Milan scheitert an Genoas Manndeckungen

Im Dienstagsspiel der 10. Runde der Serie A musste der bis dahin Tabellenzweite AC Milan auswärts beim Genoa CFC antreten. Ein Sieg hätte für Milan zumindest für eine Nacht lang die Tabellenführung bedeutet, ein Traum wie Trainer Vincenzo Montella vor der Partie sagte.

Milan konnte am Wochenende zuvor einen beeindruckenden Sieg gegen Juventus einfahren, Genoa dagegen verlor am Samstag das Derby gegen die bisher eher schwach aufspielende Sampdoria mit 2:1. Trainer Ivan Juric veränderte die Mannschaft gegenüber dem Derby auf zwei Positionen, Ezequiel Munoz kam als linker Halbverteidiger statt Lucas Orban neu in die Startelf, als linker Flügelstürmer durfte erstmals Nikola Ninkovic starten.  Auch Montella nahm gegenüber dem Spiel gegen Juventus zwei Veränderungen vor, statt Suso durfte Keisuke Honda auflaufen, der verletzte Rechtsverteidiger Ignazio Abate wurde durch Mittelfeldspieler Andrea Poli ersetzt.

genoa-vs-milan

 

Grundformationen zu Spielbeginn.

Genoa zeigte im Ballbesitz sein übliches asymmetrisches 3-4-3, welches in dieser Partie sogar wohl eher besser als 3-4-2-1 beschrieben wäre. In der Dreierkette wurde eine geduldige Ballzirkulation aufgebaut, die tiefen Sechser und Veloso und Rincon unterstützen dieses sichere Ballbesitzspiel in tiefen Zonen. Die Wingbacks Edenilson und Laxalt hielten konsequent die Breite, davor begann Ninkovic in eher breiter Grundposition und rückte von dort in den Halbraum, Rigoni dagegen hatte eine umgekehrte Rolle und spielte eher als auf den rechten Flügel ausweichender Zehner.

milan-defensiv-zu-beginn-kf

Milans 4-5-1 Mittelfeldpressing. 

Milan verteidigte dies in einem 4-5-1 Mittelfeldpressing, welches sich auch zuweilen als 4-1-4-1 zeigte. Dies lag an der etwas tieferen Rolle von Locatelli, der Rigoni immer im Auge behielt und dessen Läufe Richtung Flügel auch mitverfolgte. Kucka und Bonaventura ließen Genoas tiefe Sechser gewähren und rückten nicht weiter aus dem Mittelfeld heraus. Auf Genoas Spielaufbau wurde kaum Druck ausgeübt, Milan war hauptsächlich darauf bedacht, ein Vordringen des Gegners in höhere Zonen zu blockieren, ohne wirklich auf frühe Ballgewinne aus zu sein. Nur vereinzelt wurde höher gepresst, dann in einem 4-3-3, wobei sich in diesem Spiel erneut zeigte, dass Genoa auch unter höherem Druck souverän rausspielen kann und vor allem die enorme Breite von Juric‘ Team schwierig zu pressen ist.

Das Passspiel von Genoa war Großteils sehr horizontal ausgerichtet, der Ball wurde geduldig über Halbverteidiger und Sechser von einer Seite zur anderen gespielt, dabei nahmen die Halbverteidiger häufig auch sehr breite Positionierungen auf dem Flügel ein. Auf dem Flügel wurden Durchbrüche nach simplen Kombinationen über die Flügelverteidiger und Flügelstürmer gesucht, der ballnahe Sechser versuchte dabei Anbindung Richtung Zentrum zu geben und für schnelle Seitenwechsel zu sorgen.

Bereits nach elf Minuten ging Genoa durch ein Tor von Ninkovic in Führung. Nach einem Einwurf nahe der Eckfahne verteidigte Milan sehr tief, Honda hob jedoch das Abseits auf und so konnte Rincon  mit einer Flanke aus dem rechten Halbraum hinter die Abwehr den linken Flügelstürmer bedienen.

In der Folge wurde Milan etwas dominanter, tat sich dabei aber sehr schwer, Torchancen zu kreieren. Montella begann die Partie zunächst mit einem recht klassischen 4-3-3 mit breiten Flügelstürmern. Locatelli war der zentrale Mann im Mittelfeld, Kucka spielte als rechter Achter, Bonaventura als linker.

