Definition: Einbindung?

Während dem Artikel zu Leroy Sané habe ich mich oft gefragt, was Einbindung genau bedeutet. Wie kann man das genau definieren und wie sähe ein theoretischer Rahmen aus, mit dem man Einbindungsprobleme analysieren könnte? Diese Fragen werden in diesem Artikel untersucht.

Definition über Spielverlagerung.de

Um einer Definition etwas näher zu kommen, kann man sich alte Spielverlagerung-Artikel anschauen und analysieren, was mit dem Wort Einbindung beschrieben wird. 

Sie versuchten die Defensivhaltung der Schwaben zunächst mit einer tieferen Einbindung Brandts zu beantworten.

(aus der Analyse zu Stuttgart – Bayer Leverkusen)

In diesem Satz wird das Wort Einbindung dafür genutzt, um zu beschreiben, wann Brandt in das Spiel integriert wird und es beeinflusst. Brandt wird tief eingebunden. Er bekommt also in tiefen Räumen den Ball und beteiligt sich am Spiel. 

Aber Cristiano Ronaldo ist ein herausragender Arbeiter – einerseits haben sich einzelne Punkte seiner Schwächen etwas gebessert, andererseits stechen sie zurzeit wegen der Einbindung nicht ins Auge, andere positive Fähigkeiten seines Kombinationsstils und Bewegungsspiels hingegen werden verstärkt fokussiert.

(aus dem Artikel: Cristiano Ronaldos Einbindung)

In diesem Abschnitt wird die Wirkung der Einbindung von Ronaldo beschrieben. Seine Schwächen sind durch die Einbindung nicht so wahrnehmbar. Andere positive Fähigkeiten werden durch die Einbindung verstärkt.

Daraus ergibt sich:

  1. Einbindung bezeichnet den Moment, in dem ein Spieler in ein Spiel interagiert wird. (Diese Definition legt nahe, dass es sich bei Einbindung eher um ein Wort handelt mit dem man Aktionen mit Ball beschreibt, da ein Spieler ohne Ball nicht klassisch ins Spiel integriert wird. Um das zu prüfen, müsste man untersuchen, wie oft das Wort Einbindung in einem defensiven Kontext bei spielverlagerung.de verwendet wird. Hat ein Spieler eine offensive und eine defensive Einbindung?)
  2. Der Zeitpunkt seiner Einbeziehung ins Spiel beeinflusst seine Wirkung auf dem Platz. 
  3. Wenn der Spieler eine höhere Wirkung auf dem Platz entwickelt, weil er in einem für ihn guten Moment eingebunden wird, kann man von guter Einbindung sprechen.  

Diese Punkte lassen sich noch genauer ausführen:

  • Zeitpunkt der Einbindung ist noch ungenau. Was beinhaltet das exakt? Die Situation, in der der Spieler den Ball erhält, kann man analysieren. Folgende Faktoren könnte man bewerten: Position auf dem Feld, Struktur des Gegners, Struktur der eigenen Mannschaft,  Aktionen, die erfolgreich wären, Aktionen, die nicht erfolgreich wären.
  • Wodurch wird der Zeitpunkt der Einbindung bestimmt? Wie könnte man z.B als Trainer Einfluss auf den Zeitpunkt nehmen?
  • Der Spieler beeinflusst den Zeitpunkt seiner Einbindung: Der Spieler bestimmt durch sein Verhalten, wann er den Ball erhält. Er ist für seine Einbindung mitverantwortlich. Wichtige Fragen wären dann für den Spieler: In welchen Situationen entwickle ich eine gute Wirkung? Wann treten diese Situationen auf? Wie kann ich in diese Situationen eingebunden werden? Welche Folgen hat das für die nächsten und vorherigen Stationen im Angriff?
  • Das Umfeld beeinflusst den Zeitpunkt der Einbeziehung. (Unter Zeitpunkt der Einbindung ist hier nicht nur der Moment gemeint, sondern auch die Aspekte, die oben angesprochen wurden. Also: Position auf dem Feld, Struktur des Gegners, Struktur der eigenen Mannschaft,  Aktionen, die erfolgreich wären, Aktionen, die nicht erfolgreich wären.)
  • Die Entscheidungen, die das Umfeld trifft, beeinflussen den Zeitpunkt und die Struktur im Moment des Zeitpunkts. Welche Faktoren kann man unter Umfeld zusammenfassen? 1. Vorgaben der Trainer, 2. Aktionen der Mitspieler und 3. Aktionen der Gegenspieler. Diese Faktoren könnte man noch kleinteiliger beschreiben, aber diese drei Kategorien fassen viele Aspekte zusammen.
  1. Beispiel für Vorgaben des Trainers: Spieler X soll in den Halbraum einrücken, wenn seine Mannschaft den Ball hat. Spieler X erhält pro Spiel 30 Pässe, davon bekommt er 20 im Halbraum. Der Halbraum wird sehr eng verteidigt. Spieler X verliert in engen Situationen im durchschnittlich häufiger den Ball als die anderen Mittelfeldspieler in seiner Mannschaft. Spieler X verliert von den 20 Pässen in den Halbraum 10. Spieler X verliert von den restlichen 10 Pässen weniger als 50%.
  2. Beispiel für Aktionen der Mitspieler: Spieler Y erhält pro Spiel 30 Pässe. 10 der 30 Pässe erhält er von Spieler Z. Spieler Z ist Linksfuß. Dadurch dass Spieler Z Linksfuß ist, bekommt Spieler Y die Pässe in einem bestimmten Winkel, mit einem anderen Schnitt usw. Spieler Y positioniert sich deswegen anders zum Ball. Die neue Positionierung beeinflusst seine anschließende Situation. 
  3. Beispiele für Aktionen der Gegenspieler: Innenverteidiger A rückt 10 mal weit aus der Kette. Spieler X macht 10 Läufe in die Lücke hinter den Innenverteidiger A. Wenn Innenverteidiger A nicht aus der Kette rückt, lässt sich Spieler X 10 mal fallen.

