Tuchels Trainingslager in Bad Ragaz

Eine Woche lang hielt sich die Mannschaft von Borussia Dortmund in der Schweiz auf, um sich dort unter etwas beschaulicheren Umständen als daheim auf die neue Saison vorzubereiten. Einige Fans und Zuschauer fanden dennoch den weiten und teuren Weg nach Bad Ragaz. Darunter eine Taktikblogger-Delegation bestehend aus Martin Rafelt, Pressingmaschine, Nils Poker, CF und eben mir. Unter solchen Umständen wurde der Ausflug auch für uns gewissermaßen ein Trainingslager, bei dem ein Spiel und sieben Trainingseinheiten der Profis besucht und noch mehr eigene sowohl praktisch als auch theoretisch durchgeführt wurden. Wir entwickelten zumindest eine Art des Gefühls, wie sich eine derartige Veranstaltung für Trainer und Spieler herausnehmen musste. Mir kommt nun die Aufgabe zu, an dieser Stelle eine Dokumentation der absolvierten Einheiten durchzuführen.

Sonntag, 19.07.2015, 17:30 Uhr

Das erste Training drohte zunächst in einem beständigen Wechsel aus Sonnenschein und noch mehr Regen unterzugehen. Thomas Tuchel schritt ungeachtet dessen bereits eine halbe Stunde vor Beginn den Platz gemeinsam mit seinen Assistenten, allen voran Co-Trainer Arno Michels, ab. Die beiden diskutierten immer wieder über die richtige Feldgröße: An welchen Stellen sollen wir die Stangen zum Fixieren der Markierung genau hineinrammen? Um jeden Zentimeter feilschten sie in regem Austausch. Dies zeigt zunächst, dass auch Trainer wie Thomas Tuchel, die eben für ihre penible Planung bekannt sind, durchaus einen Spielraum lassen, in welchem sie situativ reagieren können und sich den Umständen anpassen. Die allgemeine Strategie steht, doch die genaue Ausführung hängt unter anderem vom konkreten Verhalten der Spieler und ihre Reaktion darauf ab. Die Interaktion steht im Mittelpunkt. Dieses Muster wird man in den nächsten Tagen immer wieder antreffen. Auf vereinzelte Rufe aus dem ebenso angeheiterten wie leicht aufgeregten Publikum reagierte der neue Cheftrainer humorvoll souverän: „Lass sie laufen, Thomas“ – „Das wäre doch langweilig für euch“.

Ein Einlaufen fand dann dennoch statt, allerdings locker und mit Ball. Zur Komplettierung des Aufwärmens folgten einige Minuten dynamischen Dehnens und schließlich kurze, mit Koordinationsaufgaben und Elementen aus der Laufschule verbundene, Sprints. Dann wurde es, in Analogie zu Tuchels Reaktion auf den Zuruf aus dem Publikum spannend: Die zuvor abgesteckten Felder wurden genutzt. In ihnen fand jeweils auf etwa 15×20 Metern ein 4 gegen 4 mit 3 Jokern statt, wobei der Ball maximal 2 Mal berührt werden durfte. In dem von unserer Position aus gut einsehbaren Feld spielten Hummels, Subotic, Aubameyang und Dudziak gegen Ramos, Weigl, Kagawa und Ginter, unterstützt von Stenzel und Durm an den Seitenlinien sowie Castro als Mittelspieler. Vor allem letzterer wusste dabei zu überzeugen und spielte fast immer die richtigen, oftmals befreienden Pässe. Tuchel beschränkte sich derweil während der Durchläufe auf viel Lob, ab und an auch auf kleine Verbesserungsvorschläge. Dazwischen erklärte er unter bekannt ausschweifender Gestik detaillierter und manchmal mehrere Minuten am Stück.