Genoa verteidigte dies mit sehr starken Mannorientierungen aus einer etwas verschobenen 5-4-1-Grundordnung. In der Anfangsphase manndeckten Genoas Flügelverteidiger die Flügelstürmer von Milan, Bacca wurde vom zentralen Innenverteidiger Burdisso übernommen, die Halbverteidiger daneben sorgte für die nötige Absicherung und übernahmen gegebenenfalls andere freie Spieler. Im zentralen Mittelfeld war Genoa eigentlich in numerischer Unterzahl, Rincon kümmerte sich um Bonaventura, Veloso bewachte Kucka. Dadurch wäre Spielmacher Locatelli eigentlich frei, weshalb Rigoni aus seiner Grundposition vom rechten Flügel ins Zentrum rückte. Simeone spielte zwischen den Innenverteidigern, Ninkovic bewachte am linken Flügel Andrea Poli, der oft weiter aufrückte und seinen serbischen Gegenspieler damit nach hinten drängte, wodurch Genoa zum Teil auch in einer Sechserkette verteidigte.

genoa-manndeckungen-vs-milan-4-3-3-kf

Genoas Manndeckungen im Mittelfeld. Rigoni deckt Locatelli im Zentrum. 

Durch die zentrale Position von Rigoni, der dort Spielmacher Locatelli manndeckte, blieb neben den Innenverteidigern, zwischen denen Simeone spielte, noch Außenverteidiger De Sciglio frei, der am Flügel allerdings recht wenig Bälle bekam. Montella erkannte dies richtig und nahm nach etwa 20 Spielminuten die erste Umstellung vor. In der 4-3-3-Grundordnung wurden die Positionen angepasst, die Flügelstürmer rückten ein, dafür spielten nun die beiden Achter breiter. Bonaventura zog es stark auf den Flügel, Kucka dagegen spielte auf rechts nur ein wenig breiter als zuvor. In der Viererkette wurde nun asymmetrisch aufgebaut, mit Poli, der weiterhin eine klassische Außenverteidigerrolle einnahm, und De Sciglio, der sich nach der Umstellung stets im Halbraum positionierte. Zum Teil wurde so mit einer klaren Dreierkette mit De Sciglio und dem spielerisch eher beschränkten Paletta aufgebaut, ansonsten war es eher eine Viererkette mit etwas unterschiedlichen Außenverteidigerrollen.

milan-de-sciglio-eng-kucka-breit-kf

Unterschiedliche Außenverteidigerollen bei Milan. Im Mittelfeld ist Kucka rechts eher breit, Bonaventura am linken Flügel (dadurch gar nicht erst im Bild).

Durch die Umstellung versuchte Milan wohl die Innenverteidigung von Genoa zu überladen, der es daraufhin an Absicherung mangeln sollte. Laxalt verfolgte Honda aber auch weiterhin, auf der anderen Seite wurde flexibler verteidigt. De Sciglio konnte im strategisch wertvolleren Halbraum aufbauen, die breiten Positionierungen von Bonaventura und Kucka öffneten gegen ihre mannorientierten Gegenspieler zentrale Räume. Rincon ging stets mit Bonaventura mit, verteidigte dadurch oft vom Flügel aus, wodurch für De Sciglio der Passweg auf Niang oder Bacca frei wurde. Diese hatten mit Izzo und Burdisso zwei defensiv sehr starke Gegenspieler, die ihnen stets auf den Fersen blieben, wodurch ein Aufdrehen ohnehin nicht möglich war und einige Bälle auch in Zweikämpfen verloren gingen. Da sich die drei Mittelstürmer allesamt sehr simpel an der Verteidigungslinie aufhielten ohne sich etwas verstärkt zurückfallen zu lassen, war es sehr schwierig erfolgreich zu kombinieren, vor allem weil auch die Mittelfeldspieler für Ablagen kaum zur Verfügung standen. Ein weiträumigeres Andribbeln von De Sciglio wurde zudem nicht wirklich genutzt.

Nur etwa zehn Minuten später stellt Montella erneut um, das 4-3-3 wurde nun durch ein 4-4-2 abgelöst. Niang bildete mit Bacca die Doppelspitze, Bonaventura spielte weiter links im Mittelfeld, Kucka rückte auf die halblinke Position neben Locatelli und rechts spielte Honda. Beibehalten wurden die Rolle in der Viererkette, De Sciglio blieb eng und tief, Poli dagegen spielte höher und blieb breit, wobei Honda durch dessen Aufrücken viel in den Halbraum rückte und mit der Zeit generell etwas umtriebiger wurde. Auf der linken Seite zeigte Bonaventura einige Wechselbewegungen mit Niang, der immer wieder Mal auf den Flügel auswich. Die Pressingformation im 4-1-4-1 wurde trotz der Umstellungen in der Ballbesitzphase beibehalten.

