Fußball und Basketball im Vergleich: Die Parallelen

In Teil 1 des Basketball/Fußball Vergleichs bin ich vor allem auf die Unterschiede zwischen den beiden Sportarten eingegangen. Da gab es viel zu berichten: Von den einfachen Regeln wie der 24-Sekunden Shotclock, weiter zu dem größeren Fokus auf die Superstars (zumindest in der NBA) und wie diese in ihre bevorzugten Aktionen gebracht werden.

Die Schlussfolgerung für den Fußball war, dass ein Team versuchen sollte, so viele Gefahren wie möglich für das gegnerische Tor darzustellen. Das Musterbeispiel stellt derzeit Atalanta Bergamo dar. Beim Team von Gian Piero Gasperini tauchen selbst die zentralen Innenverteidiger im gegnerischen Strafraum auf.

Wer den Text nochmal nachlesen möchte, kann das hier tun. In diesem Text möchte ich auf einige Parallelen zwischen Basketball und Fußball eingehen und was wir daraus wieder für den Fußball mitnehmen können.

Cuts/Tiefensprints

Grundlegend ist in beiden Sportarten das Ziel, in ein statisches Ziel mit einem Ball zu treffen. Auch der Weg dorthin unterscheidet sich nicht enorm: Um die höchstmögliche Wahrscheinlichkeit zu haben, beim Abschluss das Ziel zu treffen, sollte man während des Abschlusses frei und nah am Ziel sein. Beim Basketball besteht nochmal der Unterschied, dass ein Abschluss aus weiter Distanz mehr Punkte gibt und daher ebenfalls erstrebenswert ist.

“The objective is to move the opponent, not the ball.” Pep Guardiola

Wie gelingt es mir, möglichst frei und nah am Tor/Korb zum Abschluss zu kommen? Ich muss Unordnung beim Gegner schaffen, damit dieser den Raum unter dem Korb/vor dem Tor preisgibt. Dafür muss der Gegner bewegt werden. Das ballbesitzende Team muss daher den Ball schnell zirkulieren und die Spieler sich ebenfalls flexibel bewegen.

 

Eine raumnutzende Möglichkeit der Spieler, um zu einfachen Punkten am Korb zu kommen, ist der Cut. Ein Cut ist erstmal nur definiert als eine „Offensivaktion abseits des Balles, bei der der angreifende Spieler versucht seinen Gegenspieler durch einen schnellen Richtungswechsel abzuschütteln“. Allerdings hat nicht jeder Cut das Ziel, eine offensive Aktion für den cuttenden Spieler selbst zu kreieren: Es ist ebenfalls möglich, dass so Unordnung in der Defensive entsteht, die die anderen Mitspieler nutzen.

Die Parallele zum Fußball ist nicht weit: Auch hier dient nicht jede Bewegung eines Spielers (einzig) dazu, sich selbst Offensivaktionen zu kreieren. Stattdessen dienen einige Bewegungen dazu, wertvollere Räume auf dem Spielfeld zu öffnen. Ein Beispiel dafür war Thierry Henry unter Pep Guardiola, welcher immer wieder hinter die Abwehrkette sprintete, obwohl er meist nicht den Ball bekam. Da die Verteidiger seinen Sprint aber verfolgen mussten, weil Henry sonst frei vor dem Tor hätte auftauchen können, wurde Raum für den nachrückenden Iniesta im linken Halbraum frei. Wir sehen wieder: Strahle ich Gefahr aus, öffnet das Raum für meine Mitspieler.