Nach der Regenpause schloss ein 7 gegen 7 mit Joker die Einheit ab, für das drei Teams gebildet wurden, die abwechselnd gegeneinander spielten, während das aussetzende Team eine Laufübung zur Abstimmung der gemeinsamen Bewegungen absolviert. Offensiv war vielfach ein 2-4-2 zu beobachten, das defensiv ohne zusätzlichen Spieler zu einem 4-2-1/3-3-1 wurde. Bereits hier erkannte man einen Fokus auf Ablagen und direktes Spiel, der in den kommenden Tagen noch deutlicher werden sollte.

Montag, 20.07.2015, 10:00 Uhr

Der zweite Tag des Trainingslagers begann am Vormittag zunächst mit einer kurzen Ballgewöhnung, auf welche erneut ein Koordinations- und Sprintprogramm folgte, dieses Mal angereichert mit Sprüngen über kleinere und größere Hürden. Außerdem stand eine Lichtschranke bereit, mit Hilfe derer die Zeiten etwas längerer Sprints von etwa 30-40 Metern Länge gemessen wurden. Geleitet wurde dieser Teil des Programms wie üblich vom hauptverantwortlichen Athletiktrainer Rainer Schrey, den Tuchel bereits aus gemeinsamen Mainzer Tagen kennt und schätzt. Unterstütztung erhielt er dabei von Andreas Beck und Florian Wangler – vor allem bei der Betreuung der Rekonvaleszenten und der Durchführung individueller Trainingsprogramme.

Der Cheftrainer selbst nutzte diesen Teil seinerseits für einzelne Beobachtungen und Diskussionen innerhalb des Trainerteams, bevor es zu dem von ihm angeleiteten Training mit Ball weiterging. Stets unter Raum- und Gegnerdruck. Bei dieser Einheit zunächst in Form eines 2 gegen 2 plus 1 auf etwa 10×15 Metern, jeweils eine halbe Minute pro Konstellation, wobei Gündogan und Leitner in einem Feld sowie Weigl und Castro im anderen als freie Spieler fungierten. Anschließend ging es mit einem 1 gegen 1 nach Anspiel von Außen weiter, von dem pro Offensivspieler 2 Durchgänge à 5 Wiederholungen stattfanden, die jeweils etwa 20 Sekunden dauerten. Dabei wurde der etwa 20 Meter lange und die halbe Strafraumbreite umfassende Raum erneut in zwei Gruppen genutzt. Die Verteidiger hielten jeweils etwas in der Hand, das sie davon abhalten sollte, die Stürmer unfair am Trikot zu halten oder auf andere Art und Weise mit ihren Händen zu bedrängen. Ganz nebenbei mussten sie sich selbstverständlich auch noch darauf konzentrieren, nichts fallen zu lassen.

Mit derselben Beschränkung für die Verteidiger ging es auch im 2 gegen 2 weiter, das ebenfalls in 2 Durchgängen stattfand. Zwischen diesen wurde jeweils eine mindestens zweiminütige oder sogar etwas längere Pause eingelegt. Fortwährende Spielerwechsel sorgten gleichzeitig für unmittelbare Erholungspausen. Während dieser Übung coachte Tuchel vor allem die Verteidiger energisch und lautstark, forderte sie beispielsweise hörbar dazu auf, herauszurücken oder die Schnittstelle zwischen sich zu schließen. Er ließ bis zum Ende der etwa zweistündigen Einheit nicht locker, verabschiedete sich dann gemeinsam mit den Spielern in eine mehrstündige Pause, die wie stets mit einer Fahrt auf dem Fahrrad in Richtung Hotel begann. Man war kaum mehr verwundert, einem Spieler nach dem anderen auf der Straße zu begegnen.

