Teil 3: Wie funktioniert Taktikanalyse?

Die [taktischen] Probleme werden erkannt, in dem ein Spiel auf eine bestimmte Art wahrgenommen wird. Aus den Situationen, die wahrgenommen werden, entstehen dann mit Hilfe von gewissen Methoden Thesen und Argumente, die sich auf einen bestimmten Aspekt des Spiels beziehen. 

Teil 1: Wie funktioniert Taktikanalyse?

In diesem Artikel wollen wir die Methode von @AlexAlxalix analysieren und mit unseren eigenen Erfahrung im Analyseprozess ergänzen, um einer möglichen Methode der Taktikanalyse näher zu kommen. Im letzten Teil des Artikels wird diese dann konkret angewendet.

Was ist das Erste, das man macht, bevor man ein Spiel analysiert will?

Man schaut sich die Aufstellungen der Teams an. Die ersten Informationen, die man erhält, sind: 

  1. Die Grundformation
  2. Die Spieler in den Grundformationen

Was ist das Erste, das man macht, wenn man ein Spiel analysiert?

Was ist das Erste worauf du achtest?

Der erste Blick geht auf die Grundstrukturen. Also wo die einzelnen Spieler stehen. Es geht mir darum einen ganzheitlichen Blick zu bekommen. 

Aus Teil 2: Spielanalyse mit @AlexAlxalix

Wenn @AlexAlxalix ein Spiel beginnt, geht sein erster Blick auf die Grundstrukturen der beiden Mannschaften. Was meint Grundstruktur in diesem und anderen Kontexten konkret? In diesem Kontext kann man sagen, dass die Grundstruktur folgendes ist: Die Staffelung, die eine Mannschaft mit und ohne Ball einnimmt, wenn der Angriff beginnt.

Also sozusagen die Grundlage, das Fundaments ihres Spiels mit und ohne Ball.

Um diese Definition zu überprüfen, kann man in alten spielverlagerung.de-Artikeln (bzw. in alten TR-Artikeln) analysieren, wie die Wörter Grundformation und Grundstruktur benutzt werden. 

Herauskippen von Saúl und 3-1-4-2-Grundstruktur im Aufbau gegen Real Valladolid.

(aus diesem Artikel: Atléticos neuer Aufbau)

In dem Artikel wird die Grundstruktur von Atletico Madrid beschrieben, die sich von der 4-4-2 Grundformation unterscheidet.

Bereits eine Raute als Grundformation überraschte, deren asymmetrische Ausführung funktionierte dann sehr gut und sorgte für viel Durchschlagskraft.

(aus diesem Artikel: Licht und Schatten bei europäischen Spitzenteams)

Die Grundformation wird auf eine bestimmte Art ausgeführt, die Art der Ausführung ist dann die Grundstruktur oder Grundordnung. Dabei hat TR nicht nur eine zeitliche Komponente (also Anfang eines Angriffs, das Fundament eines Angriffs), sondern bezieht sich allgemein auf Strukturen, die häufig vorkomme. Die ersten Informationen, die über ein Spiel gewonnen werden, sind also folgende: 

  1. Die Grundformationen
  2. Die Spieler in den Grundformationen
  3. Die Grundstrukturen beider Teams mit Ball
  4. Die Grundstrukturen beider Teams ohne Ball

Es geht darum einen möglichst großen Überblick zu bekommen, deswegen analysiert man sozusagen im größtmöglichen Rahmen. @AlexAlxax geht in der Analyse nicht von kleineren taktischen Aspekten zu größeren Zusammenhängen, sondern von größeren Zusammenhängen zu kleineren Aspekten. Welche Rolle spielt die Grundstruktur also konkret im Prozess der Analyse?

Was dann auch interessant ist, ist ab wann gepresst wird. Die Szene, wo das erste Mal gepresst wird, ist vergleichbar mit der grundsätzlichen Struktur. Diese Strukturen [im Ballbesitz und ohne Ball] zu kennen, helfen einem um zu verstehen, was bald passieren könnte und wie sich die Mannschaften grundsätzlich verhalten wollen.

Aus Teil 2: Spielanalyse mit @AlexAlxalix

Aus dieser Antwort kann man ableiten, dass es wichtig ist die Grundstrukturen zu kennen, weil man dadurch antizipieren kann, was passieren wird. Wieso ist das wichtig? Man kann sich auf die Wahrnehmung der zentralen Aspekte fokussieren. Die Grundstruktur gibt einen bestimmten Rahmen vor und steuert die Wahrnehmung (in dem sie z.B bestimmte Fragen aufwirft).

