Unions drei ungeschlagene Dreierketten-Spiele

„Das war ein Tiefpunkt. Ich bin nicht bereit, das zu relativieren. Wir müssen uns grundsätzliche Gedanken machen“ (Sascha Lewandowski nach dem 0:2 gegen den SC Paderborn am 24.10.2015)

Sascha Lewandowski startete Anfang September als Hoffnungsträger bei Union Berlin. Die mittlerweile zunehmend ambitionierten Köpenicker setzten damit ein deutliches Signal. Mit Platz 14 in der Tabelle und einem inkonsistenten Konzept bezüglich der eigenen Art Fußball zu spielen würde man sich nicht zufrieden geben. Aufwärts sollte es gehen.

Dafür schien der gebürtige Dortmunder prädestiniert und für die zweite Liga nahezu überqualifiziert – verließ er doch das äußerliche Idyll Leverkusen, in dem er es immer mal wieder zum Cheftrainer der ersten Mannschaft brachte und in der Champions League coachte, nur um in den wilden Osten Berlins zu gelangen. Dem ganzen haftete ohne Zweifel etwas von Abenteuer an. Der Kick bei einem solchen liegt aber nun mal darin, dass es direkt mit der ständigen Möglichkeit des Scheiterns verbunden ist.

Eine Herausforderung, die an diesem Samstag schwerer denn je wog. Dabei zeigte die Mannschaft seit der Amtsübernahme durchaus gute, kollektiv teils sogar hervorragende Ansätze aus einer 4-3-3/4-1-4-1-haften Grundordnung heraus. Doch das gesamte Konstrukt wirkte insgesamt alles andere als stabil. Vermeidbare Fehler kosteten ein ums andere Mal Punkte und Siege. Die Folge: Platz 15, Abstiegskampf statt Aufstiegsträume.

Es war auf andere Art und Weise jenes Problem, mit dem Jürgen Klopp in den ersten Tagen seiner Zeit beim FC Liverpool besonders zu kämpfen hatte (und dies auch immer noch tut): Sie versuchen als Mannschaft proaktiv aufzutreten, während die einzelnen Spieler in ihrem Verhalten reaktiv sind.

Nun verfügt Union Berlin zwar durchaus über einige interessante und talentierte Spieler, jedoch selbstverständlich nicht über jene internationale Klasse Liverpools. Ein Umstand der das Unterfangen durchaus verkomplizieren kann. Nicht dass gewisse Spielweisen damit per se ausgeschlossen wären. Man braucht aber vermutlich mehr kleinere (Zwischen-)Schritte und eine andere Art von methodischem Geschick. Der bisweilen überfallartige deutsche Fußball verzeiht einige Fehler keineswegs, sondern bestraft diese, ohne dabei mit der Miene zu zucken, ohne aber auch herausragend zu sein.

(Kurze taktische Analysen zu jedem einzelnem Spiel finden sich übrigens auf dem Blog „Eiserne Ketten“ des Kollegen @aymard_charles – nicht ohne Liebe!)

„Taktisch war das heute gut, auch wenn die Zweikampfführung zu Beginn nicht optimal war“ (Sascha Lewandowski nach dem 1:1 beim VfL Bochum am 20.11.2015)

Solche Begrifflichkeiten wie „Zweikampf“ und „Stabilität“ benutzte Lewandowski in den vergangenen Wochen vermehrt, um in öffentlichkeitsgerechter Sprache auf die individual- und gruppentaktischen Schwächen im Defensivbereich zu verweisen, die letztlich zum Wechsel der Grundformation geführt haben. Dieser soll nachfolgend genauer beleuchtet werden. Interessant ist dabei zunächst Lewandowskis Gebrauch der beiden oben genannten Wörter.

Bei den meisten Trainern würden Aussagen mit derlei Inhalt bedeuten: Wir kehren jetzt zum lehrbuchmäßigen Spiel zurück. 4-4-2-Mittelfeldpressing. Keine Experimente.

