Wie schlecht ist eigentlich Benevento?

0 Punkte. 5 Tore. 31 Gegentore. So lautet die Bilanz von Benevento Calcio nach zwölf Spielen. Der Verein aus Kampanien ist heuer zum ersten Mal in der Klubgeschichte in der Serie A. Dabei spielte Benevento vor zwei Jahren noch in der dritten Liga. Die Serie C wurde mit einer beeindruckenden Saison vor De Zerbis Foggia gewonnen, im Sommer wechselte man daraufhin den Trainer und belegte in der Serie B schließlich den fünften Platz, was zur Teilnahme am Aufstiegsplayoff berechtigte, welches schließlich auch gewonnen wurde. Doch in der Serie A ist man noch immer nicht so recht angekommen. Trainer Marco Baroni und Sportdirektor Salvatore Di Somma wurden bereits entlassen. Punktemäßig wurde es auch mit dem neuen Trainer Roberto De Zerbi noch nicht besser. Daher stellen sich die Fragen, wie schlecht die Mannschaft eigentlich wirklich ist und wie die weitere Saison noch verlaufen könnte.

Dass Benevento es sehr schwierig haben wird, sich in der Serie A zu halten, war wohl Allen klar. Schließlich war Benevento bis vor kurzem noch ein kleiner Drittligist und kann in der Serie A nur ein relativ kleines Budget stellen. Die Gehaltskosten belaufen sich in dieser Saison auf 15 Mio. €, wobei Crotone mit 12 Mio. € noch weniger Ausgaben hat. Bis auf Chievo Verona (18 Mio. €) geben alle anderen Serie A Vereine mindestens 21 Mio. € und bis zu 164 Mio. € (Juventus) aus. Immerhin 20 Mio. € hat Benevento im Sommer in neue Spieler investiert, ohne dabei laut transfermarkt.de auch nur einen einzigen Cent eingenommen zu haben. Die Transferausgaben wurden auf viele Spieler verteilt, der teuerste Neuzugang ist mit 4 Mio. € Ablöse der junge Innenverteidiger Andrew Gavrillon, welcher aus dem Nachwuchs von Inter verpflichtet wurde und erst 64 Minuten lang zum Einsatz kam.

Ergebnis der Transferperiode ist ein durchaus interessanter Kader mit einigen unterschätzten Spielern. Mit Luca Antei wurde ein sehr passstarker Innenverteidiger von Sassuolo geholt, der sehr gut andribbelnde Andrea Costa kam von Absteiger aus Empoli. Mittelstürmer Pietro Iemmello kam von Sassuolo, wo er in seiner ersten Serie A-Saison wenig gespielt, aber eine hervorragende Torquote hatte. Mit Letizia und Di Chiara wurden zwei sehr starke Außenverteidiger aus der Serie B geholt. So gibt es im Kader insgesamt viele interessante Spieler, aber auch Problemzonen wie das zentrale Mittelfeld oder mangelnde Kadertiefe an den offensiven Flügeln, was sich aufgrund von Verletzungen bereits bemerkbar machte.

Unstabiler Defensivforkus unter Baroni

Mit 31 Gegentoren hat Benevento aktuell die schlechteste Defensive der Liga und auch mit einem Expected-Goals-Wert von 23,3 (welcher zu 26 Gegentoren plus drei Elfmetertoren und zwei Eigentoren führte) sind die Gelb-Roten Ligaschlusslicht.

Unter Baroni spielte man in neun Spielen sechs Mal mit einem 4-4-2, zwei Mal mit einer 4-1-4-1-Fomation und einmal mit einem 4-3-1-2. Trotz der wechselnden Formationen waren die Spielanlage und die Probleme zumeist sehr ähnlich. Benevento spielte ein Mittelfeldpressing, hatte dabei vor allem große Probleme, das Pressing richtig auszulösen.

