Analyse VfB Stuttgart 20/21

Als Stuttgart Fan erinnert man sich ungerne an den Sommer 2019 zurück: Nach dem 2:2 in der ausverkauften Mercedes-Benz-Arena gelang es dem VfB Stuttgart im Rückspiel tatsächlich nicht, das benötigte Tor gegen Union Berlin zu erzielen. Erst als dritte Mannschaft seit Wiedereinführung der Relegation in der Saison 2008/2009 war es den Schwaben gelungen, als Bundesliga-16. gegen den 3.Platz aus der 2.Bundesliga zu unterliegen.

Es folgte der bittere Gang in die Zweitklassigkeit, welcher bestenfalls nur als Betriebsunfall in die Geschichte des Vereins eingehen sollte. Auf keinen Fall sollte die Schwaben das gleiche Schicksal wie Hannover 96, Nürnberg oder auch den HSV ereilen.

Und tatsächlich gelang der direkte Wiederaufstieg, wenn auch durchaus turbulent: So wurde Tim Walter am 23.12 entlassen, obwohl sein Team mit 31 Punkten aus 18 Spielen immerhin auf dem 3.Platz stand. Es folgte Pellegrino Matarazzo, der vorher als Co-Trainer unter Julian Nagelsmann und Alfred Schreuder tätig war. Am Ende der Saison stand der Aufstieg, mit Matarazzo holte der VfB Stuttgart aus den verbleibenden 16 Spielen noch 27 Punkte – ein schlechterer Punkteschnitt als unter Walter (1,69 zu 1,72).

Dementsprechend betrachtete man den Aufstieg des VfB Stuttgart eher mit Zweifeln. Ein Team mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren, bei denen Marc-Oliver Kempf mit 66 Spielen zu den erfahreneren Bundesligaspielern zählte, müsse sicher eine Menge Lehrgeld in der Bundesliga zahlen.

Falsch gedacht: Nach 15 Spielen steht der VfB Stuttgart mit 21 Punkten auf dem zehnten Tabellenplatz. Nicht nur beim 5:1 Sieg über Borussia Dortmund rissen die Stuttgarter ihre Fans (vor dem Bildschirm) mit, insgesamt spielen die Schwaben einen sehr ansehnlichen Fußball. Bevor wir einen Blick auf die Gruppen- und Mannschaftstaktik des VfB Stuttgart werfen, folgt zu jedem in der Bundesliga eingesetzten Spieler (von dem ich genug gesehen habe, um ihn ein bisschen beurteilen zu können) ein kleines Porträt. Denn: Die Spieler sind es, die die Ideen des Trainers (und ihre eigenen) lebendig machen. Bevor wir ihre Aufgabe im Mannschaftskonstrukt betrachten, sollten wir wissen, wo die Stärken und Schwächen jedes Spielers liegen.

Spielerprofile

Gregor Kobel: Fußballerisch guter Torwart, geht wenig Risiken mit Ball ein, hat gute Passschärfe, bewegt sich mit und vor allem gegen den Ball ganz gut. Auf der Linie und in Strafraumbeherrschung ganz gut, bisher ziemlich tadellos. 

Pascal Stenzel: Spielt meist Hybridrolle RHV/RV, ohne dabei Durchbruchsuchend zu agieren. Im Aufbau vor allem Durchlaufstation, nutzt Räume zum Andribbeln gut und konstant und baut anspruchsvolle diagonale Flugbälle ein. Im Herausrücken gutes Timing, im direkten 1 vs. 1 gegen schnelle Flügelspieler nicht immer so schön anzuschauen. 

Waldemar Anton: Spielt ZIV oder RHV. Sehr gutes diagonales Spiel aus kleinräumigem Andribbeln, starke Erkennung von Passwegen und ordentlich bis gute Technik. Bewegt sich super im Aufbauspiel, sehr aktiv und sehr detailliert in Positionsfindung. Im Kopfballspiel technisch nicht immer ganz sauber, außerdem nicht so schnell. Aber ebenfalls ganz gutes Herausrück-Timing. 

Marc-Oliver Kempf: Bester Innenverteidiger Stuttgarts, meist LHV/ LV Hybrid. Defensiv in allen Bereichen am stärksten, im Aufbauspiel sehr stabil, findet gute Aufrückmomente, meist aber etwas konservativer als der RHV, vor allem Rückpässe. 

Atakan Karazor: Schmale Sample Size. Meist als IV gebracht worden, pro Spiel defensiv 1-2 Schnitzer drin, im Aufbauspiel solide.

Marcin Kaminski: Geringe Sample-Size, wirkte kopfball stark als ZIV und gab ordentlich Absicherung. Ist für HV Rolle nicht so geeignet, Aufbauspiel und Herausrück-Timing nicht ideal. 

Konstantinos Mavropanos: Meist RHV/RWB Hybrid, bringt sich dabei mit starken Horizontalaktionen aus der Breite ein und findet gute Momente zum Schieben ins 2/3. Legt sich früh auf Anspiel fest, dadurch auch mal hanebüchene Fehlpässe. 

Borna Sosa: Spielt meist LV/LWB Hybrid. Sehr gut, wenn er sich auf horizontale/diagonale Aktionen konzentriert, super Ballführung und Körperbeherrschung. Bewegt sich außerdem recht weiträumig, bleibt aber konstant breit. Flankt leider viel zu viel und viel zu schlecht, entweder er ohne Dynamik oder seine Mitspieler, wird nie gefährlich. 

Wataru Endo: Fußballgott auf 6. In BB im Wechselspiel mit Mangala, aber meist Solo 6. Bewegt sich nah an IVs, schob im Saisonverlauf aber immer höher. Gute Positionsfindung, krasse Handlungsschnelligkeit, geiles linienbrechendes Passspiel, sehr gute Aufrückbewegungen vor allem bei Unterstützen für Flügel. Defensiv unfassbar, fungiert als Staubsauger, der entweder Sammler hinten ist oder weiträumig auf (meist) negative Orientierungen herausrückt und dadurch Gegner frühzeitig vom Tor weglenken kann. Wahnsinns Raum- und Spielkontrolle.  

