Begriffsetablierung im Fußball

Mein Vater sagt immer, dass Schönste am Fußball sei doch, dass absolut jeder eine Meinung habe und irgendwas dazu zu sagen hätte. Das mag den Fußball zu dem Massenevent qualifizieren, das es ist – durch die Unzahl an eigentlich unqualifizierten Zuschauern sinkt das allgemeine Diskussionsniveau dafür aber enorm.

Es etablieren sich Mythen, die auf den ersten Blick plausibel erscheinen, mit denen der Zuschauer sich bequem von der immer im Raum stehende Frage des „Warum?“ betäuben kann. So hält sich seit Jahrzenten der Mythos des Heimvorteils, ganze Vereinskrisen werden damit begründet, im Tippspiel tippt der alte Herr prinzipiell nur aufs Heimteam und wenn Schalke daheim gegen Chelsea verliert ist es plötzlich überraschend – hä? Nur leider ist der Heimvorteil seit Jahren eigentlich inexistent.

Hier soll nun aber nicht mit allen möglichen Fehlgauben aufgeräumt werden – das wäre doch zu mühsam – stattdessen sollen ungebräuchliche Begrifflichkeiten und Gedankenwege erläutert werden, die im dogmatisierten, deutschen Sprachgebrauch unterschätzt werden.

 

Die Interception

Eine der überschätzesten Aktion ist wohl der Zweikampf. „Wer heute die meisten Zweikämpfe gewinnt, gewinnt bestimmt auch das Spiel“ wird sicher noch in Jahren in der Kabinenansprache geschmettert. Gerade im modernen Fußball mit dem immer weiter angestrebten Passspiel mit wenigen Kontakten kommt man aber längst nicht mehr so klar in den ‚klassischen Zweikampf‘. Übrigens kann keinerlei Korrelation der Zweikampfquote zum Ergebnis gefunden werden.

Stattdessen gewinnt das Pendent des Zweikampfs zunehmend an Bedeutung: die Interception. Wie unterschätzt sie im deutschen Raum ist? Genau es gibt gar keinen deutschen Begriff dafür. Gemeint ist das abfangen eines ‚freien Balls‘, also in den Passweg zu zünden und den Ball abzufangen.

Damit verbunden ist auch die im deutschen Raum etablierte Dribbleangst. Man geht davon aus, zu dribbeln sei immer eine selbstsüchtige, egoistische Entscheidung. Zu passen dagegen immer einfach und sicher. Man vergisst schlicht, dass Pässe auch abgefangen werden können. Heutige Spieler sind teilweise sogar versierter im Abfangen von Bällen, was mit der zunehmenden Passfrequenz auch unabdingbar wurde. Zudem stellt eine Interception schlicht den eleganteren Ballgewinn dar. Sie ist sauberer, man hat zumindest ein paar Meter Platz, hat den Ball am Fuß und muss nicht noch durch den Gegenspieler hindurchwühlen.

 

Tacklings mit dem schwachen Fuß

Wo wir schon bei Zweikämpfen sind: der DFB vertritt hier das ASTLB-Modell. Anlaufen, Stellen, Tempo aufnehmen, Lenken, Ball erobern. Wenn überhaupt, sollte dieses Modell rein kommunikativ den Spielern vorgestellt werden, auf keinen Fall einschleifend trainiert werden!

Im Zweikampf fällt außerdem auf, dass die allermeisten Spieler eine klare Präferierung für einen zugreifenden Fuß haben. Das liegt hauptsächlich daran, dass man ein sogenanntes Sprungbein besitzt, mit dem man besser explosive Bewegungen ausführen kann. Auf diesem – in der Regel seinem schwächeren – Fuß stehend hat man eine spontanere Reaktion gepaart mit einer höheren Reichweite.

Trotzdem ist es – offensichtlich – hinderlich, wenn man auch mit rechts tackelt, wenn der Gegenspieler links vorbeizieht. Dazu müsste man „übergreifen“, was rein räumlich Zeit kostet.

