Wann ist ein Spieler frei?

In dieser Saison hatte ich einige Momente, wo ich mit meiner Arbeit als Trainer unzufrieden war, weil ich das Gefühl hatte, dass ich die Spieler in ihrem Bedürfnis absolut frei zu spielen, beschränke. In diesem Artikel wollen wir dem Gefühl etwas nachgehen und überlegen, was Freiheit im Spiel bedeutet, wann diese anfängt und wann man sie als Trainer einschränkt.

Der Konflikt?

In vielen Situationen habe ich das Bedürfnis der Spieler gespürt, im Spiel absolut frei zu sein. Für die Spieler, also aus ihrer Sicht, entsteht diese Freiheit, wenn es keine Regeln und keine Begrenzungen gibt. Oder um es positiver zu formulieren, selbst leichte Impulse (also z.B Stangentore in den Halbräumen) empfinden sie als Einschränkung in ihrem Spiel. Sie wollten, einfach nur spielen. Meine Prinzipien, die ich in unserem Spiel etablieren will, habe ich in vielen Momenten als direkten Gegensatz zu diesem Wunsch empfunden. 

Und an manchen Trainingstagen habe ich mich so gefühlt, als würde ich die Spieler in ihrer Freiheit einschränken. An einem Tag hatte ich dieses Gefühl besonders stark. Wir haben eine Übung gemacht, bei der nur ein Spieler auf einer vertikalen und maximal zwei auf einer horizontalen Linie stehen durften. Und in dem Moment hat man richtig gespürt, wie wenig Lust die Spieler auf diese Übung haben, und da hatte ich fast schon Mitleid, weil sie in ihrem täglichen Leben so vielen Regeln unterworfen sind und dann selbst im Spiel mit Prinzipien und Begrenzung konfrontiert sind. Seit dem überlege ich, wie ich den Spielern, die größtmögliche Freiheit gewähren kann und wir trotzdem schönen Fußball spielen können. 

Wieso brauchen wir z.B das konkret Prinzip 1-2 Spieler auf einer vertikalen Linie und maximal 3 Spieler auf einer horizontalen Linie? Der Sinn dahinter ist klar. Es soll eine gute Struktur entstehen, dabei wird allerdings nicht eine Struktur vorgeschrieben, sondern die Spieler können sich vor dem Hintergrund dieser Regel variable Strukturen formen.

Diese Prinzipien rechtfertigt man oft mit der Idee, dass der Spieler dann in diesen Strukturen, die über die Prinzipien entstehen, frei sein kann. Die Struktur/Prinzipien den Spieler in seiner Freiheit stützen, einen Raum erschaffen, in dem die Spieler frei sein können. Stimmt das?

Tuchel erklärt in diesem Video, diese Sichtweise sehr gut.

And that you can tell the youngster, today you do this. This is the moment to attack. This the moment to defend. This the moment to pass. This the moment to dribble. That he has a clear imagination of what to do.

Thomas Tuchel

Was kann man anhand dieser Aussagen über den Zusammenhang zwischen den Prinzipien und der Freiheit des Spielers sagen?

Die Freiheit ist an die Prinzipien gebunden. Wenn der Spieler frei sein will, muss er sicher sein, dass er den Rahmen herstellt, in dem er frei sein kann. Das Herstellen des Rahmens ist, so nehme ich es wahr, schon eine Begrenzung der Freiheit des Spielers. Meiner Meinung nach kann man diese Begrenzung, damit begründen, dass man schönen oder erfolgreichen Fußball spielen will, aber man kann sie nicht damit begründen, dass man die größtmögliche Freiheit für den Spieler will. 

We don’t suppress creativity. In your room. In your space. In that moment when you are protected. Please find you solution.

Der Rahmen ist Vorbedingung für die Freiheit des Spielers. Freiheit ist nur „gut“, wenn sie innerhalb einer Struktur stattfindet. Aber was ist eine freiere Alternative dazu? Eine Alternative wäre, dass die Spieler komplett frei ihrer Intuition folgen, auch außerhalb des Rahmens oder etwas konkreter, beim Herstellen von Strukturen absolut frei handelt. Über diese Alternative kann man aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass sie weder schönen noch erfolgreichen Fußball produziert. 

Verhindern oder erzeugen Prinzipien Zweifel?

Warum „muß der Zweifel einmal irgendwo enden?“ – Weil das Spiel nie anfinge, wenn es mit dem Zweifel anfinge?