Orel Mangala: Spielt als Achter, ein Spiel als LM gemacht. Dribbelstarker, pressingresistenter Akteur mit weiträumigen Ballaktionen, ohne Ball weniger spektakulär. Gegen den Ball mit sehr starkem Herausrück-Timing auf Ballgewinne. Passspiel sehr diagonal geprimed.

Gonzalo Castro: Spielt meist ziemlich frei und stellt in eigenem BB Übergänge vom 2/3 ins 3/3 her. Normalerweise als 8 aufgeboten. Gute Aktionen, wenn er nach außen schiebt in BB und wenn er in Dynamik empfängt, sucht auch dauernd und gut nach Szenen, in denen er das tut. Guter weiträumiger Andribbler mit konstanter Entscheidungsfindung. Umso präsenter Castro, umso besser ist Stuttgart. Gegen den Ball oft als Anführer des Pressings, ziemlich flexibel, gute Momente im Rückwärtspressing. 

Philipp Klement: Arme Sau, meist auf der 8 oder 10. In BB ziemlich omnipräsenter Spieler mit meist kurzen Kontaktzeiten. Standardgott, macht einfach alles gefährlich. Gegen den Ball irgendwie schwimmend zwischen Sammler und Jäger, passt nicht so ganz zu Endo. 

Daniel Didavi: Nomineller 10er, oft Empfänger von Castro Aktionen. Sucht immer den letzten Pass oder Schuss, sehr vertikal, viele Bälle in die Tiefe. Individualtaktisch gut, Bewegungsspiel sehr ego-zentriert und außerhalb des Mannschafts-Kontextes. Macht das Stuttgart Spiel nur besser, wenn er den Ball hat. Dafür macht er es dann aber auch deutlich besser.

Lilian Egloff: Schmale Sample Size, aber clever und gut im Pressing. 

Mateo Klimowicz: Ebenfalls 10er, bietet sich viel zwischen den Linien des Gegners an, super Pressingsauflösungspositionen, sucht kleinräumige Lösungen und tut das sehr gut. Enge Ballführung, gute Mobilität und Gefühl für die eigene Struktur. Erfolgsstabilität der Aktionen noch schwankend. Gegen den Ball ziemlich verloren, läuft ohne Bewusstsein für alles hinter ihm an, oft auch eher straight als im Bogen. 

Philipp Förster: Sehr cleverer Spieler, sehr ruhig und rational in allen Aktionen. Sehr stark, wenn er aus tieferer 8/10er Position Tiefensprints macht, nachschiebende Bewegungen in Strafraum hat. Insgesamt gute Tororientierung in allen Aktionen, außerdem im Dribbling raumnutzend. Im Pressing nicht so auf der Höhe. 

Silas Wamangituka: Durchschlagskraft Monster, auf beiden Flügeln unterwegs, immer eher RF als RWB. Physisch unglaubliche Wucht, schnell und gute diagonale Tiefensprints zum Tor. Bewegt sich gut, bietet sich in allen Spuren an und kann von überall Gefahr entfachen. Probleme mit Endprodukt, oft schwierig, aus höchster Dynamik kontrollierte Aktionen zum Abschluss zu finden. Gegen den Ball in Ordnung, gute Rückwärtspressing Momente. 

Tanguy Coulibaly: Ziemlich roher Durchschlagskraft Spieler, auf Flügeln, Wingbacks und auch MS unterwegs. Schnell, körperlich stark, im Dribbling ziemlich kontrolliert und wendig und gut tororientiert. Ebenfalls Probleme mit letzter Aktion und gegen den Ball vor allem als tiefer Spieler Liability, kein Verständnis für „Wann rücke ich heraus, wie laufe ich an, wann sichere ich ab?“ 

Roberto Massimo: Schmale Sample Size, ziemlich Grundlinien-Durchbruch orientierter Typ mit ganz guter Dynamik, das wars aber auch. Sehr eindimensional. Defensiv gut im Rückwärtspressing. 

Nicolas Gonzalez: Meist als MS gespielt, vereinzelt 10er oder LWB. Technisch starker Spieler mit großem Aktionsradius, kann Durchbrüche mit Doppelpässen und Ablagen vorbereiten, aber ebenfalls durch dynamische Dribblings selbst erzeugen. Hilft dem Stuttgarter Angriffsspiel enorm, ständiger Unruheherd. Gegen den Ball ebenfalls ordentlich- gut, kann Gegenspieler unangenehm aus Rücken überraschen und lenkt sehr zuverlässig. 

Sasa Kalajdzic: Trotz seiner Größe von 2 Metern kein klassischer Mittelstürmer. Versucht sich als Wandspieler, technisch auch durchaus gut, koordinativ nicht immer. Bewegt sich da aber sehr gut und zeigt generell ansprechende Wege in die Tiefe, meist aber vom Tor weg statt zum Tor hin. Bewegt sich für Flanken ganz ordentlich, aber oft Probleme mit fehlender Dynamik, Agilität und fehlender Technik. Im Pressing gut, erkennt Szenen frühzeitig und zuverlässig und kann damit Druck auf Gegenspieler erhöhen. 

Dass der VfB Stuttgart diese Saison bisher so eine Überraschung ist, hat natürlich nicht nur mit der individuellen Qualität der Spieler zu tun. Schließlich ist es die Aufgabe des Trainers, den Spielern einen Rahmen zu geben, indem sie ihre Stärken bestmöglich entfalten können und ihre Schwächen bestmöglich kaschiert werden. Dafür schreckt Pellegrino Matarazzo nicht vor unkonventionellen Lösungen zurück.

Defensive

Es mag mal üblich gewesen sein, sich als Aufsteiger hinten einzumauern – der VfB Stuttgart hält nichts davon. Auch gegen die Top-Mannschaften der Bundesliga wird hoch gepresst. Die Stuttgarter möchten den Gegner damit vom eigenen Tor weglenken und suchen dann nach Rückpässen oder Pässen nach außen den Zugriff. Der Gegner wird damit zu Fehlern gezwungen, meist aber wird der Ball einfach lang geschlagen. Um diese Ziele zu erreichen, griff Matarazzo bisher auf verschiedene Formationen zurück.

