Überblick einer Trainingswoche

In der letzten Woche durften wir zum ersten mal mit der Mannschaft für die nächste Saison trainieren. Das Ziel war es die Spieler in möglichst viele unterschiedliche Situationen zu bringen, um zu sehen, welche Entscheidungen sie treffen und ein besseres Gefühl für ihre Schwächen und Stärken zu bekommen. Da wir ein Trainerteam sind und jeder verschiedene Übungen mit einbringt, werden in diesem Artikel nur einige Übungen vorgestellt und reflektiert. 

Zum Aufbau des Trainings

Am ersten Tag bauten wir zwei verschiedene Stationen auf und teilten die Mannschaft in der Hälfte. Nach 15 Minuten haben wir die Gruppen getauscht und nach 30 Minuten die Übungen. 

Die Struktur sah so aus: 

An den anderen beiden Trainingstagen wählten wir eine ähnliche Struktur. Es gab mehrere Übungen und nach ein bestimmen Zeit wurden die Gruppen getauscht. 

1. Trainingstag

Übung 1

Die erste Übung sah so aus: 

Übung 1

Wir spielten im 5-gegen-5 auf 40 x 25 Meter. Die Spieler hatten also sehr viel Zeit zur Verfügung und hatten große Räume vor sich, die sie bespielen konnten. Dabei ging es darum, dass man die Spieler auch von der Feldgröße auf unterschiedliche Arten fordert und sie am Anfang noch nicht überlad mit Dingen, die sie wahrnehmen müssen, sondern sie langsam ran führt und den Prozess der Komplexitätssteigerung über die Woche auch offen kommuniziert, um ihnen ein Gefühl für den Schwierigkeitsgrad zu geben und ihnen auch gleichzeitig zu zeigen, dass man sie auf verschiedene Weisen fordern will und sie dieses Überfordern auch mental annehmen müssen.

Vom Aufbau ist die Übung sehr simpel. Es sind nur die Halbräume mit Hütchen markiert und wenn die Spieler in die Halbräume spielen, den Ball dort kontrollieren und dann ein Tor erzielen, erhalten sie einen Extrapunkt. Sie können also maximal 2 Punkte pro Tor erzielen. Wenn der Ball aus dem Spiel ging, mussten der Spieler, der den Ball ausgeschossen hatte, sofort den Ball holen, so entstanden Unterzahlsituationen (5-gegen-4, Mannschaft mit Ball hat einen Spieler mehr. In solchen Situationen sollen die Spieler dann auch ihr verhalten anpassen. Die Mannschaft ohne Ball soll enger verteidigen und nach Ballgewinn schneller umschalte. Diese Lösungen werden aber nicht direkt vorgeben, sondern die Spieler sollen einfach nur in diese Situationen kommen und dann mit dem Trainerteam reflektieren wie sich ihre Entscheidungen verändern müssen, um erfolgreich zu sein in der veränderten Situation. 

Was war gut an der Übung?

Vom Schwierigkeitsgrad war die Übung passend. Die Spieler kamen mit den wenigen Einschränkungen sehr gut zurecht. Ich fand es sehr wichtig, dass man diese Trainingswoche vor allem in Hinblick auf Freiheit der Spieler vs. unsere Prinzipien plant und nicht den Fehler macht, dass man die Einschränkungen, die man den Spielern in den Übungen auferlegt als etwas selbstverständliches ansieht. Jede Einschränkung sollte begründet sein und es muss eine gute Balance gefunden werden. Umso größer das Vertrauen in den Trainer, umso mehr Vertrauen in die Einschränkungen.

Was hat nicht funktioniert?

Das Ziel der Übung ist es, dass man den Spielern eine bestimmte Raumaufteilung vermittelt und ihnen die eigenen Raumgewichtung erklärt. Allerdings merkt man oft, dass es für die Spieler schwierig ist dieses Konzept aus dem kleineren Rahmen auf ein 11-gegen-11 zu übertragen. Innerhalb der Übung zeigen die Spieler nach einiger Zeit gute Bewegungen und verstehen auch den Sinn hinter der Zonenaufteilung, allerdings gelingt ihnen eben die Übertragung nicht so gut. In Zukunft sollte man mehr darauf achten, dass man den Aspekt Raumaufteilung nur in einem größeren mannschaftstaktischen Rahmen (also 9-gegen-9 oder 11-gegen-11) trainiert und sich bei 5-gegen-5 oder kleiner eher auf gruppen- oder individualtaktische Aspekte fokussiert. 

Übung 2

Die zweite Übung war ebenfalls sehr simpel. 