Üblicherweise positionierte sich das Team eher hoch, mit den Stürmer weit in der gegnerischen Hälfte. Die Verteidiger des Gegners wurden kaum gestört und die Stürmer konzentrierten sich darauf, den Sechserraum zu versperren. Es fehlt jedoch an klaren Pressingauslösern, wodurch die Mannschaft keinen Druck auf den Ballführenden bekam, nicht vorrücken oder die Höhe halten konnte und nach hinten gedrängt wurde. Pietro Iemmello, der früher eigentlich sehr gut gegen den Ball arbeitete, war als Stürmer zu inaktiv und hielt nur passiv seine Position vor dem Sechserraum. Auf anribbelnde Innenverteidiger rückte er nur mit sehr geringer Intensität heraus. Im 4-1-4-1 war dadurch das Herausrücken eines Achters auf den Innenverteidiger von höherer Bedeutung. Dies tat etwa der defensivstarke Chibsah ganz gut, jedoch mangelte es in solchen Situationen generell an Unterstützung für den anlaufenden Mittelfeldspieler und der Gegner konnte den Ball leicht in den eigenen Reihen halten. Die Intensität im Pressing war insgesamt sehr schwach und nur teilweise in der Anfangsphase gut, zum Beispiel beim Auswärtssspiel gegen Hellas Verona.

Die grundsätzliche Defensivformation war sowohl im 4-4-2 als auch im 4-1-4-1 vertikal ausreichend kompakt und horizontal sogar sehr kompakt. Diese horizontale Kompaktheit ist zwar eigentlich wünschenswert, brachte für Benevento aber auch große Probleme. Da es kaum Druck auf die Verteidiger des Gegners gab und das Pressing so auch eher schlecht geleitet werden konnte, waren die durch die horizontale Kompaktheit entstehenden, durchaus größeren Räume neben dem Mittelfeld leicht bespielbar. Das Zentrum konnte Benevento in der Regel gut dicht machen. Die Flügelspieler waren sehr darauf bedacht, enge Abstände zu den zentralen Mittelfeldspielern zu halten und nicht den Halbraum zu öffnen. Durch den mangelnden Druck auf die ballführenden Spieler konnte der Gegner aber kaum gezielt auf eine Seite geleitet und auch Verlagerungen nicht verhindert werden. Benevento war dadurch sehr oft den berühmten Schritt zu spät und hatte im Verschieben auf die Flügel auch eine stark verbesserungswürdige Intensität. So war es letztlich für die Gegner leicht das Mittelfeld über Außen zu überspielen und dann auch wieder in die Mitte zu kommen. Benevento konnte die Höhe im Pressing gar nicht halten und wurde immer weiter in die eigene Hälfte zurückgedrängt, was auch zur niedrigsten Ballbesitzzahl der Liga führte.  Zudem schaffte es Baronis Mannschaft nicht ausreichend die Höhe bei gegnerischem Ballbesitz nach vorne hin anzupassen: man wanderte immer weiter zurück, bei Rückpässen des Gegners jedoch kaum nach vorne.

Nach einem langen Abschlag kann Napoli den Ball behaupten und sich schnell sortieren. Benevento geht in seine 4-4-2-Grundordnung, ohne dabei rechtzeitig Richtung Ball zu schieben. Lombardi läuft den ballführenden Hamsik nicht an, sondern konzentriert sich darauf, den eingerückten Ghoulam in den Deckungsschatten zu nehmen. Venuti orieniert sich ebenfalls an Ghoulam, wodurch der Passweg am Flügel frei bleibt. Hamsik schickt Insigne die Linie herunter, Venuti benötigt lange, um eingreifen zu können.

Die horizontale Kompaktheit lenkte die Gegner stark auf die Flügel. Abgesehen von den Zugriffsproblemen durch das schlecht ausgelöste Pressing und die schwache Intensität, ist es dennoch Mal vorteilhaft, die gegnerische Mannschaft in diese strategische unbedeutendste Zone zu bringen, wo die Möglichkeiten der Angriffsfortführung aufgrund der geringen Verbindungen stark limitiert sind. Alleine dadurch ergaben sich viele ganz gute Pressingsituationen, welche die Gegner aber zu oft problemlos auflösen konnten.  Denn selbst wenn die Verschiebebewegungen passten und man viele Spieler in Ballnähe brachte, gab es kaum Balleroberungen. Die Mannschaft hatte einen sehr defensiven Fokus und war kaum auf Balleroberungen aus. Eher zeigte man sehr große Vorsicht, um nicht mit Dribblings überspielt zu werden. Für den anlaufenden Spieler gab es wenig Unterstützung, um den Druck zu erhöhen. Es wurde eher nach hinten abgesichert anstatt nach vorne verteidigt, was zu einer hohen Passivität führte.

