Strukturanalyse: Deutsche U17-Nationalmannschaft gegen Mexiko

Samstagnacht traf die deutsche U17 nach zwei Startsiegen im letzten Gruppenspiel auf Mexiko. Für das Achtelfinale war man bereits qualifiziert. Mit einem Unendschieden wäre man außerdem sicher Gruppenerster (geworden).

Wück rotierte ein wenig, allerdings nur auf drei peripheren Positionen, die keine so dominanten Rollen im Konstrukt darstellen. Akyol ersetzte Karakas als Linksverteidiger und rechts kam Busam zurück in die Startelf. Außerdem nahm Saglam die wenig präsente Rolle Janelts auf der Sechserposition fast eins zu eins ein.

Da ich ohnehin kaum individuell auf Spieler Mexikos eingehe, habe ich mir deren Namen auch in den Grafiken gespaart. Erwähnenswert: Captain Esquivel war gut.

Mit Mexico traf man auf ein taktisch durchaus interessantes Team. Grundformativ reihen sie sich zwar in einem klassischen 4-4-2 auf, besitzen aber einige Eigenheiten. So setzen sie auf ein sehr hohes, mannorientiertes Pressing, das an Christian Streichs Bundesligazeit erinnert. Die beiden Stürmer orientieren sich rein an den Innenverteidigern und erschweren so den Spielaufbau schon in vorderster Linie.

Allerdings waren sie dabei weniger aktiv und aggressiv als die Freiburger damals und Deutschland wegen der tabellarischen Ausgangslage im Allgemeinen überaus vorsichtig und zurückhaltend in allen Spielphasen. So herrschte ein sehr ruhiger und gleichbleibender Grundrhythmus. Der führte zwar nicht zu unzähligen Großchancen und Spannung, dafür ließen sich allerdings gut kleine taktische Details im Spielaufbau erkennen.

aufbauger

Taktik wie von dem Reisbrett. Deutschland zirkuliert hinten sicher, Mexiko spiegelt. Kein Team geht echtes Risiko.

Deutschland mit Ball zu breit & symmetrisch

Die Innenverteidiger fielen bis auf die Höhe Frommanns zurück, um dem Zugriffsbereich der Stürmer zu entgehen, und bildeten so einer tiefe Torwartkette.

Dorsch und Saglam wurden mannorientiert verfolgt, was teilweise dazu führt, dass Mexiko den Sechserraum freigab. Özcan wusste die Freiheiten aber nur selten zu nutzen, auch weil er strukturell viel zu wenig eingebunden wurde, sondern eine eher passive Rolle inne behielt.

Deutschland erreichte die Räume manchmal aber auch durch lange Schläge, war hier aber zu unsauber im Kampf auf den zweiten Ball, um klare offene Momente zu generieren.

Punktuell konnte man auch seine – offensichtlich einstudierten – Mechanismen im ballnahen Halbraum anbringen.

HRzeugs

Klassiche Halbraumkombination nach DFB-Schule. Die Folgeaktionen waren allerdings selten sauber organisiert. Der völlig offene ballferne Halbraum wird nie genutzt, weil die ballfernen Außen konsequent die Breite halten.

 

 

 

In nebenstehender Grafik wurde die Seite gerade gewechselt und Abu Hanna stößt vor, während er von der Seite angelaufen wird. Der Linksaußen löst sich von der Außenlinie in den Halbraum, wo er mit einem Druckpass angespielt wird. In diesen Situationen zeigte sich die Absprache zwischen Außen und Özcan zu wenig abgestimmt. Einige Male wollte Özcan den Vertikalball abnehmen, zog so allerdings nur die beiden Sechser mit, weshalb es hier Passlack erschwert wurde, sauber aufzudrehen. Aber auch die Außenverteidiger konnten meistens noch rechtszeitig reagieren und vorrücken – auch weil der entsprechende vertikale Lauf des deutschen Außenverteidigers meistens fehlte.

So kamen sie zwar manchmal zu ballnahen Überladungen. Wie man allerdings auch im Bild sieht, fehlte vollkommen die diagonale Anbindung in den Zehnerraum bzw. auf die andere Seite. Der ballferne Halbraum stand in diesen Momenten immer wieder sperrangelweit offen, wurde aber schlicht nicht besetzt. Das erlaubte den beiden Sechsern Mexicos auch viel weiter einzuschieben. Hier kam, wie schon das ganze Turnier über, die zu breite Grundausrichtung zum Tragen, weshalb dem deutschen Spiel oftmals die Kombinativität abgeht.

