Mailänder Derby der Rauten

In der dritten Runde der Serie A kam es zum äußerst interessanten Duell zwischen AC Milan und Inter. Beide Teams gehen mit vielen Veränderungen in die neue Saison, Milan wechselte nach einem enttäuschenden Jahr den Trainer und investierte ordentlich am Transfermarkt, Inter dagegen vollzog bereits während der vergangenen Spielzeit einen Trainerwechsel, baute die Mannschaft diesen Sommer nun voll nach Mancinis Geschmack um.

AC Milan wurde von Sinisa Mihajlovic übernommen, der im letzten Jahr eine beachtliche Saison mit UC Sampdoria gespielt hat. Der serbische Coach übernahm nun die Grundprinzipien seiner Genueser Mannschaft und lässt auch den AC Milan nun in einem 4-3-1-2 auflaufen. Auch Roberto Mancini entschied sich bisher stets für eine Raute im Mittelfeld, auch wenn lange über einen Wechsel zu einer 4-3-3-Grundformation spekuliert wurde. Trotz des Transfers von Perisic und einem von Medien angekündigten 4-3-3, blieb es beim 4-3-1-2 mit Perisic im offensiven Mittelfeld.

intervsmilan

Bei Milan entschied sich Sinisa Mihajlovic für zwei Veränderungen im Mittelfeld. Neuzugang Juraj Kucka begann als rechter Achter und verdrängte dort den ebenfalls von Genoa geholten Andrea Bertolacci auf die Bank. Kucka besticht durch mehr Dynamik in der Offensive und ist defensiv stärker als Bertolacci, diese Veränderung ging also einher mit dem Wechsel auf der Sechs, wo Riccardo Montolivo statt Nigel De Jong auflief. De Jong Stärken liegen in der Defensive, im Offensivspiel konnte er nur wenig bringen und hatte Probleme geeigneten Anspielstationen für seine vielen langen Bälle zu finden. Mit Montolivo stellte Mihajlovic nun einen spielerisch stärkeren Akteur ins defensive Mittelfeld, tauschte dafür halbrechts den kreativeren Bertolacci für den zweikampfstärkeren Kucka. In der Innenverteidigung entschied sich Mihajlovic weiterhin für Zapata, der in der vergangenen Runde den gesperrten Rodrigo Ely ersetzte, der im ersten Spiel und in der Vorbereitung ein sehr junges Innenverteidierduo mit Romagnoli bildete.

Interessante Umstellungen gab es bei Inter aufgrund von Transfers und der Verletzung von Miranda. Da Andrea Ranocchia, letztes Jahr noch Kapitän, anscheinend ziemlich auf dem Abstellgleis steht, entschied sich Mancini lieber Gary Medel erstmals bei Inter als Innenverteidiger einzusetzen. Medel spielt diese Position regelmäßig im chilenischen Nationalteam und überzeugt dort mit sehr starken Leistungen, wurde in Italien aber bisher stets als defensiver Mittelfeldspieler eingesetzt, wo er etwas schwächer ist. Auf der Sechs wurde dadurch Platz frei für Neuzugang Felipe Melo, der in Italien wohl zu unrecht ziemlich gehated wird. Sowohl Medel als auch der unterschätzte Melo spielten eine super Partie, so könnte dies auch bei Wiedergenesung von Miranda eine Variante für die Zukunft sein, bei der möglicherweise Murillo aus der Startelf fallen würde. Vorne dürfte das Trio Jovetic-Icardi mit Perisic dahinter nun gesetzt sein.

Mailänder Rauten

Obwohl beide Teams mit der selben Grundformation aufliefen, wurde diese von den beiden Teams doch recht unterschiedlich interpretiert. Vor allem bei Mancinis Inter waren mehrere interessante Abläufe zu beobachten.

Inter zeichnete sich wie gewohnt unter Mancini durch einen sehr geduldigen Spielaufbau aus. Milan versuchte daher bereits beim Abstoß einen kontrollierten Spielaufbau zu erschweren oder ganz zu verhindern, wodurch Handanovic meistens zum langen Ball gezwungen wurde und Inter rausrückte. Im Spielaufbau waren vor allem die asymmetrischen Positionierungen der Außenverteidiger interessant, Davide Santon rückt auf rechts auf während Juan Jesus auf links tiefer blieb, wodurch eine leicht nach links verschobene Dreierkette entstand und Inter gegenüber Milans Stürmer in der ersten Linie Überzahl hatte. Da sich Milans Stürmer eher mannorientiert an den Innenverteidigern orientierten, diente Juan Jesus als sichere Anspielstation.

Inter Dreierkette im Spielaufbau

Da Juan Jesus tiefer blieb, hatte er zudem auch mehr freien Raum vor sich, da Ignazio Abate als Außenverteidiger nicht so extrem hoch schieben konnte.

Milans Pressing leitete den Gegner zwar ganz gut auf Außen, allerdings konnte Mihajlovic‘-Mannschaft Inter dort kaum zu Ballverlusten zwingen und nur bei vereinzelt schlechten Staffelungen von Inter Balleroberungen vorweisen.

