Tür 6: How to Rückwärtspressing

Auch wenn ich es als Barça-Fan in den letzten Jahren leider nicht am eigenen Leib erlebt habe, so lässt sich eine große Entwicklung im Fußball nicht von der Hand weisen: Hohes Pressing stellt inzwischen den Standard im Weltfußball dar. Kaum ein Team spielt noch 90 Minuten Abwehrpressing, fast alle Teams greifen zumindest ab der Mittellinie an.

„Gegenpressing“, „Pressingtrigger“ und „Bogenlauf“ – vor 10 Jahren nur von „Fußballnerds“ verwendet, haben diese Wörter heute wie selbstverständlich Einzug ins Fußball-Lexikon gefunden. Doch ein Aspekt, der erheblich dazu beiträgt, ob ein Pressing erfolgreich ist oder nicht, wird in der Öffentlichkeit bisher kaum beleuchtet: Die Rede ist vom Rückwärtspressing.

Was ist Rückwärtspressing?

Doch was ist Rückwärtspressing überhaupt? Bisher gibt es keine einheitliche Definition (zumindest habe ich keine gefunden). Klar ist, dass der pressende Spieler sich hinter dem Ball und dem Ballführenden befindet, also überspielt wurde. Nun versucht er, in das Spiel zurückzukommen und defensiv mitzuarbeiten – seine Laufrichtung geht also zum eigenen Tor.

Die Frage ist: Ordnet er sich wieder in die eigene Formation ein, um Kompaktheit herzustellen und den Gegner aus gefährlichen Räumen fernzuhalten? Das ist zwar eine wichtige defensive Aktion, aber ich würde es nicht als Rückwärtspressing bezeichnen, da das Ziel des defensiv agierenden Spielers nicht ist, den Ball zurückzuerobern.

Rückwärtspressing hingegen ist die „aktive“ Art des Zurückarbeitens – der überspielte Spieler setzt aus dem Rücken des Ballführenden nach und bringt ihn unter Handlungsdruck.

Dieses Mittel wird nicht nur von einzelnen Spielern wie beispielweise Mario Mandzukic oder Antoine Griezmann gut beherrscht, sondern von herausragenden Pressing-Teams wie Atletico Madrid gezielt eingesetzt, um den Ball zu erobern.

Warum ist Rückwärtspressing so effektiv?

Die Antwort darauf ist ganz einfach: Das Team gegen den Ball versucht, den Ballführenden nicht nur unter Handlungsdruck zu setzen, sondern auch seine Handlungsoptionen einzuschränken. Ein großer Faktor dabei ist das bespielbare Spielfeld für den Ballführenden, welches so klein wie möglich gehalten werden sollte. Das bespielbare Feld orientiert sich wiederum stark am Blickfeld des Spielers: Was ich nicht sehen kann, kann ich nicht bespielen (außer ich bin Messi).

Nun kommt das Rückwärtspressing ins Spiel. Der rückwärtspressende Spieler übt nämlich im Rücken des Ballführenden Druck aus. Dadurch muss der Ballführende seine Aktion nicht nur an dem ausrichten, was er vor sich hat, sondern ebenfalls an dem, was er hinter sich hat. Das Problem: Der Spieler kann nicht sehen, was er hinter sich hat. Es erfordert dementsprechend einen Mehraufwand, den Spieler im Rücken zu sehen und auch noch in der Aktion zu berücksichtigen.

Die einfachste Variante, das bespielbare Feld des Gegners einzuschränken, sieht vor, den Gegner nach außen zu lenken. Hierbei attackiert der pressende Akteur von der Richtung des gegnerischen Tores aus. Durch den Druck von hinten wird es dem Ballführenden deutlich erschwert, sich in Richtung des Spielfeldes zu öffnen oder gar nach hinten zu lösen.

Stattdessen wird das bespielbare Feld des Spielers abgeschnitten, indem die Seitenlinie als zusätzlicher Verteidiger genutzt wird. In dem Video ist gut zu erkennen, wie Kobylanski durch sein Pressing den Gegner klar auf eine Seite lenkt, bis er dann schließlich an der Auslinie den Zweikampf sucht.

