Taktik-Preview: Chelsea – Atletico Madrid

Das Rückspiel Chelsea gegen Atletico, Tuchel gegen Simeone steht an. In diesem Artikel schauen wir auf das Hinspiel und mögliche taktische Varianten im Rückspiel.

Aufstellung im Hinspiel

Chelsea und Madrid im 3-4-2-1

Beide Mannschaften formierten sich im 3-4-2-1. Dabei war Chelsea von der Besetzung der Positionen und den Spielertypen deutlich asymmetrischer aufgestellt. Die Wing-Backs bei Madrid, Lemar und Llorente, sind von ihrem Spielerprofil verschieden. Auf dieser Position gab es also eine leicht asymmetrische Besetzung, die allerdings kaum einen direkten Einfluss hatte. Chelsea hatte mit den Spielerpaaren Werner/Mount und Alonso/Hudson-Odoi eine sehr asymmetrische Ausrichtung. Werner bewegte sich seltener in den Halbraum und orientierte sich öfter zur letzten Linie. Mount stand meistens tiefer und orientierte sich zum Halbraum oder in die Räume um Hudson-Odoi. Alonso stand im Vergleich zu Hudson-Odoi tiefer und machte weniger Bewegungen in die Tiefe, da Werner diese Bewegungen auf der linken Seite übernahm. Er fungierte eher in einer nachstoßenden und unterstützenden Rolle. 

Die Asymmetrien lassen sich gut in dieser Animation erkennen:

Vor welche Probleme stellte Alteltico Chelsea?

Bis zu dem Tor hatte Chelsea 70% Ballbesitz. Atletico Madrid fokussierte sich darauf Chelsea im Spiel mit Ball Probleme zu stellen. Sie verteidigten defensiv je nach Höhe in einem 6-3-1, 5-4-1 oder 3-4-2-1. Welche Probleme ergaben sich daraus für das Spiel von Chelsea und wie gehen sie damit um?

Abwehr- und Mittelfeldpressing

Im Mittelfeldpressing pressten sie im 5-4-1/6-3-1. Der Übergang zwischen dem 5-4-1 und 6-3-1 war sehr fließend. Meistens pressten sie im Mittelfeldpressing im 6-3-1. Das 5-4-1 ist eine situative Variation davon. In tieferen Zonen verteidigten sie im Gegensatz zu ihrer offensiven Ausrichtung, aber passend zu Chelseas Strukturen im letzten Drittel, leicht asymmetrisch. Correa orientierte sich defensiv mannorientierter zu Alonso und nur situativ zum Halbraum. Felix orientierte sich zum linken Halbraum und lies sich häufig neben Saul und Koke fallen. Dadurch verteidigte Felix meistens den im Halbraum positionierten Mount und Correa verteidigte eher den breiten Alonso.

Atletico Madrid im 6-3-1

Wieso? Chelsea hat in ihrer offensiven Ausrichtung im 3-4-3 eine asymmetrische Rollenverteilung. Der linke Flügelstürmer Werner orientierte sich zur letzen Kette des Gegners und ließ sich nur in schnellen Verlagerungssituationen in den Halbraum fallen. Der linke Halbraum ist also seltener besetzt, da Kovacic meistens tiefer steht und Werner auf der letzten Linie. Defensiv musste dieser Raum also nicht besonders priorisiert werden. Der rechte Flügelstürmer Mount positionierte sich im linken Halbraum und bewegt sich aus diesem Grundraum eher in die freien seitlichen Räume, die Hudson-Odoi durch seine hohe Positionierung blockte. Die defensive Ausrichtung von Atletico erlaubte also zwei Bewegungsmuster von Chelsea effektiv zu verteidigen. 

(1) Sie konnten die Bewegungen von Werner gut verteidigen. Wenn Werner sich situativ in den Halbraum fallen ließ, schob Correa auf ihn und es entstanden 5-4-1 Staffelungen, aus dem 5-4-1 konnte er aber auch schnell auf Alonso pressen, wenn dieser den Ball erhält. 

Wechsel zum 5-4-1, Correa kann aus einer tieferen Position auf Werner pressen, wenn dieser sich fallen lässt. In solchen Situationen lief Correa immer den inneren Passweg an und lenkt das Spiel auf Alonso. Auf diesen kann er schnell Zugriff bekommen.

(2) Die fallenden Bewegungen von Giroud, Werner oder Mount können durch die Sechser oder Fünferkette passend verteidigt werden. In solchen Situationen wurden die Spieler sehr mannorientiert verfolgt, die Verteidiger konnten sehr weit aus der Kette rücken und ohne dass große Lücken in der letzten Linie entstanden. 

Was ist der Nachteil davon? Sie können die Breite und fallende Bewegungen gut verteidigen, aber in der zweiten und dritten Linie konnten sie nur wenig Druck ausüben. Bei ausweichenden Bewegungen von Mount mussten sie weit nach schieben. 

