Barcelona überollt Celta Vigo

Celta konnte die Katalanen in vergangenen Partien immer wieder mit ihrem mannorientierten Ansatz zu Problemen zwingen (3 Siege in den vorherigen 5 Spielen!). Nun kam Barcelona aus einer Formkrise, allerdings auch mit neuem System.

 

Zurückhaltendes Pressing

Celta agierte weniger stürmisch als in der Partie der Hinrunde. Es war eher ein passives, hohes Mittelfeldpressing, von wo aus bei Gelegenheit bis zu Ter Stegen vorgeschoben wurde. Je nach Ballposition orientierten sie sich mal enger mal weiter entfernt vom Gegenspieler, wobei die Zuordnung flexibel war und auch in dynamischen Situationen meist sauber übergeben wurde. Barcelona gab jedoch auch weniger Gelegenheit zum Pressen, da sie deutlich vorsichtiger und weniger konsequent flach aufbauten als gewohnt. So begleitete Celta das Nachvornetragen des Balles eher und verharrte auch mal in zurückgedrängter Position, ohne allzu aggressiv herauszuschieben. Besonderer Mangel waren kollektive Zugriffsmomente, die sie im Aufeinandertreffen mit Barca im letzten Jahr noch ausgezeichnet hatten.

Hier sind Celtas Mannorientierungen und wie Barca darauf reagierte gut erkenntlich. Busquets kippt ab, um Aspas mit sich zu ziehen und Raum zu öffnen. Wie hier, war Pique häufig strukturell gesehen freier Mann, was ihm wichtige Pässe im Aufbauspiel ermöglichte. Aus einer ähnlichen Grundstaffelung wird Messi später mit einem Solo das 1:0 markieren.

 

Barcelona im neuen Hybridsystem

Ungefähr parallel mit Luis Enrique öffentlich kommunizierter Entscheidung nach dieser Saison als Trainer abzutreten, stellte er sein Team taktisch grundlegend um. Man spielt defensiv – allerdings schon seit einigen Wochen zuvor – ein recht klassisches 4-4-2 mit verschiedenen Asymmetrien, die primär individuellen Ursprungs sind (Neymar manchmal höher, allgemein passiver; Suarez um Messi herum arbeitend, dadurch manchmal 4-4-1-1 Staffelungen; Rechtsaußen eher eingerückt; etc). Busquets hält naturgemäß mehr Kontakt zur Kette, sodass auch 4-1-3-2 Strukturen auftauchen. Bei Zocken von Neymar tendiert man auch weiterhin zu einer 4-3-3-Struktur. Allerdings mangelt es häufig an Intensität und unterstützendem Verschieben in der Horizontalen. Der Druck wird hauptsächlich durch relativ abgekapseltes Bemühen der Sechser aufrechterhalten, die situativ auch höher als die Außen schieben, was potentiell instabile 4-0-4-2-Staffelungen entstehen lässt, weshalb die Abwehrlinie sehr aggressiv die Höhe halten muss.

Diese Unkompaktheiten sind Barcelonas größte Schwäche, ermöglichen gleichzeitig aber auch ihre wichtigste Waffe. Viele Gegner, eben insbesondere in La Liga, nutzen diese Räume ungenügend und zu hastig. Barca lenkt sie fast hinein, schneidet nicht Vorwärtsoptionen, sondern immer häufiger Rückpassoptionen ab, um so die Angriffe weiter im Vortrag zu zwingen. Gewinnen sie den Ball, haben sie viele schnelle, hochklassige Spieler vor dem Ball, um zu kontern.