Deshalb muss man die Spieler darauf hinweisen, dass sie auch hier den linken Fuß nutzen sollen. Hier gilt es die eingeschleiften Muster aufzubrechen. Übrigens ein Aspekt, den Sergio Busquets überragend beherrscht. Das kann zwar eine kurzfristige Verunsicherungen verursachen, langfristig aber eine Leistungsexplosion. Damit verbunden ist dann nämlich ein Trainieren dieses zweiten Beines in Punkten Koordination und Explosivität.

 

Unfassbarer Weise scheinen diese Prinzipien nicht einmal im Profifußball allgemein bekannt, wie Christoph Kramer berichtet:

Marco Reus hat von Favre gelernt, beim Dribbling auf die Füße des Gegners zu achten, um auf der richtigen Seite vorbeizukommen. Nehmen Sie auch eine ganz spezielle Erinnerung mit?

Na klar. Favre achtet wie kein anderer auf die Kleinigkeiten. Von ihm weiß ich: Wenn der Gegner rechts an mir vorbeigehen will, dann blocke ich nicht mit dem rechten Fuß, sondern mit dem linken. Damit bin ich die entscheidende Zehntelsekunde schneller. Zwischen Zweiter Liga und Weltklasse liegen oft nur Nuancen.

 

Strategische Ballannahme

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Der Sechser kommt mit zu viel Tempo und ohne Plan entgegen. Jetzt nimmt er aus Gewohnheit den rechten Fuß zur Annahme.. wenn er ruhig mit links aufdrehen würde?

Die Fähigkeit im Kombinationsspiel! Ich habe schon Jugendspiele beobachtet, in denen das komplette Aufbauspiel scheiterte, weil der Sechser den falschen Fuß zur Ballannahme nutzte. Meines Wissens wird dieser Aspekt bis zur Trainer-B-Lizenz nicht erwähnt, dabei ist er unfassbar simpel zu choachen und hebt die Passqualität um Welten.

Problematisch ist zudem, dass dem Trainer intuitiv meist doch bewusst ist, dass der Spieler eigentlich in der Lage hätte sein müssen diese Situation jetzt aufzulösen. Dieser wählt aus reiner Gewohnheit meist seinen starken Fuß und dreht sich so in die Druckituation hinein und erfährt sofort Druck und verliert möglicherweise den Ball. Der Trainer gibt also negatives Feedback „Wechsel doch raus!“, der Spieler hatte aber sofort Druck gespürt, glaubt also zu wechseln sei eigentlich nicht möglich gewesen. Durch solche Komplikationen, das Problem tatsächlich in seiner Totalen zu durchschauen, scheitert die Kommunikation mit den Spielern. Sie fühlen sich nicht verstanden und zu Unrecht kritisiert und blocken irgendwann vor dem Feedback.

Mit der Ballannahme mit dem strategisch korrekten Fuß entzieht man sich meist schon absolut problemlos aus vielen Situationen. Als Faustregel gilt, dass der zu bevorzugenden Fuß der spielfeldnahe ist: wird man von rechts angespielt der linke; von der anderen Seite der rechte. In wieweit man dies auch unter Gegnerdruck vollziehen kann ist sozusagen eine technisch relative Fähigkeit.

Der erste Kontakt ist der absolut wichtigste Moment im gesamten Spiel. Wird dieser nicht nur technisch sauber, sondern auch in die richtige Richtung – sprich dem richtigen Fuß – ausgeführt verbessert sich die Passqualität schlagweise. Das ist eine der vielen Details von Guardiolas Teams, in denen er deutlich besser zu Coachen scheint als andere Spieler.

 

Der Schulterblick

Eng verbunden mit obiger Entscheidung zum Aufdrehen ‚Wo will ich hin?‘ ist der Schulterblick. An sich muss man davon ausgehend, dass ein Profi prinzipiell fast alles am Ball recht perfekt beherrscht. Die Frage ist eher was macht er?