Übung 2

Die Spieler spielten ein 5-gegen-5 im Mittelkreis auf kleine Tore. Der Mittelkreis hat nur einen Radius von 9,15 Metern. Die Spieler haben also im Vergleich zur Übung 1 nur noch ca. ein Viertel des Platzes zur Verfügung. Dadurch ist die Übung weniger intensiv, aber sie haben stärkeren Raum/Zeit-Druck.

Um bei dieser Übung etwas Variation reinzubringen, haben wir nach 5 Minuten die Position der Tore verändert, so dass die Spieler in neue Situationen kommen und andere Entscheidungen treffen müssen. 

Variationen Übung 2

Vor allem die letzte Variante ist sehr spannend, da die Spieler natürlich den kürzesten Weg zum Tor verteidigen und man als ballbesitzende Mannschaft die Mannschaft ohne Ball über die torfernen Räume rausziehen muss, um sich dann zum Tor zu kombinieren. Bei Ballverlusten muss schnell umgeschaltet werden. Wenn die Staffelung mit Ball zu weiträumig ist, kann der der Gegner sofort umschalten und einfache Tore erzielen. Dass der Spieler von der Übung direkt Feedback zu seiner Position mit und ohne Ball erhält, macht die Übung sehr interessant.

Übung 3

Die dritte Übung ist der ersten Übung sehr ähnlich. 5-gegen-5, gleiche Feldgröße, die Halbräume werde weiterhin abgesteckt und wenn die Spieler dort reinspielen erhalten sie einen Extrapunkt.

Statt den zwei größeren Toren werden nun vier kleine Tore diagonal hingestellt, um diagonale Pässe zu provozieren. Die Spieler wurden zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal damit konfrontiert, dass sie diagonale Pässe spielen sollen. Außerdem werden vier Bälle ums Spielfeld gelegt. So wird der Aspekt Unterzahl/Überzahlsituationen durch das Ballholen erneut verstärkt. Wenn der Ball ins Aus geht kann sich die ballbesitzende Mannschaft sofort einen der Bälle holen und weiterspielen. Der Spieler, der den Ball holt, muss ihn dann an die leere Stelle legen. 

Die Idee stammt von Daniel Bähr aus diesem Artikel: KF-Trainerblog #5: D(F)B-Stützpunkt

In diesem Artikel spricht er von folgendem Effekt:

The “outside-players” could also delay their return to wait for a specific moment (Pressing trigger!). Some of them tried to sneak back to surprise the player in possession. With this little adaption the players in possession were required to always check their positioning (check your shoulder) and the positioning of the opponents (on and off the field).

Daniel Bähr: KF-Trainerblog #5

Dieser Trainingseffekt ist ein interessanter Aspekt der Übung, den es bei uns nicht so oft zu sehen gab. In der Zukunft sollte so etwas direkter gecoacht und besprochen werden. Man könnte den Spielern empfehlen, dass sie reinlaufen wenn der Spieler mit Ball sie nicht sieht (In dem Kontext könnte man Begriffe wie Sichtfeld einbringen). Oder man verzögert den Moment bewusst (Spieler muss nach dem er den Ball abgelegt hat noch 5 Sekunden draußen warten) oder der Spieler soll solange draußen warten, bis er einen geeigneten Pressingmoment wahrnimmt. Seine Mitspieler müssen dann auf seine Entscheidung reagieren und ebenfalls ins Pressing umschalten. Könnte eine interessante Ergänzung sein, um auch Tempovariationen zu provozieren. 

Übung 4

Die vierte Übung ist der zweiten Übung sehr ähnlich. 

Übung 4

Es wird wieder im Mittelkreis trainiert, aber statt einem 5-gegen-5 wird 3-gegen-3-gegen-3+1 gespielt. Dadurch müssen die Spieler noch mehr wahrnehmen und sie haben auch konstant eine Unterzahlsituation. Dadurch dass sie nur wenige Passwege zur Verfügung haben, müssen sie mehr dribbeln und die engen Situationen so aufzulösen. Als Ergänzung zu den anderen Übung ist das sehr spannend, da sie eine ganz andere Grundsituation haben und diese lösen müssen. Außerdem haben sie unterschiedliche Aspekte, die sie beachten müssen. Sie müssen ihr eigenes Tor verteidigen und gleichzeitig die anderen Tore attackieren. Wenn sie den Ball gewinnen, müssen sich sich immer für ein Tor entscheiden und gleichzeitig verschiedene Spieler aus unterschiedlichen Richtungen wahrnehmen. Man könnte auch sagen, dass sie in dieser Übung nicht nur zwei Intentionen mitdenken müssen, also die Intentionen ihrer Mitspieler und die Intentionen ihrer Gegenspieler, sondern anhand von drei Intentionen Entscheidungen treffen (Mitspieler, Gegnerteam 1 und Gegnerteam 2). Das erfordert natürlich eine höhere Denk- und Wahrnehmungsleistung.