Nachdem der Coach in den ersten Spielen der Saison defensiv noch auf eine 5-3-2/5-2-3 Hybrid Formation mit vielen Umformungen während des Spiels vertraute, hat sich dies mit steigender Formkurve Sosas verändert. Der Kroate orientiert sich defensiv auf der Linksverteidiger Position ein und bildet mit Pascal Stenzel oder Mavropanos auf der rechten Seite eine „Viererkette“.

VfB Stuttgart Defensive Taktik

Besonders die Aufgabe der Innenverteidiger, normalerweise Marc-Oliver Kempf und Waldemar Anton, ist dabei durchaus anspruchsvoll. Kempf und Anton sind dazu angehalten, oft und vor allem weiträumig herauszurücken, um gegnerische Spieler zwischen den Linien nicht aufdrehen zu lassen. Stenzel und Sosa, die beide leicht hochgeschoben agieren, lassen sich dann fallen, um einen möglicherweise für den Gegner entstehenden Raum schnell zu schließen.

Das gelingt bisher sehr gut, was vor allem mit dem guten Timing der beiden Innenverteidiger und dem defensiv herausragenden Wataru Endo zu tun hat. Dieser bewegt sich als eine Art Staubsauger-Sechs vor der Abwehr. Endo wird oft vom fallenden Mangala unterstützt, der eine Doppelsechs herstellt. Gonzalo Castro gibt aus zentraler Position meist die Höhe des Pressings vor und bestimmt ebenfalls, wann draufgepresst wird.

Negative Orientierung = Auf ihn mit Gebrüll

Dabei nutzt der Bundesliga-Routinier oftmals die negative Orientierung (Blickfeld zum eigenen Tor) eines Gegners, um ihn unter Druck zu setzen. Dieser kann den Ball meist nur zurückspielen, was die Stuttgarter provozieren wollen: Auf den Rückpass presst Castro dann durch und erzwingt den langen Ball.

Ich nenne dieses Prinzip „Dynamik nutzen“: Wenn ich bereits Tempo aufgenommen habe und der Pass so gespielt ist, dass ich durch Beibehaltung/Steigerung meiner Dynamik durchlaufen und den Gegner unter noch größeren Druck setzen kann, dann tue ich das auch. Das ist in der Qualität und Frequenz, wie die Stuttgarter (nicht nur Castro) es tun, gar nicht so selbstverständlich.

Oft werden Spielern klare Aufgaben gegeben: Wenn der 6er vom Gegner einen Rückpass auf den Torwart spielt, dann läuft der Mittelstürmer ihn an. Im oben genannten Beispiel würde Castro nach Erfolgen des Rückpasses sein Pressing also abbrechen und Nicolas Gonzalez würde durchlaufen. Das ergibt in vielen Szenen aber überhaupt keinen Sinn. Dadurch, dass Castro bereits Dynamik aufgenommen hat und Gonzalez diese erst noch aufbauen müsste, kann Castro früher und vor allem höheren Druck auf den Ball machen. Diese Verwendung von Prinzipien statt klaren Aufgaben macht die Mannschaft insgesamt sehr flexibel.

Flexibel gegen den Ball

Statt auf bestimmte Räume oder Rollen festgelegt zu sein, werden diese bei den Schwaben fließend übernommen und gewechselt. Gonzalez, nominell oft der Mittelstürmer, findet sich im Pressing auch mal positionell als linker Wingback wieder. Didavi, nomineller Zehner, läuft ähnlich wie der „Achter“ Castro oft vom Flügel oder gar als „Stürmer“ an und versucht, den Gegner nach außen oder hinten zu lenken. Das macht es auch so schwierig, eine Formation für die Stuttgarter Defensiv-Struktur zu benennen.

Wenn man es ganz drauf anlegt, lässt sich die Formation wohl als 4-4-2/4-1-3-2 Hybrid beschreiben. Viel wichtiger als diese Zahlenanordnung ist jedoch das Grundverständnis jedes Spielers dafür, was das Team erreichen möchte. Da dieses Grundverständnis bei den Stuttgartern gut ausgebildet ist, fällt es den Spielern leicht, auf jede Spielsituation zu reagieren: Unabhängig davon, auf welcher Position sie sich gerade befinden.

Besonders im hohen Pressing sind die Schwaben daher erfolgreich: Wenn der Ballgewinn auch nicht immer gelingt, so wird der Gegner zumindest zu unkontrollierten langen Bällen gezwungen. Eine weitere Stärke der Stuttgarter ist dabei, wie sie eigene Ballverluste vorbereiten und somit ihr Gegenpressing vereinfachen.

Fehlpässe≠Fehler

Geplante Fehlpässe – für Armin Veh klang das vor einigen Jahren noch absurd. Die Stuttgarter zeigen jedoch eindrucksvoll, wie man dieses Stilmittel für sich nutzen kann. Wenn Kempf oder Anton unter großem Druck stehen und ihnen sich keine Anspielstation bietet, spielen sie den Ball in die Tiefe. Genauer gesagt: In den Rücken der gegnerischen Abwehr.

VfB Stuttgart Pressing
Der blaue Verteidiger muss den Ball mit Blickfeld zum eigenen Tor erlaufen und bekommt sofort Druck von den durchstartenden Stuttgartern.

Dabei wird jedoch darauf geachtet, dass der Ball nicht zu weit und nicht zu kurz gespielt wird, sodass der gegnerische Verteidiger den Ball erlaufen muss. Das Prinzip dahinter: Wenn die eigene Kontrolle des Balles nicht möglich ist, dann sollte die gegnerische Kontrolle erschwert werden. Dem eigenen Team wird damit die Möglichkeit gegeben, hochzuschieben und Druck auf den Gegner zu machen. Für den Ballführenden ist die Situation unheimlich eklig zu lösen: Beim Ablaufen des Balles schaut er nicht nur zum eigenen Tor, er läuft auch noch dorthin. Seine Orientierung UND seine Dynamik sind negativ, was es ihm nahezu unmöglich macht, unter Druck das Spiel nach vorne zu lösen. Was erreichen die Stuttgarter also? Der gegnerische Spieler „gewinnt“ zwar den Ball, muss aber nach hinten spielen und die Stuttgarter können sofort wieder durchlaufen. Zack Bumm, Ballgewinn (bzw. meist langer Ball vom Torwart).