Gleichzeitig kann diese Breite, wenn sie denn mal bedient wird, zu hoher Durchschlagskraft führen. Vor allem Niklas Dorsch fokussierte die langen Diagonalbälle wieder einmal sehr, hatte hier aber eben aufgrund des hohen Anspruchs derariger Pässe eine mäßige Erfolgsquote.

dorschi

Nach einer Kombination links wird der Ball auf Gül verlagert, der schräg angelaufen wird. Dorsch bewegte sich anfangs mit der Dynamik, bleibt dann aber klug stehen. Sein Gegenspieler fällt darauf ein, bleibt ebenfalls stehen und Gül kann Özcan in einer der wenigen Situationen sauber im Zwischenlinienraum bedienen.

Dorsch zeigt sich allgemein etwas besser als vor der WM zu erwarten war. Immerhin war die Auftaktpartie sein erstes Spiel von Beginn an seit Mai gewesen. Er wirkt frischer als bei den Kurzeinsätzen, die er bisher für Bayerns U19 hatte. Auch neben dem Fokus auf lange Diagonalbälle nähert er sich im Stil immer mehr Toni Kroos an. In unübersichtlichen, dynamikreichen Drucksituationen lösst er sich immer wieder dynamikschlagend heraus. So beruhigt er das Spiel aus dem Sechserraum heraus, kann aber auch antreibend an Engenkombinationen teilnehmen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Idee: Unwuchtumstellung

Gegen dieses konsequente, klare, aber doch auch starre Defensivkonstrukt hätte man deutlich asymmetrischer positioniert sein müssen, um Räume aufzublocken und so Unwucht zu generieren.

idee

Idee meinerseits: Frommann höher eingebunden, Flügel assymetrisch, Busam hereinkippend.

Das Spiel war ein Paradebeispiel für die Idee der Torwartkette, die ich übrigens auch gegenüber Herrn Wück ansprach. So trägt man die Überzahl eine Ebene nach vorne. Die Stürmer müssten wohl etwas zusammenschieben, weil man ansonsten simple Bälle auf die Sechser erlauben würde. So hätten die Innenverteidiger mehr Raum für Vorstöße und offenere Passwege. In der ersten Aufbauphase könnte man die linke Seite fokussieren, wo Passlack durch die Räume driften dürfte. Akyol gibt derweil die Breite. Dorsch und Özcan könnten punktuell die Kombinationen unterstützen.

Auf der anderen Seite könnte man nach Verlagerungen mehr Durchschlagskraft erzeugen. Köhlert oder Özcan könnten abwechselnd den Halbraum besetzen.

Wenn man‘s sehr perfekt machen will, könnte man bei Kombinationen, die von Gül aus initiiert werden eine Rochade zwischen Köhlert und Busam anweisen, durch die man gegen mannorientierte Gegner leicht ins Dribbling kommt.

Jedenfalls schaffte es Deutschland mit dem vorhandenen System nicht zu Großchancen aus eigenem Ballbesitz zu kommen. Das ist insoweit gar nicht so schlimm, weil das auch in den vorherigen Spielen kaum der Fall war. Fast alle Tore schoss man nach mittelohen Ballgewinnen, aus denen heraus man schnell nach vorne umschaltete. Allerdings gelang auch das gegen die Spielweise der Mexikaner nicht.

Mexiko in Ballbesitz mit flexibler Dreierkette

Auch mit Ball hatte Mexico so seine taktischen Eigenheiten. Grob gesagt bauten sie auf eine schematische Dreierkette im tiefen Spielaufbau, von der aus sie vor allem die linke Seite fokussierten und meist mit langen Bällen die Linie entlang bedienten.

Diese schematische Dreierkette wurde manchmal mit dem zurückfallenden Linksverteidiger gebildet, meistens jedoch durch den von der Sechs abkippenden Kapitän Esquivel.

mex1

Mexikos Aufbauvariante #1 mit abgekipptem Sechser.