Insgesamt agierte Milan im Pressing sehr stark mannorientiert. Die Stürmer orientierten sich an den Innenverteidigern, die Mittelfeldspieler einfach an den jeweiligen Gegenspieler von Inters Raute. Bei Pässen auf die Außenverteidiger schob der ballnahe Achter heraus, die Verschiebebewegungen wirkten aber teils noch zu unsauber.

Milan 8er Mannorientiert, Perisic ausweichend

Inter agierte gegen diese Mannorientierungen im Mittelfeld vor allem mit einer ständigen Wechselbewegung zwischen Stevan Jovetic und Ivan Perisic. Jovetic und Perisic tauschten häufig ihre Positionen, der Montenegriner ließ sich zurückfallen, woraufhin Perisic mehr in die Spitze ging.

Inter Perisic geht in die Spitze, Jovetic zurück

Jovetic agierte sehr dominant und war der aktivste Offensivakteur bei Inter. Er bewegte sich stets zurück, bildete die neue Spitze der Raute, kam allerdings im Gegensatz zu Perisic aus dem Rücken von Montolivo und stellte so auch die Innenverteidigung vor ein Problem, sie musste überlegen ob sie aus der Kette mit herausrücken woraufhin ein Loch in der Abwehr entstehen könnte oder ob sie in der Kette bleiben und Jovetic an Montolivo übergeben, was sich auch als eher problematisch erwies. Perisic agierte eher ausweichender und balancierender, zog mit seinen Bewegungen nach links aber auch öfter Montolivo mit raus und schuf so Platz für Jovetic im Zentrum. Perisic, aber auch Jovetic, hatten in ihren Bewegungen einen leichten Linksfokus, eine Konsequenz aus den asymmetrischen Außenverteidigern mit dem eher zurückhaltenden Juan Jesus auf links. Auf der anderen Seite spielt Santon rechts höher und nur Freddy Guarin wich desöfteren auf den Flügel aus, wobei diese Aktionen in der Regel in recht sinnlosen Halbfeldflanken endeten.

Problematisch war die Wechselbewegung zwischen Perisic und Icardi auch, weil Milan nicht nur im Mittelfeld sehr mannorientiert agierte, sondern auch in der Abwehr. Für Romagnoli und Zapata war der Gegenspieler der primäre Anhaltspunkt, was demnach einige Löcher in die Abwehr riss. Das Zurückfallen von Jovetic wurde meistens mannorientiert verfolgt, wodurch im Abwehrzentrum Löcher entstanden, die der spielerisch schwache Mauro Icardi mit seinen vielen Läufen in die Tiefe bearbeitete. Inter hätte dies jedoch noch besser bespielen können, indem zum Beispiel Icardi mit ausweichenden, diagonalen Läufen versucht das Loch noch zu vergrößern, um Platz für den nachstoßenden Perisic zu schaffen. Der Kroate agierte bei seinen Läufen in die Mitte jedoch etwas zu zögerlich, war eher darauf bedacht Jovetic‘ Bewegungen auszubalancieren und nutzte die schlechten Staffelungen von Milans Abwehr zu wenig. Perisic blieb so sehr unscheinbar und Icardi konnte sich auch nur selten sinnvoll in die Angriffsbemühungen einbauen, insgesamt wäre so doch deutlich mehr drinne gewesen.

Milan Abwehr scheiße

Beispielszene zu Milans Abwehrverhalten

Milans Abwehr präsentierte sich nicht nur rein aufgrund der Mannorientierungen anfällig, sondern wies grundsätzlich noch einige Abstimmungsprobleme auf. Die Außenverteidiger wussten nur selten was ihre Kollegen tun, und umgekehrt. Nur selten agierten die Verteidiger auf einer Linie, öfters standen beide Außenverteidiger mehrere Meter hinter der Innenverteidigung und zudem gab es Unklarheiten darüber, wann sich die Verteidiger fallen lassen sollen und wann sie herausrücken. Diese Defensivprobleme waren etwa schon in der ersten Partie gegen die Fiorentina entscheidend und wurden mit einem Gegentor und einer Gelb-Roten Karte für Innenverteidiger Ely bestraft.

Die größte Chance von Inter entstand folgerichtig nach einer Aktion von Jovetic, der sich etwas zurückfallen ließ und auf die linke Seite auswich, ein Loch in die Abwehr riss und dort Icardi anspielte, der sich (mit etwas Glück) alleine vor Diego Lopez wiederfand, jedoch scheiterte. Die Situation ist auch symptomatisch, da sie den Einfluss von Jovetic zeigt, der, obwohl meistens ein Gegenspieler mit ihm mitging, den Ball zumeist gut behaupten und sich aufdrehen oder zurückklatschen lassen konnte, Milans Abwehr so etwas überforderte und häufig nur mit Fouls zu stoppen war.

