Horst Steffens erste Trainingseinheit bei Preußen Münster

Die Trainingseinheit zum Start der Rückrunde stellte für Neutrainer Horst Steffen die erste Einheit bei Preußen Münster dar. Steffen stand die letzen Jahre beim Ligakonkurrenten Stuttgarter Kickers unter Vertrag und leistete dort sehr überzeugende Arbeit. (Analyse hier)

Die Kickers zeichneten sich besonders durch ein starkes Ballbesitzspiel aus. Dies scheint Steffen auch bei seinem neuen Verein anzustreben.In der ersten Trainingseinheit war das eigene Positionsspiel der primäre Trainingsgegenstand.

Ablauf

Zu Beginn wurde sich klassisch eingelaufen und dynamisch gedehnt. Danach ging es kurz in eine gegnerlose Endlospassform. Hierbei coachte Steffen besonders das Anspiel auf den richtigen Fuß.

Als nächstes stand ein kleines Positionsspiel an. In zwei Gruppen wurde auf je ca. 20x10m das „Drei-Farben-Spiel“ praktiziert. Hierbei wird die Gruppe in drei Mannschaften (drei Farben) aufgeteilt. In der Spielform spielen dann immer zwei Mannschaften und versuchen den Ball gegen die dritte Mannschaft in den eigene Reihen zu halten. Schafft es die balljagende Mannschaft das Spielgerät zu erobern, wird die Mannschaft, die den Ballverlust verursachte zum Balljäger und die anderen beiden versuchen den Ball zu halten.

Anschließend ging es in ein größeres Positionsspiel. Auf ca. 20x50m wurde 8vs8 gespielt. Die Mannschaft im Ballbesitz wurde zusätzlich noch von 4 neutralen Akteuren unterstützt. Wieder war es das Ziel des Spiels, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. An dieser Spielform nahmen auch die Torhüter teil, die vorher ein normales Torwartprogramm mit dem Torwarttrainer absolviert hatten. Die Torhüter agierten als Neutrale, so wurde bei ihnen besonders das Passspiel geschult. Mit der Einbindung in das normale Mannschaftstraining werden die Torhüter auf eine mitspielende Spielweise vorbereitet.

Bei beiden Spielformen achtete Steffen besonders darauf, dass mit wenigen Kontakten und flachen Pässe agiert werden sollte, um so den Gegner ständig laufen zu lassen, ohne dass dieser an den Ball kommt. Hierbei betonte er immer wieder, dass der Ball über die zentralen Spieler im Feld gespielt werden sollte („Löst über die Mitte auf.“)

Tore kamen in der letzten Spielform hinzu, wobei diese auf den Kopfseiten des Feldes der vorangegangen Übung platziert wurden. Die Mannschaften bestanden wieder aus je sieben Feldspielern und einem Torhüter. Zusätzlich wurde erneut mit vier neutralen Spielern agiert, welche die ballbesitzende Mannschaft jeweils ergänzten. Das „freie“ Spiel wurde nur durch die Regel ergänzt, dass das Spiel nachdem der Ball im Aus war immer von den Torhütern aus fortgesetzt wurde, anstatt mit einem Einwurf.

Einordnung

Steffen zeigte in dieser Einheit bereits, dass sein Fokus auf dem eigenen Ballbesitzspiel liegen wird. Dementsprechend ergibt auch seine Trainingsgestaltung viel Sinn. Wer einer Mannschaft einen Spielstil vermitteln möchte, kann dies nur über Spielformen tun. Übungsformen können dies nicht bewerkstelligen, da sie Teile des Spiels zu isoliert betrachten. Insbesondere für das Ballbesitzspiel ist die Entscheidungsfindung sehr wichtig und gerade diese kann nicht in isolierten Übungen ohne Gegnerdruck traininert werden, sondern nur im Spiel bzw in Spielformen.

Neben der sinnvollen Auswahl der Übungen war auch Steffens Coaching sehr angemessen. Mit kurzen präzisen Anweisungen coachte Steffen in den Übungen. Hinzukam, dass er positive Aspekte immer wieder herausstellte und so z.B. gute Kombinationen explizit lobte und die beteiligten Spieler direkt ansprach. Vor und nach jeder Übung holte Steffen seine Mannschaft zusammen und gab Anweisungen bzw. ein Feedback. Die zweite Spielform wurde in zwei Durchgängen gespielt, zwischen denen er auch noch mal das Team zusammenholte. Der zweite Durchgang wurde noch etwas intensiver gespielt als der erste. Anstatt des normalen Einschusses nach Aus, wurde das Spiel schnell durch den Co-Trainer Babacar Ndaiye fortgesetzt der einen neuen Ball einspielte und so die Intensität hoch hielt.