Pressingszene aus dem Heimspiel gegen Torino, welche mehrere Defensivprobleme von Benevento umfasst: Torino greift über die linke Seite an, der Außenverteidiger wird von D’Alessandro angelaufen und kann die Situation über den zurückfallenden Flügelstürmer Falque auflösen. D’Alessandro – vermutlich geprägt von den stark mannorientierten Spielweise bei seinem Vorgängerklub Atalanta – geht mit dem aufrückenden Außenverteidiger mit und sichert lieber nach hinten ab, wodurch Memushaj auf den Ballführenden rausrücken muss. Memushaj erkennt bereits, dass dadurch Ljajic im Zentrum frei wird und zeigt dies auch an. Doch Cataldi orientiert sich sehr an Torinos Stürmerstar Belotti, steht zu tief und kann erst viel zu spät auf Ljajic rausrücken. Dieser findet daraufhin erneut Falque zwischen den Linien, wobei Antei an Stelle von Letizia unpassend rausrückt und Torino seine linke Angriffsseite freispielen kann.

Unpassend waren im Pressing häufig auch die Orientierungen der Mittelfeldspieler. Grundsätzlich gab es einen sehr starken Fokus auf die Mitspieler und darauf, die 4-4-2-Ordnung mit passenden Abständen zu halten. Der Fokus auf die Gegenspieler im Mittelfeld war bisweilen zu gering, was zu verspätetem Rausrücken auf diese führte. Zudem orientierten sich die Mittelfeldspieler stark nach hinten, um den Zwischenlinienraum eng zu halten und Angreifer des Gegners in den Deckungsschatten zu nehmen. Dies gelang jedoch insgesamt eher schlecht, da die ballführenden Gegner oft zu viel Zeit hatten, um dennoch passende Anspielstationen zu finden, wenn schließlich doch jemand auf sie draufpresste. Außerdem waren die Mittelfeldspieler oft so sehr auf einen bestimmten Orientierungspunkt fokussiert, dass sie andere Punkte außer Acht ließen. Speziell die äußeren Mittelfeldspieler achteten sehr darauf, in den Halbraum eingerückte Offensivspieler in den Deckungsschatten zu nehmen, vergaßen dabei jedoch auf andere Anspielstationen und schafften es nicht, auf mehrere Optionen gleichzeitig eine Zugriffsmöglichkeit zu halten.

D’Alessandro ist bemüht den Passweg auf den eingerückten Flügelspieler von Inter (Candreva) zu blockiern. Seine Blicke gehen auf den ballführenden Skriniar und auf Candreva, wobei er seine Position zu wenig nach innen anpasst. Schlimmer ist aber noch seine Körperstellung: er steht schräg nach innen gerichtet, muss sich nach Anspiel auf den Außenverteidiger erst drehen und braucht entsprechend lange, um diesen anzulaufen.

Schlecht verteidigt wurden auch Situationen, in denen der Gegner den Zwischenlinienraum bespielen konnte. Die Verteidiger agierten stets eher zögerlich und rückten nur ungern aus der Verteidigungslinie in den Raum davor heraus. Die Rausrückbewegungen erfolgten daher in passenden Situationen mit ausreichender Absicherung teils gar nicht. Oft war einfach das Timing schlecht und die Verteidiger zögerten zu lange und rückten zu spät raus. Erneut war das Verteidigen also sehr defensiv ausgerichtet und sehr Richtung eigenes Tor orientiert. Lieber noch weiter zurückfallen anstatt den Gegner zu stellen. Die Angriffe des Gegners konnten dadurch erst nahe des eigenen Strafraums gestoppt worden, als die Mannschaft nicht mehr noch weiter zurückfallen konnte. Diese tiefen Balleroberungen sind jedoch problematisch für das Umschalten auf Ballbesitz.

Guter Spielaufbau, schlechte Spielfortführung

Benevento versuchte vor allem über ein flaches Kombinationsspiel zu Torchancen zu kommen. Dabei startet man mit einem guten Spielaufbau im ersten Drittel und baute dann immer weiter ab je näher es zum gegnerischen Tor ging.