Montag, 20.07.2015, 18:00 Uhr

Der zweite Teil des Tages begann nunmehr mit Ball und Rondo (von Tuchel auf Deutsch „Eck“ genannt und nicht etwa „Kreis“), in dem vor allem Oliver „Toast“ Kirch zu überzeugen wusste. Einige Zuschauer ließen sich gar dazu hinreißen, ihn kurzerhand „Zinedine Kirch“ zu taufen. Ein eher unpassender Vergleich, der zumindest unbewusst alles andere als ein Lob für den strategisch starken Dortmunder darstellt. Zur anschließenden Auflockerung und weiterführenden Aktivierung fanden die Spieler sich in Dreiergruppen zusammen, in denen sich einer jeweils im Wechsel einen Ball von zwei Seiten zuwerfen ließ und auf unterschiedliche Art und Weise zurückspielte, während er zwischendurch Skippings auf der Stelle durchführte. Bereit zuvor hatte das Trainerteam ein 40×68 Meter großes Feld abgesteckt, das auf jeder langen Seite mit drei Stangentoren versehen war. Außerdem wurde eine kleine Tafel herausgeholt, auf der eine Abbildung des Spielfelds zu sehen war, eingeteilt in 6 vertikale Bahnen.

Tuchel und Michels diskutieren vor der Taktiktafel, auf der das Spielfeld in 6 vertikale Bahnen eingeteilt ist.

Tuchel und Michels diskutieren vor der Taktiktafel.

Es formierten sich zwei komplette Mannschaften mit je 11 Spielern und versuchten den Ball in einem der drei Tore des Gegners unterzubringen. Dadurch sollte das Spiel wohl immer wieder in die Breite gezogen werden, ohne jedoch gleichzeitig die Mitte dabei zu vernachlässigen. Möglicherweise eine Vorbereitung auf den Testspielgegner des kommenden Tages, der zumeist in einer Rautenformation aufläuft. In der Folge gab es immer wieder lange und hohe Diagonalverlagerungen zu beobachten, die von wechselndem Erfolg geprägt waren. Tuchel und Michels riefen auch in dieser Spielform wieder kurze Stichwörter des Lobes und der Kritik herein, nutzten eher die Pausen für längere Besprechungen. Auffallend, dass das so gennante „Freezing“ nicht eingesetzt wird. Stattdessen findet generell eine effektivere Analyse im Nachklang per Videoanalyse statt.

Nach einiger Spielzeit auf die drei Stangentore wurden zwei normale Tore herangezogen und an den entsprechenden mittigen Stellen platziert. Wenn ich es akustisch richtig verstand, gab Tuchel vor Beginn dieser Variante noch einem Team die Aufgabe, einen 1:0 Rückstand aufzuholen. Zwei Durchgänge fanden so statt, wobei jedes Team ein Mal im zu einer Mischform des 4-2-3-1 neigenden 4-1-4-1 und ein Mal in einem klassischeren 4-2-3-1/4-4-2 agierte. Auffällig hierbei zusätzlich, dass Julian Weigl zeitweise als linker Innenverteidiger, Kevin Großkreutz und Oliver Kirch als Rechtsaußen sowie Moritz Leitner als Linksaußen eingesetzt wurden.

Dienstag, 21.07.2015, 19:45 Uhr

Ein Testspiel gegen den von Markus Babbel trainierten FC Luzern stand auf dem Programm, stellte sich jedoch kaum als ernsthafte Prüfung heraus. Gerade in der ersten Halbzeit boten die Schweizer eine fast schon desolate Defensivleistung und gerieten vermehrt auch im eigenen Strafraum in Unterzahl. Dies sollte sich erst in der zweiten Halbzeit mit den Einwechslungen von Francois Affolter, Nico Brandenburger und allen voran Remo Arnold ändern, die vor dem ballknetenden Tormann Lorenzo Bucchi für ein zumindest passables Aufbauspiel sorgten, das durchaus großes Potential aufblitzen ließ. Eine etwas genauere Analyse findet sich im überhaupt sehr lesenswerten Gesamtüberblick der BVB-Vorbereitung von Constantin Eckner.

Als interessant sei an dieser Stelle noch das Aufwärmprogramm zu erwähnen, das nach der üblichen Laufschule vor allem aus einem 4 gegen 4 plus 2 bestand und aus für deutsche Verhältnisse wenigen Schussübungen, die Paco Jemez bei Rayo Vallecano übrigens gar nicht in seinem Warm-Up vorsieht.

