) Wie soll mein Körper zum Tor positioniert sein? (ii) Zeitpunkt des Absprungs: Wie möchte ich den Ball treffen? Wann möchte ich ihn treffen? (auf (2) technische Aspekte)

Die zweite Kategorie wäre dann der Kopfball an sich, Weghorst fasst unter dem Kopfball isoliert, folgende Komponenten zusammen: (1) Wie treffe ich den Ball? (2) Wohin köpfe ich den Ball? Also einfach den Moment in dem der Ball mit dem Kopf getroffen wird. Diese Einteilung reicht nicht wirklich aus. Man könnte ganz einfach sagen, dass das Ergebnis (der Kopfball) alle vorherigen Aspekte des pre-Kopfballs zusammenfasst. Der Spieler hat ein gewünschtes Ergebnis. Der Unterschied zwischen gewünschtem und tatsächlichem Ergebnis ist die Qualität des Kopfballs, die durchschnittliche Qualität seiner Kopfbälle seine Kopfballstärke. 

Die Abweichung und die Gründe für die Abweichung kann man auf die verschiedenen Aspekte des pre-Kopfballs verteilen. Also z.B: Spieler X muss 40cm hoch springen, um den Ball zu treffen. Er springt aber nur 30cm hoch und kommt nicht an den Ball. Das passiert ihm bei 100 Flanken 40 mal. Schlussfolgerung: Er muss an seiner Sprungkraft arbeiten, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Wenn das gewünschte Ergebnis des Spielers ist 30cm zu springen, dann muss analysiert werden, wieso der Spieler dieses Ergebnis für das das bessere Ergebnis hält und wieso 40cm ein besseres gewünschtes Ergebnis wäre. Dann ist seine Einschätzung der Situation falsch und es würde zu keiner Verbesserung führen, an seiner Sprungkraft zu arbeiten.

Wenn man alle Unterteilungen zusammenfasst:

Pre-Kopfball, (1) Physis, (2) Technik (3) Timing führt zum Kopfball und zu bestimmten Ergebnissen.

Weitere Faktoren

Bisher wurde sich nur auf den Spieler fokussiert, also wie sich der Spieler bei Kopfbällen verhält. Damit fängt man im kleinstmöglichen Rahmen an. Um die Veränderung vollständiger zu analysieren, müsste man noch herausarbeiten, welchen Einfluss das Spiel der Mannschaft auf die veränderte Leistung von Weghorst hat. Also Einteilungen schaffen, mit denen man den größeren Rahmen analysieren kann.

Auch dazu hat sich Weghorst in dem Interview geäußert, seine Aussagen können wieder als Startpunkt dienen: 

In dieser Saison kommen zum Bei­spiel extrem gute Flanken, das macht die Sache deut­lich ein­fa­cher – aber darauf habe ich über­haupt keinen Ein­fluss.

Weghorst im 11Freunde-Interview

Weghorst unterscheidet zwischen: Zwischen Aspekten auf die er einen Einfluss hat (s. oben) und Aspekte auf die er keinen Einfluss hat. Die Flanken, die er als Beispiel nennt, haben die direkteste Auswirkung auf seine Kopfbälle. Die Flanken werden wiederum durch andere Faktoren beeinflusst.

So könnte man zu dieser sehr provisorischen hierarchischen Einteilung kommen. Die Staffelung des Gegners hat einen Einfluss auf die eigene Staffelung (und andersrum), die Staffelungen haben einen Einfluss auf die Flanken, da sie die Situation beeinflussen, in der geflankt wird. Die Qualität des Spielers hat einen Einfluss auf die Flanke. Verschiedene Spieler erzielen in gleichen Situationen unterschiedliche Ergebnisse. Alle diese Faktoren wirken auf den Kopfball ein.

Einwirkungen auf den Kopfball

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass verschiedene Faktoren zu einer bestimmten Situation führen, in der Weghorst dann handelt.

Diese Faktoren lassen sich nicht genau eingrenzen, aber ganz simpel könnte man folgende Unterteilung machen:

Weghorst spielt mit Mitspielern zusammen. Es gibt mannschafts-, gruppen- und individualtaktische Vorgaben und es ergeben sich zufällige Abläufe, dadurch dass bestimmte Spieler zusammen spielen. Über diese Faktoren entstehen bestimmte Situationen z.B eine Flanke.