Die Mannschaft versuchte Abstöße wenn möglich immer kurz abzuspielen. Die Innenverteidiger positionierten sich dabei breit und tief neben dem Strafraum, zwei zentrale Mittelfeldspieler davor. Der Ball wurde vom Torwart, Brignoli oder Belec, entweder kurz auf die Seite oder nach vorne gespielt, von wo er ihn meistens sofort wieder zurück bekam. Dadurch wurde eine numerische Überzahl erzeugt, welches Benevento schwierig zu pressen machte. Brignoli schaffte es zudem sehr gut passende Optionen zu finden, wenn er in hohem Tempo angelaufen wurde. Besonders über die Außenverteidiger und dann aufrückende zentrale Mittelfeldspieler (siehe Grafik unten) konnte das Pressing der Gegner häufig überspielt werden. Ergaben sich keine passenden Optionen, so wurde zum langen Ball gegriffen.

Brignoli spielt den Abstoß kurz auf Memushaj, der den Ball zurückklatschen lässt. Der rechte Flügelstürmer von Hellas bewegt sich Richtung Tormann, woraufhin dieser einen Chipball über diesen hinweg auf Letizia spielt. Dieser legt den Ball auf Memushaj ab, der dafür passend aufrückt und dann Chibsah zwischen den Linien findet.

Diese Strategie bringt natürlich etwas Risiko mit sich und führte doch zu einigen Ballverlusten in der eigenen Spielhälfte. Der Vorteil ist bei guter Ausführung ein geordneter Ballvortrag aus dem ersten Drittel und damit eine höhere Spielkontrolle als bei langen Bällen. Zudem kann man das Pressing des Gegners früh überspielen, Tempo aufnehmen und hat hinter der gegnerischen Abwehr auch noch viel Platz zur Verfügung. Napoli etwa spielt diese konterartigen Schnellangriffe sehr stark. Doch in Benevento funktioniert dies weniger gut. Zwar schafft man es sehr oft, die erste Pressinglinie zu überwinden, doch im weiteren Ballvortrag passen häufig einige Details nicht ganz und der Gegner bekommt Zeit, um sich wieder zu sortieren. Immer wieder sind es technische Unzulänglichkeiten, durch welche schon bei der Ballannahme die Dynamik des Angriffs etwas verloren geht. Teilweise wird der Ball zu spät abgespielt, teilweise sind in solchen Situationen die Bewegungen der Offensivspieler einfach nicht gut aufeinander abgestimmt.

Bei den Angriffsbemühungen aus dem Spiel heraus hielt Benevento eine sehr breite Struktur im 4-4-2 oder 4-1-4-1. Im 4-4-2 positionierten sich die Außenverteidiger etwas höher als die Innenverteidiger. Mit den äußeren Mittelfeldspielern gab es immer eine doppelte Flügelbesetzung. Das Sturmduo wurde mit Iemmello und Coda aus einem Mittelstürmer sowie einer hängenden Spitze gebildet. Die Abwehr zeigte sich sehr spielstark. Besonders Antei ist auffällig: er spielt immer wieder hervorragende flache Vertikalpässe und bringt auch hohe Diagonalbälle sehr gut an. Sehr stark sind auch die beiden linken Verteidiger Letizia und Di Chiara, die mit intelligentem Passspiel und ihrer Pressingresistenz auffallen.

Die Verteidiger hatten es im Spielaufbau jedoch nicht einfach, da die Rollenverteilung im Mittelfeld nicht ganz passend war. Es mangelte vor allem an einem Spielmacher. Als dieser wurde Cataldi eingesetzt. Dieser verteilt die Bälle auch nicht schlecht, braucht dafür jedoch recht lange und fühlt sich zwischen den Linien unwohl. Häufig stand er außerhalb der gegnerischen Defensivformation, wobei dies wohl nicht vorgesehen war und nicht ordentlich eingebunden wurde, wodurch es vorne an einer Anspielstation im Spielaufbau mangelte. Dem defensivstarken Chibsah und dem ballsicheren Memushaj fehlt es wohl sogar generell an Klasse, um Stammspieler in der Serie A zu sein. Die guten Ansätze der aufbaustarken Abwehr verendeten daher oft im Mittelfeld, zudem konnte das Potential der Verteidiger aufgrund des Mangels an passenden Anspielstationen gar nicht ausreichend genutzt werden.