Bei Unions Cheftrainer war die Folge eine andere: Wir erhöhen unsere Zentrumskompaktheit und pressen flexibel aus einer Formation mit drei zentralen Abwehrspielern, um die Strafraumverteidigung zu verbessern sowie die Absicherung zu erhöhen. Keiner der beiden Ansätze ist grundsätzlich ein Garant für (Miss-)Erfolg. Es bleibt allerdings festzuhalten: Wer die Krise nutzt, um sich in eine gewisse Richtung (hier „Stabilität“) weiterzuentwickeln, wird vermutlich eher auf eine zu den Herausforderungen und Mannschaftscharakteristiken passende Lösung kommen, die vom Standard der Konkurrenz abweicht. Dies macht einen Überraschungseffekt durchaus wahrscheinlich.

Die grundsätzliche Ausrichtung seit dem Spiel in Heidenheim

Die grundsätzliche Ausrichtung seit dem Spiel in Heidenheim.

Das Personal

Im Tor steht weiterhin der gemeinhin etwas unterschätzte Daniel Haas, welcher zwar mitunter den ein oder anderen Fehler in seinem Spiel zeigt, insgesamt aber gut mitspielt und auch mit seinen Reflexen zu überzeugen weiß.

Vor ihm formiert sich neuerdings eine individuell wechselhaft auftretende Dreierkette mit Leistner zentral sowie Parensen und Puncec als Halbverteidigern. Wenn ein Spieler unglücklich agiert, bleiben immer noch zwei andere übrig, die aus einer stabilen Ausgangsposition heraus absichern können. Auf links agiert Maximilian Thiel als eine Art Flügelläufer, der sich konstant hoch ins Angriffsspiel einschaltet und dadurch immer wieder für (pendelnde) Viererketten-Anordnungen sorgt. Die Gegenseite bearbeitet Neu-Kapitän Benjamin Kessel zwar ebenfalls offensiv, aber eher aus einer etwas tieferen Grundposition heraus wie ein aufrückender Außenverteidiger.

Vor der Abwehr bilden der junge Berliner Eroll Zejnullahu und Stephan Fürstner eine interessante, flexible Doppelsechs. Ersterer besticht vor allem durch seine Dribbelstärke, die auf den ersten Blick etwas träge daherkommt, oftmals jedoch effektiv eingesetzt wird. Manchmal neigt er dennoch etwas zu Fahrigkeit, indem er sich durch sein Umblickverhalten zu früh auf gewisse Räume festlegt und diese etwas stumpf bespielt. Auch gegen den Ball gibt es gewisse Schwachpunkte, beispielsweise im Timing beim Herausrücken, die sich aber durch Arbeit an den richtigen Details schnell verbessern werden.

Nebenmann Fürstner wirkt insgesamt abgeklärter und nimmt oftmals den eher tieferen Part der beiden ein. Er unterstützt phasenweise geschickt das Aufbauspiel, beispielsweise durch gute Positionierungen im ballfernen Halbraum und stößt gleichzeitig weiter vorne immer wieder Kombinationen an. Darüber hinaus hilft seine Hereinnahme beim Verzögern gegnerischer Konter. Die Abstimmung mit den Nebenleuten funktioniert hingegen noch nicht auf höchstem Niveau.

Vor den beiden agiert Damir Kreilach in einer flexiblen Rolle, die irgendwo zwischen Stürmer und zentralem Mittelfeldspieler liegt und eine hohe Verantwortung mit sich bringt – eine größere gar als jene Rollen, die Kreilach zu seiner Kapitänszeit vor dem Spiel gegen Heidenheim einnahm. Dass er für derartige Aufgaben geeignet ist, beweist der Kroate in vielen Aktionen, bei denen er genauso als Verbindungsspieler wie als Torschütze zu überzeugen weiß.