Doch wir interessieren uns vor allem für die direkten Bewegungen zum Korb/zum Tor, die abseits des Balles geschehen. Im Fußball wird dies als Tiefensprint bezeichnet, im Basketball kommt der Backdoor Cut dem wohl am nächsten. Die Definition des Backdoor Cuts lautet: „Eine Offensivaktion abseits des Balles, bei dem sich der Angreifer durch einen schnellen Schritt nach außen und anschließendem Richtungswechsel mit Zug zum Korb hinter dem Verteidiger weg versucht frei zu spielen.“

Zu dem Thema habe ich bereits einen Text geschrieben, den ich hier schamlos verlinken werde. Daher möchte ich nicht nochmal auf alle Einzelheiten eingehen. Der Backdoor Cut beinhaltet immer erst eine Bewegung entgegengesetzt zu der eigentlich angestrebten Richtung. Nimmt der Verteidiger diese Bewegung auf, kann der Cutter ihn auf dem falschen Fuß erwischen. Da der Cutter bereits vorher weiß, dass er eigentlich zum Korb möchte, der Verteidiger das aber nicht weiß, kann der Cutter seine Gegenbewegung bereits vorbereiten, während der Verteidiger noch die Bewegung zum Ball macht.

Für den Cutter und auch für den Tiefensprinter im Fußball gilt: Ich öffne mir den angestrebten Raum, in dem ich mich zuerst aus ihm herausbewege und den Verteidiger mitziehe. Möchte ich also hinter den Verteidiger, täusche ich eine Bewegung vor den Verteidiger an (Thierry Henry). Möchte ich vor dem Verteidiger den Ball empfangen, täusche ich eine Bewegung hinter den Verteidiger an (Andres Iniesta).

Orientierung ist Trumpf!

Ein Faktor, der vermutlich in jeder Spielsportart eine große Rolle spielt, ist die Orientierung. Hierbei unterteile ich in positive Orientierung (zum Tor/zum Korb) und negative Orientierung (vom Tor weg bzw. zum eigenen Tor). Die Orientierung ist dabei als Produkt aus meiner Körperstellung und meinem Blickfeld zu verstehen. Daraus ergibt sich, wie viele wertvolle Aktionen für den Spieler möglich sind.

Schaue ich zu meinem eigenen Tor und bin auch mit meinem gesamten Körper dorthin ausgerichtet, ist es mir fast unmöglich, eine Aktion zum gegnerischen Tor zu starten. Dafür müsste ich erst zum gegnerischen Tor aufdrehen, woraufhin meine Orientierung positiv wäre. Einzig Aktionen mit der Hacke oder das Ball-Durchlassen ist möglich.

Viele Teams nutzen daher vorrangig die negative Orientierung eines Spielers dazu, um Druck zu machen. Da dieser nur eine sehr begrenzte Anzahl an realistischen Lösungen „nach vorne“ hat, ist das Risiko, ausgespielt zu werden, vergleichsweise gering. Außerdem ist das Aufdrehen mit einem Spieler im Rücken sehr schwierig (außer für Busquets vor 5 Jahren).

Beim Basketball ist eine negative Orientierung natürlich auch schlecht – der Spieler stellt so schließlich keine Gefahr für den Korb dar. Allerdings muss hier stark differenziert werden zwischen einem Spieler, der den Ball nach einem Dribbling aufgenommen hat und somit nur noch den Sternschritt zur Verfügung hat und dem Spieler, welcher gerade den Ball gefangen hat und den Ball noch dribbeln darf.

Bei der ersten Variante erhöhen Teams gerne den Druck auf den ballbesitzenden Spieler. Besonders bei Ballbesitz in der Ecke werden Double-Teams auf den Spieler geschickt, um einen Ballverlust zu provozieren.

Hat der Spieler den Ball jedoch gerade erst gefangen, stellt eine mögliche negative Orientierung meist kein Problem dar. Da der Ballbesitz beim Basketball durch die Regelungen + die engere Führung mit der Hand deutlich sicherer ist als beim Fußball, kann sich der Spieler mit Ball auch zum Gegner „aufdrehen“, ohne einen Ballverlust befürchten zu müssen.

Inside/Outside oder Cutbacks?