 

Cataldi steht vor der Defensivformation des Gegners. Memushaj ist seitlich herausgekippt. Was Chibsah macht, ist dann schon eher tragisch als komisch: Djimsiti dribbelt an, Chibsah kommt ihm von halbrechts kommend immer weiter entgegen, bis die beiden schließlich nur noch einen halben Meter voneinander entfernt waren. Zuspiel nach vorne ist so keines möglich und Chibsah brachte damit auch noch mehr Druck auf den Innenverteidiger. Immerhin konnte über Memushaj und eine Verlagerung der Ball gesichert werden.

Durchaus hohe Qualität gibt es im Sturm und an den offensiven Flügeln. Coda erfüllte seine Rolle als hängende Spitze sehr gut. Er bewegte sich recht weiträumig, konnte so für Anbindung ans Mittelfeld sorgen und viele Bälle, vereinzelt auch aus der Abwehr, an sich ziehen. Iemmello ist vor allem ein Strafraumstürmer, der außerhalb der Box mit ganz guten Ablagen auffällt. Der 23-jährige Ciciretti ist am rechten Flügel einer der bisher auffälligsten Spieler von Benevento. Er ist ein starker Dribbler mit einem ausgezeichneten linken Fuß. Auf der anderen Seite befindet sich mit dem schnellen D’Alessandro ebenfalls ein interessanter Spielertyp. Doch Ciciretti, D’Alessandro und Iemmello verpassten verletzungsbedingt bereits einige Spiele und die Ersatzmänner fielen ihnen gegenüber sehr stark ab. Gegen Hellas Verona etwa konnte Benevento einige Mal mit starken Spielzügen die linke Seite freispielen, wobei die Angriffe dann stets kläglich bei Parigini endeten. Im vordersten Drittel schien die Abstimmung zwischen den Mitspielern aber auch generell nicht zu passen. Die Laufwege passten nicht und die Spieler hatten oft sehr unterschiedliche Ideen zur Kreation von Chancen.

Umstellungen und leichte Veränderungenunter De Zerbi

Drei Spiele absolvierte Benevento bisher mit Roberto De Zerbi als neuem Trainer. Die erste Partie davon, eine unglückliche 2:1-Niederlage in Cagliari, wurde nur einen Tag nach De Zerbis Amtsantritt absolviert und hat demnach sehr wenig Aussagekraft. Es folgten schwierige Spiele gegen Lazio und Juventus, welche bereits leichte Verbesserungen zeigten.

Gegen Lazio ließ De Zerbi sein Team gegen dem Ball in einem 5-4-1/5-2-2-1 auflaufen. Im höheren Pressing waren die beiden Zehner sehr eng und deutlich höher als die zentralen Mittelfeldspieler positioniert. Damit hatte Benevento ein ganz passenden Set-Up gegen das 3-5-1-1 von Lazio. Die drei vorderen Spieler konnte den Dreieraufbau von Lazio gut anlaufen, Lucas Leivas – Lazios Sechser –  wurde von fünf Spielern eingekesselt. Doch das Problem des Pressings am Flügel war auch in diesem Spieler wieder vorhanden. Durch die engen Zehner im höheren Pressing waren die Flügelverteidiger gefragt, auf die Flügelverteidiger des Gegners herauszurücken, was oft nicht passte. Außerdem zeigte sich Lazios Offensive recht variabel und Luis Alberto und Milinkovic-Savic suchten sich sehr frei und weiträumig ihre Positionen. Gerne kippte einer der beiden auf den linken Flügel heraus, holte sich dort den Ball während Beneventos Flügelverteidiger von seinem Gegenüber gebunden wurde.

