Bewegungsanalyse: Lukaku gegen Russland

In diesem Artikel werden die Bewegungen von Lukaku gegen Russland analysiert. Dabei wird auch ein Blick auf die offensive Ausrichtung der Belgier geworfen. Wie entwickeln sie Durchschlagskraft und welche Rolle spielt Lukaku dabei?

Theoretische Grundlage 

Wenn man verschiedene Bewegungen herausarbeitet, ist es wichtig, dass man eine Art Kategorisierung vornimmt. Folglich bestimmte Bewegungen einander zuordnet oder voneinander abgrenzt. Dabei kann man auf verschiedene Arten vorgehen, man könnte z.B die Art der Bewegung priorisieren, also: Bewegung in die Tiefe oder horizontale Bewegungen zusammennehmen. Oder man kann sich auf den Effekt der Bewegungen fokussieren. Also: Gegner auseinander ziehen, Verbindung herstellen, Tiefe attackieren usw. 

In diesem Artikel werden die Bewegungen stärker durch die gesamte Struktur von Belgien kategorisiert. Also: Wie bewegt sich Lukaku, wenn Belgien Struktur X hat und der Ball bei Spieler Y ist? Wie viele unterschiedliche Bewegungen kann Lukaku in der Struktur X machen und wovon hängen diese ab? Und dann zusätzlich der rückwirkenden Effekt: Wie wirkt sich seine Bewegung auf die Struktur aus? 

Diese Fragen sind sehr weit gegriffen und können nicht richtig beantwortet werden, aber die Zuordnung Struktur X + Position des Balles = Bewegung 1,2 oder 3 ist nützlich, um die Bewegungen etwas zu sortieren.

Aufbauspiel über die Halbverteidiger

Rechte Seite (immer von Belgiens Tor ausgesehen)

Russland presste im 4-4-2, deswegen konnte Belgien in ihrem klassischen 3-4-2-1 häufig die Halbverteidiger freispielen (3-gegen-2). Alderweireld und Vertonghen dribbelten dann in den tiefen Halbräumen an und wurden dabei seitlich vom gegnerischen Stürmer angelaufen. Dadurch wurden Passwege vom Halbverteidiger ins Zentrum abgeschnitten und sie mussten die erste und zweite Pressinglinie über die breiten Wing-Backs oder die Spieler in den höheren Halbräumen (Mertens/Carrasco) überspielen. (Dedoncker spielte die wenigsten Pässe nach Carrasco, Lukaku und Mertens (und Meunier, wurde erst später eingewechselt)).

Wenn der Ball bei Alderweireld war, bewegte sich Lukaku früh tief, um den Ball hinter der gegnerischen Kette zu erhalten. Diese Bewegung deutet er regelmäßig an, wobei er selten angespielt wurde. Allerdings zog er so die letzte Linie von Russland nach hinten und öffnete Räume für Mertens im Halbraum, in die dieser sich aufdrehen konnte. Die Räume im Zwischenlinienraum, die entstanden, konnte Carrasco durch horizontale Bewegungen anlaufen und die Lücken besetzen. Diese Bewegung machte er noch zu selten, theoretisch könnte man effektiver und flexibler die Räume zwischen den Ketten besetzen. Lukaku könnte nach der Bewegung in die Tiefe etwas nach außen rotieren, wenn Carrasco einrückt. 

Trotzdem werden durch die Bewegung von Lukaku und das Nachschieben von Carrasco Räume am ballfernen Flügel geöffnet, in die der Wing-Back aufrücken kann. Außerdem kann Lukaku auch direkt angespielt werden, wie man beim ersten Tor sieht. Da kommt der Pass zwar von Mertens, der sich hinter den Wing-Back fallen gelassen hat, aber trotzdem bietet Lukaku wieder die diagonale Bewegung in die Tiefe an und kommt mit etwas Glück zum Torabschluss. 