Die nächste These ist auch vor allem über die Beobachtungen meines eigenen Analyseprozess entstanden, allerdings habe ich davon auch einige Aspekte im Gespräch mit @AlexAlxalix wiedergefunden. In meinem Analyseprozess merke ich, dass ich oft ein Muster A wahrnehme und diese Muster A dann im Spiel immer wieder probiere zu erkennen, allerdings gelingt das nicht immer. Und die Situationen in denen es eine Abweichung vom diesem Muster gibt, und neue Struktur entstehen, fallen mir besonders auf und werden dann verfolgt.

An dem Beispiel von oben wird es deutlicher (s. oben). Das 3-1-4-2 entwickelt sich aus dem 4-4-2: 1. Saul lässt sich nach links fallen 2. die beiden Außenverteidiger schieben nach vorne 3. die Flüglespieler bewegen sich ins Zentrum. Drei Bewegungen führen vom 4-4-2 zum 3-1-4-2. Man kommt also zu der Grundordnung, in dem man die Grundformation über das Spiel legt und dann vergleicht, wo sich die Spieler aus den festen Positionen bewegen. Die Bewegungen werden dabei immer als Ausbrechen aus der Grundformation verstanden. Die Idee ist, dass man im Prozess der Analyse auf wiederkehrende Strukturen achtet und diese dann als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse dienen, in dem quasi konstant zwischen zwei verschiedenen Strukturen/Anordnungen verglichen wird. Die Struktur 2 wird dabei meistens also Abweichung von Struktur 1 beschrieben (lässt sich auch in alten SV-Artikeln gut feststellen). 

Lässt sich das bei @AlexAlxalix feststellen? 

Fällt es dir schwer dich von wahrgenommenen Mustern zu lösen, also wenn du sie einmal erkannt hast?

Ich glaube, man kann es erkennen, wenn die Mannschaft sich von einem Muster löst. Aber komplett neue Muster zu erkennen ist schwierig. Ist mir bei Atletico Madrid neulich passiert. Die habe ich jahrelang im 4-4-2 beobachtet. Dann haben die mit einer Dreierkette gespielt und dann dachte ich die ganze Zeit, dass es eine asymmetrische Viererkette ist und habe länger gebraucht, um zu erkennen, dass es eigentlich eine ganz normale Dreierkette ist. 

Aus Teil 2: Spielanalyse mit @AlexAlxalix

Diese Aussage fand ich dazu sehr spannend. @AlexAxalix analysiert die neue Struktur im Kontext der alten. Also er leitet die Dreierkette aus dem 4-4-2 ab, was dann natürlich zu ganz anderen Erkenntnissen führt. In dieser Aussage bestätigt sich die Theorie, dass man, wenn man Fußball schaut, die ganze Zeit ein wahrgenommenes Muster, bzw. ein erwartetes Muster mit dem aktuellen Muster vergleicht. Die Abweichung, die wahrgenommen werden, interpretiert man dann auch über das erwartete Muster.

Analyseprozess in der Literaturwissenschaft

Nachdem Gespräch mit Alex habe ich mich an folgende Aussage erinnert, die ich in dem Kontext sehr spannend finde, weil es eindeutige Überschneidungen gibt. In dem Zitat wird der Analyseprozess eines Textes beschrieben, der übersetzt werden soll. Dafür muss der Text möglichst genau erfasst werden Wie kommt man zu dem Textverständnis? Auf was wird geachtet? Mit welchen Methoden wird gearbeitet, um ein größtmögliches Textverständnis zu erhalten?

Meine Methode, meine Weise zu lesen oder mein Lese- und Übersetzungsglück speist sich in nicht unbeträchtlichem Maße aus der Freude an solchen wiederkehrenden Silben, Homonymien, Paronomasien, an Gleich- und Andersklängen, an einer Art von Eigenleben der Worte. Beim Lesen wie beim Übersetzen achte ich auf Wiederkehrendes, sich Verschiebendes, Insistierendes, auf Assonanzen, Homonymien, Klänge, Kompositionsstrukturen Wortspiele, die Sinn stiften, auf Strukturen und Rhythmen, auf ungewöhnliche Konstellationen und Brüche. Ich lese also recht nah an der Materialität der Sprache, ich unterstelle beim Lesen, dass diese Materialität Denken macht, ja, dass diese Materie denkt, und ich lese mit der Verheißung, dass das Entziffern, das in- Beziehung-setzen des Entdeckten, der Wiederholungen usw. mir eine Sinndimension des Textes eröffnet, auf die ich bei einer rein am Inhalt orientierten Lektüre niemals gekommen wäre.