Weiterhin erwähnenswert: Der Rasen war genau gemäß der Feldeinteilung Tuchels entsprechend gemäht: Zufall?

Mittwoch, 22.07.2015, 10:00 Uhr

Einige Spieler laufen. Wir gehen lieber selbst Fußball spielen. Die Kriterien, nach welchen die Spieler dafür ausgesucht wurden, sind aber dennoch interessant und hängen sicherlich mit den vorhanden Systemen zur Belastungssteuerung zusammen, von denen der von den Spielern um die Brust getragene Gurt wohl am offensichtlichsten ist. Man kann Derartiges sicherlich auch wenig gewinnbringend nutzen, indem man schlichtweg falsche Periodisierungsmaßstäbe anlegt. Doch bei der Borussia wirkt die Einteilung von Außen betrachtet sinnvoll und ergibt immer wieder unterschiedliche Spielerzusammensetzungen für gewisse Übungen. Vermutlich werden diese auch nach einem generell ermittelten Grad der Verletzungsanfälligkeit bestimmt, wie es etwa in einem interessanten Artikel über Swanseas Saisonvorbereitung angedeutet ist.

Donnerstag, 23.07.2015, 17:00 Uhr

Nachdem den Spielern genug Zeit für passive und teilweise auch aktive Regeneration geboten wurde, die mindestens mit über 24 Stunden Ruhe einherging, begann die nächste angesetzte Trainingseinheit mit Aktivierungsübungen, die ebenso regenerative Elemente wie einen Ball beinhalteten.
Begonnen wurde zunächst mit einer angepassten Form des Rondos, bei der zwei Mini-Bälle gleichzeitig im Spiel gehalten werden mussten (Stichwort: Differenzielles Lernen). Anschließend hatte das Trainerteam zur Abwechslung Felder für ein Fußballtennis-Turnier aufgebaut, das ideal dafür geeignet schien, die Spieler vom Ruhezustand langsam wieder auf Wettbewerbsniveau zu führen. Als siegreich erwies sich dabei das auf Stabilität bedachte Team um Moritz Leitner, Oliver Kirch und Mats Hummels. Bemerkenswert und auffällig mit welchem Ehrgeiz der Kapitän auch hier bei der Sache war. In der darauf folgenden Spielform regte er sich einmal gar so sehr über eine eigene schlechte Ballannahme auf, dass er den Ball etwas angeekelt wegdrosch, um sich selbst im Anschluss auf eine bessere Ausführung zu besinnen.

Auf einem strafraumbreiten und bis zur Mittelinie reichenden Feld wurde dabei ein 11 gegen 11 plus 2 auf zwei im Halbraum befindliche 5m-Tore gespielt, wobei ein 4-2-3-2 ohne Torhüter entstand. Vermutlich war diese Übung bewusst schon fast zu eng aufgebaut, was zusammen mit einer Beschränkung auf zwei Kontakte das schnelle Kombinationsspiel auf sehr engem Raum forcieren sollte. Gegenpressingsituationen traten dadurch logischerweise ebenfalls vermehrt auf, allerdings eher solche individueller Art und ohne speziellen Fokus auf Kollektivität zumindest im Rahmen dieser Spielform.

Nach einem Durchgang reagierte Tuchel auf einen durch die Höhe der 5m-Tore implizit auftretenden Weitschussfokus, indem er die Tore auf deren weniger hohe Seite kippen ließ. Lange, flache Schnittstellenpässe konnten so immer noch erfolgreich sein, während gebolzte Bälle nun nicht mehr so leicht wie zuvor mit einem Treffer belohnt wurden.

