Bewegungsanalyse: Mbappé gegen Olympique Marseille

Nach seiner Gala in der Champions League gegen Barcelona wollen wir in diesem Artikel die Bewegungen von Kylian Mbappé im Spiel gegen Olympique Marseille analysieren. Dabei geht es auch darum den Blick zu verändern. Oft geht man in der Analyse von größeren zu kleineren Zusammenhängen. Die Frage soll nebenbei sein: Wie verändert sich das Spiel, wenn man es aus der Perspektive eines einzelnen Spielers betrachtet und sich nur auf die offensiven Bewegungen dieses Spielers fokussiert? Wie kann man Bewegungen eines Spielers aufschreiben? Wie kann man die Bewegungen kategorisieren?

Aufstellung von Paris

Paris Saint-Germain lief im 4-3-3 auf. Mbappé bekleidete die Position auf dem linken Flügel. Von dieser Position aus, bewegte er sich in verschiedene Räume und übernahm unterschiedliche Rollen im Spiel mit dem Ball. Die Bewegungen und die Wirkungen der Bewegungen wollen wir nun analysieren. 

Bewegungen in den Halbraum

  1. Bei Ballbesitz im ersten Drittel: Wenn der Ball in tieferen Zonen war, also z.B Kimpembe das Spiel tief aufbaute und andribbelte, positionierte er sich sehr zentral im Halbraum und bot sich für direkte Pässe an. Dadurch dass er sich ins Zentrum bewegte, folgte Sakai ihm und bei Marseille entstanden defensiv 3-1 Staffelungen.
  • Wirkung: Marseille gelang es nicht mehr die ganze Breite zu verteidigen und Kurzawa konnte direkt in den offenen Raum hinter Thauvin aufdrehen. Anschließend hatte er einige Optionen, da Mbappé den rechten Außenverteidiger geschickt band und die Sechser erst nachschieben mussten, um ihn zu pressen. Diese sehr simple Bewegungen konnte Marseille nicht besonders geschickt verteidigen, da Verratti die Räume um den rechten Sechser abdeckte. Mbappé konnte sich sehr dynamisch in den freien Halbraum fallen lassen und Marseille konnte diese Bewegung nur mit der nachrückenden Bewegung von Sakai verteidigen. Allerdings konnte Mbappé in solchen Situationen selten passende Anschlussaktionen kreieren. Meisten wählte er sehr simple Aktionen und spielte raus auf Kurzawa. Wenn er den Ball in höheren Situationen im Halbraum erhielt, dribbelte er geschickt den Innenverteidiger an, so dass dieser aus der Kette rückte und Icardi besser in die Schnittstellen starten konnte. 
  1. Bei Ballbesitz im zweiten Drittel: Bei längeren Ballbesitzphasen und wenn sie bis ins zweite Drittel spielten, zeigte Mbappé auch viele horizontale Bewegungen, dann positionierte er sich am Rand innerer Halbraum/Zentrum. 
  • Wirkung: In solchen Situationen band er dann häufig den ballnahen Sechser/Achter und konnte diesen leicht aus dem Halbraum ziehen. Die freien Räume besetzte Verratti sehr gut und konnte durch aufrückende Bewegungen im höheren Halbraum frei werden. Im Video ist die Wirkung leicht verschoben. Mbappé steht sehr hoch, dadurch entstehen Räume am Flügel, die Verratti besetzen kann, von dort kann dann wieder nach innen gespielt werden. Das Video bildet nur einen kleinen Teil der Wechselwirkungen ab, zeigt aber die sauberen gruppentaktischen Abläufe um den linken Halbraum. 