Seine Bewegung in die Tiefe sind vor allem darauf ausgelegt in Abschlusspositionen zu kommen, selten weicht er tief in seitlichere Räume aus, um dann dort Kombinationen zu forcieren und die Bälle auf nachstoßende Spieler abzulegen. 

Die Bewegung vor dem 3:0 ist typischer Tiefenlauf von Lukaku. Er startet sehr zentral, bewegt sich aber nur so weit nach außen, dass er noch zum Abschluss kommen kann. Er kommt bei seinen Tiefenläufen viel über sein Timing und sein Physis, deswegen muss er sich horizontal nicht so viel bewegen. Ein Gegenbeispiel dafür wäre Pedro. Pedro hat bei Barcelona sehr lange Tiefenläufe gemacht, hat sich länger horizontal bewegt, um auch in verschiedene Zuordnungszonen der gegnerischen Verteidiger zu laufen und sich von seinem Gegenspieler zu lösen. Diesen Aufwand muss Lukaku nicht betreiben, er kann seine Tiefenläufe kurzfristiger anlegen und fokussiert sich dabei auf Durchbrüche und Abschlüsse. 

Besetzung des Innen- und Außenverteidigers

Auf der rechten Seite besetze Lukaku häufig den Raum um den ballnahen Innenverteidiger von Russland und Mertens besetze die Räume um den linken Außenverteidiger. So gelang es ihnen viele Spieler zu binden und bei Ballverlusten schnell die zweiten Bälle aufzusammeln. 

Diagonales Verschieben zum Halbraum nach Pässen zum Wing-Back

Häufig spielte Alderweireld den Ball zum Wing-Back und aus der breiten Position konnten sie sich dann nach innen kombinieren. Diese Staffelung unterstütze Lukaku mit seitlichen Bewegungen in den Halbraum. Dabei bot er sich so an, dass er hinter dem linken Flügelspieler von Russland angespielt werden konnte.

Oder er konnte sich etwas tiefer positionieren und den Ball diagonal zwischen Sechser und Flügelspieler erhalten. Zu solchen Pässen kam es häufiger, wenn der Wing-Back etwas tiefer stand. 

Diese Bewegung waren sehr wertvoll für Belgien, um Durchschlagskraft herzustellen und von den seitlichen Räumen diagonal ins Zentrum zu kommen. Mertens arbeitet diesen nachschiebenden Bewegungen zu, in dem er den linken Flügelspieler oder linken Außenverteidiger tief band und sich ausweichend zum Flügel bewegte, wenn der Wing-Back den Ball hat. So konnte er häufig den Passweg vergrößern, auch wenn er in den Anschlussaktionen nicht mehr involviert war, da Lukaku dann meistens auf die nachstoßenden Sechser ablegte oder sich ins Zentrum drehte. Nur selten spielte er dann auf den breiten Mertens. 

Besetzen der Schnittstellen im Mittelfeld nach horizontalen Pässen der Wing-Backs

Wenn der diagonale Pass in den Halbraum nicht möglich war, probierten die Wing-Backs häufig die Sechser mit horizontalen Pässen einzusetzen. Diese Pässe antizipierte Lukaku sehr früh und ließ sich aus dem Zuordnungsraum der Innenverteidiger fallen und positionierte sich im Rücken der Sechser. Nach horizontalen Pässen konnte er sich dann entweder in die Lücke zwischen Sechser/Flügelspieler oder Sechser/Sechser bewegen. Dadurch bot er sich nicht nur intelligent an, er band situativ auch den Sechser tiefer und verhinderte rausrückende Pressingbewegungen auf Tielemans oder Dedoncker. Bei dieser Bewegung ist sein Timing und sein Rhythmus sehr beachtlich, wie genau und rhythmisch er sich an die horizontalen Pässe anpasst, ist unfassbar weitsichtig und präzise. 

