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Fussball mit Konzept

Der Fiorentina den Ball, der Roma den Sieg

Fiorentina gegen Roma lautete am Wochenende das Spitzenspiel der Serie A. Paulo Sousas Fiorentina lag vor dem Spieltag auf Platz eins, Rudi Garcias Roma nur einen Punkt dahinter auf Rang zwei, insgesamt ist das Spitzenfeld der Liga bisher aber extremst ausgeglichen und vor allem Sarris Napoli ist nach durchwachsenem Saisonstart im Kommen und derzeit wohl das stärkste Team der Liga. Die SSC Napoli war es auch, die der bisher sehr überzeugenden Fiorentina in der Runde zuvor die zweite Saisonniederlage bescherte. Die Roma dagegen reiste nach einem kuriosem 4:4 gegen Leverkusen in die Toskana.

Dort trafen im Stadio Artemio Franchi die beiden dominantesten Teams der Liga aufeinander. Rudi Garcias Roma brachte es bisher auf durchschnittlich 61 % Ballbesitz, Paulo Sousas Fiorentina auf 60 %, die beiden sind in dieser Kategorie dadurch klarer Spitzenreiter, noch vor Sarris Napoli.

Fiorentina vs Roma

Paulo Sousa konnte auf Vincenzo Montellas Arbeit aufbauen, setzt aber auf vertikaleres, direktes Spiel mit mehr Zentrumsfokus in einer 3-4-2-1-Grundformation. Das von Montella hinterlassene Spielermaterial ist dazu sehr passend, mit unter anderem Matias Vecino, Jakub Błaszczykowski und Nikola Kalinic kamen aber sehr gut Neuzugänge im Sommer hinzu. Sousa konnte gegen die Roma auf seine übliche Stammelf setzten und musste nur auf Marcos Alonso verzichten, statt dem angeschlagenen Spanier durfte der junge Flügelstürmer Federico Bernardeschi als Wingback ran.

Rudi Garcias Roma veränderte sich gegenüber der vorigen Saison nur wenig. Die individuelle Qualität ist durch die Sommertransfers deutlich gestiegen, spielerisch ist die Mannschaft aber weitestgehend unverändert, weist sowohl offensiv als auch defensiv ähnliche Probleme wie vergangene Saison auf, auch wenn Garcia nun mehrmals das System leicht veränderte und konsequenter auf einen flachen Spielaufbau aus dem ersten Drittel heraus setzt. Gegen das starke Offensivpressing der Fiorentina also eine überaus interessante Ausgangslage. Umstellung gegenüber der Partie gegen Bayer Leverkusen gab es nur eine einzige, und zwar musste Vasilios Torosidis auf die Bank, Edin Dzeko kam wieder in den Sturm und Alessandro Florenzi in die Abwehr

Zu Beginn versuchte Rudi Garcia noch sehr früh zu pressen, schob im 4-1-4-1 hoch, wobei sich die zentralen Mittelfeldspieler der Roma um die Sechser der Viola kümmerten und der ballnahe Flügelstürmer den Halbverteidiger schräg von außen nach innen anlief. Durch gute Kombinationen und die Pressingresitenz von Badelj und Vecino hätte die Fiorentina aber wohl dennoch recht erfolgsstabil das Spiel aufbauen können.

Roma 4-1-4-1 Pressing

Doch bereits nach fünf Minuten änderte sich die Partie grundlegend, da sorgte nämlich Mo Salah für den Führungstreffer der Gäste. Gemeinsam mit den zentralen Mittelfeldspieler überlud er die rechte Seite und konnte nach Doppelpass mit dem freistehenden Pjanic perfekt aufs lange Eck schlenzen.

Die Roma zog sich danach zurück, verzichtete darauf den Gegner zu pressen und versuchte über eine stabile Defensive und Konter zum Erfolg zu kommen. Zunächst versuchten die Römer ab der Mittellinie zu attackieren und behielten zunächst ihre grundsätzliche 4-1-4-1-Staffelung bei. Dabei orientierten sich Pjanic und Nainggolan weiterhin an Badelj und Vecino, Salah und Gervinho blieben auf Błaszczykowski und Bernardeschi. In diesem 4-1-4-1 Mittelfeldpressing wurde nur wenig Druck auf die Dreierabwehr der Violetten ausgeübt, nur der ballnahe Achter schob leicht auf den ballbesitzenden Halbverteidiger heraus, woraufhin Dzeko versuchte den Passweg auf den freiwerdenden Sechser zu blockieren. Durch die Mannorientierungen auf die gegnerischen Sechser und Wingbacks waren statt dem 4-1-4-1 eher 4-3-2-1 oder 4-3-3 (mit vorgeschobenen Achtern) Staffelungen zu sehen. Durch das vorschieben der offensiven Wingbacks ergab sich aber hauptsächlich ein 6-3-1 oder 6-1-2-1, auf das die Fiorentina enormen Druck ausübte.