Einbindung lässt sich dann so zusammenfassen: 

  1. Einbindung ist der Zeitpunkt, in dem der Spieler in den Angriff integriert wird. 
  2. Der Zeitpunkt wird von ihm und seinem Umfeld bestimmt. 
  3. Die Situation, in der der Spieler mit dem Ball handelt, wird auch von seinem Umfeld beeinflusst. 
  4. Die Einbindung wird auf die Wirkung hin bewertet.
Analyse der Einbindung von Spieler 3. Jeder Angriff in den er involviert war = seine Einbindung.

Bewertung der Wirkung

Schlechte Entscheidungen oder schlechte Einbindung?

Wie oben gesagt bewertet man die Einbindung auf die Wirkung hin. Es könnte aber wichtig sein, dass man unterscheidet, ob der Spieler gut eingebunden ist und schlechte Entscheidungen trifft oder ob er schlecht Eingebunden ist und gute Entscheidungen trifft. 

Wie kann man diese Frage beantworten?

Ein Spieler ist schlecht eingebunden, wenn er nicht die Entscheidungen treffen kann, über die er eine Wirkung entwickeln kann. Ein Spieler ist gut eingebunden, aber trifft schlechte Entscheidungen, wenn er innerhalb einer Situation die Entscheidung trifft, die eine geringere Gesamtwirkung entwickelt.

Beide Szenerien haben das gleiche Ergebnis: Der Spieler entwickelt keine Wirkung. Aber die Ursache ist anders, deswegen müsste man verschiedene Lösungsansatz wählen, um den Spieler zu Wirkung hinzuführen.

Also 1: Entwickelt der Spieler keine gute Wirkung auf dem Spielfeld, weil er schlecht eingebunden ist? 

=> Ja: Wie kann ich die Einbindung des Spielers verbessern? Was sind seine tatsächliche Aktionen? Welche spezifischen Aktionen davon, entwickeln keine Wirkung? Wie können diese Aktionen verhindert werden, welche Aktionen macht der Spieler in einem anderen Umgebung/Situation, die eine Wirkung entfalten?

=> Nein: Wie kann ich die Entscheidungen des Spielers oder seine Qualität verbessern. 

Sprachwissenschaftliche Perspektive auf Einbindung

(Dieser Abschnitt ist eher als Ergänzung zu lesen)

Im nächsten Abschnitt wird das Konzept Einbindung über eine sprachwissenschaftliche Perspektive analysiert. Dabei geht es primär darum den Spieler und die Einbindung zu trennen. Also welche Wirkung entwickelt er aus sich heraus und welche Wirkung nur innerhalb einer bestimmten Einbindung? Diese Frage kann man aus einem sprachwissenschaftlichen Betrachtungswinkel ganz interessant diskutieren, da in der Sprache oft kleine Teile (z.B Silben, Laute) zu etwas Großem (Wörter, Sätze, Texte) kombiniert werden und in dieser Gesamtheit eine Bedeutung entwickeln. Also ähnlich wie die Einbindung eines Spielers.

Grundlage:

Die Bedeutung komplexer sprachlicher Ausdrücke ergibt sich aus der Bedeutung ihrer Teile und der Art ihrer grammatischen Kombination. Diese Eigenschaft von Sprache nennt man Kompositionalität. 