Aus: Übersetzen Lesen ein Vortrag von Esther von der Osten

Die Person, die den Text analysiert, achtet auf Wiederkehrendes. Sie arbeitet also ebenfalls Grundstrukturen heraus, die besonders häufig vorkommen. Allerdings spricht sie auch von Verschiebendem, Brüchen und ungewöhnlichen Konstellationen. Somit steht auch die Abweichung von wiederkehrenden Strukturen im Fokus. Es wird das wahrgenommen, was mit einer Regelmäßigkeit auftritt, gleichzeitig wird aber auch wahrgenommen, was eine starke Abweichung von dieser Regelmäßigkeit darstellt. Die Abweichung und die Wiederholungen werden dann im Prozess des in- Beziehung-setzen verarbeitet und es entsteht eine tiefere Ebene, die über das was man direkt sieht (sie nennt es Inhalt) hinausgeht.

Spannend fand ich auch, dass ihr Übersetzungsglück dadurch entsteht, dass sie wiederkehrende Strukturen erkennt und Grenzen in einen anfangs unübersichtlichen Text bekommt. Diese Perspektive deckt sich mit meinem Analyseprozess. Im Endeffekt ist Analyse das Bedürfnis nach Ordnung in einem zunächst unübersichtlich erscheinenden Ding. Wenn das Bedürfnis nach Ordnung größer ist, als die Ordnung die ein Spiel zu lässt, dann entstehen Analysen, die die Grenze des Wissenschaftlichen überschreiten.

Konkrete Analyse

Bild 2: Die Grundstruktur von Chelsea im Ballbesitz gegen Wolverhampton.

In dieser Szene sieht man die Grundstruktur von Chelsea. Die Dreierkette steht sehr breit, fast am Rand des Halbraums in dieser Szene. Die beiden Wing-Backs schieben sehr weit nach vorne. In diese Szene steht Hudson-Odoi höher als Ziyech. Kovacic und Jorghino positionieren sich in den Lücken zwischen dem Stürmer und den Flügelstürmern von Wolverhampton, aber auch in den Lücken zwischen dem zentralen Verteidiger und den Halbverteidigern. (Je nachdem aus welcher Richtung man es beschreiben möchte. Könnte wichtig sein, es aus der Sicht von Chelsea zu beschreiben, weil die beiden Sechser sich in ihrer Positionsfindung eher an diesen Lücken orientieren.) Havertz und Ziyech positionieren sich in den höheren Halbräumen und Giroud besetzt das Zentrum.

Die Grundstruktur ist also fast identisch mit der Grundformation. Ein kleiner Unterschied ist, dass die Wing-Backs deutlicher höher stehen, als man aus dem 3-4-3 entnehmen könnte und somit im Spiel aus dem 3-4-3 ein 3-2-5 wird.

Zu dem Zeitpunkt habe ich also die Informationen: (A) Chelseas Grundformation ist ein 3-4-3. Wenn sie den Ball haben, bilden sie aber (B) eine 3-2-5 Grundstruktur.

Bild 3: Abweichung von der Grundstruktur

Diese Szene fiel mir anschließend auf. Ziyech bewegt sich aus dem Halbraum zum Flügel und Kovacic steht etwas tiefer. Wieso fällt mir das auf? Weil, so meine These, es eine Abweichung von der Grundstruktur darstellt. Damit haben wir also (A) Grundformation, (B) Grundstruktur mit Ball und (C) Abweichung von der Grundstruktur. C entwickelt sich aus B und wird im Abgleichen mit B erkannt. Als Analyst kann man nun von B zu C gehen und sich mit diesem Muster beschäftigen. Wie ordnet man dieses Muster ein? Als Ziyech zum ersten Mal die Bewegung zum Flügel macht, ordne ich die Bewegung spezifisch dem Spieler Ziyech zu. Wieso? Havertz hat die Bewegung auf der linken Seite noch nicht gemacht, somit gehe ich nicht von einem allgemeinen Plan aus, der unabhängig vom Spieler funktioniert.