2. Trainingstag

Übung 1

In dieser Übung wurde 4-gegen-4+4 auf 20 Meter x 20 Meter gespielt. Die Spieler sollten durch die neue Feldgröße anders gefordert werden. Das wurde offen kommuniziert. Vor der Übung wurden die Feldgrößen vom 1. Trainingstag durchgegangen und mit der Feldgröße an diesem Trainingstag verglichen. 

In der Übung erhalten die Spieler einen Punkt, wenn sie 10 Pässe spielen, ohne dass der Gegner an den Ball kommt. Die äußere Mannschaft erhält alle Punkte, die sie für die Teams in der Mitte ermöglicht. Jede Mannschaft ist genau 5 Minuten draußen und am Ende werden alle Punkte zusammengezählt. Die Spieler am Rand haben nur zwei Kontakte, damit sie den Ball schnell wieder ins Spiel bringen, da sie nicht gepresst werden, dürfen sie vom Übungsdesign nicht so viel Zeit bekommen. 

In dieser Übung geht es darum, dass die Spieler sich intelligent positionieren und den vorhandenen Raum so besetzten, dass sie möglichst einfach 10 Pässe spielen können. Ein häufiger Fehler ist, dass sich die Spieler alle zum Ball bewegen und dann sehr enge Situationen entstehen. Das ist am Anfang häufig passiert, deswegen haben wir das Spiel zweimal angehalten, um mit den Spielern ihre Positionen zu analysieren. Bei der Erklärung muss noch genauer gesagt werden anhand von welchen Faktoren die Spieler bei der Positionsfindung eine Entscheidung treffen sollen. Welche Faktoren sind wirklich wichtig? Anhand von diesen Faktoren kann man den Spielern dann direkt 1-2 mögliche Staffelungen präsentieren, die sie als Impuls nutzen können. Diese Faktoren habe ich noch nicht wirklich herausgearbeitet. Ein Aspekt, den wir oft coachen, ist dass die Spieler die größtmögliche Anzahl an Passwegen zur Verfügung haben soll und sich passend dazu positionieren sollen. So kann aber nicht erklärt werden, wieso sie das Spiel nicht so eng machen soll. Diese Faktoren müssten nochmal genauer analysiert und erklärt werden. 

Abschlussspiel

Ins Abschlussspiel haben wir wieder die Halbräume integriert und außerdem die Ecken abgeschnitten und somit das Prinzip der diagonalen Pässe erneut eingebaut. Abgesehen davon gab es keine weiteren Einschränkungen, damit die Spieler frei spielen können.

3. Trainingstag

Am dritten Trainingstag wurden die einzelnen Aspekte kombiniert und eine Übung kreiert, die alles in einen größeren Rahmen stellt. Diese Übung wurden maßgeblich von Moritz Kossmann und dieser Übung inspiriert.

Auch andere Aspekte, die sich in der Übung wiederfinden, sind fast direkt von ihm übernommen.

8-gegen-8 plus zwei Torhüter.

In dieser Übung spielten wir jeweils 25 Minuten 8-gegen-8 plus zwei Torhüter über eine ganze Hälfte auf große Tore.

Die Ecken wurden abgeschnitten, um diagonale Pässe zu provozieren, außerdem wurde eine gestrichelte Linie im Zentrum gezogen und in jedem Halbraum zwei Stangentore aufgestellt. Wenn die Spieler während einem Angriff über die gestrichelte Linie spielen erhalten sie einen Extrapunkt und wenn sie durch die Stangentore spielen und dann ein Tor erzielen erhalten sie ebenfalls einen Extrapunkt. Sie können also pro Tor drei Punkte erzielen. Außerdem gibt es die Trennung zwischen Trapez und Rechteck, die direkt aus der Übung von Moritz Kossmann übernommen sind. Die Spieler hinter der Linie (im Trapez) dürfen nicht gepresst werden, bevor sie nicht einen Pass ins Rechteck gespielt haben. Diese Extraregel war eigentlich geplant und wurde auch erklärt, wurde dann aber verworfen, da die Spieler damit noch zu überfordert waren und man sie nach den simpleren Aufgaben vom 1. und 2. Trainingstag nicht komplett überfordern wollte.

Vor der Übung wurde von den Spielern gefordert, dass sie sich im 4-2-2 aufstellen. In dieser Formation wurde der Flügel nur einmal besetzt, was zu interessanten Bewegungen führte. Die Spieler Sechser/Stürmer bewegten sich situativ zum Flügel und konnten dann über die Flügelspieler dynamisch nach innen kombinieren.