Faktoren Mitspieler

Gleichzeitig gibt es noch elf Gegenspieler, die ebenfalls Vorgaben und zufällige Zusammenspiele auf allen drei Ebenen haben und so bestimmte Situationen verhindern und andere ermöglichen.

Faktoren Gegenspieler

Daraus ergeben sich dann tatsächliche Situationen, in denen sich Weghorst auf eine bestimmte Art (s. oben) verhält. In den Situationen trifft er Entscheidungen, die durch die Situation eingeschränkt sind. Er kann in einer Situation nur eine bestimmte Anzahl an erfolgreichen Entscheidungen treffen.

Wenn man analysieren will, ob die Kopfballtore etwas mit den äußeren Faktoren zu tun haben und nicht direkt auf Weghorst verbessertes Kopfballspiel zurückzuführen sind, müsste man analysieren, welche Situationen in dieser Saison häufig entstehen (und wieso?) und welche Situationen in der letzten Saison häufig entstanden sind (und wieso?) und dann vergleichen, welchen Einfluss diese Situationen auf sein Kopfballspiel haben. Also z.B: Renato Steffen hat in dieser Saison häufiger gespielt, Renato Steffen flankt gut. Der Spieler aus der vorherigen Situation hat schlechtere Flanken geschlagen. Ergebnis: Wolfsburg hat sich von der Qualität verbessert nicht Weghorst.

Einfluss von Weghorst auf die Situationen?

Inwiefern beeinflusst Weghorst die einzelnen Situationen? Lässt sich wirklich eine klare Trennung zwischen Faktoren Spieler und Faktoren Mannschaft ziehen? Wo liegt diese Grenze? Kann der Spieler durch sein Timing nicht auch die Situationen beeinflussen?

Dazu hat Weghorst etwas interessantes gesagt:

Han­deln Sie im Straf­raum vor allem intuitiv? Oder haben Sie mit Ihren Mit­spie­lern feste Abspra­chen?

Mit man­chen Kol­legen spreche ich mich vorher ab. Neu­lich, vor einem Spiel gegen Frei­burg, habe ich zum Bei­spiel zu Paolo Otavio gesagt: „Ich komme kurz, und du jagst das Ding flach auf den ersten Pfosten.“ Bei Renato Steffen weiß ich dagegen, dass er vor dem Flanken den Kopf hoch­nimmt und kurz schaut, was ich im Straf­raum mache. Der ori­en­tiert sich also eher an mir und ich bewege mich dann intuitiv. Oft geht aber auch alles so schnell, dass ich gar nicht erst über Pläne und Abspra­chen nach­denken kann, son­dern intuitiv han­deln muss.

Weghorst im 11Freunde-Interview

Diese Aussage fasst es gut zusammen. Steffen achtet bei seinen Flanken stärker auf die Bewegungen von Weghorst, er kann also über seine Bewegungen die Flanken beeinflussen, er stellt Situationen aktiv her. Wenn man nochmal die Einteilung von oben dazu nimmt, kann man also sagen, dass Weghorst Teil der gruppen- und mannschaftstaktischen Abläufe ist und somit immer auch Situationen ermöglicht oder kreiert.

Mit Otavio wird das bis zu einem gewissen Grad auch so sein, es gibt aber eher die Anpassung von Weghorst an die Situation, die Otavio herstellt. Über Absprachen, wie vor dem Spiel gegen Freiburg, kann er aber auch diese Situationen beeinflussen. Interessant ist die hierarchische Verteilung, bestimmte Spieler wirken in bestimmten Situation unterschiedlich stark auf diese ein.

Alle Faktoren

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Faktoren, die nun analysiert werden können:

  1. Faktoren, Herstellen von Situationen

(1) Mitspieler: mannschafts-, gruppen- und individualtaktische Faktoren ermöglichen und verhindern bestimmte Situationen.

(2) Gegenspieler: mannschafts-, gruppen- und individualtaktische Faktoren verhindern und ermöglichen bestimmte Situationen.