Eine andere Variante bzw. ein zusätzlicher Faktor kann sein, den Ballführenden auf seinen schwachen Fuß zu lenken. Dafür läuft der pressende Spieler von der „starken“ Seite des ballführenden Akteurs an.

Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie praktikabel das ist. Bei einigen Spielern mit einem deutlich schwächeren „schwachen“ Fuß mag dies sinnvoll sein (looking at you, Ángel di María), aber bei einem Großteil der Fußballprofis wird der Unterschied gering ausfallen. Daher eher: Nice to have, wenn du den Spieler damit gleichzeitig noch nach außen lenken kannst, aber Priorität sollte das Lenken auf den schwachen Fuß nicht haben.

Und damit kommen wir zum letzten und aus meiner Sicht effektivsten Element: Dem Lenken in eigene Überzahl. Auch hier gilt wieder, dass man den Gegner nach außen UND in eine eigene Überzahl lenken kann. Außerdem muss nicht zwangsläufig eine numerische Überzahl vorliegen, es geht eher darum, den Gegner in einen Raum zu lenken, indem ein Ballgewinn sehr wahrscheinlich ist.

Diese Variante stellt allerdings auch die höchsten Anforderungen an den pressenden Spieler. Vor dem Pressing muss bereits erkannt werden, in welchem Raum eine Überzahl besteht bzw. hergestellt werden kann. Die restlichen Mitspieler reagieren dann auf das Lenken des Mitspielers, indem sie in diesem Raum enorm verdichten. Am Ende kann der Ballführende gar nicht mehr anders, als den Ball zu verlieren.

Kein kleiner und doch sehr feiner Unterschied

Ein großer Vorteil gegenüber den anderen Varianten liegt darin, dass hier der Ballgewinn fast nie vom rückwärtspressenden Spieler selbst ausgeht. Stellen wir uns dabei mal eine klassische Szene vor: Nach einem langen Sprintduell gelingt es dem Mittelfeldspieler, den andribbelnden Gegner abzulaufen. Im Moment des Ballgewinns ergeben sich jedoch direkt neue Probleme für den nun ballführenden Spieler:

Er ist negativ orientiert, heißt, er schaut zum eigenen Tor und hat nicht nur seine gesamte Dynamik, sondern auch sein Blickfeld dorthin ausgerichtet. Im Prinzip eine ideale Situation, um als Gegner sofort wieder draufzupressen. Ein Ballgewinn leitet also nur einen sofortigen Ballverlust ein, und das auch noch in einer gefährlicheren Zone als vorher – na super.

Daher geht es beim Rückwärtspressing in den meisten Fällen auch gar nicht nur darum, selbst den Ballgewinn zu verbuchen. Stattdessen ist das Ziel, einen Ballgewinn wahrscheinlicher zu machen. Den Ball selbst sollen im Idealfall die (positiv orientierten) Mitspieler erobern. Diese können aufgrund ihrer positiven Orientierung schwieriger gepresst werden und eventuell sogar einen Gegenangriff starten.

Ein gutes Rückwärtspressing ist dementsprechend gar nicht so einfach. Besonders beim Timing gibt es viele potenzielle Fehlerquellen, sodass man die Mannschaft am Ende mehr destabilisiert als stabilisiert. Um das zu vermeiden, stelle ich hier ein kleines „How to rückwärtspress“ vor.

How to rückwärtspress

Zuerst muss sich der pressende Spieler der Situation vergewissern: Wieviele wertvolle Aktionen sind für den Gegner möglich? In welcher Staffelung befindet sich meine Mannschaft? Und vor allem: In welcher Position befinde ich mich? Anhand dieser Faktoren kann der Spieler entscheiden, ob er in ein Rückwärtspressing geht oder nicht.

Wieviele wertvolle Aktionen sind für den Gegner möglich? Sind mehrere wertvolle Aktionen möglich, ist ein aggressives Rückwärtspressing weniger sinnvoll – es würde die eigene Mannschaft mehr destabilisieren als ihr helfen. Daher sollte der Fokus des überspielten Spielers darauf liegen, die wertvollen Aktionen einzuschränken oder zumindest zu erschweren.