Während der Übung wurde gecoacht, dass die Innenverteidiger breit stehen, die Außenverteidiger hoch schieben und die Sechser sich in den Pressinglücken positionieren. Außerdem sollten die Zonen um die Stangentore besetzt werden. Allerdings wurde die Höhe der Stangentore nicht ideal gewählt. In Zukunft sollte man früher zwischen tiefem und hohen Halbraum unterscheiden und mit zwei Stangentoren auf jeder Seite arbeiten. Dann können die Spieler anhand von den Stangentoren schon differenzierte Entscheidungen treffen und ihr Spiel ist nicht so starr an die eine Höhe der Stangentore gebunden. Wenn man mit drei Stangentoren arbeitet, könnte man sogar die Bewegungen in die Tiefe noch über diese beeinflussen, da die Spieler sich dann im passenden Passwinkel zu den Stangentore hinter die Kette bewegen.

Diese Übung hat sehr gut funktioniert, die Spieler haben sehr schnell gelernt und konnten auch einen größeren Fortschritt spüren, da sie mit 25 Minuten viel Zeit hatten, sich an die Übung anzupassen. Außerdem sind in der Übung schon sehr viele Aspekte integriert, die über die Woche verteilt eingeführt wurden. Diese Form des Heranführens an gewisse Handlungsweisen hat ganz gut funktioniert.

Weiter Fragen/Reflexion

Was priorisiert man, wenn man eine neue Mannschaft übernimmt?

Eine wichtige Frage, die in dieser Woche sehr präsent war, ist die obige. Im Endeffekt ist es darauf hinausgelaufen, dass den Spielern ein paar Grundprinzipien vorgestellt wurden. Der Fokus lag aber vor allem darauf, sie in möglichst viele unterschiedliche Situationen zu bringen und mit verschiedene Probleme zu konfrontieren, damit sie flexible Entscheidungen treffen und mich als Trainer, als jemanden verstehen, der ihnen komplexe Situationen zutraut und sie ganz bewusst in diese Situationen bringt, um sie zu fördern.

Ein wichtige Rolle hat auch die Raumaufteilung gespielt. Die Frage, die sich mir stellt, ist, ob es nicht zu früh ist, um mit der Raumaufteilung zu beginnen? Ist der Effekt einer guten Raumaufteilung wirklich so wichtig, um damit zu beginnen? Wären Aspekte wie Wahrnehmung, Schnelligkeit in der Entscheidungsfindung, bewusste Positionsfindung (eher auf einer individuellen Ebene, also z.B: Als Spieler suche ich enge Situationen, um sie aufzulösen; wo sind enge Situationen? Wieso muss ich enge Situationen auflösen? Wie löse ich enge Situationen auf?) nicht wichtiger? Bzw. grundlegender? Diese Hierachisierung von taktischen Aspekten ist sehr schwer einzuschätzen.

Wie erklärt man Übungen? 

Bei den ersten zwei Tagen war ich mit meinen Erklärung der Übungen nicht wirklich zufrieden, da es noch viele Nachfragen gab und manche Aspekte auch nicht verstanden wurden, deswegen habe ich die Struktur etwas verändert. In der letzten Saison wurden die Spieler immer gefragt, was sie sehen. Sie sollten dann selbständig die Begrenzung der Felder erkennen und überlegen welche Teile der Übung welchen Effekt haben sollen usw. Das haben wir vor allem gemacht, damit sie die Perspektive wechseln und in den Prozess des Übungsdesigns einen Einblick bekommen. In dieser Saison wollten wir dieses Muster beibehalten, allerdings hat es bei den ersten beiden Trainingstagen nicht funktioniert, weil die Spieler mit dem Aufbau der Übungen nichts anfangen konnten und sie aus ihren vorherigen Erfahrungen interpretieren. Dadurch gab es nicht den positiven Effekt, den wir letzte Saison häufiger hatten, dass die Spieler sich die Übungen und die Regeln selber erarbeiten und man dann nur noch ein paar Dinge ergänzt. 

Deswegen habe ich die Übungen erklärt und bin dabei von außen nach innen vorgegangen. Erst wurde die Feldgröße, Spieleranzahl und Zeit erklärt und von dort ist man dann immer zu kleineren Regeln vorgegangen und zum Inneren der Übung, also kleineren markierten Feldern oder anderes.  Diese Struktur hat deutlich besser funktioniert und könnte ausgearbeitet werden. Generell stellt sich die Frage, welche Form von Übungserklärung gut funktioniert und welche Form, welche Effekte hat?

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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2 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen sehr gelungenen und reflektierten Überblick über die erste Trainingswoche!
    Über Einblicke in weitere Trainingswochen würde ich mich sehr freuen.

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