Wittgenstein. Ursache und Wirkung.

(Wir nehmen einfach mal an: kein Zweifel = Freiheit)

Oft muss in in dem Zusammenhang auch an diesen Satz denken. In diesem Satz wird die Idee etabliert, dass Zweifel und Spiel niemals gleichzeitig existieren, das Spiel dort beginnt, wo der Zweifel endet. Diese Definition trifft mein Verständnis vom Spiel sehr genau. Spiel ist für mich eine Situation, in der man frei assoziieren kann, also alles äußern kann, in dem Moment wo ich zweifle, höre ich auf zu spielen. Und im Verlauf des Trainings habe ich bei meinen Spielern immer häufiger ein Gefühl von Zweifel bemerkt, weil sie auf einmal einen Rahmen haben, sie können zwischen guter und schlechter Bewegung trennen, einer passenden, unpassenden Struktur und bewerten ihre Aktionen vor dem Hintergrund dieser Informationen. In dem Moment, wo man dem Spieler sagt: This is the moment to attack. This the moment to defend. This the moment to pass. This the moment to dribble. That he has a clear imagination of what to do, kann der Spieler zweifeln, weil er etwas festes hat an dem er sich orientiert. Und in einem gewissen Maß ist diese Orientierung auch total sinnvoll und sie mit dem Bedürfnis nach Erfolg oder schönem Fußball zu rechtfertigen, macht Sinn, aber ich begrenze den Spieler unausweichlich in seiner Freiheit und, um es überspitzt zu sagen, führe ihn vom Spiel zum Zweifel.

Andererseits, und so sieht es Tuchel, könnte man es auch wie folgt denken: Der Spieler zweifelt von Anfang an. Er zweifelt, an seiner Intuition, in dem Moment wo er nur über seine Intuition spielt, zweifelt er und es ist zu viel für ihn. Deswegen schafft man einen Rahmen, in dem der Spieler frei ist von Zweifel, weil er sich an Strukturen und Prinzipien orientieren kann. Wenn er den Rahmen hat, kann er also spielen. 

If you just put him in and let him play by intuition, I think it is too much for them. 

Diese Interpretation ist für mich völlig nachvollziehbar, aber sie deckt sich nicht mit meinem Gefühl und meiner Wahrnehmung im Training. Der Spieler ist an sich (hängt auch vom Charakter des Spielers ab), wenn er intuitiv spielt, und das ist wichtig, immer ohne Zweifel. Vielen Spielern fällt es allerdings schwer zu spielen, weil es Mut erfordert, frei zu sein in seinem Spiel, weil man keine Fehler machen möchte und weil man seiner Intuition misstraut, wenn man Vorgaben hat. Wie reagiere ich darauf? In dem ich jede Form von Orientierung entferne, der Spieler darf kein Hierachie in seinem Spiel haben, von was ist gut, was ist schlecht. In dem Moment, wo er diese Ordnung hat, wird er ihr immer folgen, weil, und das kann man diskutieren, das Bedürfnis nach Freiheit weniger stark ist, als das Bedürfnis danach „gut zu sein“. Wenn der Spieler weiß, was gut ist, wenn der Spieler eine Ordnung hat, wird er zweifeln. Die logischen Regeln vom Fußball wird er lernen, in dem er spielt, er wird weniger spielen, wenn er die logischen Regeln bewusst kennt.

Zweifelt man, wenn man intuitiv spielt?

Wenn ich Fußball spiele, dann möchte ich ganz intuitiv spielen und nicht nach meinen eigenen Prinzipien. Das Ausleben der eigenen Intuition, das unmittelbare Wahrnehmen und reagieren auf etwas, ohne diese Reaktion zu überprüfen und auf Erfolg zu testen, ist für mich das Schönste am Fußball. Es ist das komplett lose Assoziieren zu bestimmten Strukturen und damit zu spielen, dieser ständige Dialoge zwischen Gegner und mir, zwischen mir und meinen Mitspielern und eben in dieser Kommunikation (Kommunikation im Sinne von Handlung A, auf die ich mit Handlung B reagiere) absolut frei zu sein, nichts zurückzuhalten.

Aber die Idee kann auch nicht sein, dass man die Spieler nur spielen lässt, ganz frei. Weil als Trainer ist man immer auch daran gebunden erfolgreich zu sein. Wie kommt man dahin?