Das Sturmduo bilden schließlich zwei weitere interessante Akteure, die beide umtriebig agieren, während des Spiels an unterschiedlichsten Orten zu finden sind und sich insgesamt gegenseitig gut ergänzen. US-Nationalspieler Bobby Wood tritt dabei eher mit dem Rücken zum Tor in Erscheinung, schirmt Bälle ab, spielt Ab- und Querlagen, um schließlich immer wieder seine eigene Dynamik ins Spiel zu bringen. Steven Skrzybski hingegen setzt vollends auf temporeiche Dribblings, die er meistens sehr gut einzusetzen weiß. Auch gegen den Ball nutzt er seine Schnelligkeit vor allem für Bogenläufe, die so manchen Gegner in die Bredouille bringen.

Gegen den Ball mannschaftstaktisch stabil

Union Berlin zeigt weiterhin einige Elemente, die bereits zu Lewandowskis Zeit in Leverkusen auffällig waren. Gerade der Ansatz, den Gegner über das Zustellen der Halbräume zu einem linearen Flügelspiel zu zwingen, sticht heraus. Auch Vorgänger Norbert Düwel versuchte mehrfach etwas zumindest von der „Telefonnummer“ her ähnliches spielen zu lassen. Die merkwürdige Ausrichtung der Flügelverteidiger und insgesamt unklare Mechanismen in der Verteidigung sorgten jedoch eher für Anfälligkeit als für Stabilität.

Die Mannschaft aus Köpenick beginnt unter ihrem jetzigen Trainer meistens aus einem 5-2-3 auf Höhe des Mittelkreises oder auch etwas tiefer zu attackieren. Kreilach gibt den Mittelstürmer und orientiert sich situativ am gegnerischen Sechser, wodurch nicht selten 5-2-1-2-Staffelungen entstehen. Manchmal stößt er allerdings auch vor und behält den Sechser im Deckungsschatten, was für 5-2-2-1-artige Anordnungen mit Quadrat zwischen Mittelfeld und Angriff sorgt. Wood und Skrzybski versuchen über die Nutzung ihrer Deckungsschatten gerade ballnah Passwege ins Zentrum zu schließen.

Im ballfernen Halbraum steht mitunter ein Gegner frei, der jedoch kaum anspielbar ist. Hinter der ersten Pressinglinie formieren sich die beiden Sechser zentral oder im inneren Halbraum. Manchmal verhalten sie sich schon direkt mannorientiert, sind aber in jedem Fall bereit herauszurücken, um insbesondere Pässe in den Halbraum aggressiv mithilfe der umliegenden Spieler zu attackieren. Auch die Flügelverteidiger agieren entweder bereits aus der Grundposition mannorientiert oder eben antizipativ im äußeren Halbraum. Dahinter bleiben die drei zentralen Verteidiger zunächst passiv, verfolgen Gegenspieler erst, wenn der Ball in der Nähe ist oder vermutlich dorthin gelangen wird. Leistner überzeugt dann durch erfolgsstabiles Vorrücken für zentrale Kopfballduelle, die er nahezu immer gewinnt. Die Halbverteidiger sichern entweder für den jeweiligen Flügelspieler ab oder unterstützen über herausrückende Bewegungen Attacken im Halbraum, was phasenweise überhandnimmt.

Aus dem 5-2-3 wird ein im Zentrum kompaktes, leicht verschobenes 4-3-3, das schwer zu bespielen ist.

Aus dem 5-2-3 wird ein im Zentrum kompaktes, leicht verschobenes 4-3-3, das schwer zu bespielen ist.

Stehen sowohl Thiel als auch Kessel höher, gibt es zusätzlich klare 3-4-3/3-4-1-2-Staffelungen zu beobachten. Kurzzeitig schiebt beispielweise auch mal der dahingehend ohnehin aktivere Thiel vor, während auf der anderen Seite Skrzybski zurückfällt und so für ein 4-4-2 sorgt. Union leitet den Gegner über ihre Ausrichtung meist eher passiv, phasenweise auch aggressiver, auf die Außenbahnen, wo dieser festgemacht werden soll. Hierzu kommt der ballnahe Sechser diagonal recht weit in Richtung Seitenlinie vor, während sein Partner ebenfalls herüber schiebt und absichert. Zusätzlich unterstützt der Flügelspieler und die Abwehrreihe schiebt insgesamt etwas hoch.