 

Der Sechser ist in der Grafik schon früh zwischen die Innenverteidiger gegangen, wo sie erst einmal Ruhe an den Ball bringen. Beide Stürmer bleiben allerdings in ihrem Grundraum, weshalb der zurückgebliebene Sechser in einer katastrophalen Unterzahlsituation alleine die Mitte besetzt. Das verhindert von vorne herein ein echtes Kombinationsspiel.
Einzelne gefährliche Momente entstanden, wenn sich ein Stürmer fallen ließ. Gül orientiert sich in solchen Momenten oft zu stürmisch am direkten Gegenspieler und öffnete so Räume hinter sich, die der andere Stürmer anlief. Abu Hanna konnte diese Bälle mit seiner Geschwindigkeit und mit Unterstützung von Busam aber erfolgsstabil verteidigen.

mex2

Aufbauvariante #2 mit zurückgekipptem Außenverteidiger, den Passlack immer wieder gut pressen konnte.

Fiel der Linksverteidiger zurück und bildete die Dreierkette mit den beiden Innenverteidigern, ergab sich eine etwas bessere Grundstaffelung. Die Mitte war immerhin doppelt besetzt und es ergaben sich häufig Räume im Zwischenlinienraum. Mexiko suchte die variableren Staffelungsmöglichkeiten allerdings zu unzielstrebig. Außerdem konnte Felix Passlack hier immer wieder seine guten Pressingfähigkeiten einbinden und so die potentiell gefährliche Staffelung durch geschickte Deckungsschattennutzung abfedern.

Ob man den Spieler im Zwischenlinienraum bedienen konnte, hing vor allem mit der vertikalen Kompaktheit Deutschlands zusammen, sprich: wie groß der Zwischenlinienraum war. Hier liegt ein interessanter Rückkopplungseffekt mit den langen Bällen vor. Steht man hoch, wird es ungemütlich die langen Bälle hinter die Kette zu verteidigen. Geht man tiefer, können Spieler vor der Kette aufdrehen.

Der Mut der deutschen Verteidiger in Halbzeit eins lohnte sich hier. Gleichzeitig ging dieser in Hälfte zwei immer weiter verloren.

Deutschland immer passiver

Im Laufe der zweiten Halbzeit wurde die deutsche U17 dann immer passiver und noch zurückhaltender. Zum Beispiel wurden Abstöße nicht mehr kurz gespielt, sondern lang geschlagen. Aber auch in individualtaktischen Punkten veränderte sich der deutsche Rhythmus.

passlackspeku

Felix Passlack läuft den Außenverteidiger nach einer Verlagerung bogenförmig an, sodass der die Linie entlang spielen muss. Passlack sieht, dass Akyol das bereits antizipiert hat und mit Tempo zum Ball geht. Außerdem fehlen dem Mexikaner Optionen in der Mitte. Passlack spekuliert deshalb auf einen Ballgewinn und läuft hinter den Außenverteidiger durch. Akyol gewinnt den Ball allerdings nicht sauber.

Das führte dazu, dass sich das Spiel immer weiter in die Hälfte Deutschlands verschob und Mexiko immer mehr an Kontrolle gewann.

So erreichten sie auch häufiger die Räume, in denen sich die Stürmer aufhielten, die vorher ja praktisch verschwendet waren. Die Angriffe waren zwar weniger strukturiert, konnten allgemein aber mehr Durchschlagskraft erzeugen.

Hier machte sich jedoch auch die im Gegensatz zur EM verbesserte Strafraumverteidigung bezahlt. Die Außen sind nicht mehr nur ultimativ an ihren direkten Gegenspielern orientiert, sondern sind sich ihrer Aufgabe zur Mitte hin bewusst. Bei solchen Szenen um den Sechszehner herum arbeiten also auch die ballfernen Flügelstürmer bis an den Sechszehner mit zurück und füllen zentrale (!) Löcher im Sechserraum, was sehr stabilisierend wirkt.

Deutschland kassiert zwei und schafft den Ausgleich nicht mehr

Die zwei Gegentore, die man sich fing, hingen mindestens indirekt mit der tieferen Grundpositionierung zusammen. Beim ersten verschaffte sich Mexiko ein öffnendes Moment aus einer Gegenpressingsituation, worauf ein Distanzschuss abgefälscht wurde. Das zweite war ein Eckballtor am ersten Pfosten, auch weil (nur) der erste Pfosten besetzt war, wodurch Frommann behindert wurde. Ähnliches beim Anschlusstreffer durch Eggestein.

Deutschland lief danach noch etwas gegen die wirre Strafraumverteidigung Mexikos an, baute aber zu sehr auf simple, dynamiklose Flanken, die keine echte Gefahr mehr brachten.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Ein Kommentar

  1. Pingback:#Link11: »Maurice, das geht hier doch alles den Banach hinunter« | Fokus Fussball

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.