Bewegungen in die Tiefe

  1. Bewegung in die Tiefe bei Ballbesitz im ersten Drittel: Während des ganzen Spiels bewegt sich Mbappé viel in die Tiefe. Er ging schon sehr früh tief z.B wenn Marquinhos oder Kimpembe den Ball im ersten Drittel hatten. Oft bewegte er sich mit Icardi auf eine Höhe und besetzte die Schnittstellen zwischen dem Innen- und dem Außenverteidiger. Von dort konnte er sehr variabel in verschiedene Räume starten. In solchen Situationen übernahm Verratti mehr Verantwortung für die Besetzung der Halbräume und driftete vom Zentrum zum linken Flügel. 
  • Wirkung: Icardi und Mbappe binden in solchen Situationen die beiden Innenverteidiger und meistens orientierte sich Sakai leicht zu Mbappé. Die Bewegungen in die Tiefe sorgen für eine unterschiedliche Höhe in der letzten Linie des Gegners, es entstanden 1-3 Staffelungen, da die Innenverteidiger die Läufe in die Tiefe weit mitverfolgten. Außerdem ergänzte sich die höhere Position von Mbappé und die ausweichenden Bewegungen von Verratti gut (Wirkung, die eher im zweiten und letzten Drittel sichtbar wird). Dadurch dass Mbappé den Außenverteidiger leicht im Zentrum band, entstanden Räume am Flügel, in die Verratti sich bewegen konnte. Von dort konnte er dann den startenden Mbappé einsetzen oder aus der engen Situation rausspielen und verlagern (s. Video oben). Gerade die rausrückende Bewegungen von Sakai zum Flügel auf Verratti bespielten sie sehr gut, da Mbappé in solchen Situationen in den Raum hinter Sakai attackierte. So kam Mbappé wesentlich häufiger in seitliche 1-gegen-1 Situationen mit dem Innen- oder Außenverteidiger. Diese Duelle sind mit passender Straufraumbesetzung, also z.B Icardi am ersten Pfosten und Bewegungen vom Flügelspieler oder Außenverteidiger, sehr schwer zu verteidigen. 
  1. Bewegung in die Tiefe bei Ballbesitz im zweiten und letzten Drittel: Situativ operierte PSG mit langen Bällen auf Icardi, dieser lies sich dann etwas entgegen fallen und probierte die zweiten Bälle abzulegen. In solchen Situationen orientierte sich Mbappé an den Bewegungen von Icardi. Bei horizontalen Bewegungen von Icardi verschob Mbappé häufig mit, um immer die Lücken, die Icardi freizog, zu attackieren und den passenden Abstand zu halten. Dieser Ablauf in den Bewegungen scheint auf den ersten Blick sehr simpel, aber wenn man sie mit den Bewegungen auf der linken Seite vergleicht, kann man eine interessante Feststellung machen. Bei Bewegungen auf der linken Seite orientierten sich Kurzawa und Verratti an den Bewegungen und Positionierungen von Mbappé, sie passten sich an und nutzten die freien Räume, die durch Mbappes Bewegungen entstanden (s. oben Verratti und Mbappé). In beiden Situation hat man ein ähnliches Muster: 1. Mbappé macht seine Bewegungen und seine Positionierungen von Icardi abhängig und nutzt ihn als Orientierungspunkt. 2. Verratti und Kurzawa machen ihre Bewegungen von Mbappé abhängig und nutzen ihn als Orientierungspunkt. Es lässt sich eine Form von Bewegungshierachie erkennen. Man könnte noch konkreter fragen: Wovon machen die Spieler ihre Bewegungen abhängig? Woran orientieren sie sich?
  • Wirkung: Die Wirkung ist einfach. Icardi öffnet Lücken, die Höhe in der Kette wird verändert und Mbappé beläuft die Räume hinter die Kette. Durch das geschickt Verschieben mit Icardi hat er eine sehr zentrale Positionierung und kann variabel in den Räume starten. Er kann die innere Schnittstelle und unmittelbar die Räume hinter dem rausrückenden Innenverteidiger attackieren oder die äußeren Schnittstellen anlaufen und sich eher zum Flügel bewegen. Außerdem gewehrte er Icardi im Ballbesitz somit auch eine größere Freiheit in den Bewegungen, da Icardi sich nicht mehr so stark zum Zentrum orientieren muss und durch die nachschiebenden Bewegungen von Mbappé weiter zum Flügel gehen kann.

Unterstützende Bewegungen

  1. Bewegung vor die beiden Ketten des Gegners in den Halbraum: Wenn Verratti z.B etwas tiefer im Halbraum stand, bewegte lies er sich leicht fallen und bot sich zusätzlich vor den zwei Ketten des Gegners an. 