Trotz der Umstellungen bei Milan änderte sich bei Genoa nur wenig, weiterhin wurde im mannorientierten 5-4-1 verteidigt, weiterhin blieb Rigoni zentraler als Rincon, spielte nun aber eher auf Kucka als auf Locatelli. Die rechte Seite von Genoa mit Izzo, Edenilson und Rincon wechselte diese Mannorientierungen auch recht flexibel, die Übergabemomente waren stets sehr gut abgestimmt, ausweichende Bewegungen von Niang oder einrückendes Movement von Bonaventura wurde so teils stur mannorientiert verfolgt oder gut übergeben, so dass Milan aus den Abläufen auf seiner linken Angriffsseite nicht wirklich profitieren konnte. Auch auf De Sciglio wurde im Spiel durchgehend recht gut rausgerückt und nachgeschoben.

Milan kam in der ersten Spielhälfte so zu kaum brauchbaren Möglichkeiten, Genoa verteidigte stark, hatte aber auch stets sehr lange Ballbesitzphasen, in denen der Ball ruhig zirkulierte und Durchbrüche nur sehr vorsichtig gesucht wurden. Milan versuchte nach Balleroberungen schnell umzuschalten, konnte mit Kontern gegen ein nach Ballverlust recht aggressives Genoa jedoch nicht gefährlich werden.

In der Halbzeit veränderte Montella die Ausrichtung seiner Mannschaft erneut ein wenig, aus dem 4-4-2 wurde nun ein 4-2-4, in dem Bonaventura und Honda klar auf einer Linie mit Niang und Bacca spielten. Einer oder mehrere dieser vier Angreifer ließen sich jedoch stets zurückfallen, wodurch sich auch die manndeckenden Verteidiger aus ihrer Verteidigungslinie herauszogen. Vor allem Honda ließ sich öfters weit zurückfallen, um sich neben den zwei zentralen Mittelfeldspielern anzubieten. Locatelli streute in der zweiten Halbzeit zudem auch immer wieder Läufe aus dem zentralen Mittelfeld bis hinter die gegnerische Verteidigungslinie ein, was ein prinzipiell eher unangenehm zu verteidigendes Mittel ist, jedoch nie wirklich genutzt werden konnte.

milan-4-2-4-paletta-aufrueckend-poli-breit-kf

Milans 4-2-4 zu Beginn der zweiten Halbzeit. Poli ist rechts breit und nicht im Bild, Ninkovic deckt ihn, wodurch bei Genoa ein 6-3-1 entsteht.

Milans flexibler Viererangriff schien eine interessante Variante zu sein, doch nach 56. Minuten machte Paletta seinem Coach einen Strich durch die Rechnung. Er wurde für ein extrem hartes Einsteigen gegen Rigoni vom Platz gestellt, was ein entscheidendes Ereignis in dieser Partie war. Montella blieb trotz dieses Platzverweises seiner zuletzt gewählten Ausrichtung bei, diese zeigte sich also fortan als 4-2-3, wobei Bonaventura ein Art Mischrolle hatte und in sich mit seinen Positionierungen sehr variabel zeigte. Er wechselte viel zwischen linkem Halbraum und linken Flügel, positionierte sich mal höher, mal tiefer. Verteidigt wurde nun in einer 4-4-1-Pressingformation.

Obwohl Milan nun mit einem Mann weniger spielte, wurde das Team immer dominanter. Die Ausrichtung in der Offensive funktionierte verhältnismäßig gut, zudem konzentrierte sich Genoa vermehrt auf seine reaktive Defensive ohne besonders viel Druck auf Milans Spielaufbau auszuüben.

Die ein wenig mangelnde Absicherung im 4-2-3 im Verbund mit einem eher schwachen Gegenpressing wurde Milan aber zum Verhängnis. Genoa kam zu guten Umschaltsituationen, zwei davon führten schließlich zu Toren und zum 3:0-Endstand. Nach 80 Minuten lenkte Kucka eine flache Hereingabe vom rechten Flügel ins eigene Tor, in der 86. Spielminute wurde Pavoletti mit einem Steilpass von Laxalt durch die unkompakte Mailänder Defensive eingesetzt, ließ daraufhin Romagnoli sehenswert stehen und verwertete souverän.

Fazit:

Vincenzo Montellas Milan plagte sich sehr lange Zeit gegen Genoas starke und sehr unangenehm zu bespielende Defensive und konnte in der ersten Halbzeit kein geeignetes Mittel dagegen finden. In der zweite Halbzeit wurde Milan stärker und hätte ohne die rote Karte von Paletta wohl auch zumindest noch einen Punkt erzielt. Genoas frühe Führung kam der Mannschaft natürlich sehr entgegen, in Ballbesitz war die Ausrichtung zudem passend und die Mannschaft von Ivan Juric präsentierte sich sehr ballsicher. Der Sieg von Genoa war daher im Endeffekt verdient, fiel mit 3:0 aber wohl ein wenig zu hoch aus.

 

 

 

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.
Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.