Toranalyse

Auch beim Gegentor zeichnete sich die Verteidigung der Rossoneri nicht aus. Die Situation beim 1:0 begann bei Handanovic, der Kondogbia anspielte, wobei sich der 40-Millionen-Neuzugang durch eher schlechtes Umblickverhalten auszeichnete und zwei Mal zum Tormann zurückspielt. Milan presst sehr hoch, wie immer direkt am Mann, nachdem Bacca aber Handanovic anläuft wird Medel anspielbar, Inters erneut sehr geduldiger Spielaufbau macht sich bezahlt und das Team kann sich über die rechte Seite befreien, wo Santon sehr viel freien Raum vor sich hat. Guarin bewegt sich gut in der Schnittstelle zwischen De Sciglio und Montolivo, Romagnoli steht etwas zu tief und zu weit weg von De Sciglio. Nachdem Guarin den Ball bekommt, kann Romagnoli ihn daher schwer stellen, Icardi startet diagonal in die Tiefe und zieht Zapata mit, der den Lauf des Argentiniers zu lange, billig verfolgt, wodurch Platz für Guarin entsteht, der gut in die Mitte zieht und nicht mehr am Schuss gehindert werden kann.

Milan Gegentor

Milans Offensivbemühungen

Nach dem Gegentreffer war Milans Offensive mehr gefragt, doch diese waren über die gesamte Spielzeit eigentlich sehr durchschnittlich. Dies begann schon beim Abstoß, wenn sich Inter sehr hoch aufstellte, um Milan am Spielaufbau zu hindern. Milan entschied sich meistens für die glorreiche Variante zuerst einen Innen- oder Außenverteidiger anzuspielen, der schnell unter Druck gesetzt wurde und dann einen hohen Ball die Linie entlang spielen musste.

Im Spielaufbau positionierten sich die Innenverteidiger etwas breiter, Montolivo blieb zentral davor und die Außenverteidiger schoben leicht höher, zirka auf Montolivos Höhe. Montolivo wurde von Perisic zugestellt, im Pressing präsentierte sich Inter daher entweder als 4-3-1-2 oder 4-3-3, je nach Positionierung von Perisic und Montolivo.

Milan wurde so schnell auf Außen geleitet, wo De Sciglio und Abate zuerst frei waren und erst in Ballbesitz angelaufen wurden. Zur Hilfe kam dann der jeweils ballnahe Achter. Die Achter blieben zuerst etwas enger in der Raute, hatten aber stets auf den Flügel ausweichende Läufe, um sich dort im Verbund mit den Außenverteidigern recht simpel vorzuarbeiten. Unterstützung der anderen Mittelfeldspieler kam dabei recht wenig, auch der jeweils ballferne Achter blieb weiter Außen und so präsentierte sich Milans Raute insgesamt deutlich breiter als jene von Inter. Bonaventura machte hier eine ganz gute Partie, aber vor allem der dynamische Kucka war in der ersten Halbzeit kaum in den Griff zu bekommen. Wenn Milan auf Außen vorrückte, wurde Inters 4-3-1-2 eher zu einem 4-4-2, da Perisic noch weiter zurückkam (in der Schlussphase gab es auch noch 4-3-2-1-Staffelungen zu sehen).

Auffällig waren bei Milan auch die vielen langen Bälle in die Spitze. Nach Ballgewinn wurde meistens sofort der lange Ball auf Bacca oder Luiz Adriano gesucht, doch obwohl das Sturmduo bereits ganz gut harmoniert, konnte es mit diesen unpräzisen hohen Bällen nur wenig anfangen. Schade war, dass auch Montolivo hauptsächlich solch eher sinnlose weite Pässe spielte, da dies eben ein Hauptmerkmal im Spiel von De Jong ist, den Montolivo auf die Bank verdrängt hatte.

Wesentlichen Raumgewinn hatte Milan also Großteils über die Flügel, also in eher ungefährlichen Zonen. Einen deutlichen Flankenfokus gab es aber nicht wirklich, stattdessen versuchte Milan eher von Außen in den Rückraum zu kommen. Dort konnte sich Milan aber nicht durchkombinieren und hatte stets die gesamte Abwehr und meistens mindestens drei Mittelfeldspieler vor sich. Was folgte war eine Unzahl von Distanzschüssen, nur wenige davon gefährlich und der Großteil logischerweise abgeblockt. Die Einwechslung von Mario Balotelli für den starken Bacca passte da auch ganz gut, schließlich schießt Balotelli sowieso aus allen möglichen Positionen.

Fazit

Balotelli machte zwar eine gute Figur und hatte mehrere starke Aktionen, wirklich gefährlich werden konnte Milan jedoch nicht. Die einzige Großchance Milans entstand aus einem unerzwungenen Fehlpass von Murillo in der Anfangsphase, nach dem Luiz Adriano plötzlich alleine vor Handanovic stand. Ansonsten gab es nur wenige gefährliche Aktionen, Inter hatte da zwar nicht viel, aber doch ein wenig mehr Chancen vorzuweisen. Aufgrund der Defensivprobleme und dem schwachen Spielaufbau bei Milan und recht interessanter Offensivmechanismen bei Inter war der Sieg von Roberto Mancinis Elf also durchaus verdient.

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.
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