Linke Seite

Wenn Belgien über die linke Seite aufgebaut hat, blieb Lukaku trotzdem meistens weiter rechts und schob erst später rüber. Das könnte mehrere Gründe haben. Am wahrscheinlichsten ist, dass er die Situationen auf der rechten Seite stabiler auflösen kann. Wenn er den Ball im Halbraum erhielt, konnte er sich nach innen drehen, in dem er den Ball mit der Innenseite führt. Auf der linken Seite kann er sich nur nach außen drehen oder er muss sich mit der Außenseite nach innen drehen. Bei der Bewegung ist es aber wahrscheinlicher, dass er den Ball verliert, da er nicht den Körper konstant zwischen Gegenspieler und Ball hat. Technisch kann er diese Bewegung aber sehr sauber ausführen. Bei Kontern hat er sich ein paar mal nach links mit der Außenseite gedreht. 

Grundsätzlich stand er auf der linken Seite deutlich tiefer als auf der rechten Seite. Er bot sich auch für diagonale Bewegungen an, aber war nicht so präsent, was daran liegen könnte, dass Carrasco von seinen Bewegungen auf der Seite sehr dominant war, sich z.B viel nach außen bewegte und Hazard dann einrückte oder er früher in den Halbraum ging. Mertens war auf der linken Seite etwas ergänzender und schaffte ein gutes Umfeld für die Bewegungen von Lukaku. 

Auf der linken Seite ließ er sich aber häufiger vor die beiden Ketten von Russland fallen, wenn Carrasco höher schob und die Tiefe attackierte. Dadurch dass er sich horizontal anbot, konnten sie das Spiel dann verlagern und sich vom Flügel lösen. Es kann auch sein, dass er sich stärker auf die horizontalen Passwege fokussierte, da Carrasco die diagonalen Passwege in die Halbräume besetzte. Müsste man aber nochmal prüfen. 

Bewegungen zwischen den Seiten

Interessant war, wie Lukaku die Strukturen und den Rhythmus des Spiels mit Ball prägte, in dem er sich entweder um den linken oder den rechten Innenverteidiger positioniert. Teilweise ging er dabei sehr weitsichtig vor und bewegte sich schon, während der Ball auf der rechten Seite war zur linken Seite. So konnte er Verlagerungen provozieren und artikuliert natürlich auch etwas über die ballnahe Staffelung. 

Hierarchie der Bewegungen

Ein Aspekt, den ich persönlich immer sehr spannend finde, sind die Hierarchien innerhalb den Bewegungen. Also: Wer startet Bewegungen? Was löst er damit aus? Der Spieler, der grundsätzlich den größten Einfluss auf die Bewegungen seiner Mitspieler hat, wäre in der Bewegungshierachie  höher zu verordnen. 

(Ergänzung: Wenn man die Bewegungshierachie kennt, kann man bestimmte Bewegungen verändern, in dem man z.B Spielern stärkere Bewegungsfreiheit schafft, wenn man den Einfluss auf ihre Bewegungen verändert. Oder man kann produktive Bewegungen stärker einfordern und die Produktivität weit greifender bewerten)

Wo kann man Lukaku dort verordnen? Grundsätzlich kann man sagen, dass Lukaku durch seine Bewegungen sehr viele andere Bewegungen provoziert, also einen großen Einfluss hat. Durch seine horizontalen Bewegungen kann er Verlagerungen einleiten und je nachdem wie weit er in die Halbräume einrückt, kann er die Halbstürmer zu neuen Positionen zwingen. Vor allem auf der rechten Seite wurde Mertens durch diese Bewegungen viel beeinflusst, was bei ihm aber zu vielen Problemen geführt hat, da er nicht richtig eingebunden werden konnte. Der Fokus auf den rechten Halbraum zwang auch Carrasco dazu stärker ins Zentrum zu rücken und die freien Räume im Zentrum zu besetzen. Diese Folgewirkung der Bewegung von Lukaku war eigentlich sehr gut, wurde aber nicht sauber genug ausgespielt (s. oben). Auf der linken Seite hatte Lukaku sehr wenig Einfluss. Carrasco war sehr dominant und T. Hazard passte sich viel an seine Bewegungen an. In der eher klaren Halbraumsbesetzung konnte Lukaku keine produktiven Räume besetzen. Mit Hazard als linker Halbstürmer könnte Lukaku nochmal stärker integriert werden, wobei er dann auch vermehrt zuarbeiten wird und freiziehende tiefe Bewegungen als Ergänzung zu Carrasco und Hazard Dribblings zeigen wird. 