Doch auch in „normalen“ Gegenpressingszenen nach Ballverlust im Mittelfeld zeigen sich die Stuttgarter ordentlich. Die Spieler schieben schnell raus, die offensiven Akteure machen von hinten Druck und somit wird der Raum um den Ballführenden schnell verkleinert. Auch hier ist das weite Herausrücken der Innenverteidiger ein Stilmittel, um gegnerische Angriffe frühzeitig zu unterbinden. Und zur Not ist ja noch Endo da.

Asymmetrie bietet Probleme

Allerdings bietet das Gegenpressing bei den Stuttgartern, vorrangig formativ bedingt, eine klare Schwachstelle: Durch die Asymmetrie mit dem tieferen, aber früh hochrückenden Sosa und dem sehr hohen Silas Wamangituka ergibt sich in Momenten, in denen Sosa hoch aufgerückt ist, eine große Lücke hinter beiden. Dadurch müssen die Innenverteidiger vereinzelt seeeeeehr weit nach außen herausrücken, was aus mehreren Gründen suboptimal ist:

VfB Stuttgart Gegenpressing
Viel Platz auf den Flügeln.

Der Flügelspieler des Gegners (die sind ja meist recht wendig und schnell) haben ein Mismatch gegen den Verteidiger (wobei Kempf und Anton auch nicht die langsamsten sind). Anton und Stenzel müssen dann ebenfalls weit durchschieben, sodass der ballferne Raum sehr offen ist. Wenn der herausgerückte Innenverteidiger den Ballführenden nicht am Durchbruch hindern kann, befinden sich die Stuttgarter aufgrund der Dynamik der Szene oft unorganisiert im Strafraum. Der Flügelspieler wird es so leicht gemacht, seine Hereingabe beim Mitspieler anzubringen.

Im Großteil der Fälle können die Stuttgarter aufgrund ihrer äußerst disziplinierten Rückwärtsarbeit (und Endo) jedoch das Entstehen solch gefährlicher Szenen verhindern. Schnell finden sie in eine Kompaktheit zurück und versammeln sich rund um den eigenen Strafraum. Doch auch hier besitzt Stuttgart noch Verbesserungspotenzial:

Probleme, sich aus Abwehrpressing zu befreien

Hat sich der Gegner erstmal in der Hälfte eingenistet, fällt es den Schwaben schwer, zu einem Ballgewinn zu kommen oder überhaupt für Entlastung zu sorgen. Einerseits stehen sie mit nahezu allen Spielern sehr tief, einzig Gonzalez und/oder Wamangituka zocken vorne auf einen Ballgewinn. Merke: Die eigene Struktur bestimmt, wo das Team die höchste Chance hat, an den Ball zu kommen. Weil die Stuttgarter so tief stehen, fällt es ihnen schwer, nach einem Befreiungsschlag an den Ball zu kommen oder überhaupt Druck auf diesen machen zu können.

VfB Stuttgart Strafraumverteidigung
Die Stuttgarter können den Ball fast nur im eigenen Strafraum gewinnen.

Es fehlt oftmals ein Verbindungsspieler, der nach einem Ballgewinn sofort anspielbar ist und das Spiel nach vorne tragen könnte (Klimowicz macht sowas herausragend). Gonzalez bewegt sich zwar gut, ist aber alleine in der letzten Linie, um die gegnerische Verteidigung zu binden und auf lange Bälle zu spekulieren.

Der Aufsteiger tut sich ebenfalls schwer damit, ihre im Angriffspressing gültigen Prinzipien auf ein situatives Abwehrpressing anzuwenden. Statt nach Rückpässen oder generell negativen Aktionen des Gegners hochzuschieben, schieben die Stuttgarter lieber quer als hoch. Selbst unsaubere Aktionen werden nicht vom Team genutzt, um den Gegner in ungefährliche Räume zu drängen. Auffällig ist das vor allem bei Flanken des Gegner, die aus einer organisierten Staffelung heraus oftmals geklärt werden können, das gegnerische Team aber sofort wieder in Ballbesitz kommt. Hier liegt noch Potenzial brach – oder man stellt Klimowicz immer auf.

Eigener Ballbesitz

Die fünftbeste Offensive der Bundesliga stellt… der VfB Stuttgart, mit 30 Toren nach 15 Spielen. Auch in diesen Spielphasen zeigt sich das Team von Pellegrino Matarazzo enorm anpassungsfähig und flexibel. Und damit sind wir wieder beim Dilemma mit der Grundformation:

VfB Stuttgart Aufstellung

Die Stuttgarter versuchen vorrangig, über das Zentrum aufzubauen. Dafür positionieren sie möglichst viele Spieler zwischen den Linien. Endo bewegt sich meist nah an den Verteidigern und auch Mangala lässt sich vereinzelt fallen, aber dann schiebt Endo sofort hoch. Die anderen zentralen Spieler bewegen sich in der Horizontale recht frei, was den Aufsteiger so unberechenbar macht:

Wamangituka kann von seinem angestammten rechten Flügel bis ins Zentrum durchschieben, dafür übernimmt dann Castro den rechten Flügel und Gonzalez den rechten Halbraum. Es ist nicht wichtig, wer die Spuren besetzt, sondern dass die Spuren besetzt sind und die Positionierungen dort möglichst dynamisch und flexibel erfolgen.