Angriffspressing

Sie formierten sich grundsätzlich im Mittelfeldpressing, aber bei Rückpässen auf die Dreierkette wurde eine hohe Pressingsituation ausgelöst. In solchen Situationen schoben sie im 3-4-2-1 auf die Aufbaustruktur von Chelsea. Suarez lief den zentralen Innenverteidiger an, der andere Flügelstürmer schob im Moment des Passes auf den Halbverteidiger. Die Pressingbewegungen waren leicht versetzt und gut getimt, dadurch konnten die Halbverteidiger sofort unter Druck gesetzt werden und obwohl die Flügelstürmer nicht über den äußeren Passweg anliefen, waren nur die Pässe ins Zentrum auf die Sechser Jorghino/Kovacic möglich, da die Halbverteidiger nicht bis zum Flügel aufdrehen konnten. Bei Pässen ins Zentrum oder in den Halbraum schoben dann die Spieler sehr aggressiv und mannorientiert nach. In solchen Situationen passten auch die Halbverteidiger ihre Höhe an. In Minute 08:12 (s. Tweet) gab es eine interessante Szene.

Suarez läuft den Innenverteidiger an, der Ball wird zum rechten Halbverteidiger gespielt, Felix läuft direkt an. Der rechte Halbverteidiger hat nun die Möglichkeit ins Zentrum zu spielen auf Jorghino oder den ausweichenden Mount im Halbraum einzusetzen. Saul orientiert sich zu Jorghino, also orientiert sich Hermosa zu Mount und fängt den Pass von Azpilicueta in den Halbraum ab. 

Schneller Zugriff im 3-4-2-1. Sauberer Ballgewinn von Hermoso im Halbraum.

Diese Muster variierten sie geschickt. Wenn Hudson-Odoi hoch stand, schob Lemar auf Mount und Hermosa bewegte sich leicht zum Flügel. Sie wählten immer den kleinsten läuferischen Aufwand, um die Struktur um den Ball nach ihren Prinzipien zu pressen. Wenn z.B Koke den zentralen Innverteidiger anlief, bewegte Correa sich neben Saul und orientierte sich zu Kovacic. Diese passenden Variationen zu ihrer Grundstruktur im Angriffspressing wählten sie sehr geschickt und flexibel.

Außerdem gelang der Übergang ins Pressing sehr gut und das Muster wurde variabel ausgeführt. In Minute 1:40 sieht man das sehr gut. Atletico verliert den Ball (aus ihrer Sicht) vorne links, Kovacic spielt den Ball zurück auf Azpilicueta, dadurch wird das Pressing ausgelöst. Lemar befindet sich in der höchsten Position, läuft also Azpilicueta an, dieser spielt zu Mendy, den Saul im Moment des Passes schon anläuft, dadurch kann er den Ball an der Linie des Fünfmeterraums gewinnen, aber nicht sauber fest machen. 

Was lässt sich über das Angriffspressing sagen?

Simpler Pressingtrigger mit klaren Pressingmuster, welche sehr sauber und flexibel ausgeführt werden. Außerdem ist das Angriffspressing geschickt auf die Grundstruktur von Chelsea angepasst. Was er gibt sich daraus für Chelsea? Die positiven Eigenschaften ihrer Grundstruktur gehen etwas verloren. Im 3-4-3 haben sie eine doppelte Halbraumbesetzung (tiefer und hoher Halbraum) auf beiden Seiten und es gibt einen direkten Passweg in diesen Raum. Der Flügel wird nur einmal besetzt und die beiden Sechser können flexibel das Zentrum besetzen oder höher schieben.

Atletico legt in ihrem Pressingmuster einen hohen Fokus auf genau diese Pässe in die Halbräume. Die Flügelstürmer Correa oder Felix (situativ statt Correa einer der Sechser) pressen immer aus dem Halbraum heraus, können aber auch (über ihr Timing) das Aufdrehen der Halbverteidiger verhindern, dadurch kann Chelsea nicht über tiefe diagonale Dribblings von Hudson-Odoi oder Alonso Pressingsituationen auflösen, da diese nicht angespielt werden.

Welche Lösungen findet Chelsea darauf?

In ihrem Spiel in der Offensive waren sie sehr limitiert. Atletico verteidigte die Halbräume geschickt, deswegen mussten sie stärker in seitlichere Räume angreifen und verloren dadurch im letzten Drittel etwas an Durchschlagkraft, allerdings konnten sie gegen die 6-3-1 Staffelung auch sehr sicher zirkulieren und Atleticos Dreiermittelfeld aus Felix, Saul und Koke musste sehr oft weit nach außen schieben, ohne dass sie wirklichen Zugriff bekamen.

Chelsea war gefährlich bei schnellen Verlagerungen auf Hudson-Odoi und situativ konnten sie die ausweichenden Bewegungen von Mount gut einbinden und dann einfach vertikal am Flügel entlang in die Schnittstellen spielen. Werner hing etwas in der Luft, seine Bewegungen zum Flügel konnte Atletico flexibel verteidigen und selbst wenn er mal bis zur Grundlinie kam, konnten sie die Flanken abfangen. So kam Chelsea im gesamten Spiel auf einen xG von 1,1 (was gegen Atletico Madrid natürlich nicht schlecht ist), der nicht direkt mit ihre augenscheinlichen Dominanz übereinstimmt. Diese Dominanz konnten sie über die stabile Ballzirkulation, die sich aus ihrer Grundformation ergibt, kreieren, außerdem kamen sie sehr oft in Gegenpressingsituationen, da Atletico Madrid aus dem 6-3-1 zu langsam produktive Staffelungen kreieren konnte.

