Fußball und Basketball im Vergleich: Die Unterschiede

Wo eine Tür zu geht, geht eine andere auf: Da in der Corona-Zeit die Arbeit mit meiner Mannschaft (leider) fast vollständig zum Erliegen kommt, wird Zeit für andere Dinge frei. Um eine Abwechslung vom Fußball zu bekommen, ohne den Fokus auf Fußball jedoch ganz zu verlieren, entschied ich mich dafür, mal einen tieferen Einblick in den Basketball zu wagen.

Die Highlight Videos aus der NBA sind immer sehr unterhaltsam, was sollte da also schon schief gehen? Nach dem Schauen mehrerer Spiele über die volle Zeit (Euro League und NBA) gab es einiges an interessanten Beobachtungen, die ich in diesem Text teilen möchte – immer mit dem Blick darauf, was die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sportarten bedeuten und welche Schlüsse auf den Fußball gezogen werden können.

Die Basics

Beginnen wir mal mit den Basics: Im Fußball und Basketball gewinnt das Team, welches mehr Tore/Punkte erzielt. Ein Tor im Fußball zählt immer als ein Tor. Beim Basketball hingegen wird unterschieden in Freiwürfe (pro Treffer ein Punkt, nach Wurffoul) und Würfe aus dem Feld, die entweder 2 oder 3 Punkte zählen, wenn der Spieler sich während des Wurfs hinter der Dreierlinie befindet. Das hat mehrere Auswirkungen auf das Spiel, dazu aber später mehr.

Außerdem gibt es im Basketball eine Shotclock, die besagt, dass nach 24 Sekunden ein Wurf erfolgt sein muss – sonst ist der Angriff vorbei und der Gegner bekommt den Ball. Im Fußball gibt es keine Shotclock. Wenn es ein Team darauf anlegen würde, könnte man nach einer 1:0 Führung das Spiel verwalten, indem man den Ball einfach in den eigenen Reihen hält.

Während der Angriffe im Basketball gibt es eine klare Unterteilung in angreifendes und verteidigendes Team. Alle Spieler des ballbesitzenden Teams greifen an und versuchen, eine Gefahr für den Korb darzustellen bzw. die Gefahr für den gegnerischen Korb durch Screens usw. zu erhöhen. Die verteidigenden Spieler versuchen allesamt, die Gefahr für den eigenen Korb so stark wie möglich einzudämmen.

Es gibt keine „zockenden“ Spieler, die beim Ballbesitz des Gegners darauf warten, dass ihr Team den Ball erobert und sie vorne der Nutznießer sein können. Zu schwer würde es für das eigene Team wiegen, im 4 vs. 5 verteidigen zu müssen. Im Fußball lässt sich ein 10 vs. 11 eben auch dadurch kompensieren, dass im Fußball nicht alle 11 Spieler angreifen. Da im Basketball ca. 46% der Abschlüsse im Korb landen und dann der Ball vom eigenen Korb neu ins Spiel gebracht werden muss, wäre der vermeintliche Vorteil durch die höhere Position schnell aufgehoben. Das Basketballfeld ist nämlich deutlich kleiner als ein Fußballfeld:

Ein Basketballfeld ist 29 Meter lang und 15 Meter breit. Im Fußball beträgt die Standardgröße eines Platzes 105 x 68 Meter. Offensichtlich ist, dass der Fußballplatz deutlich größer ist und in Relation ebenfalls breiter ist. Das hat auch zur Folge, dass beim Fußball die Flügel eher genutzt werden, um sich Torchancen zu erspielen. Und damit haben wir einen großen Unterschied:

Korbgefahr aus allen Winkeln

Da es keinen Torwart gibt und der Korb im Spielfeld hängt, besteht im Basketball aus fast allen Winkeln gleich große Gefahr. Einzig hinter dem Korb sind Würfe deutlich erschwert, da man den Basketball dann über das Brett werfen müsste. Die Gefahr, die offensiv von einem Spieler ausgeht, orientiert sich stark an seinem Skillset. Ein Khris Middleton ist hinter der Dreierlinie gefährlich, sein Teamkollege Giannis Antetokounmpo ist vor allem unter dem Korb gefährlich. Das Skillset bestimmt demnach, in welcher Position von Spieler X wieviel Gefahr ausgeht.