Im Aufbau variieren die Stuttgarter oftmals zwischen Dreier- und Viererkette. In der Dreierkette rückt Pascal Stenzel als rechter Halbverteidiger ein, während Sosa hochschiebt. In den letzten Spielen jedoch positionierte sich Stenzel ebenfalls breit, interpretiert seine Rolle aber insgesamt tiefer als Sosa. Statt in den Angriffen bis in die letzte Linie durchzuschieben, stellt er meist eine Rückpassoption für Wamangituka war. Sosa hingegen rückt (mit sensationellem Timing) auf und sorgt für Durchschlagskraft und ansehnliche Kombinationen auf der linken Seite.

Positionsrochaden sind schwierig zu verteidigen

Diese vielen Positionsrochaden der Spieler erschweren es dem Gegner, sich auf Stuttgart einzustellen. Meist kann sich ein Außenverteidiger auf bestimmte Angriffsmuster des Gegners mit bestimmten Spielern einstellen: Sein „direkter Gegenspieler“ ist vermutlich der Flügelspieler des Gegners, der seinen Haupt-Referenzpunkt im gegnerischen Team darstellt. Dazu kann der Außenverteidiger des Gegners kommen (bei einem Hinterlaufen bspw.) oder auch die hochschiebenden zentralen Mittelfeldspieler.

Gegen Stuttgart fällt dies viel schwerer, weil nicht nur viele unterschiedliche Spieler Referenzpunkte darstellen, sondern diese auch in unterschiedlichsten Funktionen verteidigt werden müssen. Der Außenverteidiger muss nicht nur direkte Duelle defensiv gegen Wamangituka bestreiten, sondern in anderen Spielszenen auch gegen Castro, Didavi, Mangala und Gonzalez. Das macht es dem Verteidiger deutlich schwieriger, seinen Gegenspieler während des Spiels „lesen zu können“: Immer wenn der Verteidiger denkt, jetzt weiß er, wie er den nächsten Zweikampf mit Wamangituka zu führen hat, kommt ein neuer Gegenspieler mit anderen Tendenzen. Heißt: Alle gegnerischen Spieler müssen durchgehend ALLE Stuttgarter auf dem Zettel haben – das ist gar nicht so einfach.

Klare Mannorientierungen sind somit ebenfalls enorm erschwert. Verlässt der Verteidiger einen wertvollen Raum, um seinen Mann zu verfolgen, besetzt Stuttgart diesen wertvollen Raum dynamisch mit einem anderen Spieler. Wie man es macht, als Verteidiger kann man es fast nur verkehrt machen.

Aufbauspiel

Um den Ball überhaupt in das Mittelfeld zu treiben, nutzt der Aufsteiger verschiedene Stilmittel. Besonders aus der situativen Dreierkette mit Stenzel suchen die Verteidiger das Andribbeln, um den Raum zu überbrücken. Das Andribbeln ist dabei ein überaus wichtiges Mittel, um den Gegner unter Entscheidungsdruck zu bringen: Bleibe ich im Raum oder attackiere ich den Ballführenden? Bleibt der Gegenspieler passiv, können insbesondere Kempf und Stenzel den Ball weiter nach vorne tragen und den Gegner nach hinten zwingen.

Rückt der Gegner heraus, können Kempfs Mitspieler den Raum besetzen oder ihm andere Optionen bieten. Bisher sieht Stuttgarts Einbindung des Andribbelns jedoch nicht ideal aus – der Spieler in der selben Bahn wie der Ballführende schiebt meist hoch, um Platz für das Andribbeln zu schaffen. Das ist auch gut so, es fehlen aber Folgebewegungen für den Moment, indem der Ballführende dann unter Druck gerät. Hier könnte beispielsweise Wamangituka noch öfter in die Tiefe gehen oder einer zentralen Spieler in den ballfernen Halbraum schieben, um ein diagonales Anspiel zu ermöglichen. Zurzeit hängt die Erfolgsstabilität des Andribbelns bei den Stuttgartern stark von der (guten) individualtaktischen Qualität der Spieler ab, mit noch besserer mannschaftlicher Einbindung könnte das zu einer noch größeren Waffe werden.

Mögliches Andribbeln nach schneller Verlagerung.

Linienbrechendes Passspiel

Außerdem gelingt es den Stuttgartern gut, aus dem Aufbauspiel linienbrechende Pässe bei ihren Mitspielern anzubringen. Das hat mehrere Gründe: Die Struktur des Aufsteigers ist so aufgebaut, dass diese Pässe möglichst oft spielbar sind. Dafür bringen die Stuttgarter viele Spieler zwischen die Linien, die sich dort flexibel bewegen. Dem Gegner wird es somit erschwert, alle Passlinien zu schließen.

Wenn ein Spieler frei sein sollte, gelingt es den Innen-/Halbverteidigern allerdings auch herausragend, diesen zu finden und zu bespielen. Hier tun sich besonders Waldemar Anton, Kempf und auch Endo hervor. Anton gelingt es oftmals sogar, den Ball diagonal nach kurzem Andribbeln entgegengesetzt zur Passrichtung durch mehrere Linien zu spielen.

Endos Aktionen sind nicht viel unspektakulärer. Wenn sich der Japaner fallen lässt, um den Ball tief und kurz vor den Innenverteidigern abzuholen, hat er etwas ganz bestimmtes im Sinn: Durch sein Fallen zieht er seinen Gegenspieler so mit, dass dieser einen kleinen Raum öffnet. Diesen Raum hatte Endo schon vor seiner Freilaufbewegung gesehen und erkannt, dass er dort einen Mitspieler anspielen kann.

Stuttgart Endo Fußballgott
Das Besondere ist die Schnelligkeit der Aktion und die vorher darauf abgestimmte Bewegung Endos.

So kommt es zu absolut unnatürlichen Szenen, in denen Endo unmittelbar nach der Ballannahme einen Pass durch die Linien des Gegners knallt, obwohl dieser Passweg vor einer halben Sekunde noch gar nicht da war. Auch nach langem Überlegen ist mir leider kein schönes Wort für diese Aktion eingefallen, vielleicht hat da jemand eine gute Idee.