Beim Pressing in tieferen Zonen wurde aus dem 5-2-2-1 ein 5-4-1. Die Intensität wirkte etwas verbessert, war aber immer noch eher schwach. Immerhin das Rausrücken aus der Abwehr funktionierte besser – besonders Di Chiara war hierbei sehr stark – was durch den zusätzlichen Verteidiger auch weniger risikoreich war. De Zerbi konnte in dieser kurzen Zeit die Defensivprobleme (noch) nicht beheben, jedoch war die 5-4-1-Struktur für die bekannten Schwächen passender als das 4-4-2 oder 4-1-4-1 von Baroni. Durch die Fünferabwehr war zumindest die Absicherung in der letzten Linie höher und durch die breitere Linie konnte am Flügel besser gepresst und besser auf Verlagerungen reagiert werden. Der zu defensive Fokus und die Passivität bestanden weiterhin – dies zu ändern wird auch sicherlich seine Zeit brauchen – das 5-4-1 schwächt dies aber immer etwas ab, auch wenn es die Ursache der Probleme nicht behebt.

In Ballbesitz war die Grundformation ein 3-4-2-1, in dem ein großer Fokus auf Angriffe über die Halbräume lag. Linksverteidiger Di Chiara (der vor zwei Jahren noch mit De Zerbi in der dritten Liga und dabei sogar der deutlich schlechtere der beiden Außenverteidiger war) wurde als Halbverteidiger aufgestellt und war einer der Schlüsselspieler in dieser Partie. Er war der primäre (low-socks-)Spielmacher des Teams. Di Chiara spielte dabei nur selten den simplen Pass auf den linken Flügelverteidiger und versuchte stattdessen viel lieber den Ball in zentralere Räume zu bringen. Er fand sehr häufig mit starken Diagonalpässen einen der beiden Sechser oder den linken Zehner.

Passmap aus dem Spiel gegen Lazio. Man beachte die Pfeile von Di Chiara. 

Im Mittelfeld war die Struktur leicht verbessert, die Gesamtsituation aber weiterhin problematisch. Chibsah und Viola bildeten die Doppelsechs. Sie hielten gute Abstände untereinander und Chibsah blieb vermehrt in seiner Position und bot sich kleinräumiger an. Viola hingegen ist ein kreativer, antreibender Spieler, der sich die Bälle gerne weit hinten holt und dann weiter vorrückt. Dies war noch nicht gut eingebunden und ist wohl auch nicht im Positionsspiel von De Zerbi eingeplant. Dennoch könnte sich Viola unter seinem neuen Trainer noch als der beste Sechser im Team herausstellen. Der bisherige Spielmacher Cataldi wurde gemeinsam mit Memushaj als Zehner aufgestellt. Diese Rolle war für Cataldi erneut unpassend, er tat sich schwer dabei, gute Positionierungen zu finden, versuchte Iemmello zu unterstützen und tat sich gegen Lazios Mannorientierungen insgesamt sehr schwer.

Gegen Juventus blieb Cataldi auf in der Doppelzehn, bildete diese aber mit Ciciretti an Stelle von Memushaj, was auch die deutlich bessere Wahl war. Die Ausrichtung blieb im Grunde so wie gegen Lazio, nur dass der Gegner in dieser Partie deutlich höher und druckvoller presste. Lazio begann das Pressing in der Regel erst am Mittelkreis, wodurch Benevento seine spielstarke Abwehr ganz gut zeigen konnte. Juventus presste aber extrem hoch und überforderte die Mannschaft von De Zerbi, welche kaum spielerische Lösungen fand und dem Druck auch über die Nutzung von Tormann Brignoli nicht entgehen konnte. Durch einen Freistoß von Ciciretti konnte Benevento zwar in Führung gehen, jedoch gab es kaum Chancen und der Ball konnte nur selten länger in den eigenen Reihen gehalten werden.

Nach dem Tor des Außenseiters entwickelte sich eine Abwehrschlacht. Obwohl Benevento bei eigenem Ballbesitz im 3-4-2-1 spielte, wurde im 4-4-2 verteidigt. Der rechte Flügelverteidiger ging in die Abwehr und der rechte Zehner übernahm die Position rechts im Mittelfeld. Der linke Zehner, Danilo Cataldi, schob nach vorne und presste als zweiter Stürmer, was für seine Charakteristiken auch endlich Mal passend war. Benevento verteidigte etwas aggressiver und orientierte sich mehr nach vorne – eine Steigerung und gerade für ein Auswärtsspiel im Juventus Stadium bemerkenswert. Doch die Alte Dame war einfach zu stark und konnte sich bereits in der ersten Hälfte eine Vielzahl guter Chancen herausspielen. Benevento verlor schließlich mit 2:1 und konnte erneut nicht punkten.