 

  • Wirkung: Durch diese Bewegung kann der Passweg zum Flügel zu Kurzawa verkürzt werden. Um nochmal die Unterscheidung von oben aufzugreifen: In dieser Bewegungsrolle orientiert sich Mbappé an den Bewegungen von Verratti und Kurzawa. Das Ziel ist es die Staffelung minimal zu verbessern (z.B über verkürzte Passwege).
  • Folgewirkung: Aus dieser verbindenden Rolle kann er sich direkt hinter die Kette bewegen. Konkret: Er lässt sich fallen, erhält den Ball im Halbraum, spielt den Ball zum Flügel und startet anschließend in den Raum hinter dem rausgerückten Verteidiger. Diese Bewegungen sind sinnbildlich für die Bewegungsmuster von Mbappé (s. weiter unten: Was ist besonders an den Bewegungen?)
  1. Bewegungen hinter Kurzawa im ersten und zweiten Drittel: Im ersten und zweiten Drittel lies er sich situativ tiefer als Kurzawa fallen.
  • Wirkung: So entstand eine passende Gegendynamik in den Bewegungen. Mbappé zog einen der Sechser oder Achter aus der Ketten und nach Pässen zum Flügel konnte Kurzawa diagonal ins Zentrum starten oder horizontale Pässe ins Zentrum spielen. 

Doppelte Flügelbesetzung

  1. Doppelte Flügelbesetzung: Teilweise besetze er mit Kurzawa den Flügel doppelt. Dann standen beide auf einer horizontalen Linie und Marseille konnte sich sehr klar zuordnen. 
  • Wirkung: Dadurch dass die Breite in höheren und in tieferen Zonen besetzt wurde, musste Marseille auf beiden Höhen sehr breit verteidigen, dadurch wurden die Schnittstellen zu mindestens theoretisch größer. Allerdings konnte PSG diese in klassischen 4-3-3 Staffelungen nicht wirklich bespielen. Wieso? Sie hatten auf der letzten Linie so nur einen aktiven Spieler (Icardi), der direkt und tornah in die Tiefe starten kann. Außerdem erhielt Mbappé den Ball in dieser Struktur häufig in statischen Situationen und musste dann aus diesen Gefahr entwickeln. Was bezeichnet eine statische Situation? Eine statische Situation ist, wenn der Spieler den Ball im Stand erhält und die Gegner sich nicht viel Bewegungen, also durch den Pass keine großen Verschiebebewegungen ausgelöst werden. Wieso ist das weniger erfolgreich? Der Gegner ist auf diese Situation bereits eingestellt, er muss nicht neu auf eine Situation reagieren, sondern kann die Staffelung der vorhergehenden Staffelung übernehmen. Sie müssen also weniger Entscheidungen treffen und Mbappé muss in solchen Situationen stärker reagieren und die statische Situation beleben. Mit beleben könnte konkret gemeint sein, dass er selbst Tempo aufbauen muss, seinen Körper in die Bewegungen muss und gleichzeitig den Gegner bewegen muss und das obwohl sie durch die sehr klassische 4-3-3 Staffelung keinen Strukturvorteil haben. 

Bewegungen bei Konterangriffen

    1. Bewegungen zum Flügel: Wenn Marseille den Ball in höheren Zonen zirkulieren lies, positionierte sich Mbappé meistens etwas höher als Sarabia auf der anderen Seite. Situativ konnte er zwar nachschieben und am Flügel doppeln, aber meistens nahm er eine zockende Positionierung ein. Im Umschaltmoment bewegte er sich dann entweder hinter die Kette oder zum Flügel, wobei er dazu tendierte sich zum Flügel neben oder hinter Sakai zu bewegen. Wenn es in Umschaltsituationen freie Räume am Flügel gab, driftete er aus zentraleren Positionen in diese Räume. 
  1. Wirkung: Durch die (ACHTUNG :D) breitziehenden Bewegungen zum Flügel, konnte er die Kette zum Flügel ziehen und die Schnittstellen für nachstoßende Läufe öffnen. Außerdem konnte er durch seine Bewegung in freie Räume eine Anspielstation schaffen, so konnte sich PSG gut aus dem Gegenpressing befreien.

Mbappés Bewegungen als Stürmer

Ab der 65. Minute spielte Mbappé im Sturmzentrum und Neymar ging auf den linken Flügel. Dadurch veränderte sich seine Bewegungen.

