Mannorientiertes Celta schockt Barca: 4-1

Auch in Spanien mussten die Teams zum sechsten Spieltag unter der Woche ran. Dort traf Barcelona auf die formstarke Überraschungsmannschaft aus Gallizien.

 

vs Celta

Grundformationen zu Beginn.

Celta Vigo baut defensiv auf verschiedene, flexible Mannorientierungen. Auch gegen Barca, das zwar nominell etwas geschwächt, aber ansonsten im gewohnten 4-3-3 antrat, spiegelte man die Formation. Dabei versuchten auch sie – wie die meisten Teams – eine Überzahl in letzter Linie beizubehalten, was wiederum zu einer 2vs1 Unterzahl Aspas‘ gegen Barcas Innenverteidiger führte. Hier stellten sie sich aber überaus clever an. Diese Ordnungen waren nämlich niemals starr:

War der Ball im Mittelfeld, bzw. die Mitte prinzipiell erreichbar, orientierte sich Wass an Busquets. Ging der Ball aber zu den katalanischen Innenverteidigern, rückte er auf die Höhe des Stürmers und formte ein 4-4-2. Dadurch verhinderten sie einfache vertikale Pässe oder Aufrücken der Innenverteidiger ins Mittelfeld. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch eine Unterzahl in der Mitte, bei der gerade Busquets viel Handlungsfreiraum hatte. Celta versuchte ihn im Deckungsschatten zu halten. Konnte Barca die Reihe doch einmal schnell überspielen und so die Überzahl nach vorne tragen, gelangen ihnen die besten Angriffe der ersten Halbzeit.

Celta verfolgte ihre zugeordneten Spieler nicht etwa wie echte Manndecker dies tun würden, sondern sie orientierten sich immer wieder neu im Raum. Sie übergaben bei gegenläufigen Rochaden meist und verhielten sich bei den Zuordnungen allgemein clever und gut abgestimmt.

Barcelona spielte die meisten Angriffe über die rechte oder halbrechte Seite. Den passiven Mathieu konnte Orellana ballfern oft vernachlässigen und weiter in die Mitte einrücken, um die potentielle Unterzahl in der Mitte zu neutralisieren. Gelegentlich rückte er auch als zweite Spitze auf Mascherano vor.

Busquets zeigte sich gewohnt clever, wenn er manngedeckt wurde und versuchte Räume freizuziehen. Er schob häufig diagonal in den rechten Halbraum, woraufhin Sergi Roberto oder Iniesta den freien Sechserraum zu nutzen versuchten. Allgemein wollte Barca wohl durch ein fluides Mittelfeld zum Erfolg kommen, allerdings konnten sie zu selten auch tatsächlich den Ball effektiv in diese Rochaden einbringen.

Punktuell zeigten die Achter Vertikalsprints, um die Halbräume freizublocken, was Neymar immer wieder horizontal schwimmend zu nutzen versuchte. Alves ging manchmal hoch und gab rechts Breite oder ging diagonal spielmachend in den Halbraum. Jedoch wirkten diese Momente deutlich weniger bewusst und insgesamt schwächer abgestimmt als in der Vorsaison

 

Warum die Mannorietierungen griffen:

 

  1. Barcelona suboptimal eingestellt

Wie schon erwähnt, konnte Barcelona nicht mit ihrer ersten Elf auflaufen. Alba war verletzt und Rakitic wurde – wohl wegen der englischen Woche – geschont (und später gegen Busquets getauscht). Dabei spielt der äußerst schwache Restkader von Barcelona eine Rolle, bei dem zumindest bis zur Winterpause und spätestens seit der Verletzung Rafinhas eigentlich kein Bankspieler annähernd an das gewünschte Niveau herankommt. Dies leigt vor allem an der verhängten Transfersperre aber auch an eigenen Verfehlungen in Bezug auf die Kaderplanung.

Rakitic‘ Abstinenz machte sich deutlich bemerkbar. Seine vertikalen Läufe hätten wohl regelmäßig für Gefahr sorgen können und außerdem Messi mehr Freiraum und so eine bessere Einbindung verschafft. Sergi Roberto scheint zwar gegenüber letzter Saison deutlich verbessert und versuchte diese Läufe ebenfalls einzustreuen, ist hier aber schlicht nicht so herausragend wie Rakitic, der Kreativität passend mit Durchschlagskraft verbindet.