Da er grundsätzlich nicht so weite vertikale Bewegungen macht, hat er wenig Einfluss auf die Bewegungen der Sechser. Diese orientierten sich aber im zweiten oder letzten Drittel oft zu ihm, um Ablagen zu erhalten. 

Positionierung bei Flanken

Lukaku hat sich meistens in Richtung des Balles gedreht, stand also mit dem Rücken zum Tor. Wenn der Ball aber seitlich vom Strafraum war, drehte er sich in Richtung Tor und fokussierte sich auf Bewegungen bei Flanken. Er ging dann nicht wirklich weit mit nach außen, sondern blieb eben zentral. Seine Bewegungen bei Flanken sind gut, aber nicht spektakulär. Meistens sind es simple Doppelbewegungen oder auch nur eine Bewegung in eine Richtung. 

Positionswechsel mit Mertens oder Carrasco

Situativ rotierte Lukaku mit Mertens oder Carrasco. Dann passten sich seine Bewegungen natürlich an die veränderte Grundsituation an und er war stärker an die Besetzung der Halbräume gebunden, was ihn in seinen Bewegungen natürlich etwas starrer macht. Außerdem kommt er dann nicht mehr aus der Bewegungen in Situationen, sondern befindet sich schon früher in dem Raum, in dem er angespielt wird. Verändert seine Grundsituation etwas und ist für ihn nicht ideal. Aber es gab die Rotationen auch nicht so oft zu sehen. Meistens wurden sie von Mertens angestoßen, der sich über den Positionswechsel vielleicht mehr Anbindung ans Spiel versprach.

Bewegungen bei Konterangriffen

Wenn Belgien den Ball in tieferen Zonen gewinnt, bindet Lukaku sich direkt ins Spiel ein. Dabei ist auffällig, wie gut er sich in den Lücken für Pässe anbietet, auch wenn es einen großen vertikalen Abstand zwischen ihm und den Ball gibt. Dadurch erschwert er das Verteidigen für den Gegner, da seine Mitspieler ihn als Bindungspunkt nutzen können und mit der möglichen Entscheidung ihn anzuspielen, Situationen in tieferen Zonen lösen können. Oder er wird direkt angespielt und hält die Bälle, so können sie dann effektiv viele Spieler überspielen. 

Grundsätzlich variieren seine Bewegungen bei Kontern etwas. Auf der linken Seite weicht Carrasco früh zum Flügel aus, um Breite herzustellen, deswegen ist Lukaku stärker für die Besetzung der Halbräume verantwortlich und bewegt sich dorthin. 

Wenn die Halbräume besetze sind, geht er bei Kontern freier zum Flügel, da es dort Räume gibt, die er für ausweichende und auseinander ziehende Bewegungen produktiv nutzen kann. Wenn er den Ball seitlich erhält, spielt er die Angriffe sehr klar zu Ende.

Bei Kontern geht er natürlich auch weiterhin früh tief und nutzt seine Schnelligkeit und Physis. Wahrscheinlich sind seine Bewegungen in die Tiefe bei Kontern etwas länger (also stärkeres ausweichen in seitliche Räume), müsste man aber nochmal prüfen. 

Fazit

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Bewegungen von Lukaku sehr intelligent sind. Er macht keine spektakulären Bewegungen, hat aber ein gutes Gespür für den Rhythmus des Spiels. Es wird spannend sein, ob er weiterhin einen so großen Einfluss hat, wenn de Bruyne und Hasard zurückkommen. Wahrscheinlich werden sich seine Bewegungen dann nochmal verändern.

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Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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