Generell ist die Intensität noch steigerungsfähig, aber für eine erste Trainingseinheit nach der Winterpause war sie dank kleiner Felder mit relativ großer Spieleranzahl schon gut.

Auch die Methodik wie Steffen sein Team an das Ballbesitzspiel heranzuführen scheint, ist sinnvoll. Spielformen mit Überzahl der Mannschaft in Ballbesitz vereinfachen das Positionsspiel erheblich und geben der Mannschaft Sicherheit im Ballbesitzspiel. Außerdem sind die Verteidiger gezwungen den Raum zu verengen, um eine Chance haben trotz der Unterzahl den Ball zu erobern. Dies kann schon als Hinleitung zum angestrebten Pressing gesehen werden. Diese Aspekte erklären die extreme Überzahl, in der die Mannschaft im Ballbesitz in dieser Einheit immer agierte.

Ein weiterer interessanter Aspekt findet sich in Steffens zwischendurch getätigter Aussage gegenüber einer Gruppe von Spielern: „Ihr werdet merken, wenn wir das häufiger machen: Es geht!“. Sie zeichnet sich nicht nur durch das geschickte Verbinden von Ehrgeiz und Ruhe aus (vielleicht gar eine passende Charakterisierung von Steffen selbst), sondern stellt auch inhaltlich etwas klar, was viele Durchschnittstrainer nicht wahrhaben wollen. Jeder Spieler kann mit gezieltem Training verbessert werden. So genannte „fertige Spieler“ gibt es nicht.
Beeindruckend bei Steffen ist auch, dass er in der ersten Einheit nach der Winterpause auf isolierte Konditionsübungen verzichtet, was sinnbildlich für eine klar durchdachte Zielsetzung steht, die sich gänzlich dem spielerischen Fortschritt und den Anforderungen des Wettkampfs verschreibt.

Fazit:

Steffens erste Trainingseinheit weist vom Aufbau und der Methodik viele Paralellen zur Arbeitsweise Thomas Tuchels (Analyse zum Trainingslager hier) und eben jener Guardiolas auf, was nur logisch erscheint, wenn man die Spielweisen der drei betrachtet. Die Preußen scheinen mit Horst Steffen einen absoluten Glücksgriff getätigt zu haben, der nicht nur taktisch stark ist, sondern auch von der Trainingsmethodik hervorragend erscheint.

Über Nils Poker

Konstruktiv, Kreativ, Kombinativ #Spielgeist
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

8 Kommentare

  1. Steffen ist heute entlassen worden. Grund: natürlich Erfolgslosigkeit. Aber wie sah die Entwicklung des Spiels aus taktischer Sicht aus? Ist Steffen seinem vielversprechendem Weg treu geblieben?

  2. Konntet Ihr beim Training einfach kiebitzen? Oder wie seid Ihr an die Bilder gekommen?

  3. Gibt es in der Art von Ihm noch mehr?

    • Ich denke schon, man trainiert ja nicht einfach mal so auf eine Art, sonder (es sollte eigentlich) immer eine Methodik hinter der Trainingsgestaltung stehen.
      Das war jetzt zwar bislang das einzige Training, dass ich von ihm gesehn hab, aber auch der fb-page von Preußen war nen sehr kurzes video mit Ausschnitten vom Training im Trainingslager (das is jetzt gerade). In dem kurzen Videos deutete auch einiges auf den Aufbau 1. Isopassform(en) 2. verstärkt Spielformen hin.
      Btw haben wir auch das erste Testspiel gegen Lüttich ( 0:1) gesehn und die Handschrift Steffens war schon stark zu erkennen, trotz der bis dahin max. 2-3 Einheiten.

      • War ein bißchen blöd von mir ausgedrückt, meinte damit eher, dass es weitere Artikel wie diesen zu Ihm (bzw. Preußen) gibt.
        Der Trainingsaufbau ist ja quasi die Blaupause, des vom DFB auch vorgegebenen Ablaufs in der Lizenzausbildung.

  4. Großartig, danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.