4-4-2 im Hinspiel

In den letzten 10. Minuten des Hinspiels stellte Atletico Madrid auf ein 4-4-2 um. Diese Variante könnte auch eine Option im Rückspiel sein. Im 4-4-2 schoben die Außenverteidiger klassisch hoch. Lemar und Vitolo rückten weit ein. Vitolo bewegte sich teilweise bis auf den anderen Flügel. So entstanden sehr enge Staffelungen und die ganze Breite war nicht immer besetzt., bzw. nachschiebende Bewegungen von Lodi waren nicht gut getimt.

In der engen Staffelung hatte Atletico Madrid aber einige Vorteile, da die Sechser von Chelsea die einrückenden Flügelspieler oft aufnahmen, konnten sie die Sechser teilweise weit nach außen ziehen oder selbst höher in die Schnittstelle zwischen Halbverteidiger und Wing-Back schieben, ohne dass die Wing-Backs oder Halbverteidiger sie rechtzeitig aufnahmen. Wenn sie aus engen Situation zum Flügel spielten, erhielt Chelsea aber sehr schnell wieder Zugriff und konnte dynamisch rausschieben, so dass sie oft die Angriffe abbrechen mussten. Außerdem gerieten sie zu oft in die Pressingfalle am Flügel: Wenn der Ball zum Außenverteidiger ging, wurde dieser teilweise vom rechten Flügelstürmer (Havertz) und dem Wing-Back gepresst, der Sechser nahm dann den einrückenden Vitolo auf und verhindert bei diagonalen Pässen, dass sich dieser ins Zentrum aufdreht. In solchen Situationen waren sie anfällig für Ballverluste, wobei Lodi diese Situationen auch auflösen könnte, wenn sich Suarez fallen lässt und er gut diagonal andribbelt und dann über den ballfernen Flügelspieler verlagert oder die Lücken mit Pässen auf die Stürmer attackiert.

Die rauskippenden Bewegungen von Koke zum Flügel waren ebenfalls problematisch und provozierten Pässe in die Pressingfalle von Chelsea. In dieser Struktur bauen sie zwar mit einer Dreierkette auf, haben aber am Flügel zu flache Strukturen aus AV – Koke, die Chelsea gut pressen kann, zusätzlich fehlt eine höhere horizontale Anspielstation, dadurch sind Verlagerungen schwierig und die Verschiebebewegung von Chelsea kann nicht effektiv bespielt werden.

Insgesamt wäre ein 4-4-2 mit extremer Zentrumsüberladung und situativer Breite spannend gegen Chelsea. So könnten die Mannorientierungen von Chelsea stark bespielt werden, es wäre interessant zu sehen, wie Chelsea darauf reagieren würde und ob es Atletico Madrid gelingen würde aus den engen Situationen effektiv hinter die Kette zu kommen.

Was kann man erwarten?

Atletico wird nicht aggressiv auf das Tor spielen, sie werden einen ähnlichen Ansatz wie im Hinspiel wählen, allerdings müssen sie bestimmte Anpassungen machen, damit Chelsea nicht eine derartige Dominanz entwickeln kann.

Chelsea wird wahrscheinlich mit Ziyech und Havertz auf den Halbpositionen spielen, dadurch würden sie Madrid vor neue Probleme stellen. Durch den Tausch Havertz und Werner wird Chelsea die letzte Linie seltener besetzen, Havertz wird viel ausweichen und sich hinter Alonso fallen lassen, diese Bewegungen könnte Atletico im 5-4-1/6-3-1 nur schwer verteidigen. Mit Ziyech und Havertz wird es sehr wichtig, dass sie die Breite auf der zweiten Linie (Mittelfeldkette) flexibel verteidigen und in den seitlichen Zonen schnell einen Zugriff bekommen. In einigen Spielen spielte Chelsea (vor allem über Ziyech) aus seitlichen Zonen oft in die Schnittstellen, sie können da sehr geschickt auch flache Strukturen am Flügel zu Ende spielen, weil sich Hudson-Odoi oder James gut bewegen und Ziyech viele Anspieloptionen hat, die er z.B nutzen kann um diagonal nach innen zu kombinieren oder auch als Bindungspunkte in Dribblings, um sich schnell in den tieferen Halbraum abzusetzen und weiträumig zu verlagern.

Prognose: 1:0 oder 1:1 Chelsea ist zu stabil und die Grundstruktur ist unpassend für Madrid, außerdem können sie über die Besetzung der Position der Flügelstürmer schnelle Anpassungen vornehmen und auf mögliche Pressingvarianten reagieren.

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