In Ballbesitz kippt Sergi Roberto diagonal ins Mittelfeld und übernimmt eine halbrechte Achterrolle. Dahinter bleibt eine Dreierkette zurück. Rakitic wich dementsprechend auf die für ihn untypischere linke Acht. Von dort aus brachte er auch seine typischen diagonalen Läufe an, um den Außen zu befreien, die man von rechts gewohnt ist. Er konnte sie allerdings nicht ganz so dynamisch und effektiv einbinden. Mit Robertos Vorschieben bleibt Rafinha der alleinige Breitengeber rechts, wobei er sich eher abgetrennt von Pique tendenziell höher im Zuständigkeitsbereich von Johnny positionierte. So war er selten erste Option im Aufbauspiel (was er auch nicht sein sollte) und eilte nur in Drucksituationen zurück, wo er sich meist selbst isoliert wiederfand und sich dann mit Dribblings versuchte zu lösen.

Durch die schiere Mehr-Besetzung der Mitte wird diese auch leichter erreicht und zentrale Kombinationen ermöglicht. Zudem verbessert die Ballung das Gegenpressing, wo man vorher immer häufiger mit Unkompaktheiten zu kämpfen hatte.

Wichtigstes Ziel der taktischen Umstellung ist wohl eine fokussierte, freiere Einbindung Messis. Da rechts die Breite besetzt ist, kann er sich deutlich freier bewegen und nach eigenem Gutdünken Interaktionen mit Mitspielern anstoßen. In den ersten 10 Minuten hielt er sich noch primär im Dunstkreis der Innenverteidiger auf, von wo aus er den Raum hinter den mannorientiert aufgerückten Sechsern Celtas nutzen konnte. Hier blocken er und Suarez sich immer wieder durch horizontalen und/oder gegenläufigen Bewegungen clever die Räume frei, sodass sie zuweilen wie ein Doppelsturm wirken. Andererseits – und das tat Messi mit zunehmender Spieldauer – kann er sich von hier aus variabel in tiefere Kombinationen einschalten und sozusagen als „freies Radikal“ agieren. Messi ist enorm geschickt darin, sich passiv umherzubewegen, sodass die Defensive ihn aus den Augen verliert, sodass er im richtigen Moment eingreifen kann. Besonders effektiv wird das, wenn er in Kontakt mit Neymar kommt. Dieser wirkte wieder deutlich besser in Form als zu Beginn diesen Jahres. Zusammen konnten sie mit Dribblings und kombinierenden Ablagen – teilweise Suarez inkludierend – die Manndeckungen aufhebeln.

 

Unsauberes Positionsspiel

Es bleibt ein ewiges Thema: Barcelonas Positionsspiel baut stetig ab.

Das ist erstmal nichts Besonderes, wenn man vor einigen Saisons Pep Guardiola auf der Bank saß (Grüße nach Bayern!), daher bleibt unklar, inwiefern Enrique Schuld für den Zerfall oder nur für mangelndes Gegenwirken gegeben werden kann. Jedenfalls werden immer mehr Details zunehmend unsauberer umgesetzt, was in einem immer unzuverlässigeren Aufbauspiel aus letzter Linie resultiert.

Der gesamte Mechanismus mit Robertos Vorschieben ist nicht wirklich sauber geplant. Es gib keinen Trigger, keine spezielle Einbindung der Bewegung. Sergi Roberto läuft wirklich einfach irgendwann nach vorne. Auch die zurückbleibende Dreierkette agiert unsauber. Die Asymmetrie wird nicht bewusst fokussiert, sondern eher hingenommen. Wie oben schon erwähnt sind die Abstände zwischen Pique und Rafinha und der jeweiligen Besetzung des Halbraums unsauber und passen meist nicht.

Hier ist auch Umtiti zu nennen, der zwar herausragende Anlagen auch im Aufbauspiel zeigt, allerdings in individualtaktischen und gruppentechnischen wie strategischen Details häufig unsauber agiert. Als zentraler Akteur der Dreierkette hat er zwar vermeintlich die am wenigsten fordernden Aufgaben, gleichzeitig aber die strategisch wichtigste Position.

