Torwart-Einbindung im Hallenfußball

In der Winterpause geht es für viele Teams traditionell in die Halle. Die Unterschiede zwischen dem „Elf-gegen-Elf-Feldfußball“ und dem Spiel in der Halle können teilweise gewaltig sein. Die kleinen Hallenfelder sind mit Banden versehen und es wird mit wenigen Spielern pro Team agiert. Meist wird in der Halle mit vier Feldspielern plus Torwart pro Team gespielt. In seltenen Fällen werden Turniere auch im 5+1 veranstaltet, aber diese Variante soll hier nicht ausführlich behandelt werden. In diesem Text soll erläutert werden, wie man den eigenen Torwart explixit ins eigene Offensivspiel einbinden sollte.

WICHTIG: Zur Grundlage dieses Textes wird davon ausgegangen, dass die Spiel- bzw Turnierregeln die Einbindung des Torhüters erlauben. Beim Futsal wird der Torhüter in seinen offensiven Möglichkeiten stark limitiert, weshalb viele der hier getätigten Aussagen nicht eins zu eins auf Futsal oder futsalnahe Hallenfußballvarianten übertragbar sind.

Die klassische Torwarteinbindung

Da das Feld in der Halle klein ist und die Spielerzahl gering, lässt sich im eigenen Offensivspiel leicht eine Überzahl (in der ersten Linie) schaffen indem der Torwart als Anspielstation genutzt wird. Dies haben mittlerweile auch eigentlich alle Teams verstanden, sodass der Torhüter häufiger mal angespielt wird. Meist ist die Einbindung aber recht unambitioniert und auf Fehlervermeidung getrimmt. Der Torwart spielt meist nur Sicherheitpässe die zu keinen konstruktiven Anschlussaktionen führen.

classicHallenaufbau

Eine klassische Aufbauszene

Dabei ist die Ausgangslage für den Torhüter sehr angenehm. Er wird nur selten direkt angelaufen, da es die meisten Teams nur bei Rückstand riskieren von diesem überspielt zu werden und daraufhin einen Überzahlangriff des Gegners zu kassieren.

Dadurch entsteht oft die obrige Situation, dass die „Stürmer“ sich in der Tiefe bewegen (Stichwort kreuzen) und situativ dem Torwart entgegen kommen und sich für Anspiele anbieten. Die „Verteidiger“ bilden mit dem Torhüter eine leicht versetzte Kette, wodurch eine 3vs2 Überzahl in der ersten Linie entsteht. Da der Torwart meist nicht nur Pässe spielt, schafft es die verteidigende Mannschaft in diesen Situationen meist stabil zu bleiben. Dem TW bleiben neben Sicherheitspässen auf seine Nebenmänner, die oft direkt wieder zu ihm zurückspielen, nur der relativ ungefährliche Ball in die Tiefe, aus dem sich eine neue offenere Spielsituation entwickeln kann. Außerhalb des ersten Drittels binden viele Mannschaften ihre Torhüter gar nicht mehr ein.

Diese „klassische Torhütereinbindung ist sehr auf Risikovermeidung ausgelegt und lässt viele interessante Möglichkeiten weitgehend brachliegen.

Konstruktivere Torhütereinbindung

Um den Vorteil der Überzahl im eigenen Ballbesitz effektiver auszunutzen sind folgende Punkte essentiell.

  • Erzeugen nutzbarer Staffelungen für den Torhüter

  • Mutiges und strategisch geschicktes Bespielen der Staffelungen durch den Torhüter

  • Neben den taktischen Fähigkeiten des Torhüters sollten auch die technischen auf einem ausreichend hohem Level vorhanden sein

Effektiv nutzbare Staffelungen für die Einbindung des Torhüters

Um die Überzahl gut auszuspielen, sollte der Torhüter nicht nur als (Rück-)Passoption genutzt sondern als vollwertiger Spieler gesehen werden, der auch die Möglichkeit zum Dribbling besitzt. Damit dies mit minimalem Risiko und maximaler Effizienz genutzt werden kann, müssen für den Torhüter Staffelungen erzeugt werden, die er gut andribbeln kann. Dies gestaltet sich in der Regel relativ einfach, da in der Halle viele Mannorientierungen genutzt werden (müssen), und dadurch recht einfach Räume für den Torhüter geöffnet werden können. 

Hallenaufbau Umformung

Raumöffnen durch Umformung

Hallenaufbau offener Raum

Andribbeln des geöffneten Raumes durch den Torhüter

Durch diese beispielhafte Umformung wird der Raum für den Torhüter geöffnet, wenn der Gegner nicht in seiner eigenen letzen Linie in Unterzahl spielen möchte, was aufgrund der relativ kurzen Passdistanzen zu den „Stürmern“ sehr riskant wäre. Der Torwart kann nun den offenen Raum andribbeln und zwingt den Gegner damit ihn mittelfristig anzulaufen. Wenn sich ein Gegner sich löst, um dies zu tun, darf der nun freie Mitspieler nicht im Deckungsschatten verbleiben, sondern muss sich wiederrum freilaufen um dem Torhüter eine sichere Passoption zu geben und die Überzahl auszuspielen.

Gute Staffelungen können nicht nur durch Umformungen kreiert werden, sondern auch sofort gebildet werden. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass man versuchen sollte nicht mehr eigene Spieler in der eigenen ersten Linie zu haben als in den vorderen Linien. Bei der schon vorgestellten klassischen 3-2-Staffelung gibt es kaum Anspielstationen in den vorderen Bereichen und in der ersten Linie gibt es keine nutzbaren Räume zum Andribbeln. Sinnvoller sind somit eher 2-3-Staffelungen und ähnliches, die Anspielstationen in hohen Zonen geben und Räume in tiefen Zonen öffnen. Hinzu kommt, dass der Torhüter sich im Falle eines Ballverlustes trotz der besseren Staffelung immer noch in relativer Tornähe befindet und schnell wieder zurück ins Tor kann.

