Schuberts 3-1-4-2 ärgert die Bayern

Gegen den formstarken Gegner aus Gladbach musste Pep Guardiola auf einige seiner Schlüsselspieler verzichten. Zwar stellte er zum ersten Mal im 100. Spiel dieselben elf Spieler wie in der Vorwoche auf, dafür aber in taktisch leicht veränderter Form. Boateng spielte wieder in der Innenverteidigung, Martinez lief schon zu Beginn als Achter auf. Die Verletzungen von Robben, Costa aber auch von Alaba und Thiago bedeuteten, dass die von Pep als so wichtig auserkorenen Dribblertypen fehlten. Mit diesem Typus stand nur Kingsley Coman auf dem Platz. Auf der Bank blieb als einzige echte Alternativen Rode und Kimmich sowie der wiedergenesene Ribery. Aus diesem begrenzten Personal wählte er eine 4-1-4-1 Formation mit asymmetrisch besetzten Flügeln. bmgfcbR
Schubert überraschte mit der Abkehr vom 4-4-2, aber vor allem auch mit der Entscheidung, sich nicht völlig hinten einzuigeln wie die letzten Gegner der Münchener. Grob spielte man ein 3-1-4-2, das extrem flexibel, mit verschiedenen Mannorientierungen teilweise extremer Natur und einigen spontanen Entscheidungen der Spieler ergänzt wurde.

1-1 Manndeckung über den gesamten Platz
Hatte Manuel Neuer den Ball, schoben die Gladbach mannorientiert auf ihren nächsten Gegenspieler. Die neben Neuer herausgekippten Martinez und Benatia wurden von den beiden Stürmern eng zugestellt, sodass sie praktisch nicht angespielt werden konnten. Rafinha schob sich vor allem zu Beginn diagonal etwas nach vorne, blieb aber tiefer und enger als Lahm. Deshalb ließ ihn Korb meist – aber nicht immer offen – und viel etwas nach hinten, um Überzahl in letzter Linie zu schaffen oder eingerückt Vidal zu covern. Dahoud kümmert sich in diesen Phasen konsequent und clever um Xabi Alonso. Teilweise ließ er ihn auch etwas offen, woraufhin man ihn dann einkesselte. Fiel Martinez auch zurück, schob Johnson, der im Pressing eine Art Achter spielte, vor. Xhaka entschied dementsprechend und je nach Lust und Laune entstanden verschiedenste Staffelungen. Denn auch aus der letzten Linie, wo man teilweise drei gegen drei stand, schob man immer wieder stark proaktiv heraus.
Hier muss Gladbachs Verteidigung gelobt werden, wie stark sie in Zweikämpfen im Rücken waren. Sie ließen die Bayern nie aufdrehen und konnten Schnellangriffe weitgehend verhindern. Wichtig war zudem, dass Bayern praktisch nie die Tiefe hinter der Kette mit Chips erreichen konnte, weil oben genannte offene Momente verhindert wurden und in tieferen Positionen immer genug Druck auf den Ball war.

Fließende Übergänge zwischen Dreier- und Viererketten

Wurde die erste Pressingwelle – meist durch lange und gewonnene zweite Bälle oder auch in Räume gechippt – überspielt, zogen die Gladbacher sich schnell hinterm Ball zusammen und orientierten sich wieder etwas stärker am Raum statt am Mann. Im tiefen Mittelfeldpressing gab es dann auch immer wieder verschiedene 4-4-2 Staffelungen, die aber wie schon in der gesamten Zeit unter Schubert durch mehr Aktivität im Block als unter Favre gekennzeichnet ist. Häufig fiel Xhaka in die Innenverteidigung zurück und bildete so eine quasi-Viererkette. Alternativ gliederte sich Korb ballfern in die Kette ein, um so die Breite gegen Wechsel zum schnellen Coman zu schützen. Wendt auf der anderen Seite tat das praktisch nie. Dort rückte Nordtveit immer wieder bis zum Flügel zu Müller heraus und konnte ihn insgesamt wohl überraschend gut neutralisieren.
Xhaka besaß in diesem Verbund sozusagen eine Schlüsselrolle. Er mussten den Raum vor der Kette covern und hatte hier – zumindest meistens, aber nicht klar schematisch – eine Art Libero-Rolle inne. Diese passte überraschend gut auf Xhaka. Er zeichnet sich durch eine große Aggressivität aus, die bis zur Überaktivität reicht. Diese Dominanz konnte er in dem wilden Spielrhythmus ausleben, wenn er auch einige falsche Entscheidungen traf. So fiel er des Öfteren auch ohne ersichtlichen Grund in die Kette zurück, wohl aus Vorsicht oder Angst. Das resultierte häufig in zu großen Abständen vor der Kette, die die Achter Bayerns aber nicht zu nutzen wussten. Das war auch ein Hauptgrund für die starke Phase der Bayern von der 15. Zur 30. Minute. Xhaka – und als Reaktion darauf seine Mitspieler – trafen weniger mutige sondern auf Sicherheit bedachte Entscheidungen. Sie verhielten sich allgemein passiver und ließen sich hinten einschnüren. Schubert bemängelte das zur Pause und forderte seine Spieler auf, wieder aktiver Druck auf den Ball auszuüben.
Stabilität gab hier immer wieder der junge Dahoud, der die durchaus vorhandenen Löcher stopfte. Er verbuchte außerdem einige überraschende Ballgewinne und konnte Gegenpressingsituationen zumindest verlustfrei lösen.

