Rayo: Eine Problemanalyse

Der Fußballhipster wird von seiner Lieblingsmannschaft in letzter Zeit etwas enttäuscht. Warum? Das sieht der geschulte Beobachter an Rayo Vallecanos Spielweise der letzten Wochen: 4-2-3-1, Flankenfokus, weiträumig und mit ganz komischer personeller Besetzung. Immerhin im Aufbauspiel überdurchschnittlich gut und am Ende doch recht erfolgreich, was jedoch den Romantiker kaum zu trösten vermag.

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Momentanes System und Besetzung bei Rayo

 

Auch wenn sich die Mannschaft aus dem Madrider Stadtteil Vallecas dem Positionsspiel verschrieben hat, definiert sie sich letztlich nicht wirklich darüber. Man ist in der gesamten Spielanlage weiträumig und recht flügel- und flankenlastig. Diese strategische Ausrichtung verursacht gleich mehrere Probleme:

 

Weiträumigkeit kills Gegenpressing

Das Gegenpresssing ist meist nicht besonders effektiv, da sich durch die Weiträumigkeit nicht wirklich viele Spieler in Ballnähe befinden: keine idealen Staffelungen für eine sofortige, aggressive Rückeroberung des Balles im Kollektiv. Diese läuft dann stattdessen immer eher individuell ab, bei gleichzeitig schwächerer Konterabsicherung. Zwei gegenpressende Spieler lassen sich schließlich deutlich einfacher überspielen als vier oder fünf.

 

Flanken- und Flügelfokus

Laut @whoscored kommen in dieser Saison durchschnittlich 76% der Angriffe über die Flügel. Außerdem schlägt Rayo im Durchschnitt 24 Flanken pro Spiel, was ihnen in der ligainternen Flankentabelle einen unrühmlichen 5. Platz beschert (Die meisten Flanken pro Spiel produziert übrigens unser Freund David Moyes mit Real Sociedad – welch Überraschung!). Diese Zahlen verdeutlichen wie sehr der Fokus beim Erspielen von Torchancen auf dem Flügel liegt. Keine Frage: Rayo ist immer wieder erfolgreich mit dieser Spielweise, weshalb man dem Plan von Trainer Paco Jemez zumindest dahingehend nicht die Effektivität absprechen kann. Trotzdem bleibt stets das etwas enttäuschende Gefühl, die Mannschaft könnte viel besser spielen, wenn sie ihren weiträumigen Flügelfokus zugunsten eines kombinativeren Stiles aufgeben oder zumindest anpassen würden.

 

Sie zeigt sich momentan zwar meist in der Lage, ein Chancenübergewicht gegen viele schlecht eingestellte kleinere Teams in La Liga zu erarbeiten. Dabei gelingt es jedoch kaum, auch tatsächliche Dominanz und Kontrolle zu erarbeiten. Der eigene Ansatz zur Chancengenerierung erweist sich aufgrund seiner Ineffektivität dafür als nur bedingt tauglich. Da Rayo gegen kleine Gegner aber meist ein großes Ballbesitzplus verbucht und recht konstant in Situationen gelangt, aus denen sie zumindest Flanken bringen können, schaffen sie es immer wieder aus dem Nichts oder aus eigentlich schlechten Angriffen Zähl- bzw. Verwertbares zu kreieren. Generell könnte man sagen, dass Rayo versucht, Chancen nach der allseits bekannten Discounter-Maxime „Masse statt Klasse“ zu erspielen und dabei allzu oft von der noch unwirksameren Ausrichtung des Gegners profitiert. Aber ist es genug, bewusst abseits des eigenen Optimums zu spielen, nur weil die Teams, die man in der Tabelle hinter sich lassen muss, noch schwächer sind?

 

Zugute halten sollte man Rayo immerhin, dass sie die eigene Strategie im letzten Drittel recht konsequent durchziehen, was selbst im modernen Fußball beileibe keine Selbstverständlichkeit darstellt. Statt dort weiterhin maßgeblich auf Dreiecks- und Rautenbildung zu setzen, wie man es im Aufbauspiel teils sehr gut macht, konzentriert man sich dann auch wirklich auf die Strafraumbesetzung. Dort befinden sich meist der Mittelstürmer (Leo Baptistao oder Manucho), Alberto Bueno sowie der ballferne Flügelspieler. Außerdem gibt es neben den ineffektiven „normalen“ Hereingaben (irgendwer steht außen und flankt komplett vorhersehbar in einen undynamisch besetzten Strafraum; überraschenderweise wird der Ball souverän von der Abwehr geklärt) auch prinzipiell bessere. Diese oft aus dem Halbraum kommenden Flanken zeichnet aus, dass sie diagonal hinter die Abwehr geschlagen werden und den Angreifern so erlauben, sich dynamisch vom Gegner zu lösen und „in den Ball zu gehen“. Besonders talentiert darin, sich in solchen Situationen passend zu bewegen, ist Alberto Bueno, der in dieser Saison gefühlt fast alle seiner bislang 16 Ligatore nach Flanken und Hereingaben erzielte und auch darüber hinaus für zahlreiche gefährliche Momente sorgt. Gute Flanken und Buenos „Torriecher kann man in diesem Video bestaunen.

 

Die Personalwahl entspricht der momentanen Strategie    

Die strategische Beharrlichkeit setzt sich auch in der Personalwahl fort. So werden die Flügelpositionen zumeist durch den linearen Dribbler Gael Kakuta und einen Spieler aus dem Triplet Licá, Embarba, Aquino besetzt. Diese Spieler sind recht passend zum flankenlastigen Stil im letzten Drittel. Wirklich anspruchsvolle Kombinationen werden von ihnen eher nicht erwartet, aber auch kaum benötigt. Vielmehr sollen sie sich am Flügel einfach individuell so durchsetzen, dass sie Hereingaben bringen können.