Während beim Fußball der Flügel vor allem zum Anlocken des Gegners oder für Durchbrüche per Dribbling genutzt werden kann, kann im Basketball ebenfalls aus einer breiten Position abgeschlossen werden. Das verteidigende Team muss dementsprechend ein verstärktes Augenmerk darauf legen, die Breite zu sichern – die 3-Punktelinie ist nämlich nirgendwo so nah am Korb wie in der Ecke.

Aber wir erinnern uns: Die offensive Gefahr, die von einem Spieler ausgeht, hängt stark mit seinem Skillset zusammen. Es gibt sehr gute Basketballspieler, die keine respektablen Dreierschützen sind – wenn am Ende des Angriffs Giannis Antetokounmpo in der Ecke einen Dreier nimmt, ist das ein gutes Zeichen für die Defensive. Die Wahrscheinlichkeit, dass er diesen Wurf trifft, liegt nämlich nur bei 27,2%. Wenn dort jedoch sein Teamkollege Khris Middleton steht, steigt die Trefferwahrscheinlichkeit zu 45,8% an – nicht gut für die Defensive.

Erhöhe die Trefferwahrscheinlichkeit

Das Ziel des offensiven Teams ist es, dass die Trefferwahrscheinlichkeit des Abschlusses so hoch wie möglich ist. Deswegen soll Antetokounmpo eher zum Korb ziehen und ein Middleton eher den Wurf nehmen, weil aufgrund ihres Skillsets wahrscheinlicher ist, dass sie bei diesem Abschluss erfolgreich sind.

Die Defensive hingegen versucht genau das Gegenteil zu provozieren – Antetokounmpo soll werfen und Middleton zum Korb ziehen.

Dem defensiven Team ist bewusst, dass es sehr schwierig ist, einen Abschluss des angreifenden Teams zu verhindern. Demnach muss das Ziel sein, beim Abschluss des Gegners die Trefferwahrscheinlichkeit so stark wie möglich zu verringern. Betrachten wir im Kontrast den Fußball:

Hier wird versucht, möglichst gar keinen Abschluss des Gegners zuzulassen.  Zu groß ist der Faktor Zufall, sodass ein Ball doch mal abgefälscht im Tor landet. Außerdem wird weniger stark darauf geachtet, welcher Spieler nun welchen Abschluss nimmt.

Klar, ein Team mit Lionel Messi sollte man im Umkreis von 20 Metern vom eigenen Tor nicht foulen. Ebenfalls ist logisch, dass Messi bei einer unbedrängten Abschlusssituation im Strafraum eher das Tor treffen wird als Clement Lenglet. Allerdings würde kein Trainer von einer gut verteidigten Szene sprechen, nur weil „immerhin nur Lenglet“ frei vor dem Tor zum Abschluss kommt. Alleine dadurch, dass ein Abschluss aus einer gefährlichen Position zustande kommt, scheint etwas falsch gelaufen zu sein.

Sweet Spots

Jedoch ist es ebenfalls ein Anliegen des Fußballtrainers, seine Spieler in ihre bevorzugten (Abschluss-)Situationen zu bringen. Daher spielte z.B. ein Arjen Robben als rechter Flügel – von dort konnte er mit Ball in die Mitte ziehen und zu seinem Trademark-Abschluss mit dem linken Fuß kommen. Damit das jedoch konstant passiert, muss die Antwort auf zwei Fragen gefunden werden: Wie schaffen wir es, dass Robben in einer Situation den Ball bekommt, in der er seinen Trademark-Move ausführen kann? Und wenn er diesen ausführt, wie erleichtern wir ihm das und erhöhen die Effektivität von Robbens Bewegung (und damit die Torwahrscheinlichkeit)?