(3) Zusammenspiel davon = tatsächliche Situationen

2. Faktoren, verhalten in den Situationen

(1) Physis

(2) Technik

(3) Timing

Analyse der ersten Faktoren

(1) Mitspieler und (2) Gegenspieler

Könnte man beide separat analysieren, in dem man z.B untersucht, ob die Spieler, die in dieser Saison häufiger spielen, bessere Flanken schlagen oder bessere Flankensituation kreieren oder ob sich das Abwehrverhalten der Gegenspieler verändert hat, wie viele Teams verteidigen eher mannorientiert im Strafraum, welche eher im Raum? Wie ist das im Vergleich zur letzten Saison. Wie wirkt sich das auf Weghorst aus? Die Analyse dieser Faktoren wäre aber sehr zeitaufwendig, deswegen wird sich hier auf die tatsächlichen Situationen und die mannschafts- und gruppentaktischen Aspekte, die einen Einfluss auf die Flanken haben, fokussiert.

(3) Tatsächliche Situationen

Statistische Analyse

Die verbesserten Werte in der Offensive lassen sich nicht mit Flanken in Verbindung bringen. In der letzten Saison haben sie 13 mal pro Spiel geflankt, wovon 3,5 angekommen sind. In dieser Saison haben sie ebenfalls 13 mal geflankt, aber es sind im Schnitt nur 3,1 Flanken angekommen. Jetzt könnte man aber sagen, dass die Anzahl der Flanken gleich geblieben ist, aber die Qualität der Flanken sich verbessert hat. Da der xG pro Schuss in beiden Saisons bei liegt, kann man davon ausgehen, dass sie insgesamt mehr und nicht bessere Chancen kreieren. Die neuen Chancen werden nicht über Flanken kreiert, sondern lassen sich am ehesten auf die höhere Anzahl an Schlüsselpässe zurückführen. Diese These lässt sich auch dadurch stützen, dass Weghorst in dieser Saison in 38 Spielen 24 Kopfbälle gemacht hat, die zusammen einen xG von 3,26 hatten. Also 0,13xG pro Kopfball und 0,08xG Kopfbälle pro Spiel. In der letzten Saison waren es bei 27 Kopfbällen in 43 Spielen 4,38 xG. Also 0,16xG pro Kopfball und 0,1xG pro Spiel. Es lässt sich also sagen, dass Weghorst weniger Kopfballchancen

Es lässt sich eine Verschiebung des Spielstils feststellen. In der letzten Saison hatten sie pro Spiel 15 Konterangriffe und durchschnittlich 6 Positionsangriffe mit Torabschluss. In dieser Saison spielen sie nur noch 14 Konterangriffe pro Spiel und geben 6,9 Schüsse nach Positionsangriffen ab. Das deckt sich mit ihre Pass- und Ballbesitzwerten. Sie spielen 40 Pässe und einen erfolgreichen Schlüsselpass mehr pro Spiel und haben im Schnitt 3% mehr Ballbesitz. Diese leichte Verschiebung hat einen positiven Effekt auf den offensiven Outcome. Wolfsburg hat in dieser Saison einen xG von 1,75 pro Spiel. In der letzten Saison waren es nur 1,56 xG. Trotz der verbesserten Offensive konnten sie ihren xGa von 1,27 halten.

Saison 2020/21

Welche Aktionen entstehen tatsächlich? Wie hat sich das Spiel von Wolfsburg verändert?

Grundstruktur

Wolfsburg gegen Köln, eine typische Aufstellung

Am Anfang der Saison liefen sie im 4-3-3/4-1-4-1 auf mit Schlager, Arnold und Guilavogui im Mittelfeld. Allerdings wechselten sie schnell zu einem 4-2-3-1.

