Asymmetrisches Deutschland zieht ins Halbfinale ein

Nachdem die DFB-Auswahl sich in einer Gruppe mit der Ukraine, Bosnien-Herzegowina und Österreich durchgesetzt hatte, traf sie im Viertelfinale auf Belgien.

Aufstellung:

In der Gruppenphase gelang es dem deutschen Team sich (zumindest ergebnistechnisch) von Spiel zu Spiel zu steigern. Nach dem 2:2 zum Auftakt gegen die Ukraine folgten klare Siege.

GerU17vsBelgien

Gegen die Ukraine ließ Trainer Meikel Schönweitz sein Team noch in einer Raute agieren, ehe er im letzen Spiel gegen Österreich er auf eine Art 4231 umstellte.

Hierbei gab es eine klare Asymmetrie auf den Flügeln, die auch dementsprechend besetzt waren.

Auf rechts wurde der umtriebig und stürmerhaft agierende Yari Otto vom Vfl Wolfsburg aufgeboten, welcher sich immer wieder in die Spitze bewegte. Den freien Raum am Flügel füllte der weit aufrückende athletische Hoffenheimer Alfons Amade.

Auf Links spielten mit Gian-Luca Itter, ebenfalls aus Wolfsburg, und Niklas Beste vom BVB zwei gelernte Linksverteidiger. Der eher linear veranlagte Beste nahm hierbei die Rolle des Linksverteidigers ein und blieb seinem Spielertypen entsprechend eher auf die typischen AußenverteidigerAktionen (Breite geben, Hinterlaufen, situativ Anspielstation im Aufbau etc.) beschränkt. Itter wiederum ist sehr spielstark für einen Außenverteidiger und besetzte die offensivere Position. Auch er blieb eher breit, rückte aber situativ in den Halbraum ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland überrascht mit asymmetrischen Pressing.

Die Asymmetrie im deutschen Spiel zeigte sich nicht nur im eigenen Ballbesitz, sondern Schönweitz hatte sich auch eine dazu passende Pressingvariante ausgedacht. Zu Beginn spielte die DFB-Auswahl Angriffspressing.

GerU17-PressingI

Die erste Phase des Pressings: Leiten auf den linken belgischen Innenverteidiger

GerU17-PressingII

Mit dem Pass auf den LIV läuft Otto diesen Bogenförmig an und nimmt damit den LV in seinen Deckungsschatten.

 

In der ersten Phase des Pressings sollte der Gegner auf den eigenen linken Innenverteidiger gelenkt werden, wozu sich Mittelstürmer Dadashov beim rechten Innenverteidiger positionierte und Havertz sich am belgischen 6er orientierte. Auf dieses Lenken hin rückte Otto von rechts auf und setzte den linken Innenverteidiger unter Druck, hierbei nahm er mittels Bogenlauf den Außenverteidiger in seinen Deckungsschatten. Da Itter auf Links tief auf Höhe der 6er blieb entstanden häufig versetzte 433- oder 4312-Staffelungen im deutschen Pressing.

Dieses Pressing sorgte gegen aufbauschwache Belgier besonders zu Beginn der Partie für einige vielversprechende Ballgewinne.

Deutschland kombinativ und diagonal unterwegs

Im eigenen Ballbesitzspiel zeigte sich das Nationalteam ruhig und konstruktiv. Gegen das 4411-Mittelfeldpressing der Belgier bauten die Innenverteidiger unterstützt durch 6er Akkaynak, der situativ abkippte, das Spiel kontrolliert auf. Hierbei lag der Fokus insbesondere auf dem rechen Innenverteidiger Tom Baack vom Vfl Bochum. Baack ist herausragend aufbaustark. Hierbei fehlt ihm noch die ganz große Reichweite im Passspiel, aber dafür ist er strategisch sehr gut und pressingresistent. Im Auftaktspiel gegen die Ukraine agierte er noch auf der 6 und zeigte auch dort eine gute Leistung. Defensiv erinnert Baack an Mats Hummels, da er wie der Noch-Dortmunder sehr antizipativ agiert und regelmäßig riskant aus der Abwehrkette herausrückt.