Allein mit der Antwort auf die beiden Fragen könnte man wahrscheinlich mehrere Bücher schreiben, deswegen simplifiziere ich es nach dem Prinzip „Overload to isolate“: Wir überladen mit Ball die linke Seite, um den Gegner dorthin zu locken. Wenn wir nun Platz auf der rechten Seite geschaffen haben, verlagern wir zu Robben. Wenn dieser sein Dribbling startet, gibt es mehrere Bewegungen seiner Mitspieler, die ihm weitere Optionen bieten und/oder seinen Abschluss erleichtern.

So könnte z.B. Philipp Lahm hinterlaufen, was dem verteidigenden Team die Entscheidung deutlich erschwert: Geht die größere Gefahr von einer Hereingabe Lahms oder eines Abschlusses von Robben aus? Die Antwort auf diese Frage bestimmt dann das weitere Verteidigungsverhalten – wird eher der Passweg zu Lahm zugestellt oder der Dribbelweg für Robben?

Dafür ist es jedoch unabdinglich, dass Lahms Laufweg überhaupt eine Bedrohung darstellt. Man stelle sich vor, der Außenverteidiger führt seinen Laufweg in der unten gezeigten Szene an der Seitenlinie aus – von ihm würde keine Gefahr ausgehen. Die Defensive könnte sich demnach auf die Verteidigung von Robben konzentrieren. Um Reaktionen bei der gegnerischen Mannschaft zu provozieren, muss ich auf irgendeine Art Gefahr ausstrahlen. Das ist einer der Gründe, warum im Basketball selbst die „Big Man“ heutzutage werfen können.

Stelle immer eine Gefahr für den gegnerischen Korb dar!

Wir hatten bereits angeschnitten, dass es im Basketball schwer wiegen würde, wenn ein Spieler vorne „zockt“ und sein Team im 4 vs. 5 verteidigen müsste. Da es aufgrund der Regeln unheimlich schwierig ist, einen guten Ballhandler im 1 vs. 1 zu verteidigen, müssen sich Teams Mittel suchen, um diesen defensiven „Nachteil“ zu kompensieren.

Es gibt Teams wie die Golden State Warriors in dieser Saison, bei denen es für das defensive Team gewinnbringender ist, alle Spieler außer dem Superstar Stephen Curry zu ignorieren. Selbst ein weit offener Eckendreier von Spieler X ist wertvoller für das defensive Team als ein eng verteidigter Wurf von Curry, weil die Trefferwahrscheinlichkeit dann niedriger ist. Was tun die Teams also? Sie lassen seine Mitspieler offen stehen und erhöhen den Druck auf Curry, damit dieser den Ball abspielen muss. Das sieht wirklich verrückt aus:

Wenn ich davon ausgehen kann, dass die gegnerischen Spieler selbst weit offene Würfe nicht treffen, sinke ich also ab und lasse sie diese Würfe nehmen. Das hat jedoch einen weiteren Effekt: Durch die tiefere Position des Gegners ist der Weg zum Korb verstellt. Daher wird ein Antetokounmpo nur mit Spielern aufs Parkett geschickt, die werfen können – könnten sie nicht werfen, wäre der Weg zum Korb versperrt und er könnte seine größte Stärke nicht ausspielen.

Ohne Gefahr abseits vom Ball wird es schwierig

Das Gegenteil dazu stellt wohl Lionel Messi bei Argentinien dar: Wenn sie Glück haben, bekommt er irgendwie den Ball. Danach bewegen sich seine Mitspieler aber nicht mehr, sodass niemand außer Messi eine Gefahr darstellt. Der Gegner kann sich daher darauf konzentrieren, ihm die Durchbruchsoptionen per Dribbling wegzunehmen.