Bewegungen im letzten Drittel, Herausspielen von Flankensituationen

Grundsituation, einfache Flügelbesetzung

Arnold oder Schlager kippen vom Zentrum nach außen, die Außenverteidiger schieben leicht hoch und die Flügelspieler rücken weit ein. Sie besetzen nicht nur die Halbräume auf ihrer Seite, sondern können sich weiträumig horizontal und vertikal bewegen. Die Halbraumbesetzung ist flexibel. Der Zehner kann einen der Halbräume besetzen, so dass sich der Flügelspieler als freier Spieler in der Staffelung bewegen kann. Teilweise besetzen sie die Halbräume auch nicht aktiv, sondern lassen sie frei und bewegen sich erst im Verlauf des Angriffs dynamisch in diese Räume. So können Staffelungen entstehen, in denen Weghorst, Gerhardt und Brekalo die letzte Linie besetzten. Es gibt auch rautenförmige Strukturen, wenn der Zehner sich leicht zu einem Halbraum positioniert und der Flügelspieler aus diesem Halbraum dann ins Zentrum gedrückt wird. Da sie mit Arnold und Schlager sehr gute Sechser haben, können sie diese Staffelungen geschickt ausspielen, auch wenn sie Verbindungslücken zwischen Mittelfeld- und Angriffslinie haben.

Rautenförmige Staffelung, Absicherung durch Rauskippen der Sechser. Einrückende Flügelspieler + asymmetrische Positionierung des Zehners.

Aus dieser Grundstruktur ergeben sich verschiedene Effekte, die ihre Flanken beeinflussen.

Effekt: Flexible und späte Breitenbesetzung

Die Breite im letzten Drittel wird sehr flexibel besetzt, meistens rücken die Spieler von innen nach außen und erhalten dort den Ball. Durch die Bewegung in den Raum und nicht die Positionierung im Raum muss sich der Gegner anpassen und sie können freier flanken, wenn der Gegner nicht sofort drauf schiebt. Außerdem können sie sehr geschickt ihre vertikale Positionierung an die Staffelung des Gegners anpassen. Wenn die Gegner durch ihre enge Staffelung vertikal sehr eng steht, reicht es häufig schon, wenn sie sich seitlich zum Strafraum bewegen und dort den Ball erhalten und flanken. Sie müssen nicht oft von der Seitenlinie flanken, die Länge ihrer Flanken wird kürzer und ihre Erfolgschancen größer.

Ein gutes Beispiel ist das Kopfballtor von Weghorst gegen Stuttgart (Muss direkt auf YouTube angeschaut werden):

Effekt: Verlagerungen über einrückende Außenverteidiger

Diese Bewegungen von innen nach außen werden auch dadurch provoziert, dass die Außenverteidiger ballfern oft weit einrücken und dann über sie verlagert werden kann. Im Moment der Verlagerung gibt es dann keine Breite im Spiel, die dann aber flexibel besetzte werden kann oder durch die gute Tiefenstaffelung nicht benötigt wird. Also: Verlagerung + Breit spielen, dann Flanke oder Pass in die Tiefe. Oder Verlagerung + Andribbeln Außenverteidiger und Pass hinter die Kette.

Verlagerung, enge Staffelung, flexible Besetzung der Breite + Spiel in die Tiefe
Wir spielen direkt tief!

Effekt: Überladungen der letzten Linie und Tiefenbewegungen

Außerdem stellen sie durch die aggressiven Überladung der letzten Linie 1-gegen-1 Situationen bei Flanken her. Und über die Bewegungen in die Tiefe, also z.B hinter die Außenverteidiger, können sie die Innenverteidiger bei Flanken aus ihrer Staffelung ziehen und Weghorst im Kopfballduell isolieren oder die Bewegung in die Tiefe ausspielen und dann von dort in den Rückraum oder an den zweiten Pfosten passen.

Bewegungen im letzten Drittel, Isolation, 1-gegen-1 Duelle und freiziehende Bewegungen

Diese Überladung wird oft sehr bewusst gewählt, es kommt oft vor, dass Gerhardt und Weghorst die beiden Spieler nebeneinander besetzen, also Außenverteidiger/Innenverteidiger, Innenverteidiger/Innenverteidiger oder Innenverteidiger/Außenverteidiger und so über ihre gemeinsamen Bewegungen 1-gegen-1 Situationen und freie Kopfbälle oder Abschlusssituationen kreieren können.

Vergleich zur Saison 2019/20

In der ersten Hälfte der Saison liefen sie im 3-4-3 auf. In dieser Formation hatten sie sehr klare Abläufe. Die beiden Flügelstürmer positionieren sich konstant im Halbraum, die Innenverteidiger dribbeln die Halbräume an und die Sechser positionieren sich passend zu den Passwegen.

Grundstruktur 3-4-3. (Knoche hat die 31, nicht die 4.)

