Teil 1: Wie funktioniert Taktikanalyse?

Dieser Artikel ist die Einleitung zu einer Serie, die sich mit dem Thema Taktikanalyse beschäftigt. In dem Artikel werden die Fragen formuliert, die der Artikelreihe eine bestimmte Richtung vorgeben. Ganz allgemein soll in der Artikelreihe verschiedene Aspekte von Taktikanalyse diskutiert und erprobt werden.

  1. Wieso ist Fußballanalyse wichtig?

Von der Frage kommt man schnell zu der Frage, welche Funktion die Fußballanalyse in der allgemeinen Arbeit als Trainer hat. Oder ganz konkret: Welche Funktion hat die Analyse der Spiele für mich als Trainer? Wir trainieren unter der Woche und haben am Wochenende ein Spiel. Dieses Spiel zeichnen wir (manchmal) auf und analysieren es anschließend. Womit setzt sich die Analyse auseinander? In der Analyse wird das Endprodukt, das über Training, Übungen und alle weiteren Faktoren entwickelt wird, reflektiert und ausgewertet. Die Analyse des Endprodukts ist das Abgleichen des tatsächlichen Zustands mit dem Ziel-Zustand. Und die Erkenntnisse, die wir darüber gewinnen, wirken auf das Training ein. 

Die Analyse von Fußballspielen bietet keine Lösungen an, sondern arbeitet Probleme heraus, auf denen die Lösung entsteht. Damit ist sie aber ein zentraler Teil der Lösung. Auch der Effekt der Lösung wird wieder über die Analyse eingeordnet und bewertet. Das ist ein Teil der Analyse. Gleichzeitig nutzen wir die Analyse von anderen Mannschaften (nicht Gegner), um zu verstehen, wie bestimmte Prozesse funktionieren und mit diesem Wissen entwickeln wir neue Lösungen für neue Probleme. Es hilft mir also sowohl Probleme zu erkennen, ist aber auch die Grundlage für neue Lösungen.

Diese Grafik soll die Funktionen unserer Analysen deutlicher darstellen.

B. Probleme bei der Analyse?

1. Wann ist Taktikanalyse unwissenschaftlich? 

Wenn man an Taktikanalyse denkt, dann kommt man schnell zu dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit. Wenn man diesen Vorwurf nicht hinterfragt, sondern erstmal davon ausgeht, dass er seine Richtigkeit hat, und man für sich den Anspruch hat eine möglichst objektive/wissenschaftliche Analyse zu erstellen, um wichtige Probleme für präzisere Lösungen zu finden, dann sollte man sich fragen, in welchen Bereichen die Fußballanalyse unwissenschaftlich ist, bzw. unwissenschaftlich arbeitet. 

Ein Ziel dieser Reihe soll es also sein, zu untersuchen, wann die Fußballanalyse diese Grenze überschreitet (oder an diese Grenze zukommt), also sich von dem Spiel entfernt und Dinge wahrnimmt, reininterpretiert, die über das Gesehene hinausgehen. Die verschiedene Situationen sollen diskutiert werden.

Dafür kann man analysieren mit welchem (I) Material und mit welchen (II) Methoden die Taktikanalyse arbeitet. 

(I) Das Material wäre dann ein bestimmtes Spiel oder mehrere Spiele. Der Analyst nimmt von dem Spiel, aber immer nur einen bestimmten Ausschnitt wahr, den er anhand von bestimmten Methoden analysiert, um am Ende Aussagen zu spezifischen Themen zu treffen.

Zu (I) kann man fragen, wieso der Analyst das wahrnimmt, was er wahrnimmt und wodurch seine Wahrnehmung gesteuert wird. Wenn man das herausgearbeitet hat, kann man quasi das Erstellen, bzw. das Sammeln von dem Material bewerten und überlegen, welche Dinge durch die eingeschränkte Wahrnehmung des Materials nicht mehr festgestellt werden. 

Ganz konkrete Problematik zu (I): Wenn ich Spiele von meiner Mannschaft anschaue, dann merke ich das mein Beobachtungen über die trainierten und diskutierten Probleme gelenkt werden, also ich schaue spezifisch auf diese Probleme und erkenne meistens Muster, die mit diesen Problemen verwand sind. Es gelingt mir dann nicht neue Muster, bzw. nicht die erwarteten Probleme wahrzunehmen. Wenn meine Problemanalyse also nicht richtig ist, dann ist meine Wahrnehmung darüber beschränkt und die Problemanalyse hindert mich daran neue Probleme wahrzunehmen und neue Lösungen zu entwickeln. 

(II) Mit den Methoden leitet man vom Material konkrete Thesen und Aussagen über das Spiel, eine Mannschaft, einen Spieler ab. Zu (II) kann man fragen: Welche Methoden werden verwendet? Welche Methoden werden durchgehend verwendet, überschneiden sich zwischen unterschiedlichen Analysten und liefern eine zuverlässige Aussage? 

