Erste Trainingswoche: Pressing und Gegenpressing

In dieser Woche haben wir zum ersten Mal richtig trainiert und angefangen taktische Konzepte zu vermitteln. Die Übungen und die Gedanken hinter diesen werde ich in diesem Artikel darstellen. 

Erster Trainingstag: Intensität im Pressing

Übung 1

Bei der ersten Übung ging es darum eine hohe Intensität im Pressing zu haben. Es wurden zwei gleich große Felder abgesteckt und vier kleinen Toren aufgestellt. Die Größe kann je nach Spieleranzahl variiert werden. Wir haben ein 6vs6 gespielt und das ganze Spielfeld war ca. 15×10 Meter. 

In einem Feld wurde immer 6-gegen-4 gespielt. Zwei Spieler von der Mannschaft die nicht den Ball hat, müssen in ihrem Feld bleiben. Ziel der Spieler ohne Ball ist es, den Ball zu gewinnen und sich anschließend aus der Unterzahlsituation zu befreien und das Spiel zu verlagern. Wenn sie das Spiel verlagert haben, müssen sie geschickt nachschieben und eine sinnvolle Raumaufteilung kreieren. Die Spieler, die den Ball verloren haben, sollen nach dem Ballverlust sofort ins Gegenpressing gehen und die Verlagerung verhindern. Wenn der Ball verlagert wird, gehen vier Spieler sofort ins Pressing. Nach fünf Pässen kann die Mannschaft mit dem Ball ein Tor erzielen. Sie können in jedes Tor schießen. Dadurch wird die Pressingsituation komplexer, die Spieler müssen sich nicht nur auf den Ball und ihre Gegenspieler fokussieren, sondern auch die Passwege abdecken (Pässe ins Tor). So entstehen komplexerer Situationen, die spielnäher sind. 

Trotzdem sind die Spieler im Pressing aber noch sehr frei, sie haben keine bestimmten Vorgaben, sondern können für sich verschiedene Dinge ausprobieren. Mir war am wichtigsten, dass das Pressing sehr intensiv ist und nach dem Ballverlust sofort ins Gegenpressing gegangen wird. Der Ballverlust muss einfach mit dem sofortigen Gegenpressing verbunden sein. Wenn die Spieler den Ball im Gegenpressing gewinnen, können sie direkt ein Tor erzielen (Sie sollen nach dem Ballgewinn schnell vertikal umschalten). 

Verschiedene Aspekte in der Übung

Ohne Ball

1. Nach dem Ballverlust ins Gegenpressing.

1.1 Verlagerung verhindern (Passwege abdecken).

2. Umschalten von Pressing ins Gegenpressing.

3. Pressing.

3.1 Druck auf den Ball, hohe Intensität.

3.2 Passwege zu den Gegenspielern schließen, Arbeit mit Deckungsschatten.

3.3 Passwege zu den Toren schließen, Gegner von den Toren fern halten.

Mit Ball

1. Raumaufteilung mit Ball, Überzahl ausspielen.

2. Aus dem Deckungsschatten lösen, um eine Verlagerung zu ermöglichen.

3. Raumaufteilung nach Verlagerung, geschicktes verschieben.

4. 360 Grad Raumwahrnehmung, Abschluss auf alle Tore.

Übung 1.2

Bei der zweiten Übung wird doppelter Sechzehner auf zwei große Tore gespielt . Dadurch ist die Mittellinie bereits eingemalt. Für jeden Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte bekommt die Mannschaft einen Punkt und für einen Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte + Tor bekommt die Mannschaft 3 Punkte. Tore zählen ganz normal.

In der ersten Übung waren die Pressingbewegungen eher horizontal, also viele Bewegungen von links nach rechts. In dieser Übung ging es darum, dass die Spieler ihre Position vertikal anpassen. Wie hoch kann ich stehen? Wie sicher ich ab? Bei beiden Übungen geht es um eine hohe Intensität im Pressing, aber durch die leichte Variation gibt es verschiedene Situationen und die Spieler werden auf unterschiedlichen Ebenen gefordert. Nach 10.Minuten wurde das rote Feld eingeführt. Um ein Tor zu erzielen, muss der Ball einmal in die rote Zone (grüne Zone wäre wahrscheinlich besser, welche Rolle spielen die Farben?) gespielt werden. Dadurch wird die Übung komplexer und eine Raumeinteilung wird etabliert. Außerdem wird das Zentrum als wichtiger Raum gekennzeichnet.

Die Spieler mit Ball müssen sich ins Zentrum bewegen und dort die Bälle fordern (Bewegung ins Zentrum + aufdrehen) und die Spieler ohne Ball müssen ihren Deckungsschatten nutzen, um die Spieler geschickt nach außen zu lenken und dort zu isolieren (Prinzip (möchte eigentlich weniger mit festen Prinzipien arbeiten, habe aber noch keine richtige Alternative gefunden) im Pressing. Wir pressen von innen nach außen, isolieren den Gegner am Flügel)

Am Ende dann nochmal 10. Minuten ohne Regeln. Die Spieler sollen nun selbstständig die verschiedenen Konzepte ausprobieren, vielleicht auch feststellen, was klappt und was nicht. 

Zweiter Trainingstag: Pressing und Raumaufteilung

Übung 2.1

Bei dieser Übung wird auf zwei größere kleine Tore gespielt und am Flügel werden zwei Zonen abgesteckt. Die Größe kann je nach eigener Einschätzung variiert werden. Ich persönlich mache die Flügelzonen immer sehr klein (jeweils ca 10% der gesamten Länge, in der Grafik sind sie sehr groß). 