Idealerweise entstehen so zwei diagonale Reihen: eine vordere aus Flügelverteidiger, ballnahem Sechser und Kreilach sowie eine aus ballfernem Sechser und ballnahmen Halbverteidiger. Zusätzlich unterstützt einer der Stürmer auf der Ballseite. Der Zugang ins Zentrum wird massiv erschwert.

Pressingfalle im Halbraum nach Zuspiel aus dem Aufbau. Alle Spieler haben ihr Blickfeld direkt auf den Ballführenden gerichtet und nutzen ihre Deckungsschatten. In dieser Szene hat der Gegner Glück, dass nicht mehr als ein Einwurf für Union herauskommt.

Pressingfalle im Halbraum nach Zuspiel aus dem Aufbau. Alle Spieler haben ihr Blickfeld direkt auf den Ballführenden gerichtet und nutzen ihre Deckungsschatten. In dieser Szene hat der Gegner Glück, dass nicht mehr als ein Einwurf für Union herauskommt.

Dadurch entstehen potentiell natürlich ballfern Räume, die jedoch in den seltensten Fällen tatsächlich bespielt werden können. Die meisten Gegner lassen sich besten Gewissens auf das Flügelspiel ein und werden darüber durchaus gefährlich, gerade wenn sie auch noch einige Spieler im Halbraum versammeln und sich schnell durchtanken. Wenn sie doch einmal auf Verlagerungen setzen, rückt einer der ballfernen Verteidiger oftmals auch schon vorausschauend nach vorne und kann den weiteren Verlauf des Angriffs verzögern bis der Rest des Teams verschoben hat.

Die meisten Gegner haben dort ohnehin nicht besonders gute Verbindungen und orientieren sich wieder auf den Flügel, wo schnell dieselbe Situation entsteht wie zu Beginn des Angriffs. Probleme können die Eisernen bekommen, wenn der Gegner gezielt durch einen entsprechenden Diagonal- oder Vertikalpass ein Zusammenziehen provoziert, dieses aber über eine schnelle Ablage direkt wieder aushebelt. Die wenigsten Mannschaften in der 2. Bundesliga besitzen jedoch die Fähigkeit, derartige Mittel konstant einzusetzen. Lediglich Bochum tat dies einige Male effektiv.

Interessant zu erwähnen sei an dieser Stelle noch die Rolle von Damir Kreilach gegen den Ball: Er variiert diese je nach Angriffsverlauf, aus einer Position startend, die mit Roger Schmidt gesprochen, als „schwimmend“ zu bezeichnen wäre. Von dort aus kann er entscheiden, ob er sich schon mal als Anspielstation für einen Konter bereithält oder ob er sich defensiv auf Rückwärtspressing einstellt. Dieses weiß er dann oft passend und vor allem für den Gegner überraschend einzusetzen, wenn dieser sich mal zur Mitte hin durchgespielt haben sollte. Im Anschluss kann ein schneller Gegenzug gestartet werden, für den sich Skrzybski und Wood bereithalten, indem entweder beide sich in den gegenüberliegenden Halbräumen aufhalten oder einer in der Mitte bleibt, während der andere im Halbraum postiert ist.

Sollte der Gegner dann doch einmal in die Nähe des Berliner Tores kommen, konzentrieren sich zumindest die drei zentralen Verteidiger, ein Sechser (meist Fürstner) und/oder einer der Flügespieler vollends auf die Strafraumverteidigung, die sich dadurch stabil gegenüber Flanken zeigt und auch in zentraleren Bereichen vieles verhindert, auch wenn das Ganze dann zunehmend wild wird.

Mit den standardmäßig vorkommenden Einwechslungen von Quaner, Brandy und Redondo gab es in der Schlussphase vermehrt auch ein 5-4-1 mit besserer Abdeckung der Spielfeldbreite zu beobachten.