Welche Methoden werden häufig verwendet und liefern keine zuverlässige Aussage?

Wie unterscheiden sich die Verfahrensweisen je nach Analyst und wie entstehen bestimmte Verfahren? Am Ende könnte man dann im absoluten Idealfall eine Art von Methoden-Katalog erstellen, den Analysten benutzen, um Aussagen über Spiele zu treffen. 

Diesen Fragen wollen wir uns mehr oder weniger über diese Artikelreihe stellen. Viele der Fragen sind natürlich sehr abstrakt, aber sie sollen nur dazu dienen einen bestimmte Richtung zu skizzieren. Wie sich das konkret weiterentwickelt und zu welchen Punkten man kommt, kann erst im Prozess genau geklärt werden. 

1.1 Wie kommt man den Antworten näher?

Indem man die Prozesse von anderen, möglichst genau dokumentiert und versteht, wie sie über das Material und bestimmte Methoden zu Thesen kommen, kann man in ein paar Bereichen der Funktionsweise von Analysen näher kommen. Allerdings stellt sich die Frage, wie man möglichst nah an den Analyseprozess der jeweiligen Person kommt? Ein Teil dieser Artikelserie bildet die Spielanalyse mit anderen Personen. Man schaut gemeinsam ein Spiel und analysiert dieses im Moment. Dadurch dass die Analyse direkt stattfindet, soll vermieden werden, dass Aussagen in eine bestimmte Form gedrückt werden und in dieser/wegen dieser Form dann runder wirken, als sie ursprünglich waren. Das bringt uns zu Punkt 2.

2. Welche Form hat Fußballanalyse?

Am Ende des Analyseprozess entstehen Thesen und Argumenten. Also z.B Spieler A ist ein guter Pressingspieler, weil er Pressingsituationen früh erkennt und Spieler X sofort presst, wenn dieser eine geschlossenen Stellung hat. 

Diese Thesen müssen immer in einer speziellen Form ausgedrückt werden. Deswegen frage ich mich oft, wie diese Form einen prägt, sowohl wie man Dinge im Spiel wahrnimmt, als auch wie wir die wahrgenommenen Dinge formulieren?

Persönlich bin ich sehr stark von spielverlagerung.de beeinflusst. Die Analysen dort prägen nicht nur, wie ich bestimmte Thesen formuliere und wiedergeben, sondern haben auch einen großen Einfluss darauf, wie ich bestimmte Dinge wahrnehme. Sie strukturieren meinen analytischen Prozess. Ich könnte nicht genau sagen, inwiefern mein Prozess darüber strukturiert wird, aber wenn ich alte Artikel lese und diese mit meinen Analysen vergleiche, dann sind sie sich von der Struktur ähnlich und auch ein großer Teil meiner Sprache, die ich benutze, um meine Analysen zu formulieren, ist über Spielverlagerung.de entstanden. Man könnte also sagen, dass Spielverlagerung.de, mir auf der einen Seite eine Sprache zur Verfügung stellt, die mir hilft taktische Abläufe zu sortieren und wahrzunehmen. Anderseits beschränkt sie meine Wahrnehmung, da ich mich in meiner Analyse an einen Ablauf und an einen Prozess gewöhnt habe. 

Es soll in der Reihe also auch darum gehen, zu untersuchen, in welcher Form Analysen „kommunziert“ werden können und wie die gewählte Form den Inhalt prägt bzw. welche anderen Formen theoretisch möglich wären.

Fazit

Fußballanalyse arbeitet die Probleme heraus, auf denen neue Lösungen entstehen. Die Probleme werden erkannt, in dem ein Spiel auf eine bestimmte Art wahrgenommen wird. Aus den Situationen, die wahrgenommen werden, entstehen dann mit Hilfe von gewissen Methoden Thesen und Argumente, die sich auf einen bestimmten Aspekt des Spiels beziehen. 

Die Thesen und Argumente werden wiederum in eine speziellen Form ausgedrückt (z.B Team- oder Spielanalyse). In dieser Artikelreihe soll es darum gehen, die einzelnen Prozesse besser zu verstehen und in einem allgemeineren Rahmen über Fußballanalyse zu sprechen. Am Ende lässt sich vielleicht zu den verschiedenen Teilbereichen etwas sagen, und man kommt als Trainer zu präziseren Probleme, für präzisere Lösungen.

Wenn ihr dafür irgendwelche Vorschläge oder zu ein paar Fragen Ideen habt, oder euren eigenen Analyseprozess beschreiben wollt, dann könnt ihr mir gerne auf Twitter @KFCF7 schreiben. 

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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Ein Kommentar

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