Auch Mathieu als Ersatz von Alba brachte einen klaren Leistungsverlust. Mathieu war weitestgehend passiv und konnte praktisch keine diagonalen Pässe anbringen. Zudem ist er längst nicht so dynamisch wie Alba, was im Vorwärtsgang schadet. Albas Vertikalsprints wären wohl eine interessante Verlagerungsoption gewesen, wenn Neymar in die Mitte rückte.

Im Mittelfeld fehlte etwas die Fluidität. Die Bewegungen waren zu wenig vorrausschauend und nicht genug auf die Mitspieler angepasst. Ein großes Problem war, überhaupt einmal eine erste offene Stellung in der Mitte zu erlangen. Nach tiefen Anspielen der Innenverteidiger, sah man sich fast immer ungemütlichen Zweikämpfen mit dem Verteidiger im Rücken ausgesetzt, den sie dann im Zurücklaufen und mit Drehungen abzuwimmeln versuchten. Dieser Moment der offenen Stellung war dann schwer für die Mitspieler vorherzusehen, wodurch sie Anschlussaktionen nur schwer vorbereiten konnten.

Im Laufe des Spiels konzentrierten sich die Katalanen dann zu sehr darauf, die Ordnung durch Dribblings aufzubrechen. Diese leitete Cekta aber gut in Engstellen und neutralisierte sie so weitesgehend.

Barca besitzt hier einfach nicht mehr die Sauberkeit und das Selbstverständnis der früheren Jahre, sich durch One-Touch-Kombinationen dem Zugriff zu entziehen.

Die Katalanen sind längst nicht mehr die unbezwingbare Maschine aus der Schlussphase der letzten Saison. Gleichzeitig waren sie aber auch nicht viel schwächer als zu einem vergleichbaren Zeitpunkt im letzten Jahr. Celta war auch einfach sehr sehr gut.

 

  1. gleichzeitiger Raumdruck neben den Mannorientierungen

„Es holt sich einfach jeder einen Mann, dann können die doch gar nichts machen.“ Hört sich erst einmal sehr gut an. Allerdings verliert in einem vollkommen isolierten 1-gegen-1 ohne Dynamik-, Zeit- oder Raumdruck kein halbwegs ordentlicher Fußballer den Ball. Messi und Co sind angeblich leicht überdurchschnittliche Fußballer und zerschlagen solche Manndeckungen im Schlaf.

Um Manndeckungen halbwegs zu stabilisieren muss zusätzlich ein gewisser Raumdruck gewährt sein, d.h. vertikale wie horizontale Abstände müssen ebenfalls passen. So entsteht zusätzlich zum ständigen Zugriff ein beschleunigendes und lenkendes Moment.

Darüber hinaus kombinierten sie den Zugriff in Ballnähe mit kollektiver Raumverknappung. Celta ließ sich nicht so sehr auseinander- und umherziehen wie andere Manndeckungsteam, weshalb sie immer wieder Lokalkompaktheiten erzeugen konnten. Bei Kontrollverlust orientierten sich die ballnahen Spieler um und doppelten oder trippelten. So konnte man die Dribblingversuche kollektiv recht erfolgsstabil verteidigen.

 

  1. Celta dominiert auch bei eigenem Ballbesitz sowie im Umschaltmoment

So gut Celta auch defensiv stand: Wäre dieses Konstrukt den Katalanen über 90 Minuten ausgesetzt gewesen, hätten diese mit der Zeit die nötigen Strukturen entwickelt. Allerdings konnte Celta immer wieder eigene Ballbesitzphasen einstreuen, mit denen sie den Rhythmus Barcas unterbrachen. Dabei half auch Barcas – in dieser Saisonphase fast schon üblicherweise – äußerst schwaches Pressing, das kaum Kompaktheiten generieren konnte und nur punktuell und individuell Druck auszuüben versuchte. Aus diesem befreite Sechser Radoja seine Mannschaft einige Male mit klugen, sauber gespielten Diagonalbällen.

Celta baut bei eigenem Ballbesitz auf eine weit aufgefächerte Positionsstruktur im 4-3-3, bei dem vieles über die breit postierten Außenverteidiger und Außenstürmer im Tandem läuft. Diese werden durch die rausrochierenden Achter oder auch den Mittelstürmer unterstützt. Immer wieder konnte Celta aber auch in die Mitte eindringen und kam zu dominanten Ballbesitzphasen, die sie wiederum über die Flügel durchdrücken wollten.