Die eigentliche Wirkung von Messis Dribblings, nämlich dass er Aufmerksamkeit auf sich zieht und Raum woanders öffnet, wird leider völlig verfehlt. Sein Dribbling wird schwieriger, weil er mehr Gegner um sich herum hat – und das Passspiel wird ebenfalls schwieriger, weil kein Mitspieler anspielbar bzw. in einer besseren Position als Messi ist.

Allerdings besteht hier ein weiterer Unterschied darin, dass nicht jeder Mitspieler Messis zwangsläufig eine Gefahr darstellen muss. Die Innenverteidiger haben bspw. eine absichernde Funktion, wenn der Argentinier den Ball hat. Im Gegensatz zum Basketball ist ihre Funktion nicht rein offensiv mit dem Ziel, die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs zu erhöhen. Stattdessen ist ihre Funktion defensiv und stellt sich bereits auf einen möglichen Ballbesitzwechsel ein.

Beim Basketball hat (normalerweise) jeder Spieler im Angriff eben diese offensive Funktion. Entweder sollen sie durch ihre Position selbst gefährlich für den Korb sein oder durch Screens und Cuts Unordnung beim Gegner erzeugen, welche die Teamkollegen nutzen können.

Gegenpressing im Basketball? Schwierig

Da die Fußball-typische defensive Absicherung im Basketball fehlt, ist ein Ballverlust der Worst-Case, schlimmer als ein vergebener Wurf. Der Gegner kann meist mit enormem Dynamikvorteil den Konter (Fastbreak) laufen, während alle (plötzlichen) Verteidiger mit Blickrichtung zum eigenen Korb zurücklaufen müssen. Demnach stellt sich die Frage: Warum spielen die nicht alle Angriffspressing (Full-Court-Press), um möglichst viele Ballgewinne anzustreben?

Der vermutlich offensichtlichste Unterschied zwischen beiden Sportarten ist, dass beim Fußball der Ball mit dem Fuß und beim Basketball der Ball mit der Hand geführt wird. Kontrolliert ein Basketballer einen Pass, kann er diesen mit beiden Händen fangen – das ist einfacher, als einen Flugball auf Brusthöhe zu verarbeiten.

Besonders die guten Ballhandler haben demnach eine viel größere Sicherheit über den Ball als die besten Techniker im Fußball. Da im Basketball größtenteils körperlos verteidigt wird und es nur schwer möglich ist, den Ball ohne Foul „wegzuspitzeln“, werden Steals kaum probiert, wenn z.B. ein Stephen Curry dribbelt.

Zur Not kann Curry schlichtweg seinen Körper anders positionieren und bekommt das Foul (nach 5 bzw. 6 Fouls wird ein Spieler automatisch aus dem Spiel geworfen). Oder er nutzt die Bewegung für sich und zieht zur entgegengesetzten Richtung des Gegners vorbei. Schwache Ballhandler wie z.B. Kevon Looney (tut mir leid, Kevon) dribbeln den Ball hingegen selten, sondern fangen ihn nur und passen ihn dann weiter. Zu hoch ist die Chance, dass ihnen ein Gegner den Ball abnehmen und einfache Punkte erzielen kann.

Beim Fußball fällt es deutlich einfacher, einem Spieler im Zweikampf den Ball abzunehmen. Diese klassischen 1 vs. 1 Szenen gibt es zwar selten, aber durch z.B. Rückwärtspressing können situative und ballnahe Überzahlen hergestellt werden. Das wird genutzt, um die Gefahr für das eigene Tor einzudämmen – Spieler in gefährlicher Situation sollen unschädlich gemacht werden und bei schwachen Spielern in ungefährlichen Situationen wird Druck gemacht.

Hat der Gegner einen individuell schwachen Außenverteidiger, wird dieser als „Pressingopfer“ auserkoren und bedingungslos angelaufen, wenn er angespielt wird. Da die Ballkontrolle eben schwieriger ist als beim Basketball, fällt es leichter, bei schwachen Spielern Ballverluste zu forcieren.