Starke Strafraumverteidigung und Sommer sichern die Null
Die aller meisten Durchbrüche generierte Bayern über Coman, der gegen Elvedi seine Geschwindigkeit auszuspielen versuchte. Hierbei war die Aufstellung Korbs vor ihm interessant. Nach dem Pass konnte er ihn diagonal rückwärts pressen, während Elvedi ihn seitlich stellte. So kam man in eine gut kontrollierbare Dopplungsdynamik, weshalb auch keine größeren Chancen daraus entstanden. Entweder kamen von links sofort Flanken, oder Coman brach ab und man versuchte in den Zehnerraum einzudringen.
In diesen beschleunigenden Momenten über Außen zeichnet sich das Bayern der letzten Monate durch eine sehr radikale Strafraumbesetzung aus. Man dringt zu dritt oder viert in die Box ein, meistens Müller, Lewandowski, Martinez und teilweise Vidal – alles körperlich extrem robuste und teilweise im Sechszehner höchst geschickte Akteure.
Gladbach reagierte in diesen Momenten sehr ruhig und extrem kohärent – etwas was aus der Zeit Favres geblieben ist. Denn dann verhielt man sich wieder verstärkt passiv, fiel zurück und fraß den Raum um die Box extrem auf. Das bedeutet auch die Sechser weichen mit zurück in den Sechszehner und verfolgen gegebenenfalls Läufe aus dem Rückraum. So verhindert man eine mögliche Überladung, mit der die Flanken erst effektiv werden. Zudem verhielt man sich individualtaktisch hier sehr clever – allen voraus wieder Christensen, der mit seiner Antizipation hier viel entschärfen konnte (4 Interceptions, 7 Clearences. Nordtveit 3 & 8).
Dieses extreme Zurückweichen entschärft zwar die Brisanz im Strafraum, dafür gibt man den Rückraum preis, den Bayern dann bespielen kann. Die hinteren Spieler rücken nach, die Außenverteidiger gehen in die Halbräume. So entstehen ähnliche Staffelungen, wie sie Barcelona mit ihrer extrem geduldigen Zirkulation unter Guardiola generierten. Die Offensive hat komplette Kontrolle und zudem ein enges Positionsnetz, gegen das die verflachte Defensive unmöglich effektiv kontern kann, ergo gewinnen die Bayern aus dieser Situation praktisch alle zweiten Bälle im Gegenpressing. In dieser Situation bleiben die meisten Gegner Bayerns. So kann man auf ein 0:0 hoffen, auf ein eigenes Tor eigentlich nicht. Nach Klärungen rückte Gladbach aber immer wieder vor, arbeitete sich so und durch eigenen Ballbesitz weiter nach vorne, wo sie besseren Zugriff hatten.
Dass man hinten halbwegs stabil stand hatte aber auch schlicht damit zu tun, dass man weniger akuten Angriffen als andere Bayerngegner ausgeliefert war, was wiederrum an der proaktiveren Ausrichtung lag.
So und mit etwas Glück konnte man den Ansturm zwischen der 15. Und 30. Minute, in denen man zu passiv wurde, überstehen und sich mit einem 0:0 in die Pause retten.