  1. Veränderte Bewegungen in die Tiefe: Als Stürmer hatte er eine zentralere Grundpositionierung, dadurch veränderten sich seine Bewegung in die Tiefe. Als Flügelspieler zeigte er viele diagonale Bewegungen zum Tor hin. Er bewegte sich meistens aus der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger in die Räume hinter die Innenverteidiger. Als Stürmer bewegte er sich öfter von innen in die äußeren Halbräume, also von der Schnittstelle zwischen den Innenverteidiger hinter die Außen- und Innenverteidiger.
  • Wirkung: Er erhielt den Ball häufiger in seitlichen Zonen, außerdem veränderte sich die Wirkung seiner Tiefenläufe. Seine Läufe waren eher vorbereitende Tiefenläufe (mehr Informationen dazu), er konnte nicht direkt abschließen und schaffte durch die Tiefenläufe Entlastung in engeren Situationen. 
  1. Veränderte Bewegungen in den Strafraum: Er bewegte sich aus zentraleren Situationen in den Strafraum. Dabei lag sein Fokus vor allem darauf vor den Verteidiger zu kommen. Vom Flügel waren seine Bewegungen in den Strafraum diagonaler und er fokussierte eher den zweiten Pfosten an (s. 1:2 gegen Barcelona). Als Stürmer sind seine Bewegungen vertikaler.
  • Wirkung: Im Vergleich zu Icardi keine großen Unterschiede. Vielleicht einen Tick schneller, kommt deswegen häufiger vor den Verteidiger (eher theoretische Überlegung, in diesem Spiel kaum ein Unterschied erkennbar).
  1. Veränderte Bewegungshierachie: Er orientierte sich stärker zu den Bewegungen von Neymar. Er passte seine Positionierung auf der letzten Kette der Position von Neymar an. Wenn Neymar sich im Halbraum positionierte, wählte er eher die Schnittstelle zwischen Außen- und Innenverteidiger, also positionierte sich auf der gleichen Linie.
  • Wirkung: Er bekam dadurch häufiger Pässe in direkt in den Fuß und es entstanden seitliche 1-gegen-1 Situationen mit dem Innenverteidiger. 
  1. Veränderte Rolle bei gegensätzlichen Bewegungen: Er lässt sich fallen, wenn einer der beiden Flügelspieler eine Bewegung hinter die Kette macht. Vorher bewegte er sich tief, wenn Icardi sich fallen ließ. 
  • Wirkung: Die Wirkung bleibt gleich, es wird nur das bestehende Muster erhalten. Sehr simple Abläufe – aber interessant, wie die Bewegung sich durch die Rolle verändern.

Was ist besonders an den Bewegungen?

Mbappé ist in seinen Bewegungen sehr frei von der Struktur und den Bewegungen der anderen Spieler. Wenn er sich z.B fallen lässt, einen Verteidiger aus der Kette zieht und dann in den offenen Raum hinter dem Verteidiger startet, dann kreiert er den Raum, in den er sich bewegt, selbst. Seine Bewegungen in diesem Spiel waren sehr simpel, aber er stellt viele Strukturen her, die er direkt mit einer Folgebewegung attackieren kann. Was entsteht daraus? Es entsteht eine brutale Torgefahr, die zu sehr großen Teilen unabhängig von den Bewegungen seiner Mitspieler funktioniert und nicht eingebunden werden muss, um zu funktionieren. 

Fazit

Wie schreibt man Bewegungen auf? Wie kann man Bewegungen erfassen? In diesem Artikel haben wir uns dafür entschieden, die Bewegung nach der Richtung zu sortieren, also Bewegungen in den Halbraum, Bewegungen in die Tiefe, Bewegung am Flügel (Doppelte Flügelbesetzung). Anschließend haben wir Bewegungen über die Funktionen kategorisiert, also unterstützende Bewegung. Außerdem haben wir bestimmte Bewegungen auch noch einer bestimmten Situation zugeordnet, also Bewegung bei Konterangriffen und dann Bewegungen spezifisch einer Position zugeordnet. Was fällt auf? Die Sprache ist nicht einheitlich, man bezieht sich auf verschiedene Aspekte von Bewegungen und kategorisiert nicht gleichmäßig. Bewegungen in den Halbraum können z.B auch unterstützende Bewegungen sein oder Bewegungen bei Konterangriffen. In Zukunft sollte man eine einheitlichere Sprache entwickeln. Also sich konkret fragen, wie man Bewegungen kategorisieren möchte. Bildet man alle Bewegungen ab, wenn man sie nur nach der Richtung der Bewegung sortiert? Oder sollte man sie über die Funktion, Wirkung erfassen? Wieso ist es wichtig Bewegungen einheitlich zu kategorisieren?

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.