Die große Wichtigkeit von positiver Orientierung spiegelt sich noch in weiteren Spielsituationen wider, vor allem im Abschluss. Gehen wir zuerst vom Fußball aus: Was ist derzeit das Mittel schlechthin, um aus dem Spiel heraus Tore zu schießen? Cutbacks von der Grundlinie, meist flach gespielt.

Warum ist das so? Erstens ist es für den Gegner eklig zu verteidigen. Verfolgt man den Laufweg des Cutback-Spielers, läuft und schaut man zum eigenen Tor. Umso schneller ich mich in eine Richtung bewege, umso schwerer fällt mir eine Gegenbewegung in die andere Richtung. Wenn ein Verteidiger also im Vollsprint zurücksetzen muss, kann er nur schwer Bälle verteidigen, die gegen seine Laufrichtung gespielt werden.

Und genau das sind Cutbacks: Bälle in den Rücken und gegen die Dynamik der Verteidiger. Der zweite Vorteil von Cutbacks liegt beim abschließenden Spieler selbst.

Während der Ball zu ihm rollt, ist die Orientierung und meist sogar Dynamik des Ballempfangenden durchgehend positiv. Statt sich mit der Ballannahme erst zum Tor hindrehen zu müssen, hat er dieses die ganze Zeit im Blick. Das erleichtert den Abschluss enorm, da er mit der Ballverarbeitung nicht erst sein Sichtfeld neu ausrichten muss. Und die Parallele zum Basketball?

Da ist es ebenfalls gut, das Ziel (den Korb) so lang und präzise wie möglich im Blickfeld zu haben. Erreicht wird das normalerweise durch einen Spieler, der zum Korb zieht und damit Aufmerksamkeit bzw. Gegner auf sich zieht. Dadurch werden Mitspieler an der Dreierlinie frei. Spielt der Spieler während seines Drives den Ball nach außen, hat der Schütze aufgrund des Passwinkels und seiner Position zum Korb den Korb während des Passwegs im Blickfeld. Daher ist das Drive&Kick im Basketball so ein beliebtes Mittel – der Wurf wird für den Schützen vereinfacht.

Worst Case

Bleiben wir direkt bei der Orientierung, weil sie auch schlichtweg eine sehr große Relevanz in beiden Sportarten hat. Beim letzten Punkt geht es aber für das ballbesitzende Team um etwas, das sie vermeiden sollten: Fehlpässe.

Klar, Fehlpässe sind meistens aus dem Grunde schlecht, weil man damit die Kontrolle über den Ball abgibt. Es gibt Fehlpässe, die in Kauf genommen werden, weil man damit die Spielsituation eventuell sogar verbessert (Befreiungsschläge aus gefährlicher Zone) oder weil ein erfolgreiches Gelingen die Spielsituation extrem verbessert hätte (Ein Pass in den Lauf eines Mitspielers).

Der schlimmste Fehlpass ist jedoch der, den der Gegner technisch einfach mit positiver Orientierung und Dynamik verarbeiten kann. Wenn aufgrund der Staffelung nicht sofort Druck gemacht werden kann, muss sich das ballverlierende Team sofort fallen lassen. Der ballgewinnende Spieler hingegen kann den Konter starten.

Das kommt nicht allzu oft vor: Entweder ist der Ball sehr scharf gespielt, sodass der ballgewinnende Spieler Zeit braucht, um den Ball erstmal zu verarbeiten. Oder er fängt den Pass in die Tiefe bspw. ab, schaut dabei aber zum eigenen Tor, sodass er sich daraus erst lösen muss. Außerdem sind meist Gegenspieler in der Nähe, sodass er schnell Druck bekommt und den Ball abgeben muss.

Trotzdem stellt es für das Offensivteam den Worst und für das Defensivteam den Best-Case dar, auf diese Art den Ball zu verlieren bzw. zu gewinnen. Julian Nagelsmann hat – aus vermutlich ähnlichen Gründen – ein Prinzip in seinem Spielmodell, was vorsieht, den Ball vor allem über abgefangene Bälle und nicht über Zweikämpfe zu gewinnen. Die Kontrolle ist leichter, das Gegenpressing für den Gegner schwieriger und es ergeben sich eher gefährliche Situationen.