Das hier passierte zwar bei einem Einwurf, muss jetzt aber trotzdem mal herhalten, weil es paradigmatisch dafür steht, dass der Gegner auf dem Flügel festgemacht werden soll.

Das hier passierte zwar bei einem Einwurf, muss jetzt aber trotzdem mal herhalten, weil es paradigmatisch dafür steht, dass der Gegner auf dem Flügel festgemacht werden soll.

Überladungskonter

Aus der hohen Spielerdichte im jeweiligen Halbraum und Flügelbereich ergeben sich natürlich mit Ballgewinn vielerlei Verbindungen, die sofort anspielbar sind. Es entsteht somit praktisch direkt eine offensive Überladung in tieferen Zonen. Innerhalb dieser spielt Union souverän und lässt die Ballzirkulation aussehen, als handele es sich um ein Positionsspiel (à la 4vs4+3) aus dem Trainingsrepertoire von Sascha Lewandowski. Wenn es allerdings darum geht, aus dieser Zone herauszuspielen und Verbindungen für/nach Verlagerungen oder Wechselpässe(n) zu schaffen, bekommt Union Probleme und schafft es meistens nicht, die vorteilhafte Ausgangsposition für durchschlagskräftige Anschlussaktionen zu nutzen.

Die gefährlicheren Szenen entstehen dadurch eher, wenn Wood und Skrzybski schnell viel Raum überbrücken können und sich mit Unterstützung durch die Freiräume im gegnerischen Verbund spielen. Beispiel: Beim Treffer zum 2:1 gegen Nürnberg bietet sich Wood im Halbraum an, wird hoch angespielt. Statt ins aussichtslose Kopfballduell zu gehen, täuscht er selbiges nur an, positioniert sich dann aber sofort für den zweiten Ball, um anschließend unbedrängt nach Innen zu ziehen. Es entsteht Raum auf links, den Skrzybski wiederum nutzen kann.

Dieses Mal nicht nach einem Einwurf sondern nach Vorstoß des gegnerischen Innenverteidigers. Union hat sich enorm zusammengezogen und spielt die Überladung selbst gut aus, so dass sogar eine Verlagerung auf Thiel gelingt. Dieser erfährt jedoch weit und breit keine Unterstützung und ist einer 1vs2-Situation ausgesetzt. Der Ansatz verpufft.

Dieses Mal nicht nach einem Einwurf sondern nach Vorstoß des gegnerischen Innenverteidigers. Union hat sich enorm zusammengezogen und spielt die Überladung selbst gut aus, so dass sogar eine Verlagerung auf Thiel gelingt. Dieser erfährt jedoch weit und breit keine Unterstützung und ist einer 1vs2-Situation ausgesetzt. Der Ansatz verpufft.

Aufbauspiel zwischen Dreier- und Viererkette, Angriffsspiel mit viel Gegenpressing

Im Aufbau agieren die Köpenicker ähnlich wie im Pressing variantenreich und zunächst auf Stabilität bedacht. Grundsätzlich formieren sie sich in einem 3-4-3 mit Tendenz zum in der zweiten Reihe nach rechts versetzten 3-3-4 oder gar 3-2-5 und ziehen so den Gegner auseinander. Die drei vordersten Spieler stehen im Zentrum eng zusammen. Insbesondere Kreilach fungiert des Öfteren als Zielspieler, während Skrzybski und Wood in die Tiefe starten oder sich direkt in den Kampf um den zweiten Ball einschalten. Die beiden Sechser zeigen vielfältige Bewegungen, kippen entweder heraus, suchen Lücken oder binden Gegenspieler an sich.