Reduziere die Wahrscheinlichkeit, ein Tor/einen Korb zu kassieren

Die Parallele zum Basketball ist nicht weit: Schließlich wird auch hier versucht, die Wahrscheinlichkeit, ein Gegentor/ einen Korb zu kassieren, so stark wie möglich zu verringern. Daher wird im Fußball bereits im Spielaufbau gestört, um zu verhindern, dass der Gegner überhaupt erst in eine torgefährliche Position kommt. Und umso weiter ich den Ball von meinem Tor weg halte, umso ungefährlicher ist der Gegner.

Beim Basketball wird dies ebenfalls vereinzelt versucht, ist aber aufgrund der genannten Regelungen deutlich schwieriger. Daher finden wir uns die meiste Zeit in einer Situation wieder, in der jederzeit unmittelbare Gefahr für den eigenen Korb besteht. Einen Abschluss gänzlich zu verhindern ist extrem unwahrscheinlich. Um die Gefahr also so gut wie möglich einzudämmen, konzentriere ich mich auf die Hauptgefahr, die bspw. in der NBA meist der beste Spieler des Gegners ist, halbwegs losgelöst von seiner Position.

Um den besten Spieler gut zu verteidigen, werden seine ungefährlicheren Mitspieler freier gelassen. Das geschieht in dem Wissen, dass diese aus einer prinzipiell besseren Situation weniger Kapital schlagen können als der Superstar. Daher müssen wir im Basketball mutmaßlich „gefährliche“ Situationen und Positionen maßgeblich von dem Spieler abhängig machen, der in Ballbesitz ist.

Lass die schwachen Spieler werfen

Steht Stephen Curry frei in der Ecke? Dann ist es gefährlich und der Gegner wird alles tun, um seinen Wurf zu erschweren. Steht sein Teamkollege Kevon Looney frei in der Ecke? Dann ist es ungefährlich und der Gegner versucht, andere Gefahren einzudämmen.  Aber sollte man nicht trotzdem versuchen, den Wurf Looneys zu erschweren, um die Trefferwahrscheinlichkeit weiter zu senken?

Das könnte man. Da aber im Basketball jeder Spieler im Angriff innerhalb von 1-2 Sekunden gefährlich werden (und vor allem gefährlicher als Looney aus der Ecke) werden kann, entscheidet sich die Defensive hier einfach für das geringste Übel – und das ist, Looney werfen zu lassen. Wenn am Ende des Angriffs Looney einen Abschluss nimmt, den er nur zu 16,7% trifft, ist das gut für die Defensive. Würden die Golden State Warriors in jedem Angriff diesen Wurf nehmen, würden sie bei ihrer durchschnittlichen Pace von 103 Possessions pro Spiel 51 Punkte erzielen. Damit würden sie wohl jedes Spiel verlieren.

Fazit

Was bleibt uns am Ende dieses Textes? Die Erkenntnis, dass zwischen beiden Sportarten eine Vielzahl an Unterschieden besteht, die in einem Text höchstens oberflächlich angekratzt werden können. Die genannten Unterschiede sind immer ein Produkt aus den verschiedenen Regeln der Sportarten.

Ob die Shotclock, die Dreierlinie, das Führen des Balles mit der Hand und andere „kleine“ Regeln, die in diesem Text gar nicht angeschnitten wurden – sie alle tragen dazu bei, dass bestimmte Konzepte in einer Sportart effektiv sind (bspw. Angriffspressing vs. Full Court Press).

Uns interessieren jedoch die Ideen und Konzepte, die wir für den Fußball übernehmen können. Dabei sticht vor allem heraus, wie im Basketball versucht wird, die besten Spieler in ihre „sweet Spots“ bzw. bevorzugten Situationen zu bringen. Beachtenswert ist, wie z.B. Antetokounmpo nicht nur schlichtweg den Ball bekommt, um zum Korb ziehen zu können – seine Mitspieler versuchen ebenfalls, ihm diese Aktion so stark wie möglich zu erleichtern.