 

Die Mittelstürmerposition wird dann alternativ zum potenziell interessanten Leo Baptistao von Manucho besetzt. Der Angolaner ist zwar sehr arbeitsam im Defensivspiel und besticht durch seine Präsenz im Luftraum, scheint aber leider mehr Ballgefühl mit dem Kopf zu besitzen als mit dem Fuß. Durch Manuchos technische Limitiertheit wird nicht nur Rayos oft sowieso nur situativ vorhandenes Kombinationsspiel im Angriffsspiel weiter eingeschränkt; er weist darüber hinaus auch noch starke Symptome des Ciro-Immobile-Syndroms auf. Was bedeutet: Er versucht sich situativ immer wieder in tieferen Zonen an der Zirkulation zu beteiligen. Wegen der angesprochenen Schwächen kann dies ziemlich in die Hose gehen und die generell schon geringe Stabilität Rayos weiter gefährden.

 

Generell fragt man sich, warum Paco eigentlich an dieser Strategie festhält, wo er doch auch schon mehrfach eindrucksvoll bewiesen hat, dass es auch anders funktionieren kann.

Um den Jahreswechsel herum agierte Rayo in einem hochinteressanten, kombinativeren 3-3-4-ähnlichen System, mit dem sie nicht nur ästhetisch wesentlich ansprechender, sondern meiner Meinung nach auch grundsätzlich stabiler waren – verbessertem Kombinationsspiel und (damit einhergehend) kollektiverem Gegenpressing sei Dank. Eine Art von „Best-of-334-Phase“ ist hier.

 

Vermutlich wegen teils nicht ganz so hoher Durchschlagskraft änderte Paco das System wieder in den aktuellen Zustand. In dieser kurzen Periode spielte ein Akteur eine größere Rolle, der momentan froh sein muss, wenn er überhaupt mal im Kader steht – Alejandro Pozuelo. Der Spanier, der durch seine hervorragenden kombinativ-verbindenden Fähigkeiten besticht, kommt in dieser Saison kaum zum Einsatz, obwohl er bei seinen wenigen Auftritten sehr ansprechende Leistungen zeigte. Schon bei Kurzeinsätzen nach Einwechslungen hat man bei ihm das Gefühl, dass Rayo mit ihm wesentlich besser spielt als ohne ihn. Pozuelo schafft direkt Verbindungen und ermöglicht so ein besseres Kombinationsspiel bis in die höheren Zonen und/oder stabilisiert die Ballzirkulation.

Doch wozu braucht man Derartiges, wenn es ohnehin praktisch nur um Akteure geht, die recht stur die Linie entlang dribbeln und flanken? Dafür ist er wahrlich der Falsche. Er würde eine derartige Rolle wohl kaum so konsequent und diszipliniert ausführen wie viele seiner Kollegen. Warum sollte er auch, wenn er intuitiv weiß, wie es besser geht?

 

Stellt euch vor, ihr wollt einfach nur Fußball spielen, werdet aber permanent dazu angehalten, aus eurer Sicht blöde Hereingaben zu bringen, von denen ihr einfach nicht überzeugt seid. Eine psychische Abwärtsspirale, die sich gleichwohl physisch niederschlägt, ließe nicht lange auf sich warten. Der Einsatz beim Training lässt nach. Man findet sich auf der Tribüne wieder, ohne dass letzten Endes jemand wüsste, warum dies genau geschehen ist. So oder so ähnlich könnte der Fall bei Pozuelo gelagert sein.

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Wie wir Rayo am liebsten sehen würden! #Pozuelo #334/3241oderwasauchimmer #Kombinationen

 

In Pozuelos Fall bleibt zu hoffen, dass dies nur ein Zwischenspiel vor dem Durchbruch in einer deutlich kombinativeren Mannschaft von Rayo Vallecano ist, die sich endgültig dem Kombinationsspiel verschreibt.

Was wird aus ihm, ja: aus dem gesamten Team, in der neuen Saison, wenn Paco womöglich den Verein verlässt? Wir wissen es nicht, aber bleiben auf jeden Fall dran. Denn passend zu Ostern sollte bekannt sein: „Crossing the ball is worse than crossing Jesus“ – René Maric.

 

Dieser Artikel entstand unter der Mitarbeit von Eduard Schmidt

 

Über Nils Poker

Konstruktiv, Kreativ, Kombinativ #Spielgeist
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4 Kommentare

  1. Gibt es für die neue Saison echt wieder eine Analyse von Rayo Vallecano? Wäre sehr interessant zu hören, was Paco mit dem Team momentan anstellt. In den ersten zwei Spielen hatten sie zu meiner Überraschung lediglich einen Ballbesitzanteil von 46.6%.

  2. Jetzt versuchen sie zumindest formativ mal was echt geiles, und dann sowas. Dürfte aber zumindest in den Topligen seit Peps Barca das erste System mit Dreierkette und ohne Wingbacks sein – ist halt nicht ganz so leicht zu spielen…

  3. Danke für die Info! Leider kann ich selber kein Spanisch 🙁
    Paco ist in der Hinsicht wirklich etwas komisch und kommt imo stärker nach Bielsa als nach Pep, leider 🙁

  4. Interessanterweise habe ich gerade heute ein Interview von Paco gelesen in dem er selbst sagt, dass sie momentan den besten Fußball ihrer Saison spielen.
    Dass die Medien das so sehen ist bei den Siegen zuletzt kaum überraschend, aber wie kommt Jemez auf soetwas?!

    http://www.marca.com/2015/04/07/futbol/equipos/rayo/1428387356.html

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