Dennoch stehen die drei Verteidiger manchmal zu isoliert vom Rest der Mannschaft ohne großartige spielerische Verbindungen nach vorne. Dieser Umstand wird jedoch billigend in Kauf genommen und sogar genutzt, indem die vorderen Bereiche entweder mittig oder seitlich direkt angespielt werden und die Mannschaft konsequent nachrückt. Dadurch kommt ihre wohl gruppentaktisch und mannschaftlich größte Stärke, das Gegenpressing, direkt ins Spiel (siehe Videos oben). Dieses führen sie umgehend mit einer hohen Intensität und körperlicher wie geistiger Schnelligkeit aus.

Gewissermaßen überladen sie dann überfallartig gewisse Zonen und spielen den Gegner wiederum in diesen fest, woran sich situativ dann beispielsweise auch Halbverteidiger Parensen beteiligt. Die Struktur und Dynamik weicht dabei in der Regel von den zuvor beschriebenen „Überladungskontern“ ab – gerade Kreilach sorgt durch Zurückfallen oder andere ballferne Aktionen für bessere Verbindungen, die zu insgesamt besserem Durchspielen führen.

Andererseits werden lange Diagonalbälle nach Außen auch immer wieder für direkte Ab- und Querlagen genutzt. Das Spiel neigt hier gerade auf links über Thiel zu leicht hektischer Vertikalität und dem einfachen, zu plumpen Wegschlagen der Bälle.

Eine Aufbausituation aus viererkettenartiger Struktur. Hier ließe sich nach einem Diagonalball beispielsweise schnell der Raum hinter dem rechten Mittelfeldspieler des Gegners bespielen.

Eine Aufbausituation aus viererkettenartiger Struktur. Hier ließe sich nach einem Diagonalball beispielsweise schnell der Raum hinter dem rechten Mittelfeldspieler des Gegners bespielen.

In manchen Phasen, etwa während der zweiten Halbzeit gegen Nürnberg, spielt Halbverteidiger Parensen im Aufbau konsequent aus der Außenverteidigerposition heraus. Leistner und Puncec stehen leicht versetzt in der Mitte. Thiel schiebt weit vor, sogar bis ins Strumzentrum, wobei dies verschiedenartig balanciert wird: in höheren Zonen durch Kreilach, Wood und Skrzybski, tiefer von Zejnullahu. Kessel steht auf der anderen Seite ebenfalls hoch, etwa zwischen Thiel und Parensen. Nun werden vermehrt die Sechser mit in das Aufbauspiel einbezogen, kippen kontinuierlicher heraus und wirken insgesamt dominanter.

Strafraumbesetzung und Tore nach Standards

Eine große Stärke von Union Berlin stellen trotz der aus dem Spiel heraus vorhandenen Ansätze Standardsituationen dar, die sie ein ums andere Mal geschickt ausspielen. Alles beginnt in der Regel mit einem kurzen Pass, für den sich gleich mehrere Spieler in unterschiedlichen Richtungen bereithalten. Auf diesen folgt dann meist eine Hereingabe, die möglichst nochmals in die entgegengesetzte Richtung weiter- bzw. umgeleitet wird. Der gegnerische Fokus, welcher meist mechanisch abgespult wird, lässt sich so effektiv bespielen. Gewisse Freiräume und generelle Verwirrungen entstehen. Union weiß dies mit guter Vorbereitung auf solche Situationen und einem gewissen Abschlussglück zu nutzen.

Ansonsten ist das Spiel im letzten Drittel derzeit auf die Besetzung des Strafraums mit mindestens drei oder sogar vier Akteuren ausgerichtet. Dies geht bisweilen zu Lasten des kombinativen Offensivspiels und des Gegenpressings in höheren Zonen.

Individual- und gruppentaktische Probleme bleiben

Zunächst sei erwähnt, dass die Mannschaft sich unter Sascha Lewandowski in diesen Aspekten durchaus verbessert hat. Szenen die dies belegen gäbe es auch einige – z.B. um die ungeahnte Pressingresistenz bei Leistner und Parensen zeigen. Doch in diesem letzten Abschnitt soll es anhand von Beispielszenen darum gehen, was defensiv individual- und gruppentaktisch noch nicht so funktioniert wie es sollte.