Dafür positionieren sie sich an der Dreierlinie, um Platz zu schaffen UND eine Gefahr für den Korb darzustellen. Der Gegner ist nun gezwungen, sich zu entscheiden: Von wo geht die größere Gefahr aus – von Antetokounmpos Drive zum Korb oder von den Mitspielern an der Dreierlinie? Diese Entscheidung ist unheimlich schwierig, da ein Wurf hinter der Dreierlinie eben auch einen Punkt mehr bringt als ein Abschluss am Korb. Betrachten wir das im Fußball:

Die ausgehende Gefahr eines Spielers setzt sich zusammen aus seinem Skillset (Messi ist/war immer sehr gefährlich) und seiner Position. Ist Messi nicht anspielbar, müssen die Gegenspieler ihn nicht eng bewachen. Daher werden die Fußballteams im Pressing auch immer kompakter – breitstehende Spieler sind in vielen Szenen gar nicht anspielbar und falls doch, lässt sich der Ballweg nutzen, um zu dem ballempfangenden Spieler zu verschieben. Die „Gefahr“, die ursprünglich von dem Spieler ausging, ist bis dahin schon verpufft. Das kann sich der offensive Spieler aber auch zu Nutzen machen:

Wirke ich gefährlich (mit und ohne Ball), öffnet das Raum und bringt einen „Orientierungsvorteil“ für meine Mitspieler. Wirke ich ungefährlich (mit und ohne Ball), kann das Raum öffnen und einen Orientierungsvorteil für mich bringen.

Hast du einen Plan D, erleichtert das deinen Plan A

Auch im Fußball sollte versucht werden, über möglichst viele Wege gefährlich sein zu können. Wenn Messi auf das Tor zudribbelt, soll dieses Dribbling nicht der einzige Gefahrenherd sein. Griezmann kann auf der ballfernen Seite einen Tiefensprint machen, Dest kann Messi hinterlaufen und Pedri sich für einen Doppelpass anbieten.

Für die Trainer gilt demnach, Strukturen zu schaffen, bei dem möglichst viele Spieler auf unterschiedlichen Wegen gefährlich werden können. Das Musterbeispiel dafür ist derzeit wohl Atalanta Bergamo, bei dem selbst der zentrale Innenverteidiger plötzlich im Strafraum auftauchen kann. Dadurch kann sich der Gegner bei der Verteidigung nicht nur auf bestimmte Spieler einstellen, sondern muss selbst die zentralen Verteidiger während des Angriffs im Blick behalten.

Das Rafael Toloi am Ende zum Abschluss kommt, mag zwar nur der Plan D Atalantas sein. Aber durch diese Unberechenbarkeit wird es ebenfalls wahrscheinlicher, dass ein hypothetischer Plan A (Abschluss von Zapata) klappt – weil Toloi Gefahr ausstrahlt, die Zapata einen Orientierungsvorteil beschert.

Es ist ein Geben und Nehmen. Wirkt Ilicic gefährlich, kann das der ungefährlich wirkende Zapata für sich nutzen und andersrum. Die eigentliche Intention, welcher Spieler am Ende zum Abschluss kommen soll, wird dabei so lange wie möglich vor dem Gegner „versteckt“. Kommt ein nachrückender Lauf Hateboers in den Strafraum? Wartet Zapata schon auf die Flanke? Oder wird der Ball zu Muriel quergelegt?

Vielleicht knallt am Ende auch Ilicic den Ball einfach aus 20 Metern in den Winkel, so wie Stephen Curry den Ball von der Mittelinie im Korb versenkt. Unberechenbarkeit ist Trumpf, weil sie die offensichtliche Aktion vereinfacht.

Teil 2 erscheint am Mittwoch und beschäftigt sich mit den Parallelen beider Sportarten.

 

 

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