Bild 4: Abweichung von der Grundstruktur Havertz

In dieser Szene haben Ziyech und Havertz die Positionen getauscht. Ist während dem Spiel häufiger vorgekommen und eine Abweichung von (B), aber es verändert sich nur die Besetzung von (B), nicht die Struktur. Also kann man von (B1) sprechen. Havertz zeigt in der Situation die gleiche Bewegung wie Ziyech, es ist also Muster (C) + (B1). Die Form bleibt gleich, aber die Besetzung der Form verändert sich. Wie geht man damit um? In diese Szene habe ich die These revidiert, dass die Bewegung spezifisch von Ziyech ausgeht. Allerdings habe ich das Muster (C) zu diesem Zeitpunkt nur auf der rechten Seite gesehen, also bildet sich die These, dass das Muster direkt mit der Seite, auf der gespielt wird, zusammenhängt. Wie kann man diese These begründen? Dafür hatte ich eine simple Erklärung: Hudson-Odoi steht auf der rechten Seite etwas höher als Chilwell, deswegen wird der Wing-Back von Wolverhampton auf der rechten Seite tiefer gebunden und es gibt größere Räume am Flügel, in die sich Ziyech und Havertz fallen lassen.

Bild 5: Bewegung von Ziyech zum linken Flügel

Die anschließende Szene bestätigt die These. In der Situation steht Chilwell etwas tiefer, deswegen geht der Ball direkt auf den Flügel. Anschließend lässt sich Ziyech hinter Chilwell fallen und erhält den Ball. Es entsteht also die gleiche Struktur wie bei (C), allerdings gibt es erneut leichte Variationen in der Besetzung der Form (Ziyech auf der linken Seite, Havertz rechts) und im Ablauf. Der heuauskippende Ziyech erhält den Ball vom Wing-Back und nicht vom Halbverteidiger oder vom Sechser, das kann als (C1) bezeichnet werden.

In diese Szene sieht man, dass Havertz sich hinter Chilwell fallen lässt. Das Muster ist also mit (C) identisch, allerdings bekommt Havertz diesmal den Ball auf der linken Seite von Kovacic. Im Laufe des Spiels hat man die Bewegung noch häufiger gesehen, also werden die Thesen widerlegt, dass das Muster (C) spezifisch von Ziyech abhängt oder nur der rechten Seite zugeordnet werden kann. Man kann aber sagen, dass es vom Muster (C) die Variation (C1) gibt und Muster (C) und Muster (C1) aus (B) und (B1) gebildet werden können. Im nächsten Schritt habe ich mich dann gefragt, wieso das Muster (C) entsteht.

Bild 7: Wieso Muster (C)?

Eine mögliche Erklärungen findet sich in dieser Szene. In dieser Situation hat Thiago Silva den Ball und dribbelt an. Man sieht, dass Havertz und Ziyech direkt hinter Jorghino und Kovacic stehen und somit nicht anspielbar sind, wenn Thiago Silva andribbelt. Was könnte eine Reaktion sein, um anspielbar zu werden? Sie lassen sich zum Flügel fallen in die freien Räume zwischen Halbverteidiger und Wing-Back. Dadurch entsteht das Muster (C). Man kann also sagen, dass Muster (C) entsteht, weil in der Grundstruktur (B) die Passwege zu Havertz und Ziyech nicht gut sind. Allerdings ist Muster (C) keine ideale Staffelung, da die Flügel zweimal besetzt sind und kein Spieler den Halbraum besetzt. Es entsteht also eine flache Staffelung am Flügel und es gibt wenige Optionen, sich von dort effektiv ins Zentrum zu kombinieren. Man kann also sagen, dass entweder die Grundstruktur (B) verändert werden muss oder Ziyech und Havertz andere Bewegungsmuster entwickeln müssen, damit das schlechte Muster (C) nicht entsteht und man offensiv gefährlicher werden kann.

Zusammenfassung des Analyseprozess

So sieht die Zusammenfassung aus. Es gibt unterschiedliche Muster, die man wahrnimmt. Diese Muster haben wiederum Variationen, die man unterteilen kann. Die Wirkung vom (C) wird dann genutzt, um die Grundstruktur zu bewerten, dass ist dann der Prozess des in- Beziehung-setzen.

Alternativ könnte man es auch so darstellen. Jedes Muster entwickelt sich aus dem vorherigen. Die Wirkung des neuen Musters wird auf das vorherige Muster bezogen. Außerdem hat jedes Muster verschiedene Variationen. Die Variationen beziehen sich nur auf den Ablauf oder die Besetzung der Struktur, aber nicht auf die Struktur an sich.

Fazit

Man kann so nicht alles erklären, aber es gibt meinem Analyseprozess zu mindestens eine gewisse Ordnung und in dem ich Abweichung nach den obigen kategorisiere, kann ich in das Gesehene noch besser einordnen und verstehen, welches Muster aus welchem Muster entspringt und wie die aufeinander wirken.

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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