Alba bringt von links kaum wertvolle Pässe im Aufbauspiel, sondern agiert eher als Durchlaufoption zu Neymar. So kamen lediglich von Pique echte eröffnende Pässe, die dann z.B. mit Klatschen eingebunden wurden. Ansonsten musste man sich auf Busquets oder das Vortragen über die Flügel verlassen.

 

Auch das Positionsspiel davor im Mittelfeld wirkte unsauber und improvisiert. Busquets, Rakitic und Roberto befanden sich häufig auf einer Linie. Die Bewegungen wirkten selten wirklich koordiniert – ab und zu gesellte sich Rafinha zu den zentralen Kombinationen, ohne eine Reaktion des Kollektivs zu erzeugen. Trotzdem half die prinzipielle Überladung der Mitte – wenn auch eher zufällig – immer wieder Staffelungen zu erzeugen, die enges Kombinationsspiel ermöglichten.

 

 

Individuelle Freiheiten und Genialität

Dreierkettensysteme sind vermutlich deshalb so erfolgreich gegen mannorientierte Defensiven – und deshalb zunehmend populär – weil sie eine stabile Basis haben, davor kann dann ziemlich flexibel werden. Diese vielseitigen Bewegungen, helfen Dynamik zu erzeugen und so die Manndeckungen zu brechen.

Der Hauptfokus für Barca liegt grundsätzlich darin, möglichst oft seine Sturmreihe zu bedienen und in aussichtsreiche Situationen einzusetzen. Kommen sie mit Tempo und offenem Sichtfeld Richtung Tor, wird es häufig gefährlich werden. Das hat gegen Celta wieder einmal gut funktioniert; insbesondere wurden diese Situationen herausragend ausgespielt.

Barca erzeugte mit den Wingern effektiv Breite und dadurch zentralen Raum. Besonders vor der Abwehr konnten sie häufig Räume öffnen. Erreichten sie diese, konnten Tempo aufnehmen, erzeugten sie schnell auch Gefahr. Es mag taktisch einiges schief laufen, aber Messi, Neymar und Suarez sind ganz schön gute Fußballer, die auch alle durch Einzelaktionen für Durchschlagskraft und Torgefahr sorgen können. Luis Enriques größte Stärke liegt vermutlich darin, die Topstars über weite Teile – aber vor allem gegen Ende – der Saison in Topform zu bringen und zu halten.

Wirklich gefährlich wurden die Katalanen weniger aus strukturierten Ballbesitzphasen, eher in Umschalt- oder Chaosmomenten, wenn sie dann Platz fanden.

 

Ausblick gegen Paris

Es ist zu vermuten, dass weiterhin auf das Hybridsystem gesetzt wird. Allerdings ist unklar in welcher nomineller Besetzung. Sergi Roberto – theoretisch Kern dieses Systems – ist gleichzeitig die erste Option, die für Iniesta weichen müsste (solange Sergi nicht Rafinhas Wingerposition übernimmt). Gleichzeitig ist die rechte Halbverteidigerposition für Pique eher ungünstig (insbesondere wenn er defensiv am Flügel verteidigen muss, deshalb braucht er Roberto). Vielleicht wäre das durch Mascherano für Umtiti zu lösen. Dieser hätte mehr Speed und könnte vielleicht in Kombination mit Rakitic den rechten Flügel in Umschaltmomenten effektiver covern. Gleichzeitig hätte man eine strukturiertere, sauberere und strategisch stärkere Aufbausituation.

Am Mittwoch dürfte dann Iniesta wieder einsatzbereit sein. Mit ihm verbessert sich das Ballbesitzspiel üblicherweise schlagartig. Über mehr Kontrolle mit Ball dürften sie gegnerische Ballbesitzphasen verringern, was Barcas Schwäche im Pressing kaschiert. Verbunden mit der wiederverbesserten Form des Angriffstrios halte ich vier Tore nicht für ausgeschlossen, sollten sie es probieren.

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