Aussicht und Fazit

Roberto De Zerbi ist bekannt für sein starkes Ballbesitzspiel. Fraglich ist einerseits, wie er die Defensivprobleme in den Griff bekommt, und andererseits, wie er das vorhandene Spielermaterial am Besten nutzt. Aus De Zerbis Foggia könnte man schließen, dass er für die Defensivprobleme sogar recht passend ist. Foggia war damals bei gegnerischem Ballbesitz nicht besonders gut organisiert. Sie pressten jedoch sehr aggressiv und mit einer für italienische Verhältnisse unüblich hohen Intensität. Der Ball sollte möglichst schnell erobert werden, um das Positionsspiel zur Geltung zu bringen. Für Benevento wäre es wichtig, genau diesen offensiveren Fokus bei gegnerischem Ballbesitz zu bekommen. Die Organisation ist grundsätzlich gar nicht so schlecht, die Mannschaft verschiebt immerhin recht sauber und ist horizontal und vertikal kompakt. Doch insgesamt ist das Pressing zu verhalten und zu sehr nach hinten orientiert. Warum es dazu kommt, kann von Außen schwer interpretiert werden. Es wirkt jedoch so, als hätte die Mannschaft kaum Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten in der Defensive, als agiere sie zu vorsichtig und ängstlich. Angesichts der bisherigen Resultate wäre dies auch verständlich. Es verbessert die Situation jedenfalls nicht, da die Stärken des Teams eher in Ballbesitz liegen und die Gegner stets so viel Ballbesitz in Strafraumnähe bekommen, dass sich selbstverständlich irgendwann Chancen ergeben. De Zerbi sollte hier mittelfristig den Fokus ändern.  Kurzfristig könnte das 5-4-1  als sichere Basis dienen, um sich aus einer gestärkten Verteidigungslinie vermehrt nach vorne zu orientieren und stärker auf Balleroberungen aus zu sein.

Derzeit womöglich stärkste Aufstellung von Benevento. 

In Ballbesitz hat De Zerbi sich scheinbar auf ein 3-4-2-1 festgelegt. In der Vergangenheit setzte er neben dieser Grundformation vor allem ein 4-3-3 ein. Möglich sind beide Varianten, wobei es so und so Probleme im Mittelfeld gibt. In der Verteidigung gibt es mit Di Chiara, Costa, Antei und Letizia ein extrem cooles, aufbaustarkes Spielermaterial. Letizia wäre wohl auch als rechter Flügelverteidiger eine gute Option. Im Mittelfeld müssen im Winter wohl Verstärkungen her, ein Mirko Valdifiori wäre zum Beispiel eine äußerst interessante Option für die vakante Sechserposition. Diese füllt von den vorhandenen Spielern Viola wohl potentiell am besten aus – er könnte sich unter De Zerbis Training sehr gut entwickeln. Mit Armato Ciciretti gibt es einen guten Zehner im Team, wobei dieser aufgrund seines Lebensstils und seines Übergewichts beim Trainer etwas in Ungnade gefallen ist. D’Alessandro ist als Halbraumzehner wohl nicht ideal aufgehoben, da er ein eher linearer Flügelspieler ist, der auf Außen sein Tempo im Dribbling ausspielen will. Er könnte dafür als Breitengeber in einem 4-3-3 mit einrückendem Di Chiara gut funktionieren.

Mit 0 Punkten nach 12 Spielen steht Benevento derzeit etwas schlechter da, als es tatsächlich ist. Die Mannschaft hat große Schwächen in der Defensive, aber auch gute Ansätze im Ballbesitzspiel. Die individuelle Qualität ist insgesamt eher niedrig, zu schwach für die Serie A ist der Kader aber wohl nicht. Nur die Schwachstellen im Mittelfeld sollten im Wintertransferfenster behoben werden. Bis dahin sollte man den Anschluss an die Konkurrenz im Abstiegskampf halten, was bisher sogar halbwegs gelang. Nur acht Punkte fehlen auf den ersten Nichtabstiegsplatz. Mit Sassuolo, Genoa, Udinese und SPAL warten demnächst auch einige Konkurrenten auf Benevento. Noch ist also nichts verloren.

 

 

 

 

 

 

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.

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