Die Sprache im Fußball 

Die Grundform unseres Spiels muss eine sein, in der es den Zweifel nicht gibt.

Wittgenstein. Ursache und Wirkung.

Was mich am Fußball immer fasziniert hat, ich denke viel mehr als die Schönheit des Spiels, ist die Tatsache, dass konstant kommuniziert wird, um gemeinsame etwas zu lösen oder zu schaffen. Man steht als Mannschaft mit der gegnerischen Mannschaft im Dialog. Eine Mannschaft kommuniziert Ziele, Lösungen und darauf geht man als Spieler innerhalb seiner Mannschaft ein. Man entschlüsselt das Gesagte und entwickelt dazu Ideen, kommuniziert diese an seine Mitspieler, und (unbewusst) an die gegnerische Mannschaft. Man kommuniziert über Pässe, über Bewegungen oder über Sprache an sich. Diese Kommunikation fasziniert mich.

Und diese Kommunikation zu stärken und den Spielern das zu vermitteln, empfände ich als schöne Rolle. Man hat als Trainer dann diese Aufgaben:

  1. Man hilft den Spielern so viel wie möglich wahrzunehmen, sodass sie möglichst viele Probleme und Aussagen des Gegners erkennen. Auf dem was die Spieler wahrnehmen, entstehen die Lösungen. Das Wahrgenommene bildet die Grundlage der Lösung. 
  2. Man probiert die Spieler von jeder Vorgabe zu lösen. Was denkt der Spieler, ist wichtig um ein Spiel zu gewinnen? Was denkt der Spieler, muss er machen, damit er gut spielt? Wie kann man den Spieler davon lösen?
  3. Den Spielern vermitteln, dass sie mit allem was sie tun etwas kommunizieren und dass man dann erfolgreich ist, wenn man das versteht, was die Mitspieler kommunizieren und gleichzeitig das kommunizieren kann, was man sieht und was man denkt.
  4. Gemeinsam die Sprachprobleme zu lösen. Also sich anzuschauen, in welchen Situation die Kommunikation nicht funktioniert, wo etwas anderes ankommt, als das was vermittelt wurde. Und sich mit diesen Situationen zu beschäftigten, also den Spielern in der Kommunikation ihrer Ideen möglichst frei zu machen.
  5. Den Spielern zu helfen eine gemeinsame Sprache zu entwickeln (Passkomunikation, Bewegungskomunikation usw.). Einfach gesagt: Was kann ich, wie kommunzieren? Und indem man beantwortet, wie bestimmte Dinge kommuniziert werden können, dem Spieler ein Verständnis dafür zu geben, welche Werkzeuge er in seiner Kommunikation zur Verfügung hat und wie er diese möglichst präzise nutzen kann. 

„Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: es ist da ein Hammer, eine Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so verschieden sind die Funktionen der Wörter.“ 

Wittgenstein. Philosophische Untersuchungen. (Das Zitat hat einen anderen Kontext)

Die Grundidee ist, dass man im Fußball immer auf etwas reagiert, oben habe ich es Assoziieren genant. Und umso präziser man das versteht, worauf man reagiert, umso intelligenter und passender sind die Lösungen, die der Spieler entwickelt. Was wäre dann der Unterschied zu der Idee von Tuchel? Man muss nie über eine einzige Lösung reden, sondern man kann nur darauf achten, dass der Spieler das wahrnimmt und sieht worauf die Lösungen aufbauen und er gleichzeitig genug Werkzeuge hat und frei genug ist, um seine eigenen Lösungen für die wahrgenommenen Probleme zu kommunizieren und im Verbund durchzuführen.

Fazit

Der Konflikt kommt wahrscheinlich daher, dass ich in vielen Bereichen meine Prinzipien noch nicht richtig vermitteln kann, ohne dem Spieler das Gefühl zu geben, ihn in seiner Freiheit einzuschränken. Mir gefällt aber die Idee, dass man sich in seiner Arbeit als Trainer nicht auf die Lösungen fokussiert, sondern auf die Kommunikation der Spieler und die Kommunikation der Gegenspieler und die Probleme, die die Spieler während einem Spieler erkennen müssen. Auf die Probleme können sie dann reagieren, wie sie wollen. So soll die Freiheit entstehen. 

Utopien seien nicht dazu da, erfüllt zu werden, sondern die Richtung vorzugeben, (…).

Iris Wolff. Die Unschärfe der Welt.

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