roma 6-3-1 markiert

Die Aufgabenverteilung bei der Roma war dabei klar: Nainggolan und Pjanic kümmerten sich um die Sechser der Fiorentina, Salah und Gervinho um die Wingbacks, Manolas und Rüdiger um Kalinic. Um die Zehner der Fiorentina zu stoppen, gab es eine sehr interessante Variante. Die Außenverteidiger Florenzi und Digne spielten mannorientiert auf Borja Valero und Ilicic.

fiorentina vs roma zentrum kompakt

 

Die beiden offensiven Mittelfeldspieler waren bisher womöglich die größte Stärke von Paulo Sousa. Durch die Aufstellung von vier zentralen Mittelfeldspielern konnte Sousa stets Überzahl im Mittelfeldzentrum herstellen, die Zehner positionierten sich dabei stets im Zwischenlinienraum und wurden durch vertikale Pässe von den Verteidigern gesucht. Mit vertikalem Spiel und meist direkten Ablagen konnte die Fiorentina so gut im Zentrum vorrücken. Meist wurde versucht gleich zwei Linien zu spielen, die Verteidiger suchten also mit Laserpässen die Zehner, die Sechser bevorzugten eher Kalinic als Anspielstation. Oft rückten die gegnerischen Innenverteidiger auf einen der beiden offensiven Mittelfeldspieler heraus, wobei Kalinic die dadurch entstehenden Löcher gut bearbeiten konnte, wie hier zu sehen ist:

Um dies nun zu vermeiden, stellte Garcia seine Außenverteidiger hierfür ab. Sie rückten stets heraus und verfolgten Borja Valero und Ilicic teilweise sehr weit zurück. Durch die zurückgezogenen Flügelstürmer entstanden dadurch aber kaum größere Lücken in der Defensive.

Roma RV herausrückend auf 10er

Im Zentrum hatte die Roma quasi eine 4-3-1-Staffelung bei der die zentralen Anspielstationen mannorientiert gedeckt wurden. Badelj und Vecino konnten gegen Pjanic, Nainggolan und auch Dzeko nur wenig ausrichten, sie mussten stets ein wenig abkippen, um sich Bälle zu holen, hatten dann aber eine schlechte Anbindung nach vorne. Ilicic und Borja Valero konnten üblicherweise weder aufdrehen, noch mit vernünftigen Ablagen das Kombinationsspiel forcieren und wurden zumeist von den Außenverteidiger weiter zurückgedrängt. Die Fiorentina wurde so zu einer recht ungefährlichen, horizontalen Ballzirkulation gezwungen, drängte die Mannschaft von Rudi Garcia aber immer weiter nach hinten.

Erholungsphasen gab es für die Roma fast keine, da die Fiorentina fast immer sichere Anspielstationen retour hatte und sich sehr geduldig zeigte. Für die Giallorossi gab es kaum Phasen mit eigenem Ballbesitz. Dies lag einerseits an den mangelnden Kontermöglichkeiten. Mit Spieler wie Salah und Gervinho würde es sich prinzipiell wohl sehr gut kontern lassen, doch aufgrund der 6-3-1-Staffellung mit der tiefen Positionierung der Flügelstürmer konnte die Roma nur selten vernünftige Gegenangriffe starten. Die Fiorentina konnte verlorene Bälle, aufgrund der gegnerischen Staffelung und ihrem guten Gegenpressing, meist schnell zurückerobern. Nur sehr selten gab es Phasen, in denen die Roma den Rythmus erhöhte und vereinzelt höher presste, wobei es eine kollektive Klarheit fehlte, wann dies zu tun ist, wodurch das Pressing einfach zu bespielen war.

Zudem konnte die Roma den Ball auch kaum in ihren eigenen Reihen halten, wenn sie nicht kontern wollte. Wie gewohnt versuchte die Roma das Spiel flach von hinten aufzubauen, hatte da aber seine Probleme mit dem starken Pressing der Fiorentina.

Viola Pressing

In der Regel wurde die Roma schnell nach Außen geleitet, wo die Fiorentina alle nahen Anspielstationen presste. Scsczesny wurde etwas weniger eingebunden als sonst und Rüdiger griff häufig zu langen Bällen, bei denen er vor allem Dzeko suchte – ein Mittel, auf das Rudi Garcias Team öfter Mal zurückgreift. Mit Fortlauf der Partie wurden diese Bälle aber immer unkontrollierten und die Römer könnten auch nicht mehr vernünftig auf die zweiten Bälle arbeiten.

 

Einen erfolgreichen Konter hatte die Roma dennoch. Nach einem Eckball schlich sich Gervinho im Rücken der Abwehr davon und wurde von Florenzi mit einem langen Ball bedient. Der schnelle Gervinho ist bei so einem großen Vorsprung natürlich ziemlich schwierig einzuholen, hin und wieder machte er solche Chancen dann auch rein. Dieser leichtfertige, billige, Gegentreffer erschwerte die Situation der Fiorentina enorm.