In dieser Grundstruktur hatten sie offensiv große Probleme (Sie konnten in den ersten 14 Spielen nur 14 Tore erzielen). Das hat mehrere Gründe. Die Flügelstürmer waren stark an die Besetzung der Halbräume gebunden und es gab wenige vertikale oder horizontale Bewegungen von anderen Spielern in die Halbräume, die Überladungen und Asymmetrien erzeugt und einen der Flügelspieler befreit hätten. Durch die Orientierung zu den Halbräumen hatten sie oft nur einen Spieler auf der letzten Linie (Weghorst) und wenig Anbindung an die Tiefe. Nach Pässen ins letzte Drittel konnten sie selten Anbindung an Räume hinter die gegnerische Kette kreieren.

Bindung an die Halbräume. Nur Weghorst besetzt die letzte Linie. Schnelles Rausspielen zum Flügel.

Stattdessen hatten sie mit der konstanten Breitenbesetzung immer die Möglichkeit zum Flügel zu spielen, was in engen Situationen oft genutzt wurde. Teilweise wichen sogar die Flügelspieler zum Flügel aus, wenn die Halbräume kompakt verteidigt wurden und sie freie Räume finden wollten. Dann hatten sie eine doppelte Flügelbesetzung und kaum Anbindung ins Zentrum oder in die Halbräume, sondern mussten es über einfaches Hinterlaufen mit anschließender Flanke zu Ende spielen.

Ab der Hälfte der Saison experimentierten sie mit verschiedenen Systemen, wobei sie am Ende konstant im 4-2-3-1 aufliefen. In dieser Grundstruktur waren die Staffelung ähnlich wie in dieser Saison, allerdings waren die Rotationen nicht so sauber und häufig standen die Außenverteidiger schon sehr früh breit und es wurde auf simple einrückende Bewegungen zurückgegriffen. Um ein vollständiges Bild zu erhalten, müsste man die Spielweise von Wolfsburg an diesem Zeitpunkt der letzten Saison eigentlich noch ausführlich analysieren.

Statistische Veränderung bei Flanken

Die Veränderung in der Grundstruktur und der Einfluss auf die Flanken wird besonders deutlich, wenn man sich den Ort der Flanken anschaut. Dafür wird der Flügel in diese beiden Zonen unterteilt.

Unterteilung von InStat

In der Saison 2019/2020 haben sie 37% ihrer Flanken aus den blauen und roten Zone aus der roten Zone gemacht. In dieser Saison waren es nur noch 30%. Das lässt sich darauf zurückführen, dass sie in der Saison 2019/2020 selten bis in höhere Zonen vorgedrungen sind, früher zum Flügel spielten und auf Grund schlechterer Strukturen häufiger aus dem Halbfeld flanken mussten.

(Die Analyse der zweiten Faktoren wird in einem zweiten Artikel folgen)

Fazit

Es ist schwierig zu sagen, wieso Weghorst mehr Tore mit dem Kopf erzielt. Grundsätzlich kann man sagen, dass Wolfsburg eine bessere Struktur mit Ball hat und sich die Position ihrer Flanken und vermutlich auch die Länge ihrer Flanken verändert hat. Allerdings zeigt sich dies nicht in den xG-Werten. Diese legen eher nah, dass Weghorst in der letzten Saison bei Kopfbällen Pech hatte (xG underperformed) und in dieser Saison eher Glück (xG overperformed). Ein Teil der Wahrheit dürfte sein, dass Weghorst underperformance seines xGs dazu beiträgt, dass die Entwicklung in dieser Saison größer wirkt, als sie tatsächlich ist. Trotzdem bleibt die Frage, ob in den xG-Werten die Qualität der Flanken abgebildet ist. Da davon eher nicht auszugehen ist, kann man sagen, dass Wolfsburg bessere Flankensituationen herstellt und Weghorst davon profitiert, in dem er mehr Tore mit dem Kopf erzielt, auch wenn sich das xG-Volumen der Kopfbälle nicht erhöht hat. Wie groß sein eigener Einfluss ist, also ob er in einer anderen Mannschaft auch bessere Ergebnisse bei Kopfbällen erzielen würde, muss im zweiten Teil analysiert werden.

(Alle Daten sind von InStat)

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Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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