In welcher Staffelung befindet sich meine Mannschaft? Die Antwort auf die erste Frage orientiert sich grundsätzlich auch an der Antwort auf diese Frage: Wenn das Defensivteam unorganisiert ist, sind im Normalfall auch mehr wertvolle Aktionen für den Gegner möglich. In diesem Fall hilft der überspielte Spieler seinem Team defensiv mehr, wenn er versucht, die Ordnung herzustellen und hinter den Ball zu kommen.

Andererseits könnte er seinem Team ebenfalls Zeit verschaffen, indem er den Gegner von hinten zum Abkappen zwingt. Dafür muss der überspielte Spieler sich jedoch nah am Ball befinden. Und damit kommen wir zur nächsten und letzten Frage:

In welcher Position befinde ich mich? Ist der überspielte Spieler weit entfernt vom Ball und vom Rest seiner Mannschaft, ist es schwierig, Druck auf den Gegner auszuüben. Versucht der Spieler es trotzdem, hat das gegnerische Team genug Zeit, um sich darauf einzustellen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit des Rückwärtspressing ist dementsprechend gering.

Im Idealfall ist der überspielte Spieler also nah am Ball und an der eigenen Mannschaft, um den Gegner schnell unter Handlungsdruck zu setzen. Der Gegenspieler kann unmittelbar nach dem Ballgewinn attackiert werden und hat wenig Zeit, sich auf die neue Situation einzustellen.

Durchführung des Rückwärtspressings

Anhand der Fragen als Basis hat sich der Spieler nun dazu entschieden, ins Rückwärtspressing zu gehen. Wichtig ist bereits ist die Richtung des Anlaufens, da von der Seite aus rückgepresst wird, zu der der Ballführende NICHT hingelenkt werden soll. 

Nun versucht der Spieler, die Zahl an wertvollen Aktionen, die der Ballführende ausführen könnte, so stark wie möglich zu verringern. Pässe oder Aktionen in wertvolle Räume sollten zugestellt oder zumindest bedroht sein. Somit wird ein Abkappen des Ballführenden unwahrscheinlicher: Falls er es aber doch tut, verschlechtert das seine Situation nur.

Gleichzeitig sollte der Abstand zu dem Ballführenden so sehr wie möglich verkleinert werden. Ist der Spieler zu weit weg von dem Gegenspieler, stellt er keine Bedrohung für ihn dar. Stellt er keine Bedrohung für ihn dar, kann er ihn auch nicht unter Handlungsdruck setzen.

Der Gegner ist jetzt also unter Handlungsdruck und befindet sich in einer unvorteilhaften Situation. Wann wird der Zweikampf geführt? Grundsätzlich gilt: Je weniger wertvolle Aktionen für den Gegner möglich sind, desto aggressiver kann der Ballgewinn gesucht werden.

Ein Musterbeispiel für diese gesamte Anleitung liefert Neymar hier (sogar mit Lenken in positiv orientierten Mitspieler):

Trainingsformen

Zu guter Letzt möchte ich noch zwei kleine und einfache Spielformen zum Rückwärtspressing vorstellen. Beide lassen sich mit Sicherheit enorm erweitern und sollen nur ein kleiner Denkanstoß sein.

Bei der ersten Spielform laufen zwei 7 vs. 3 Rondos parallel. Das Ziel der Überzahlspieler ist es, möglichst viele Pässe ohne Ballverlust zu spielen. Die Verteidiger hingegen sollen den Ball erobern.

Nun der Twist: Der Spieler, der den Ball verliert, wird zum Verteidiger im daneben liegenden Rondo. Dadurch wird der Spieler dazu gezwungen, „rückwärts“ zu arbeiten. Dabei kann und muss er natürlich wieder abwägen, ob sich eine Attacke direkt auf den Ball lohnt oder es sinnvoller ist, erstmal Ordnung herzustellen.

Rückwärtspressing Trainingsform

Varianten

Als Variante bietet sich an, den Spielern in Ballbesitz die verbale Kommunikation untereinander zu verbieten. Das beschert den rückwärtspressenden Spielern nicht nur mehr Erfolgserlebnisse, sondern schult auch die Spieler in Ballbesitz: Wenn sie sich nicht akustisch vor dem Gegenspieler warnen können, müssen sie über ihre Pässe kommunizieren. Einfach in eine schlechte Staffelung reinzuspielen und dann „Achtung“ oder „Hintermann“ rufen geht also nicht mehr.