Freitag, 24.07.2015, 10:00 Uhr

Nach dem obligatorischen lockeren Einlaufen und einem dynamischen Dehnprogramm, das teilweise aus der Entfernung so aussah, als würde es auch einige statische Elemente in sich vereinen, gab es noch die ebenfalls übliche Laufschule, welche dieses Mal in einem Kreis praktiziert wurde, bei dem sich die Spieler gleichzeitig zur Mitte bewegten, während sie die jeweils vorgemachte Übung ausführten. Danach teilte Rainer Schrey die Mannschaft in zwei Gruppen ein. Je eine Gruppe beschäftigte sich zunächst an einer der Banden mit für uns schwer erkennbaren Aufgaben, bevor sie in eine Partnerarbeit überging: Einer der beiden hielt seinen Gegenüber mit einem Band fest. Dieser führte gegen den Widerstand abwechselnd schnelle Bewegungen in unterschiedliche Richtungen aus und absolvierte schließlich einen Sprint über etwa 10-15 Meter.

Die andere Gruppe begann derweil mit Bewegungsübungen, bei denen Gymnastikbänder auf unterschiedliche Art und Weise als Widerstand zum Einsatz kamen. Danach hängte sich abwechselnd die Hälfte dieser Gruppe einen „Schlitten“ um, der dann bei der Ausführung unterschiedlicher Läufe als Gegengewicht fungierte.

Nach diesem mehr als halbstündigen Athletikprogramm standen erneut individual- und gruppentaktische Übungen in zwei Gruppen auf dem Programm, jedoch in anderer Form als noch am Montag. Begonnen wurde zunächst mit einem 1 gegen 1 nach diagonalen, hohen Zuspielen. Anschließend wurde das Feld etwas vergrößert und die Aufgabe zu einem 2 gegen 1 mit Ablage ausgeweitet, das nach einem Zuspiel ins Feld und einer Auftaktbewegung des Ablagenspielers (Aubameyang, Kagawa, Hofmann, Kampl, Castro, Leitner) erfolgte.

Nach nochmaliger Vergrößerung des zu bespielenden Raumes wtete sich die Spielform zu einem 3vs2 aus, bei dem es neben dem Anspieler und dem Ablagengeber (nunmehr unter anderem Ramos, Aubameyang, Leitner und Reus) einen zusätzlichen Spieler für einen nachstoßenden Lauf gab, der bei gutem Timing für einen flachen, befreienden Seitenwechsel zur Verfügug stehen sollte. Besonders erwähnenswert hierbei eine unnachahmliche Aktion von Henrikh Mkhitaryan, der eine leichte Unsicherheit zweier Abwehrspieler dafür nutze in einem plötzlichen Tempo- und Rhythmuswechsel genau durch deren Schnittstelle zu dribbeln und abzuschließen.

Gerade bei der letzten Variante forderte Tuchel immer wieder schnelle Durchbrüche und Anspiele auf den nachstoßenden Spieler, just in dem Moment, wo dieser sich gerade „im höchsten Tempo“ bewegt. Eine Gruppe wurde zwischendurch sogar unterbrochen und deutlich auf diese und sicherlich noch andere Punkte hingewiesen, indem Tuchel wild gestikulierend und etwas unzufrieden laute Erklärungen von sich gab.

Abgeschlossen wurde diese Einheit schließlich mit einem 7 gegen 7 plus 1 in Turnierform auf einem Feld dessen Länge der üblichen Platzbreite und dessen Breite etwas weniger als dem Abstand zwischen Strafraum und Mittellinie entsprach. Die Teams agierten aus einer 2-4-1/2-3-2-artigen Formation heraus, die in Ballbesitz je nach Positionierung des Jokers entsprechende andere Staffelungen aufwies. Defensiv bildete sich zumeist eine Viererkette heraus, bei der die ballnahen Außenverteidiger aggressiv herausschoben. Zum Teil wurde das Ganze auch eher dreierkettenartig interpretiert, etwa beim Team um Ginter, Sokratis und Schmelzer mangels tatsächlichem rechten Außenverteidiger.
Die zuvor trainierten Charakteristika wurden dabei vermehrt forciert, was zu einem Ablagenfokus und dem Bespielen nachstoßender Läufe führte, aber auch zu Diagonalverlagerungen auf die vorstoßenden Außenspieler.