Ein absolutes Genie zeichnet sich genau dadurch aus, immer zu wissen, was um ihn herum passiert. Ein Stück weit wirkt das bei Offensivspieler wie reine Intuition. Insbesondere bei Mittelfeldspielern ist es aber wichtig, dass ihnen bewusst ist, was nicht nur unmittelbar um sie herum passiert, sondern auch wie die gesamttaktische Staffelung ausschaut. Auf Basis dieser Informationen kann man dann Entscheidungen nach bestem Gewissen treffen. Genau dazu wird der Schulterblick benötigt. Früher oder später gewöhnt sich zwar jeder Spieler etwas Ähnliches sporadisch an, trotzdem ist der Spruch „Ruf doch jemand Hintermann, ich hab doch keine Augen hinterm Kopf!!“ allgegenwärtig. Umschauen vielleicht?

Auch dieser Aspekt ist im Ausbildungskonzept des DFB zumindest kein grundlegender Aspekt.

Gerade ein Spieler wie Xavi zeichnete sich durch sein fast verrücktes Umblicken bis zu fünf Mal vor jeder Aktion aus. Aber selbst Messi blickt sich beim Dribbeln immer wieder nach hinten um, um nicht von etwaigen Rückwärtspressingaktionen überrascht zu werden.

Mit der Info, ob und inwieweit etwas im Rücken passiert, kann dann zwischen klatschen, gegen die Dynamik des Gegenspielers drehen oder einfachem Aufdrehen entschieden werden. Zudem können Anschlussaktionen vorbereitet werden.

 

Hier kann man einerseits informelle Schulterblicke während des Herumdriftens im Raum, die der reinen Orientierung zu den Mitspielern in der Raumstruktur des Gegners gilt. Andererseits den ööfnenden Schulterblick unmittelbar vor der Ballannahme, mit dem man noch einmal kurz checkt, ob man Aufdrehen kann. Man verhindert also, dass man unvorbereitet einem heranschießendem Gegenspieler ausgesetzt wird.

Besonders der orientierende Schulterblick ist für Spieler jüngerer Altersklassen oft ein Hindernis. Rein die Synchronisierung ist hier häufig ein Problem, da während der Ball schon auf einen zu rollt, der Blick gelöst werden muss. Erfahrungsgemäß beginnen die Spieler frühestens in der U15 hiermit. Hier ist auch ein geduldiges Coaching nötig, anfängliche grobe Fehler sind normal.

 

Das beschleunigende Moment

Durch diesen bei uns als „Aufdrehen“ kommunizierten ersten Kontakt erhält man die sogenannten offene Stellung. Diese wiederrum ist das Gut des Kombinationsspiel. In solchen Momenten hat man kurz volle Entscheidungskontrolle über 180° des zu bespielenden Raums.

Eng mit dieser technischen Fertigkeit verbunden ist dann die daraus folgende Wirkung. Erhält man offene Stellung in einem kontrollierten Raum, ist damit in aller Regel ein Rhythmuswechsel verbunden: sozusagen ein Umschaltmoment innerhalb einer Ballbesitzphase, da man nun die Tiefe suchen und erreichen kann.

Dadruch entsteht sozusagen ein Umschaltmoment innerhalb einer Ballbesitzphase. Die verteidigenden Mannschaft reagiert schulbuchartig mit diagonalem Fallen, um wieder Tiefe zu gewinnen und so die Stabilität zu gewahren.

Das öffnende Moment bezeichnet also eine offene Stellung innerhalb der gegnerischen Staffelung, die aus dieser Position heraus unstabil wird, weshalb ein Umschaltmoment folgt.

Pep Guardiola – wohl der Meister darin, sein Team gruppentaktisch kohärent auf solche Rythmuswechsel vorzubereiten – bezeichnet laut Marti Perarnau diesen Umschaltmoment innerhalb der eigenen Ballbesitzphase als „Vertikalisieren“.

Das beschleunigende Moment kann einerseits wie bei Guardiola durchs Aufdrehen 1. Passspiel 2. Dribbling oder 3. La Pausa hervorgerufen werden. Andererseits müssen sich auch direktere, weniger konstruktive Teams stets darum bemühen: so ist es eigentlich das Ziel, wenn man lange Bälle schlägt und versucht die  zweiten Bälle zu sichern, um diese dann in Ausweichzonen zu befördern.

öffnendesmoment

„Barca“ überlädt rechts den Gegner und lockt ihn an. Der gegnerische Sechser spritzt zwischen den Ball (versuch den Satz mal mit Interception), sein Kollege rückt deshalb auf. Das Gegenpressing glückt und Rot beschleunigt in den Zwischenlinienraum.