Im Basketball ist ein solcher Ballverlust allerdings noch viel tödlicher – schließlich gibt es keine „Restverteidigung“ wie im Fußball. Alle offensiven Spieler haben ihre Orientierung+ Dynamik zum gegnerischen Korb und sind meist weiter vom eigenen Korb entfernt als der Ball. Kann der Gegner also einen Pass abfangen, müssen ALLE Spieler dem Ball und dem Gegner mit Richtung zum eigenen Korb hinterherlaufen – für das Offensivteam sind das sichere Punkte.

Daher gilt es, solche Turnover tunlichst zu vermeiden. Pässe, die ins Aus gehen, sind ebenfalls ärgerlich. Sie geben dem Team aber die Möglichkeit, sich defensiv neu zu sortieren.

Fazit

Es gibt noch zig andere Parallelen zwischen beiden Sportarten. Wenn man sich verschiedene Plays der Basketball-Teams anschauen würde, gäb es noch mehr Fußball-nahe Konzepte zu entdecken.

Gegenläufige Bewegungen mehrerer Spieler (Einer kommt, einer geht) oder auch die Screens, die im Fußball inzwischen auch bei Standardsituationen angewandt werden. Vergleicht man zwei Spielsportarten mit so ähnlichen Zielsetzungen, werden sich immer viele Überschneidungen wie z.B. den Cut und den Tiefensprint finden lassen

Meine größte Erkenntnis jedoch war, wie wichtig es für das ballbesitzende Team ist, die Spieler in positive Orientierung und Dynamik zu bringen. Ob im Fastbreak, beim Abschluss oder bereits bei der Ballverarbeitung – erst mit positiver Orientierung strahle ich Gefahr aus und zwinge den Gegner dazu, auf mich zu reagieren.

Um in Positionen und Situationen zu kommen, in denen ich das erreiche, muss ich Dynamik entwickeln, ob am Ball oder um den Ball. Dabei gilt: Umso statischer die Ballsituation, umso mehr Dynamik muss ich um den Ball herum schaffen. Sonst bewege ich den Gegner nicht und schaffe keine Unordnung, die ich dann attackieren kann.

Berichterstattung im Vergleich

Zum Abschluss möchte ich nochmal erwähnen, wie angenehm ich es fand, die Berichterstattung über den Basketball zu lesen und zu hören. Selbst in sehr kultig angehauchten TV-Sendungen wie „Inside the NBA“ wird zumindest versucht, den Eye-Test statistisch zu belegen. Bei Fehlern wird tatsächlich nach Gründen gesucht, die von einer Außen-Perspektive nachvollziehbar sind.

LeBron James spielt einen Fehlpass: Ok, wie war die Position seiner Mitspieler? Wie war sein Blickfeld während des Passes? Was war das angedachte Play? Im Fußball wird ein Fehlpass schnell auf Unkonzentriertheit und Unsicherheit geschoben, was ja sogar richtig sein könnte – für den Zuschauer ist dies aber nicht nachvollziehbar, weil er nicht in den Kopf des Spielers schauen kann.

Es wäre schön, wenn sich die großen Fußball-Sender davon etwas abschauen könnten. Ich erwarte nicht, dass Lothar Matthäus bei Sky mir den Matchplan von Julian Nagelsmann erklärt. Wenn er oder die Doppelpass-Menschen aber wieder wahllos Spieler kritisieren, wäre es angebracht, das anhand der Informationen zu tun, die ihnen auch wirklich zur Verfügung stehen.

The Athletic hat mit dem analytischen Grundansatz bereits gezeigt, dass tiefergehende Texte über Fußball und Basketball für ein breites Publikum interessant sind. Jetzt liegt es an den etablierten Medien, diese positive Dynamik mitzunehmen – wie im Basketball und Fußball.

 

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