Freitag, 24.07.2015, 17:30 Uhr

Zum Abschluss des Trainingslagers lag der Fokus standesgemäß auf der Arbeit mit dem Ball: Nach lockerem Einlaufen mit selbigem am Fuß und einem Rondo ging man zu einer Spielform im 6 gegen 6 plus 4 über, bei der zwei Torhüter als äußere Anspieler zur Verfügung standen und zwei weitere Joker sich frei durch das etwa 30×20 Meter große Feld bewegten. Hierbei beeindruckten neben Torhüter Bürki einmal mehr Gonzalo Castro und Ilkaj Gündogan durch ihr hervorragendes, kreativ-befreiendes Passspiel in engen Situationen mit gleichzeitigem Gegnerdruck.

Fortgesetzt und gleichzeitig abgeschlossen wurde das Programm mit einer großen Spielform, die auf Strafraumbreite (zum Tor hin minimal enger werdend) zunächst von Fünfmeterraum zu Fünfmeterraum reichte und im 9 gegen 9 plus 2 gespielt wurde. Die Zahl der Ballkontakte war fast schon wie üblich auf zwei begrenzt. Zusätzlich wurde mit Hütchen auf jeder Seite wenige Meter von der Mittellinie entfernt eine Art Hilfslinie gezogen, die vermutlich die Höhe der Verteidigungslinie bei gegnerischem Ballbesitz in dessen ersten Drittel bestimmen sollte. Oliver Kirch wurde als linker Verteidiger aufgeboten und auch der Fokus auf schnelle Durchbrüche ausgeweitet. Beides ließ sich am darauf folgenden Tag gegen Juventus Turin ebenfalls beobachten. Exemplarisch für die Umsetzung der Trainingsinhalte im Spiel steht dabei sicherlich der Treffer zum 1:0.

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Fazit

Abschließen möchte ich diese letztlich doch sehr ausführlich Betrachtung mit einem (grafischen) Vergleich zwischen dem Idealbild der taktischen Periodisierung und jener praktisch von Tuchel durchgeführten Trainingswoche. Im Gegensatz zu der unter anderem von José Mourinho präferierten Variante verschreibt sich Tuchel an einem Trainingstag nicht einer bestimmten Art der Belastung in Form ähnlicher Spieleranzahlen und Feldgrößen, sondern baut seine Einheiten eher thematisch aufeinander bezogen auf und variiert dabei stärker.

2015-07-10_Trainingssteuerung_8

Taktische Periodisierung nach Henseling/Marić (2015)

Wochenverlauf des BVB unter Thomas Tuchel

Wochenverlauf des BVB unter Thomas Tuchel

Man kann hier sicherlich nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden und das ist auch nicht der Anspruch einer solchen Darstellung. Es gilt lediglich festzuhalten, dass Tuchel die Belastungen der Spieler ebenfalls intelligent zu steuern weiß und ihnen während sowie außerhalb des Trainings genug Zeit zur Regeneration gibt. Ob sich seine Vorgehensweise empirisch anhand der Ausfallzeiten mit jener der taktischen Periodisierung messen lassen kann oder diese sogar noch überbietet, wird die Zukunft zeigen.
Dass die Borussia unter Tuchel ähnliche Verletzungsprobleme haben wird, wie dies in den Post-Bartlett-Jahren unter Klopp (mit drei Einheiten pro Tag in der Vorbereitung) der Fall war, ist unterdessen kaum vorstellbar.

Über Eduard Schmidt

Für mehr (post-) modernen Fußball! Für mehr durchdachten taktischen Mut! Wir haben das noch nie so gemacht - lasst es uns versuchen. Twitter: @EduardVSchmidt
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4 Kommentare

  1. Hammer Artikel, lieber Eduard Schmidt, Kompliment!

  2. Aha … also baut Tuchel nicht nur das Spielfeld auf. Er schleicht sich auch nachts aus dem Hotel um den Platz zu maehen. Schlaeft der Mann eigentlich ?

  3. Pingback:#Link11: Potpourri | Fokus Fussball

  4. Ich möchte nur einmal ein Danke für die wunderbare Ausführung hier lassen.

    Danke. 🙂

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