Die zweite Variante sieht vor, dass die Verteidiger nach dem Ballgewinn noch aus dem Feld rausdribbeln müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Das gibt dem Überzahl-Team die Möglichkeit, nach dem Ballverlust ins Gegenpressing zu gehen und den Ball sofort wiederzuerobern.

Da im Rondo an allen Seiten Spieler stehen, wird dementsprechend aus mehreren Ebenen Druck gemacht. Somit rückt die Orientierung für den pressenden Spieler während und nach dem Ballgewinn stärker in den Fokus. Nach einem Ballgewinn im Rückwärtspressing wird er sofort selbst rückwärtsgepresst – es entsteht ein wahres Rückwärtspressing-Festival.

Falls das für das Unterzahl-Team zu schwierig sein sollte, könnte man noch andere Möglichkeiten geben, z.B. Pass zu einem Mitspieler oder Erzielen eines Minitores. Wichtig ist nur, dass die Verteidiger direkt nach dem Ballgewinn eine Anschlussaktion mit Ball haben – wie im richtigen Spiel halt auch.

Trainingsform 2

Die zweite Spielform beginnt in einem einfachen 3 vs. 3 auf jeweils ein Großtor mit Torwart und wird im Laufe der Spielform immer mehr erweitert. Während das 3 vs. 3 stattfindet, laufen vier Spieler jedes Teams um das Spielfeld. Wenn der Trainer einem der Spieler ein Zeichen gibt, bedeutet dies, dass er nun ins Feld dazustoßen kann. Um möglichst viele Rückwärtspressing-Szenen zu provozieren, sollte man den Spieler dann hereinzurufen, wenn sich die gegnerische Mannschaft im Ballbesitz befindet.

Rückwärtspressing Trainingsform

Nach und nach werden nun alle Spieler ins Feld hereingerufen, bis schließlich das 7 vs. 7 gespielt wird. Interessant ist hierbei zu beobachten, in welchen Situationen sich die Spieler in ihre Formation einordnen und wann sie in ein aktives Rückwärtspressing übergehen. Da der bespielbare Raum anfangs noch sehr groß ist, lohnt es sich beim 4 vs. 3 vermutlich noch nicht, aggressiv ins Rückwärtspressing zu gehen.

Doch umso kleiner der bespielbare Raum durch die größere Spieleranzahl wird, umso eher werden die Spieler aktiv den Ballgewinn suchen.

Als Variante bietet sich wieder an, die Kommunikation beider Teams komplett zu verbieten. Das vergrößert den „Überraschungsmoment“ des rückwärtspressenden Spielers. Außerdem könnte man Ballgewinne im Rückwärtspressing mit einem Zusatzpunkt belohnen, um mehr Situationen zu provozieren.

Fazit

Ein wenig eigenartig ist es schon: Fast alle Mannschaften spielen Pressing, das Fußball-Lexikon erweitert sich immer mehr – aber keiner schreibt über das Rückwärtspressing. Zu viel wird über Spieler gesprochen, die sich vor dem Ball befinden. Dabei wird vergessen, dass die Spieler hinter dem Ball auch noch eingreifen können. Das muss nicht immer heroisch sein: 

Rückwärtspressing ist keine Einzelaktion eines Spielers, der nach einem Ballverlust mit Messer zwischen den Zähnen den Ballführenden nach einem 40 Meter Sprintduell abgrätscht.

Rückwärtspressing ist ein systematisch angewandtes Pressingmittel, um den Gegner aus mehreren Ebenen unter Druck zu setzen und schlussendlich den Ball wiederzugewinnen. Ob man den Gegner nach außen, auf den schwachen Fuß und/oder in eine eigene Überzahl lenkt – am Ende soll der Ballgewinn stehen.

Ganz einfach ist das nicht: Die Spieler müssen Negativerlebnisse (Ballverlust) schnell abschütteln, durchgehend aufmerksam sein und darauf achten, in welchen Raum sie den Gegner lenken. Für ein erfolgreiches Gegenpressing ist das Rückwärtspressing nahezu unverzichtbar geworden.

Wenn das jetzt noch jemand Barça sagen würde.

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