Die Gäste aus Rom konnten sich weiterhin beruhigt zurückziehen und sich noch weniger mit der Offensive beschäftigen Da es demnach aber kaum Erholungsphasen gab, führte Rudi Garcia gegen Ende der ersten Hälfte kurzen Positionswechsel durch. Um Salah und Gervinho zu entlasten, tauschten sie mit Nainggolan und Dzeko die Rolle. Nainggolan ging nach rechts hinten und bewachte Bernardeschi, Dzeko war mehrmals links hinten auf der eigentlichen Position von Salah zu sehen. Womöglich steckte dahinter auch die Idee, durch die höhere Position von Gervinho und Salah besser kontern zu können. Nach der Halbzeit war dies jedoch nicht mehr zu beobachten.

fiorentina roncaglia vorne

Paulo Sousa verzichtete lange auf Umstellungen, nur einer der beiden Halbverteidiger, meistens Roncaglia, baute sich mehr in das Offensivspiel ein und agierte öfter auf Höhe der defensiven Mittelfeldspieler, aber auch recht flügellastig. Die Römer bauten sich am Strafraum auf, die Viola konnten diese Mauer kaum Chancen kreieren. Nur Möglichkeiten für Weitschüsse ergaben sich aufgrund zu tiefer Positionen der römischen Mittelfeldspieler desöfteren.

Fiorentina Kombination 6 auf 10 auf wingback

Paulo Sousas Mannschaft agierte gegen die vielen Mannorientierungen insgesamt etwas zu statisch. Durch die geringe Bewegung konnten sich die Florentiner kaum von ihren Gegenspielern lösen und auch nur selten Räume für ihre Mitspieler schaffen. Vor allem Rochaden zwischen den beiden offensiven Mittelfeldspielern wären ein recht leicht umzusetzendes Mittel gewesen. Auch die Sechser und die Flügelspieler hielten etwas zu starr ihre Positionen.  Zudem wären häufigere und schneller gespielte Spielverlagerungen eine Möglichkeit gewesen, die Roma zu verwunden. Die zurückgezogenen Flügelstürmer waren nämlich eine potentielle Schwachstelle. Sie haben ihre Stärke ohnehin nicht in der Defensive und hielten ihre Positon teils nur schlampig (auch wenn die Disziplin der gesamten Mannschaft im Defensivverhalten insgesamt durchaus beeindruckend war). Zudem verschoben sie nicht mit der Viererkette und blieben stets breit bei den Wingbacks der Viola. Dadurch ergaben sich Räume zwischen den Flügelstürmer und den Außenverteidigern und durch das Herausrücken der Außenverteidiger auf die Zehner auch Räume dahinter. Eine sehr gute Möglichkeit entstand etwa durch oben abgebildete Kombination.

Eine Option wäre es auch gewesen, einen der Verteidiger für einen weiteren Offensivspieler aufzulösen. Die drei Verteidiger mussten sich defensiv nur um Dzeko kümmern, waren offensiv bemüht, aber taten sich schwer. Zudem wurden sie durch das leichte Abkippen eines der defensiven Mittelfeldspieler, die mit der Zeit dominanter wurden und sich mehr Bälle holten, etwas obsolet. Stattdessen hätte Paulo Sousa einen weiteren Mittelfeldspieler oder eine zweite Spitze bringen können. Durch eine weitere Sturmspitze wäre die ganze Defensivreihe besetzt gewesen, die Roma hätte in letzter Linie keine Überzahl gehabt und man hätte die kleinen, durch das Rausrückverhalten der Außenverteidiger entstehenden, Räume besser attackieren können. Paulo Sousa reagierte zuerst in dem er Giuseppe Rossi als offensiven Mittelfeldspieler brachte und Borja Valero zurück auf die Position von Badelj schickte. Erst in den letzten zehn Minuten kam mit Khouma Babacar ein weiterer Stürmer für Gonzalo, Vecino agierte dafür als zentraler Innenverteidiger. Babacar sorgte in der Nachspielzeit, als Salah bereits mit einer roten Karte vom Platz geschickt wurde, auch noch für den Anschlusstreffer.

68% Ballbesitz wies die Fiorentina im Endeffekt auf, die Roma lediglich 32 %, der niedrigste Wert seit über zehn Saisonen. 643 zu 263 Pässe und 22 (15 davon außerhalb des Strafraums) zu 6 Schüssen waren das recht einseitige Ergebnis im Duell zweier Ballbesitzteams. Doch aufgrund einer kompakten, disziplinierten Defensivleistung wanderten die drei Punkte, etwas glücklich, aber nicht unverdient, an die Mannschaft von Rudi Garcia, den neuen Tabellenführer.

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Alex Belinger • 28. Oktober 2015


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