Spielen und Gehen

Ein weiteres Stilmittel ist das „Spielen und Gehen“, welches die Schwaben vorrangig in der Abwehrkette einsetzen. Die Bewegungen nach dem Pass haben das Ziel, den Passempfänger sofort zu unterstützen. So wird besonders Gregor Kobel nach Rückpässen sofort unterstützt (Sonderlob an Waldemar Anton), damit er unmittelbare Anspieloptionen hat.  Der Stuttgarter Keeper kann dadurch unter hohem Druck den Ball wieder flach herausspielen, statt ihn in ungenügende Staffelungen lang zu schlagen (dazu später mehr).

Auch nach Querpässen zum anderen Innen-/Halbverteidiger setzt sich der Passgeber sofort diagonal nach hinten ab, was mehrere Funktionen gleichzeitig ausfüllt: Für den Passempfänger wird ein Rückpass erleichtert, da der Pass diagonal gespielt werden kann und die Passdistanz kürzer ist. Der mögliche Rückpassempfänger hat den Vorteil, dass er im Gegensatz zu einem Querpass bei einem diagonalen Rückpass das Spiel sofort vor sich hat. Statt erst bei der Ballannahme die positive Orientierung herstellen zu können, ist diese beim diagonalen Rückpass automatisch gegeben.

VfB Stuttgart Aufbauspiel
Der zentrale Innenverteidiger hat das Spielfeld nach dem Pass vor sich.

Außerdem bietet der Mitspieler so auch eine Absicherung, falls der Passempfänger den Ball verlieren sollte. Der absichernde Spieler kann so schneller eingreifen und einen möglichen Ballverlust besser ausbügeln. Zusätzlich gibt es jedoch einen weiteren Unterpunkt des „Spielen und Gehens“, welcher vor allem im Übergangsspiel und der Chancenkreation der Stuttgarter prominent ist:

Der Doppelpass

Im Laufe dieser Analyse waren wir bereits darauf eingegangen, dass es ein Anliegen der Stuttgarter ist, die gegnerischen Spieler möglichst mit negativer Orientierung den Ball empfangen zu lassen. Im Idealfall wird der Gegner sogar in eine negative Dynamik gezwungen, sodass es koordinativ ebenfalls anspruchsvoller wird, das Spiel nach vorne lösen zu können.

Während die Gegner negativ orientiert sein sollen, möchten die Stuttgarter ihre Spieler mit positiver Orientierung und – idealerweise – Dynamik empfangen lassen. Dazu dient das Andribbeln, dazu dienen die (diagonalen) linienbrechenden Pässe, dazu dient das Spielen und Gehen. Ein weiteres Mittel, um positive Orientierung herzustellen, sind Doppelpässe, bei denen der Initiator einen Pass in die Vorwärtsdynamik erhält.

Stuttgart Doppelpass
Wamangituka startet mit Tempovorteil in die Tiefe.

Für den Gegner sind Doppelpässe schwierig zu verteidigen, weil sich die Ballsituation und -position in kurzer Zeit stark verändert. Zuerst folgt der Pass auf einen statischen Spieler, welcher mit dem Rücken zum Tor steht – eigentlich also ein Pressingauslöser. Damit der Spieler nicht aufdrehen kann, rücken also die umgebenden Verteidiger auf ihn heraus. Startet nun der ursprüngliche Passgeber unmittelbar nach seinem Pass durch, müssen sich die Verteidiger entscheiden: Legen wir unser Augenmerk auf den Ballempfänger und pressen auf ihn oder bleiben wir tief, um den Tiefensprint zu verteidigen?

Damit ein solcher Doppelpass gelingen kann, sollte sich der erste Passempfänger also in einer besseren Position befinden als der Passgeber: Sonst müssten die Verteidiger ja gar keinen Druck auf ihn machen. Den Stuttgartern gelingt dies bisher gut, weil Kalajdzic sich hierfür als Wandspieler ordentlich bewegt, besonders aber Coulibaly und Wamangituka solche Szenen zuverlässig erkennen und mit ihrer Dynamik nutzen können.

Probleme im Stuttgarter Spiel

Diese Doppelpässe nutzt Stuttgart vorrangig, nachdem bereits der Übergang ins Mittelfeld erfolgt ist und sie eine Chance vorbereiten möchten. Um jedoch noch häufiger Spieler zwischen den Linien mit positiver Orientierung überhaupt freizuspielen, könnte der Aufsteiger sich einem Stilmittel bedienen, welches in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren hat: Dem Spiel über den dritten Mann.

Bei den Stuttgartern sind die Bewegungen der Mittelfeldspieler eigentlich gut aufeinander abgestimmt: Alle besetzen unterschiedliche Spuren, niemand versperrt den Passweg zu seinem Kollegen und die Bewegungen sind meist gegenläufig (einer schiebt hoch, einer lässt sich fallen). Das Problem besteht darin, dass die Stuttgarter Mittelfeldspieler im Aufbau so allerdings nicht aneinander angebunden sind. Endo knallt manchmal einen krassen Pass durch die Linien, sonst jedoch werden (aus dem Aufbauspiel heraus) kaum Kombinationen gesucht. Wenn doch, sind diese meist wenig effektiv.

Oftmals ist das kein Problem, weil durch die individualtaktische Qualität der Innen-/Halbverteidiger und der ZMs die Spieler trotzdem mit positiver Orientierung bespielt werden. Sobald dies geschehen ist, dribbeln die Mittelfeldspieler sehr konsequent an und stellen somit Übergänge ins letzte Drittel her. In den Spielen gegen Freiburg und Bremen jedoch, die beide das Zentrum extrem kompakt hielten, fiel es dann schwerer, diese Spieler zu finden. Erst nach formativen Anpassungen Matarazzos, die eine Staffelung mit mehr Kombinationsmöglichkeiten erzeugten, gelang dies wieder.

Was Stuttgart also herausragend nutzt, ist die positive Orientierung der Spieler. Um diese jedoch aus dem geordneten Ballbesitz herzustellen, könnte das Spiel über den dritten Mann (oder generell einfach mehr kombinative Strukturen im Mittelfeld) ein passendes Mittel sein.

Langer Ball, was nun?