Dabei leben sie vomn individuell herausragenden Nolito und dem sich im Strafraum äußerst geschickt bewegenden Aspas.

Auch in der letzten Saison ließ Barcelona sich manchmal von vermeintlich unterlegenen Gegner dominieren, konterte dann allerdings eiskalt. Das verhinderte das sehr starke Umschaltverhalten Celtas. Es gab praktisch keine überraschenden, unvorbereiteten Ballverluste und das hochengagierte Gegenpressing griff sehr gut.

 

Anpassungen von Luis Enrique

Messi als falsche 9

Nach etwa einer Viertelstunde war Messi praktisch nicht mehr auf dem rechten Flügel zu finden. Stattdessen hielt er sich auf seiner alten Position zentral auf, während Suarez nach rechts auswich. Das war potentiell ein kluger Kniff, da man so das Manndeckungskonstrukt hätte destabilisieren können. Allerdings ließ sich Celta nicht verunsichern und schien auch vorbereitet. Ein Innenverteidiger folgte Messi konsequent, während der andere die Tiefe absicherte. In früheren Tagen öffnete das die Schnittstellen für Lochpässe oder Chipbälle hinter die Kette, allerdings fehlten hier erstens die Läufe in die Tiefe und zweitens die Genauigkeit, wenn sie einmal gespielt wurden.

 

4-2-3-1 / 4-2-4 bringt kurz Durchschlagskraft

In der 58. Minute brachte Enrique Munir für Sergi Roberto. Munir ging auf den rechten Flügel, Suarez besetzte das Sturmzentrum und Messi bekleidete die Position des rechten Achters, die er sehr frei als eine Art 10 interpretierte.

Das brachte für 5-10 Minuten die durchschlagskräftigste Phase Barcelonas, da Die Sechser Celtas noch an den Sechsern Barcas orientiert blieben. So wurde Messi zum freien Radikal zwischen den Linien, von wo aus er Dribblings auf die Kette starteten. Nach angesprochenen 10 Minuten korrigierte Celta seine Ordnung allerdings und kam ohne Gegentor davon.

 

Am Anfang dieses Videos sieht man, wie Barca anrannte und Dribblings (über-)fokussierte, die Celta allerdings sehr gut in Engen lenkte und neutralisierte. Dann schaffen sie einen der wenigen sauberen Angriffe. Mascherano rückte – wie häufiger in Hälfte zwei – mit Ball auf und bringt so eine Überzahl ins Mittelfeld. Diese spielen sie hier sehr gut aus.

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Barca checkt wieder wie man Fußball spielt from Konzeptfussball on Vimeo.

Bewertung

Dass Luis Enrique weiß, wie man Manndeckungen bespielt, zeigte er im letztjährigen Copa del Rey-Finale. Er ließ die Außenverteidger hineinkippen und baute verschiedene Rochademeschanismen im Halbraum ein, die den Zugriff deutlich erschwerten sowie immer wieder Dribblingmöglichkeiten für Messi und Neymar öffneten. Das führte zu einer klaren Dominanz und einem ungefährdeten Sieg.

Nach dem Spiel ließ sich aus den Interviews herauslesen, dass es als „besonders“ empfunden wurde, sich auf das vermeintlich einfache Spiel, „wie für ein Championsleague Finale vorzubereiten“. Entsprechend erkennt man, dass in der Spielvorbereitung in der Liga weniger Aufwand betrieben wird. Es gab ein paar punktuelle Anpassungen, die allerdings gegen ein unfassbar formstarkes Celta nicht ausreichten. Der Spielverlauf war wohl etwas glücklich zugunsten der Gallizier, wodurch der Sieg auch leicht zu klar ausfiel. Im Ganzen allerdings ein verdientes Ergebnis.

Es wird interessant zu sehen sein, wie sich die vielleicht größte Überraschungsmannschaft Europas in den folgenden Monaten weiterentwickelt. Immerhin kletterten sie nach diesem Spiel kurz auf den ersten Tabellenrang, auch wenn die Siegesserie danach mit einem 1:1 in Eibar riss.

Gleichzeitig muss Luis Enrique wieder einmal das Ruder umschlagen – und dabei den Verlust von Messi kompensieren, der sich im hierauf folgenden Spiel verletzte.

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