In den Flügelzonen darf von der ballbesitzenden Mannschaft nur ein Spieler stehen. Die Spieler sollen lernen, dass sie die Flügel nicht doppelt besetzen. Wenn zwei Spieler in der Zone am Flügel sind, haben sie 5 Sekunden Zeit eine neue Position einzunehmen. Die 5 Sekunden werden laut mitgezählt. Sie sollen lernen auf die Bewegungen ihrer Mitspieler zu achten und eigene Lösungen entwickeln, um die Flügel nicht doppelt zu besetzen. 

Die Mannschaft ohne Ball soll den Gegner von innen nach außen lenken und dort die Bälle gewinnen. Außerdem dürfen sie nicht den ballernen Flügel besetzen, wenn der Ball in einer der Flügelzonen ist. Sie sollen schnell nachschieben und die Pressingbewegungen zum Flügel absichern. 

Die Übung hat an sich sehr gut funktioniert, es ist spannend zu sehen, wie die Spieler reagieren, wenn sie zum ersten Mal mit Konzepten einer Raumaufteilung konfrontiert sind. Trotzdem ist die Übung noch sehr frei und die Spieler können im Pressing und im Ballbesitz eigene Dinge ausprobieren. 

Übung 2.2

Diese Übung ist sehr ähnlich zur Übung 1.2. Allerdings ist das Spielfeld breiter und die Halbräume werden zusätzlich markiert, dadurch haben die Spieler jetzt alle wichtigen Räume kennen gelernt und als Trainer hat man durch den Aufbau der Übung auch schon eine Hierarchie hergestellt. Um ein Tor zu erzielen, muss durchs Zentrum gespielt werden (Zentrum wird als wichtiger Raum gekennzeichnet), Flügelzonen dürfen nur von einem Spieler besetzt sein. Zusätzlich könnte man die Regel einbauen, dass Tore, bei denen durch die Halbräume gespielt wurde, doppelt zählen. So werden die Halbräume nochmal hervorgehobene und ein speziellerer Fokus provoziert. 

Freundschaftsspiel

Am Ende der Woche hatten wir dann noch ein Freundschaftsspiel. Als Zielsetzung gaben wir vorher 16 Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte aus. In der Vorbereitung wollen wir die Spieler von einer ergebnisorientierten Bewertung der Spiele wegbekommen und andere Werte etablieren, anhand von denen Spieler die Spiele bewerten können. Dadurch sind sie nicht so stark an die Zufälligkeit des Fußballs gebunden und die Einschätzung der Spieler ist realitätsnäher. Letzte Saison hatten wir immer wieder Probleme damit, dass die Spieler nach Niederlagen alles in Frage stellten und sie oft große Einbrüche im Selbstbewusstsein hatten, die eigentlich unberechtigt waren. 

Wenn ihr denken schattierter ist, wird ihr Selbstbewusstsein stabiler sein und sie pendeln nicht so stark zwischen Extremen.

Dieses Experiment hat sehr gut funktioniert und obwohl wir verloren haben, waren die Spieler nicht besonders unzufrieden, da wir viele Bälle in der gegnerischen Hälfte gewonnen haben und unser Tagesziel erreicht haben. In einem Punktspiel werden die Spieler strenger mit sich und dem Ergebnis sein, trotzdem ist es spannend zu sehen, was passiert, wenn der Fokus vom Ergebnis genommen wird.

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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Ein Kommentar

  1. Hi CF,
    wiedermal sehr interessante Ansätze.
    Bei der Übung 1 sehe ich tatsächlich ein sehr chaotisches Pressing. Doppelte Unterzahl plus zwei gegenüberliegende Tore zu verteidigen ist schwierig. Die Lernerfolge sind wahrscheinlich eher beim aktiven Verteidigen / nach vorne Verteidigen zu sehen. Selbstverständlich auch beim Gegenpressing. Eine ähnliche Übung, vom Grundaufbau bekannt, ist ein 6vs3 auf 6vs3 (insg. mit 18 Spielern). Hier wird allerdings das Spiel nach X Pässen verlagert und nicht auf Toren gespielt. Ich nehme hier meistens 5 Pässe, je nach Spielfeldgröße und Spielerqualität. Die drei „passiven“ Spieler befinden sich in einer mittleren Zone und sollen die Spielverlagerung durch ein geschicktes verschieben zustellen. Zudem dürfen die Spieler nach 5 Pässen in die Zone mit rein und verteidigen – bei Misserfolg ist der Weg in die andere Zone allerdings länger. Bei Bedarf kann ich die Übung aufzeichnen.

    Deinen Ansatz bei Vorbereitungssspielen finden ich sehr ansprechend. Ein Ziel vorzugeben, dass anhand von Trainingsschwerpunkten definiert werden kann, um den Fokus expliziter auf Wettkampfsebene zu stellen, ist wirklich gut. So habe ich bislang nur im Training gearbeitet. Leider kann ich den Ansatz vorerst nicht in Vorbereitungsspielen anwenden, sicherlich aber auch in Meisterschaftsspielen denkbar. Was meinst du?

    Eine abschließende Frage zur Trainingsmethodik in 2.1:
    Bislang trainiere ich, je nach Schwerpunkt, immer nur ein Team (Coachingteam (in diesem Fall das pressende Team)) und das andere Sparringteam entsprechend nicht. Meiner Ansicht nach, sollten sich die Spieler auch auf einen Schwerpunkt isoliert konzentrieren. Wenn ich deine herangehensweise richtig verstehe, trainierst du einerseits die Aktionen gegen den Ball, sowohl als auch das Positionsspiel mit den Ball. Ist deiner Einschätzung nach dadurch der doppelte Erfolg (2 Trainingsschwerpunkte) gegeben oder von beiden nur ein Teilerfolg?

    Dank dir für deine guten Blogeinträge, die hoffentlich wieder regelmäßiger erscheinen. 😉

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