Auch wenn der Aufsteiger möglichst flach spielen möchte, so greifen sie unter hohem Druck gelegentlich zum langen Ball. Mit Sasa Kalajdzic wartet vorne oftmals natürlich ein langer Hüne mit 2 Metern Körpergröße, da kann man mal lang pöhlen, oder? Der Österreicher gewinnt sogar knapp über 50% seiner Kopfballduelle, das ist nicht das Problem – das Problem ist, was danach passiert.

Obwohl der Aufsteiger passendes Spielermaterial dafür hat, gelingt ihnen keine ordentliche Unterstützung bei langen Bällen. Kalajdzic ist meist auf sich allein gestellt, sodass der Ball gegen mehrere Gegenspieler sofort wieder weg ist. Das Ziel sollte sein, dem Österreicher mehrere Optionen zu geben – so könnte ein anderer zentraler Spieler hochschieben, um ihm eine Ablageoption zu geben. Oder Wamangituka (der das häufig macht) spekuliert darauf, dass Kalajdzic den langen Ball in die Tiefe verlängert und startet bereits durch, während der Ball in der Luft ist.

Solche einfachen Folgebewegungen sieht man bei Stuttgart zu selten.

Das Problem scheint zu sein, dass die Stuttgarter einfach nicht auf den langen Ball eingestellt sind. Wie bereits erwähnt, unterstützt der Aufsteiger vor allem nach Rückpässen auf den Torwart mit weiträumigen, fallenden Bewegungen. Wenn der Druck auf Kobel jedoch extrem hoch ist und kein Innenverteidiger unmittelbar anspielbar ist, knallt dieser den Ball lang. Das geschieht dann völlig gegen die Dynamik seiner Mitspieler, sodass es auch enorm schwierig ist, Kalajdzic oder auch Gonzalez vorne zu unterstützen.

Ein potenzielles Ziel könnte sein, die Tendenzen und die Situation des Ballführenden besser einzuschätzen. Besonders Torhüter neigen unter hohem Druck zum langen Ball, da ein Ballverlust von ihnen normalerweise mit einem Gegentor gleichzusetzen ist. Ist also bereits absehbar, dass Kobel die Situation nicht kurz lösen kann und wird, sollten sich die Bewegungen seiner Mitspieler daran orientieren. Die Kopfball-Verlängerungen von Kalajdzic, das (gute) Aufrücken von Didavi oder Castro und die Tiefensprints von Wamangituka könnten eine Waffe sein – dafür benötigt es aber eine Einbindung dieser Bewegungen.

Support the Wingers

Der VfB Stuttgart möchte über das Zentrum aufbauen – das sollte inzwischen klar geworden sein. Die Flügel werden vorrangig im letzten Drittel über aufrückende Bewegungen von Sosa oder durchstartende Bewegungen von Wamangituka bespielt. Im Aufbau hingegen, wo viele Teams den Flügel als Ausweichstation und/oder zum Anlocken nutzen, nutzen die Stuttgarter die Breite kaum bzw. unterstützen sie nicht gut.

Stuttgart Flügel
Sosa kann hier fast nichts tun außer Dribbeln. Zum Glück kann er gut dribbeln.

Besonders Sosa gerät so oft unter Druck, wenn er den Ball mal in tieferer Position erhält. Unterstützung erhält er vereinzelt vom (sehr gut) hochschiebenden Endo, sonst jedoch ist er oft auch sich alleine gestellt. Der Kroate ist dann oft dazu gezwungen, sich per Dribbling aus diesen Szenen zu lösen. Das macht er dann gerade mit horizontalen Dribblings gut, trotzdem könnte sich der Aufsteiger hier noch weiter verbessern: So könnten die aufrückenden Bewegungen von Endo oder auch von Mangala häufiger genutzt werden, um Sosa zu entlasten und außerdem zentral positive Orientierung zu ermöglichen.

Insbesondere die Rolle von Wamangituka könnte weiträumiger ausgelegt werden. Besonders, wenn Stenzel als rechter Halbverteidiger eingerückt ist, könnte der Stuttgarter Top-Torschütze kurz kommen, um den Gegner anzulocken. Dieses lockende Element am Flügel geht dem Aufsteiger bisher noch ein wenig ab, obwohl sie sich so mehr Platz im Zentrum verschaffen könnten.

In den letzten Spielen zeigten die Schwaben jedoch bereits gute Ansätze mit der angepassten Rolle Stenzels, der sich häufiger wie ein Rechtsverteidiger im Aufbau bewegt. So gelingt es ihnen, die „Schwachstelle“ ihrer Asymmetrie, die fehlende Breite im 2.Drittel rechts, dynamisch zu besetzen. Durch mögliche Wechselspiele mit Wamangituka könnte das allerdings noch interessanter werden.

Die Strafraumbesetzung Stuttgarts bei Hereingaben

Weiteren Verbesserungsbedarf gibt es, wenn die Schwaben den Ball im letzten Drittel den Ball an der Außenbahn haben. Wamangituka sucht entweder ein durchbrechendes Dribbling oder den Doppelpass, Sosa hingegen neigt jedoch zu hohen Flanken.

Dabei treten gleich mehrere Probleme auf: Trotz durchaus ordentlicher Flankentechnik bekommt Sosa die Bälle einfach nicht gefährlich. Nach 80 Flanken aus 12 Spielen konnte der Kroate so noch kein Tor vorbereiten. Einerseits hat das damit zu tun, dass er die Bälle zu häufig aus einer statischen Position herausspielt. Grundsätzlich gilt: Umso statischer die Ballsituation, umso dynamischer müssen die umliegenden Bewegungen sein. Wenn die Stuttgarter mit hoher Dynamik in den Strafraum reinstarten würden, wäre es demnach weniger problematisch, wenn Sosa die Bälle aus einer statischen Situation schlägt.

