Tuchels Dortmund im ersten wirklichen Test gegen Kawasaki Frontale

Einiges verändert sich dieser Tage beim BVB aus Dortmund. Grund genug für uns, die Vorbereitung näher zu verfolgen und davon zu berichten. Zu Beginn der Asienreise gab es beim ersten ernstzunehmenden Test gegen den japanischen Erstligisten Kawasaki Frontale dabei nicht nur einen fast kompletten Wechsel des Personals zur Halbzeit, sondern auch einen Systemwechsel im Vergleich zur letzten Saison.

 

Aufstellung der 1. Halbzeit, und die Herangehensweise von Kawasaki

 

Wie schon in den ersten beiden Tests begannen die Dortmunder auch dieses Spiel in einem 4-1-4-1. In diesem bildeten Piszczek, Subotic, Sokratis und Durm die Abwehrkette vor Torhüter Bürki. Der 19-jährige Neuzugang Julian Weigl agierte auf der 6, Castro und Kagawa auf der Doppelacht bzw –Zehn. Maruoka und Rückkehrer Hofmann besetzten nominell die Flügel und Marco Reus die Sturmspitze.

BVB-Kawasaki-Hz1

Dortmund in der ersten Halbzeit

 

Die Japaner formierten sich ebenfalls im 4-1-4-1, welches als eher passives Mittelfeldpressing gespielt wurde und sich durch Herausrücken eines Achters gelegentlich auch zu einem 4-4-2 umformte, wenn Kawasaki mehr Druck auf den Dortmunder Spielaufbau erzeugen wollte.

 

Dortmunds Aufbauspiel: Verbessert und flexibel

 

Wie Coach Tuchel bereits in der Pressekonferenz nach dem ersten Testspiel in Deutschland erklärte, stand in den ersten Trainingseinheiten neben dem konditionellen Aspekt besonders das Pass- und Positionsspiel auf dem Programm. Es ist davon auszugehen, dass Spielformverfechter Tuchel diese Aspekte nicht nur isoliert sondern möglichst spielnah mit Raum- und Gegnerdruck ganzheitlich trainieren lässt. Die ersten Früchte der Trainingsarbeit gab es bereits gegen die Japaner zu sehen.

Flexibel versuchten die Dortmunder wie von Tuchel gefordert die richtigen Räume anpassungsfähig zu besetzen. Hierbei schoben die Außenverteidiger auf eine mittlere Höhe, wodurch sie einerseits den Gegner zurückdrängten und den Innenverteidigern Raum gaben, andererseits aber immer noch die Verbindung hielten und für sie anspielbar waren. 6er Weigl bewegte sich vor Subotic und Sokratis und wurde oft von einem bedient, wenn die Japaner dies zuließen. Eine weitere kleine Auffälligkeit im Aufbau war, dass sich auch Torwart Bürki in 2-3 Situationen recht hoch (so ca 25m vor seinem Tor) einband. Dies gab es aber nicht konstant zusehen, auch, weil der BVB meist höher aufbaute.

Weiter vorne machten sich die anderen Mittelfeldspieler und Reus durch abgestimmte gegensätzliche Bewegungen immer wieder anspielbar und konnten so Anspiele erhalten, insbesondere in den Halbräumen. In diesen hielten sich die nominellen Außen Maruoka und Hofmann primär auf, während wie erwähnt die Außenverteidiger Breite gaben.

 

Besonders auffällig bei diesen Bewegungen war Reus, der seine Rolle sehr mitspielend und tief auslegte und sich selten im Sturmzentrum befand, sondern immer wieder in den Zwischenlinienraum zurückfiel und/oder in die Halbräume auswich.

 

In der Finalisierung der Angriffe rückten dann auch die Außenverteidiger dynamisch vor und nicht wenige der kombinativ und flach vorgetragenen Angriffe wurden durch Flanken abgeschlossen, die anders als üblich recht intelligent genutzt wurden, da nachrückende Spielern den Strafraum meist dynamisch besetzten. So entstanden das 1:0 durch Kagawa sowie das zweite Tor Aubameyangs im zweiten Durchgang durch herausgespielte Durchbrüche am Flügel und darauf folgende Hereingaben.

 

Durch die enge und gut verbundene positionelle Struktur entstand auch ein dementsprechend effektives Gegenpressing, so dass der BVB kaum vielversprechende Kontersituationen zuließ. Probleme machten da eher kleinere unglückliche individuelle Aktionen durch die Kawasaki zu Halbchancen zwischen dem ersten und zweiten Tor der Borussia kam.