Aber auch solche Gegenpressingaktionen, die nicht nur zur erneuten Ballsicherung dienen, sondern tatsächlich die defensive Staffelung des Gegners offensivwirksam zerstören, erzeugen ein beschleunigendes Moment, aus dem dann rasch Richtung Tor gespielt wurde.

 

 

 

 

Fehlender Wille zur fundierten Analyse

Eins der größten Probleme und entwicklungshemmenden Ursachen ist der Glaube an Dogmen. Man meint irgendwas sei schon immer so gewesen: Man muss voll in die Zweikämpfe gehen, man schlägt Ecken halt einfach hoch rein, Leute am Pfosten retten bestimmt vor Toren, 4-4-2 ist bestimmt total kombinationsstark, usw. usf. Diese Mythen entstehen bestenfalls aus dem Gefühl heraus, wenn sie nicht sogar nur über konservativen Wege übergeben wurden.

Gerade deshalb ist Pep Guardiolas analytische Art, die stets absolut alles hinterfragt, so erfrischend und produktiv – und zudem erfolgreich.

Sowohl im eigenen Reflektieren, aber besonderns im Dialog mit Spielern sind klare Begrifflichkeiten von enormer Bedeutung, weil mit ihnen erst das Wiedererkennen und Verstehen möglich wird.

 

Diese Aufzählung meldet im Übrigen keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit oder überhaupt Sinnhaftigkeit in ihrer Auswahl an, sondern stellt lediglich eine sponate, subjektive Auswahl meinerseits dar.

 

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5 Kommentare

  1. Also beim Thema Zweikampf habe ich ehr das Gefühl das es zu kurz kommt.
    Viele Trainer sind der Meinung, das wichtigste wäre die Mannschafttaktik!
    Vergessen aber dabei die Gruppen oder gar Individuall Taktik. Die doch die Grundlage für alles im Fußball ist.
    Von daher finde ich das DFB Konzept zum Thema Zweikampf sehr gut.
    Ich habe damit gute Erfahrungen im Herren Bereich gemacht.
    Wo es für viele schon eine Große Hilfe war den Gegner nicht Frontal anzulaufen!
    Natürlich sollte man es immer Beidseitig Trainieren.
    Bei den Anderen Themen muss ich zustimmen, das es viel zu kurz kommt.
    Gerade der erste Kontakt in die richtige Richtung, kann über Erfolg Entscheiden!

  2. Zum Thema strategische Ballannahme
    Man bezeichnet in der DFB-Ausblidung den bevorzugenden Fuß als ballfernen oder gegnerfernen Fuß. Das Thema wird jedenfalls im meinem Bundesland früher gelehrt.

    Den Schulterblick wird in der DFB-Ausbildung in die Phase Vororientierung intrigiert. Diese Phase wird dann in einem Phasenmodell zum 1gegen1 zusammengefassst.

    • Genau. Der gegnerferne Fuß ist im strategischen Sinne aber genau der falsche!
      Der DFB bzw die meisten Trainer geht weitestgehend immer noch von manndeckungsähnlichen Verhältnissen aus. Wählt man immer nur den sicheren gegnerfernen Fuß, dreht man sich meistens zum eigenen Tor hin. Die tatsächliche Fähigkeit ist es, TROTZ Gegnerdruck sich so geschickt zu bewegen und technisch so sauber zu sein, tatsächlich aufdrehen zu können.

    • Wichtiger als die Regel welchen Fuß ich anspiele ist doch den Spielern das überhaupt mal bewusst zu machen das es einen unterschied macht welchen Fuß man anspielt und das darauf die richtige Drehung zum Spielfeld folgen soll. was sinn amcht, da kommen die schon von alleine drauf.

      Passkommunikation ist kein esoterischer Bullshit und geht auch nicht nur beim FC Barcelona.
      In puncto richtiges Aufdrehen zum Spielfeld ist mein Vorzeigeobjekt immer Güdogan, der hat sehr viele geile Szenen.

  3. interessantes Thema, dürfte ihr gerne mit weiteren Begriffen fortsetzen

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