Roland Schäfer: Einführung in die grammatische Beschreibung des Deutschen

Das lässt sich übertragen, dabei müsste man Bedeutung durch Wirkung ersetzen. Die Wirkung einer Mannschaft ergibt sich aus dem Profil der einzelnen Spieler und der Art ihrer Anordnung auf dem Platz. Die Art der Anordnung ergibt sich aus ihrem Profil. Ein Fußballtrainer, ähnlich wie der Sprecher einer Sprache, konzipiert aus kleinen Teilen (Wörter/Spieler) eine größere Einheit (Satz/Mannschaft) auf eine bestimmte Wirkung hin. Im Gegensatz zur Sprache prüft der Trainer die Kombination nicht auf grammatisch und ungrammatisch, sondern auf wirksam und nicht wirksam. 

Kann man dann Spieler und Einbindung trennen?

Was ist der Spieler, was seine Einbindung?

Ist diese Trennung wichtig?

Die Art der Anordnung ergibt sich aus dem Profil des Spielers. Um ihn richtig einzubinden, muss der Trainer die Trennung Spieler/Einbindung machen können.

Gebrauchstheoretischer Ansatz

Wenn man auf einer sprachwissenschaftlichen Ebene bleibt und darüber probiert neue Perspektiven auf den Fußball zu bekommen, könnte man auf verschiedene Arten vorgehen. Man könnte eher gebrauchstheoretisch vorgehen und sagen, dass der Spieler = seine Einbindung im Gesamten ist. Dann kann man ihn davon nicht trennen. 

Also: 

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“

Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. §43.

Daraus ergibt sich für Wittgenstein, dass man die Sprache nur über Sprachspiele erlernen kann. Nur über den Gebrauch eines Wortes und seine Nutzung im Gesamten kommt man zum Wort. Wenn man das überträgt, könnt man sagen, dass man den Spieler nur im Kontext des Spiels erkennen kann. Über die Wirksamkeit im Spiel kann man den Spieler erkennen. Dann wäre es also die Aufgabe des Trainers, den Spieler in möglichst viele Situationen zu bringen, um den Spieler zu erkennen.

Jedes Zeichen scheint allein tot. Was gibt ihm Leben? – Im Gebrauch lebt es.

Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. §432.

Also in den Gebrauch bringen. 

Merkmale

Man könnte aber auch einen anderen Ansatz wählen und jedem Spieler bestimmte Merkmale zuordnen, die man unabhängig vom Gesamten herausarbeitet. Dieser Ansatz ist abgeleitet vom semiotischen Zeichenmodell. 

Ein Zeichen hat einen Referent. Mit dem Zeichen und dem Referent verbindet man ein Konzept. Das Konzept setzt sich aus unterschiedlichen Merkmalen zusammen.

Man hätte dann ein Zeichen, also z.B Alphonso Davies, einen Referent, der Spieler Alphonso Davies und ein Konzept, das ergibt sich aus den Merkmalen, die der Spieler hat (+) oder nicht hat (-). 

Wenn man den Spieler nun von der Einbindung abgrenzen will, könnte man Davies verschiedene Merkmale zuordnen. Z.b Schnell (+), technisch-versiert (+), groß (+), langsam (-), überdurchschnittliche Sprungkraft (-) usw. Diese Merkmale entwickeln dann im Gesamten je nach Einbindung eine Wirkung oder nicht, aber sie sind der Spieler.

(Ergänzung: Diese Art von Merkmalsbestimmung gibt es in der NFL häufiger zu sehen. Wenn den Spielern vor dem Draft bestimmte Sprung- und Sprintwerte zugeordnet werden. Natürlich ist das auch im Fußball normal.)

Wie kann man die Trennung Spieler/Einbindung also machen?

Grundsätzlich ordnet man einem Spieler immer bestimmte Merkmale zu. Diese Art von Zuordnung ist sinnvoll, allerdings ist es schwierig, wenn man diese Zuordnung unabhängig vom Gesamten vornimmt. 

Wieso?

Das Merkmal Schnell (+) bei Davies wird irrelevant, wenn er innerhalb eines Spiels nicht in Situationen kommt, in denen er schnell sein kann. Die Zuordnung von Merkmalen sollte übers Spiel funktionieren.

Fazit

Die Gedanken zu dem Thema sind nicht nicht perfekt geordnet. Gerade den letzten Abschnitt muss man nochmal sortieren. Trotzdem könnte der theoretische Rahmen helfen, um Einbindungsprobleme zu analysieren. Das wird sich erst in der direkten Anwendung zeigen.

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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2 Kommentare

  1. Cédric Apitzsch

    Super Artikel und auch sehr intressant. Es währe toll wenn du ähnliche Artikel schrieben köbnest, zum Beispiel zu Staffelungen oder Verbindunge.

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