 

Interessanter Pressingansatz

 

Auch das Pressing des BVBs konnte sich gerade zu diesem Zeitpunkt der Vorbereitung trotz mitunter vielleicht unpassender Abstände sehen lassen.

Grundsätzlich presste man im 4-1-4-1 welches sich aber immer wieder durch Vorschieben eines oder selten auch beider Achter zu einem 4-4-2/4-2-4 beziehungsweise 4-1-2-2-1 umformte. Außerdem entstanden situativ auch noch kurzzeitige asymmetrische 4-3-3-Staffelungen, die zumeist durch das Vorrücken eines Achters und eines Flügelspielers entstanden, während sich der entgegengesetzte Flügelspieler tiefer einordnete.

Die letztgenannten Staffelungen entstanden vor allem im Angriffspressing, im dem der BVB sehr lenkend spielte um den Gegner auf einer Seite hoch zu isolieren. Besonders Reus und Kagawa, der primär vorschob, zeigten hierbei eine starke Leistung. Den Dortmundern kam hierbei zugute, dass die ballbesitzbewussten Japaner ihrerseits versuchten kurz aufzubauen und sich somit pressen ließen, anstatt beim ersten Anzeichen von Druck den Ball nach vorne zu schlagen.

Im Mittelfeldpressing gab es dann meistens das normalere 4-1-4-1 und mit der Zeit häufiger werdend auch das 4-4-2 nach Vorschieben von Kagawa zu sehen.

Ebenfalls interessant zu beobachten waren die nur kurzen Phasen Dortmunder Abwehrpressings, in denen sich durch das Zurückfallen des ballfernen Flügelspielers mitunter 5er-Ketten in letzter Linie bildeten.

Kleine Veränderungen in der 2. Halbzeit

BVB-Kawasaki-Hz2

Der BVB agierte in der zweiten Halbzeit in einem 4-2-3-1

 

Zur Halbzeit tauschte Tuchel bis auf Maruoka die gesamte Mannschaft aus und stellte durchgängig auf ein tieferes 4-4-2/4-4-1-1-Mittelfeldpressing um, mittels dessen der BVB gegen die nun zunehmend höher und offener stehenden Gastgeber nach Ballgewinnen gefährlich umschalten konnten. Hierbei taten sich besonders Mkhitaryan und Aubameyang hervor.

Auch das eigene Ballbesitzspiel wurde leicht abgeändert. Bender und Gündogan bildeten nun eine recht klare und gut gestaffelte Doppelsechs, anstelle der Solosechs Weigls in der ersten Hälfte. Kawasaki verteidigte mit zunehmender Spieldauer tiefer und ließ das Dortmunder Gegenpressing so noch mehr zur Geltung kommen. Stankovics Tor entstand beispielsweise aus einer solchen Situation.

 

Fazit

 

Das erste ernsthafte Testspiel der Borussen macht bereits Lust auf die neue Saison. Tuchel hat die größte Schwäche der vergangenen Spielzeit, das eigene Ballbesitzspiel, erkannt und scheint gewillt, es zu optimieren. Das Spielermaterial dazu besitzt er auf jeden Fall. Auch im Pressing lieferte der ehemalige Mainzer bereits eine Kostprobe seines Könnens, auch wenn noch nicht alles perfekt funktionierte. In diesem Zusammenhang muss Kawaski aber nochmals ein Kompliment ausgesprochen werden, da ihr Ballbesitzspiel insbesondere in der ersten Halbzeit phasenweise zu gefallen wusste. Bei einigen Bundesligisten müsste man froh sein, einen solchen Fußball zu sehen, strebt das aber wohl gar nicht erst an.

Individuell scheinen einige Spieler bereits in guter Form zu sein. Ilkay Gündogan wirkte dynamischer/spritziger und auch sauberer als in der letzten Saison. Zumindest meine Hoffnung darauf, dass er die Form von vor seiner Verletzung wieder erreichen könnte, steigt. Erwähnenswert außerdem die starken Weigl, Mkhitaryan, Kagawa und Aubameyang.
Ein erfolgreicher Anfang ist gemacht. Über den weiteren Verlauf halten wir euch an dieser Stelle auf dem Laufenden.

 

Vielen Dank an Eddie für die Hilfe!

Über Nils Poker

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