Mutiges und strategisches geschicktes Bespielen der Staffelungen durch den Torhüter

Das Erzeugen der notwendigen Staffelungen ist nur ein Teil zur guten Nutzung des Torhüters. Der Torhüter muss diese Staffelungen selbst erkennen und nutzen können. So muss er die offenen Räume als solche wahrnehmen und diese dann andribbeln. Dabei muss er aber aufpassen, dass er sich durch seine Dribblings nicht in Räume treiben lässt, in denen er isoliert werden kann und die Gefahr eines Ballverlustes hoch ist. Auch bei der Wahl seiner Pässe muss der Torhüter beachten, seine Mitspieler nicht in Situationen anzuspielen, die zu einem unabgesicherten Ballverlust führen könnten, welche wiederum einen Konter zur Folge hätten, bei dem der Torhüter sich nicht direkt im Tor befinden würde.

Selbst wenn es in Situationen, bei denen der Torhüter nicht im Tor steht, zu einem Ballverlust kommt, bedeutet dies nicht zwangsläufig ein Gegentor. Gerade bei Ballverlusten in der gegnerischen Hälfte resultieren aus den Ballverlusten wenige Tore. Dafür sind neben der noch relativ großen Tordistanz auch psychologischen Gründe verantwortlich. Auf der einen Seite schließt die Mannschaft die den Ballbesitz gewonnen hat häufig vorschnell aus schwierigen Situationen ab, da das leere Tor ihnen suggeriert, dass der Ball „nur noch“ irgendwie in dessen Richtung geschossen werden muss.

Auf der Seite der Verteidiger wird durch die durchaus gefährliche Situation nach dem Ballverlust das individuelle Gegenpressing stark verbessert. Jeder Spieler ist sich bewusst, dass die Situation sehr gefährlich ist und reagiert sofort gegen den Ballführenden und seine Optionen.

Allgemein sollte noch gesagt werden, dass gefährliche Ballverluste in der Halle relativ gering gehalten werden können, weil

  1. viele Ballverluste bei konsequenter Einbindung des eigenen Torhüters in hohen Zonen stattfinden, da die meisten Gegner sich durch die Überzahl der Angreifer bis in die eigene Hälfte zurückdrängen lassen, um kompakter zu stehen.

  2. sich für den Torhüter auch in recht schlechten Situationen noch Optionen bieten, da die Tordistanz für einen Schuss eigentlich in der Halle nicht besonders groß ist. Außerdem bieten sich durch die Banden auch indirekte Passoptionen, um Mitspieler zu erreichen. Die Nutzung des Deckungsschattens ist für die Verteidiger deshalb nur begrenzt möglich.

Kein spielstarker Torwart im Team? Kein unlösbares Problem

Wie aus den bisherigen Ausführungen hervorgeht, muss der Torhüter gute technische und taktische Fähigkeiten mitbringen. Ansonsten kann die offensive Torwarteinbindung nicht besonders risikoarm und erfolgskonstant gespielt werden. Viele Teams, besonders aus dem Amateurbereich, besitzen aber keinen Torhüter der diese Anforderungen in ausreichenden Maße erfüllt.

Alternativ zu einem Torhüter ist es auch möglich einen Feldspieler im Tor aufzubieten. Dies stellt besonders in Spielen eine Option dar, in denen man mit viel eigenen Ballbesitz rechnet. Einen Feldspieler ins Tor zu stellen ist aber riskant, da diese zumeist in den klassischen Torhüterdisziplinen nicht besonders stark sind.

Dieses Problem kann aber durch die Eigenheiten des Hallenfußballs recht gut gelöst werden. Da in der Halle meist mit „fliegenden“ Wechsel gespielt wird und die Ersatzspieler neben dem eigenen Tor stehen, kann der „defensive“ Torhüter im eigenen Ballbesitz schnell gegen einen Feldspieler ausgetauscht werden, der die offensiven Anforderungen besser erfüllt. So würde man in der Defensive einen klassischen Torhüter besitzen und in der Offensive einen zusätzlichen Feldspieler.

Wie verteidige ich gegen die Torwartüberzahl?

Wenn der Gegner seinen spielstarken Torhüter im Offensivspiel gut einbindet, ist es nicht besonders einfach zu verteidigen. Von hohem Pressing ist, aufgrund der Unterzahl im Feld, dem fehlenden Abseits, den Banden und deren Wechselwirkungen, eher abzuraten. Aufgrund der Unterzahl sollten auch Mannorientierungen nur situativ und reflektiert eingesetzt werden um wichtige Räume für den Gegner nicht zu öffnen.

Hallendefenisve

2-3-Offensivstaffelung gegen 3-1-Defensivverbund. Die Angreifer sollen in die offenen Räume neben der roten Spitze gelockt werden

HallendefensiveII

Die „Pressingfalle“ schnappt zu

 

 

Dieses abwartende 3-1-Defensivsystem soll den andribbelnden gegnerischen Schlussmann in die offenen Räume neben der eigenen Spitze locken, wo er durch herausrücken des äußeren Verteidigers isoliert werden soll. Die restlichen Verteidiger müssen durch Nachschieben das Herausrücken des anderen Akteurs absichern.

Fazit

    Die konsequente Einbindung des eigenen Torhüters in die Offensive stellt bei guter Umsetzung ein annehmbares Risiko dar und bietet eine große Chance, das eigene Offensivspiel wesentlich zu verbessern. Außerdem wird der Torwart so direkt auf eine progressivere Rolle beim 11 gegen 11 mit vorbereitet.

Über Nils Poker

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