Gladbach auch mit Ball mutig
Wie auch defensiv bemühte sich Gladbach auch mit Ball um Aktivität. Auch tief in der eigenen Hälfte traute man sich, den Ball zu sichern und versuchte zu kombinieren. Dabei bezog man den mit Ball hervorragenden Sommer mit ein, indem Christensen hochkippte, um den Raum frei zu blocken. Er war in der höheren Position aber praktisch verschenkt, weil er sich nicht clever bewegte und keine Bälle forderte. Ein schiefes Auffächern wäre hier wohl cleverer gewesen. Dazu fiel dann meistens noch Xhaka in den gleichen Raum zurück. In etwas höheren Positionen bildete er so auch mit Ball eine Viererkette. Diese war aber nicht geeignet für einen Aufbau, weil man praktisch auf einer Linie unaufgefächert stand und leicht pressbar wurde.
Bayern presste in einem recht klaren 4-3-3 wechselnder Intensität. Vor allem zu Beginn schob man bis ganz vorne durch, später verhielt man sich etwas passiver, teilweise auch im 4-1-4-1.
Immerhin sorgte die tiefe Zirkulation dafür, dass man Bayern nach vorne locken konnte. Teilweise konnte man weitgreifende Schnellangriffe in geöffnete Freiräume starten. Meistens aber folgten lange Bälle in Richtung der Offensivspieler, die sich in ordentlichen Kompaktheiten sammelten und um zweite Bälle kämpfte.
Zu diesen höheren Lokalkompaktheiten suchte auch Dahoud immer wieder Kontakt. Er beteiligte sich am Kampf um zweite Bälle und konnte dann in der Enge nadelspielern und so einige Bälle sichern und herausbefördern. Häufig nach hinten zu Xhaka, der dann versuchte zu verlagern.
Komplettiert wurde das Mittelfeld mit Johnson in einer ungewohnten zentralen Rolle. Eigentlich als Pendent zu Dahoud hielt er sich meistens höher auf. Meistens wich er nach links in Richtung seiner gewohnten Position aus, teilweise startete er aber auch vertikale Läufe in die Spitze wie bei seinem Tor zum 3:0.
Es wäre interessant Schuberts Gedanken zu dieser Rolle zu kennen. Bayern deckt in letzter Linie sehr mutig und in häufig in klaren Zuordnungen, also weniger ketten- und raumorientiert. Dort waren sie durch die zwei (nominellen) Stürmer okkupiert. Diese bewegten sich aber sehr frei, insbesondere Stindl versuchte sich in Kombinationen einzubinden und war auch hinter Johnson zu finden. So sind die Bayern gegen Läufe aus dem Mittelfeld anfällig. Diese werden praktisch nie (?) durch Bayern Mittelfeldspieler verfolgt, wie es bei anderen Klubs getan wird. Stattdessen übt man akuten Druck auf den Ball aus und verlässt sich auf die individuelle Fähigkeiten und die Geschwindigkeit der Abwehrspieler.
Diese Tiefenläufe wurden anfangs aber noch zu wenig angebracht. Stattdessen suchte Gladbach seine klassischen Angriffsmuster, die auf die Flügel ausgerichtet sind, auf die Xhaka meist verlagerte. Dort war Wendt häufig isoliert und musste sehr vorhersehbare, weil ohne Dynamik, Flanken schlagen.
Hier kam hinzu, dass wegen des ungewöhnlichen Rhythmus die Strafraumbesetzung bei Gladbach litt. Normalerweise inszenieren sie ihre Flanken aus einem sehr breiten und klaren Positionskonstrukt, weshalb auch das Eindringen in den Sechszehner sehr bewusst und klar erfolgt. Aus den ungewohnten Strukturen dieses Spiels war nicht mehr so sauber möglich.

1:0 als Dosenöffner
Das 1:0 fiel dann über links, nach einer starken Kombination angeführt von Oscar Wendt, die er dann auch selbst vollendete. Danach lief es deutlich besser bei Gladbach und sie konnten innerhalb der nächsten 15 Minuten noch zwei weitere Treffer markieren.
Das lag auch daran, dass man nun weniger die Flügelräume anvisierte, sondern klarere öffnende Momente in der Nähe Bayerns Kette erzeugen konnte und dann die Tiefe suchen konnte (siehe Johnsons Tor).

Keine Anpassungen von Pep
Überraschender Weise machte Pep keine größeren taktischen Anpassungen trotz der Aufstellung Schuberts. Zur Halbzeit verschob sich das System etwas mehr zum 4-2-4, indem Martinez immer höher schob. Zudem schien Neuer geschlagene Bälle stärker zu fokussieren.
Ein potentieller Schwachpunkt, war das mit Xhaka wilde Covern des Innenverteiderraums. Normalerweise hätte man erwartet, dass Müller solche Räume anvisiert, er fand sie jedoch kaum. Wohl deshalb wechselte er zwischendurch statt Coman auf die linke Seite.
Mit Guardiolas erster Wechsel brachte er Rode für Xabi Alonso. Zuerst ging dann Martinez auf die Sechs, Rode spielte eine etwas tiefere Acht. In der Folge wechselte die Mittelfeldaufteilung aber immer wieder.
Außerdem kam noch Ribery auf die linke Seite – Müller rückte in die Mitte, was zwar noch ein Tor besorgen konnte. Gladbach wechselte mit dem Wechsel von Schulz zudem ins 5-4-1/5-3-2 und konnte das 3:1 sichern.

 

Mutiger Ansatz wird mit fast verdientem Sieg belohnt

Gladbach kann seine Siegesserie fortführen. Hätte Bayern seine guten Chancen der ersten Halbzeit genutzt, wäre es wohl nicht dazu gekommen, Gladbach dagegen konnte aus ihrer guten Phase Erfolg schöpfen, während trotzdem ein Plus an Expected Goals für den FCB bleibt. So fällt der Sieg am Ende glücklich, aber gefühlt doch verdient aus. Man muss Schubert loben, immerhin wäre ein Rückschritt zum passiven 4-4-2 die bequemere Variante gewesen. Wie er im Interview nach dem Spiel erwähnte, erfragte er die Meinung der Mannschaft, ob sie zu dieser mutigen Herangehensweise bereit seien. Ein interessanter Unterschied zu den Stimmen nach Stuttgarts Llatsche gegen die Bayern.

Es sollte sich lohnen, denn am Ende kam ein spannendes und unterhaltsames Spiel dabei heraus.

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