Tun sie aber nicht. Der Aufsteiger schiebt so schnell nach, dass die Spieler im Moment der Flanke sich bereits im Strafraum eingefunden haben und auf den Ball „warten“. Das macht es dem Gegner leicht, diese Hereingaben zu verteidigen: Die Stuttgarter können keine Dynamik aufbauen, mit der sie in den Ball reingehen. Dem Flankengeber wird es erschwert, einen Mitspieler anzuspielen – und den Mitspielern wird die Ausführung des Kopfballs enorm erschwert, weil der Ball eher zu ihnen fliegt, als dass sie in den Ball „fliegen“ können. Entweder fokussiert sich Sosa noch mehr auf horizontale Dribblings (die kann er nämlich sehr gut), damit man sich am Strafraum noch eher durchkombinieren kann. Oder die Schwaben arbeiten an ihrer Strafraumbesetzung, um in ihrem Flügelspiel variabler zu werden.

Alles hängt miteinander zusammen

Als ich mir alle Stuttgarter Saisonspiele anschaute und anfing, diese Mannschaftsanalyse zu schreiben, stach mir vor allem ein Aspekt immer mehr ins Auge: Die verschiedenen Spielphasen lassen sich nicht voneinander trennen. Meine Struktur gegen den Ball bestimmt, wo ich ihn wahrscheinlich erobern werde. Wo und vor allem in welcher Situation ich den Ball erobere, hat dann wieder großen Einfluss darauf, was ich mit dem Ball anfangen kann.

Genauso bestimmt die Stuttgarter Struktur in Ballbesitz auch, wie sie das Spiel aufbauen, welche Spieler wie oft und in welcher Situation den Ball bekommen und wie sie sich Torchancen herausspielen. Gleichzeitig wird so ebenfalls determiniert, wo der Aufsteiger ein erhöhtes Risiko hat, den Ball zu verlieren. Das hat wiederum Einfluss darauf, wie die Stuttgarter verteidigen usw.

Worauf ich hinausmöchte: Die Struktur der Mannschaft bestimmt, wie ihr Spiel aussieht. Ich kann kein Spiel über den dritten Mann einfordern, wenn sich die Spieler dafür nicht passend bewegen. Ich kann nicht meiner Mannschaft sagen, dass wir heute oft lang auf unseren Zielspieler spielen möchten, wenn im Aufbau alle Spieler außer ihm tief stehen (kann ich schon, aber das ist dann sehr schlecht). Gegen den Ball kann ich nicht hohen Druck auf den Ballführenden einfordern, wenn meine Spieler 20 Meter von diesem entfernt ist.

Die Krux ist, dass die Struktur bestmöglich zum angestrebten Spiel passen sollte. Um linienbrechende Pässe zu den Mittelfeldspielern spielen zu können, muss ich möglichst viele Spieler zwischen die Linien bringen. Damit ich den Gegner nach außen lenken kann, muss ich dem Ballführenden den Weg und die Anspielstationen nach innen abschneiden.

Aus Stärke resultiert „Schwäche“

Dem Team von Pellegrino Matarazzo gelingt dies bisher sehr gut: Ihre Struktur ist im Einklang mit dem, was die bevorzugten Aktionen des Aufsteigers sind. Im zentralen Bereich lösen sie sich aus dem gegnerischen Pressing vor allem mit Dribblings – um Platz dafür zu schaffen, müssen die Mitspieler etwas Abstand vom Ballführenden haben. Das erschwert zwar das Spiel über den dritten Mann, vereinfacht aber das eigentliche Ziel: Das Andribbeln.

Wenn ich also von „Schwachstellen“ oder „Probleme“ der Stuttgarter schreibe, mag es oft sein, dass dies Dinge sind, die von dem Aufsteiger in Kauf genommen werden, um in anderen Bereichen stärker zu sein. So mag es ihnen vielleicht wichtiger sein, Kobel in jeder Situation kurz zu unterstützen, statt sich bereits auf einen langen Ball einzustellen.

Demnach ist das Ziel der Analyse nicht nur, „Probleme“ der Schwaben zu nennen, sondern auch versuchen zu erklären, woher diese kommen. Wenn ich von Verbesserungsbedarf schreibe, meine ich, dass die Stuttgarter ihrem Spiel hier noch eine weitere Facette hinzufügen könnten oder aus meiner Sicht an der Balance ihrer Aktionen arbeiten.

So möchten der Aufsteiger beispielsweise über das Zentrum eröffnen: Aber was, wenn Sosa auf der linken Seite frei ist? Die Stuttgarter sollten trotz ihrem Fokus auf das Aufbauspiel durch das Zentrum wissen, wie sie Sosa am Flügel unterstützen können – auch wenn es nur dem Zwecke dient, das Spiel durch das Zentrum zu erleichtern.

Ausblick auf die restliche Saison

Insgesamt betrachtet spielen die Stuttgarter bis jetzt eine gute Saison. Ein Aufsteiger mit einem Durchschnittsalter von 24,1 Jahren im Kader, der nach 15 Spielen auf dem 10. Platz steht, ist durchaus als Überraschung anzusehen. Pellegrino Matarazzo gelingt es bisher, die Spieler entsprechend ihrer Stärken aufzustellen. Besonders die gemeinsame Einbindung von Didavi und Castro könnte fast einen eigenen Text bekommen (vielleicht kommt da ja mal was).

Außerdem zeigen sich die Schwaben von Spiel zu Spiel verbessert und neue Rollen für die Spieler geschaffen. Nach Expected Goals unterperformen die Stuttgarter sogar – ein plötzlicher Leistungseinbruch ist nicht zu erwarten (außer Endo verletzt sich).

Stattdessen darf man gespannt sein, wie die nächsten Schritte aussehen werden, die Matarazzo mit seiner Mannschaft gehen wird.  Werden die Grenzen zwischen der Dreier- und Viererkette im Aufbau noch fließender? Werden sich auch die Verteidiger am flexiblen Bewegungsspiel im Mittelfeld beteiligen?

Eines ist sicher: Langweilig wird es mit dem VfB Stuttgart nie.

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Ein Kommentar

  1. Tolle Artikel. Und Sosa scheint ihn auch gelesen zu haben. Prompt schlägt er beim 1:1 gegen BMG eine Flanke auf den dynamisch in den Strafraum startenden Gonzalez, der „in den Ball fliegt“.

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