  • Der Abstand zwischen den Sechsern beziehungsweise ihre Absicherung untereinander klappt nicht immer optimal, was auch mit teils etwas zu forschem oder plumpem Vorrücken des ballnahen Spielers zusammenhängt, der es dabei nicht immer schafft, seinen Deckungsschatten passend einzusetzen. Es entsteht eine Halbraumlücke, die nur schwer zu füllen ist, da die Verschiebebewegung der Abwehrreihe gewissermaßen von einem Funktionieren ausgeht und noch nicht anpassungsfähig genug reagieren kann. Beispiele finden sich in jedem der drei bisherigen Spiele mit der neuen Formation.
  • 3:2 gegen Nürnberg: Thiel rückt etwas zu früh auf. Wood verliert den Ball foulverdächtig, Sechserraum steht offen. Parensen und Leistner leiten im 1vs1 jeweils zu zaghaft, stürzen aber gleichzeitig auf den Ball und lassen sich mittig ausspielen. Leistner kann aufgrund zu großen Abstands Parensen nicht vernünftig absichern. Eine Situation, die einer Verzögerung bedurfte, wurde so praktisch noch beschleunigt.
  • Foul vor dem Freistoß zum 3:3 gegen Nürnberg: Union spielt mit 5 gegen 2-Überzahl direkt am und im Strafraum, insbesondere Fürstner verpasst es aber den Sechserraum davor zu besetzen und bleibt lieber passiv in scheinbar sicherer Position. Parensen reagiert in der Folge erneut ungestüm. Beim Freistoß selbst geht Leistner auf die Torlinie und hebt somit das Abseits auf. Nürnberg verwertet den von der Latte abgeprallten Ball.
  • Gegen Bochum konnten sich insbesondere Novikovas und Haberer mit ihren spielerischen Fähigkeiten sowie Mlapa mit seiner Wucht oftmals gegen mehrere im Mittelfeld unkoordiniert anstürmende Unioner einfach befreien.
  • Das Gegentor in Bochum zeigt zudem (potentielle) Schwächen im Gegenpressing, die an sich eher selten zum Vorschein kommen. Fürstner verlässt die absichernde mittlere Position, um in der Nähe von Bochums Strafraum an den Ball zu kommen, was allerdings nicht gelingt. Zejnullahu bleibt mannorientiert bei Haberer. Puncec rückt im Anschluss zwar heraus, aber eher reagierend statt aus einer tatsächlichen Erwartungshaltung heraus. Der Sechserraum steht in der Folge offen. Kessel kommt nicht schnell genug zurück, kann in der Endverteidigung keine Tiefenstaffelung zu Leistner erzeugen. Parensen ist möglicherweise etwas zu weit von den beiden entfernt, da er zusätzlich Terodde im Blick hat, der im rechten Teil des Strafraums bereitsteht. Mlapa setzt sich durch und trifft.
  • Insbesondere gegen Bochum zeigte sich immer wieder mal eine Anfälligkeit bei Ballverlusten in überladenen Zonen, als der ballferne Raum schnell angespielt wurde. Thiel schaltete ein paar Mal zwar ordentlich um, brauchte aber für die tatsächliche Orientierung etwas zu lange und verfehlte gegnerische Pässe knapp.

Ausblick

Die Tabellenlage sagt derzeit zwar etwas anderes aus, aber Union Berlin ist grundsätzlich insbesondere aus mannschaftstaktischer Sicht auf einem guten Weg. In Sascha Lewandowski verfügen sie über einen ambitionierten Trainer, der sich stetig selbst hinterfragt und nach Verbesserungen sucht. Diese brauchen allerdings gerade auf individueller und mikrotaktischer Ebene noch etwas Zeit. Gerade die Rückrunde wird nach der ersten richtigen Vorbereitung unter Lewandowski interessant zu beobachten sein.

 

Die Spätschicht grüßt aus Köpenick!

Posted by 1.FC Union Berlin on Montag, 23. November 2015

Über Eduard Schmidt

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