Gegen das belgische Pressing lag der Aufbaufokus ganz klar auf dem Zentrum welches Akkaynak besetze und den Halbräumen, in welche die Innenverteidiger, insbesondere Baack immer wieder mit Ball vorstießen. Von seiner aufgerückten Position im Halbraum aus spielte Baack viele Bälle in den Zwischenlinienraum, welcher insbesondere von Maier, Havertz und Otto besetzt wurde. Im Aufbau entstanden so häufig 2152-hafte Anordnungen auf deutscher Seite, welche sich durch gute Verbindungen auszeichneten. Alternativ ging der Ball zu Amade an der Seitenlinie. Aus diesen Situationen auf Rechts bzw im Halbraum zeigte sich Deutschland sehr kombinativ und bemerkswert diagonal. Fast nie wurde der Weg die Linie lang gesucht, sondern eigentlich immer der jener in Richtung belgisches Tor. Hierbei zeigten sich die deutschen Spieler sehr beweglich in den Kombinationen, wobei Havertz bspw. diagonal nach Rechts auswich, Amade sich situativ in den Halbraum bewegte und Otto diagonal in Richtung Zentrum rochierte.

GerU17 Aufbau

Beispielhafte deutsche Aufbausituation über Baack. Nach ruhiger Zirkulation über die Innenverteidiger und 6er Akkaynak bietet sich Baack Platz zum Aufrücken. Die Überladung auf Rechts bietet ihm viele Optionen zur Spielfortsetzung.

Durch diese kombinativen Überladungen hatte Deuschland meist auch sehr guten Zugriff im Gegenpressing, was durch starkes situatives Aufrücken der Innenverteidiger oder Akkaynaks noch verstärkt wurde.

Passenderweise fiel das deutsche Tor nach einer misslungenen kleinräumigen Kombination am 16er, nach der Dadashov direkt wieder Zugriff auf den Ball hatte und aus guter Schussposition verwandeln konnte.

Was tat Belgien?

In der ersten Hälfte schien der Matchplan der Belgier großteils schnelles Umschalt- und Konterspiel vorzusehen, womit sie aber sehr ungefährlich blieben. Die tiefe eigene Stellung und damit verbundenen weite Distanz zum Tor und das gut abgesicherte deutsche Gegenpressing konnten die meisten Gegenstöße im Keim ersticken. Wenn die ersten Gegenpressingwelle doch einmal überspielt werden konnte, war der Weg zum Tor immer noch sehr lang und die Restverteidigung und das Rückwärtspressing des Gegners fraßen die Konter auf.

Die zweite Hälfte

In Anschluss an das frühe deutsche Tor nach der Pause gestaltete sich die zweite Hälfte offener und hektischer als die Erste. Belgien verteidigte höher, aber nicht besonders gut, weshalb Deutschland mit guten Pässen und Bewegungen im Mittelfeld recht schnell nach vorne spielen konnte und so zu einigen gefährlichen Angriffen kam. Trotz der simpler werdenden Angriffssituationen blieb die DFB-Elf immer noch kombinativ im letzen Drittel und konnte das Gegenpressing gut aufrechterhalten. Für die Belgier gab es vereinzelt Konterchancen und höhere Ballgewinne, die von der deutschen Restverteidigung aber weiterhin gut verteidigt oder zumindest abgedrängt werden konnten.

Fazit und etwas Einzelkritik

 

Bemerkenswert an der dieser deutschen Juniorennationalmannschaft ist, dass nicht so einheitlich aus dem 4231 agiert wird, wie es in den letzten Jahren meist der Fall war. Auch die Spielweise der Mannschaft wusste zu gefallen und war wesentlich besser (konstruktiv, kreativ, kombinativ) (Die drei „K“s des guten Fußballs ;D) als es zu erwarten war.

Negativ zu bewerten ist eigentlich nur der extrem stark auftretende „relativ-age-effekt“ in der Mannschaft. Schönweitz berief mit Amade nur einen Spieler, der in der zweiten Jahreshälfte geboren ist. Allein zehn Spieler des Teams haben im Januar Geburtstag. Dies lässt den Schluss zu, dass bei der Auswahl nicht unbedingt nach den talentiertesten Spielern gesucht wurde, sondern nach den momentan effektivsten.

Individuell machten wohl alle deutschen Spieler eine gute Partie, hervorheben möchte ich aber neben Tom Baack, noch die zentralen Mittelfeldspieler sowie Yari Otto. Akkaynak zeigte sich auf der 6 relativ unauffällig, war im Aufbau aber recht clever und stabil. Dazu zeigte er sich sehr gut in der Absicherung von Angriffen und dem Herrausrücken im Gegenpressing.

Maier und Havertz zeigten gute Leistungen auf ihren balancierenden 8er-/10er-Positionen. So gaben sie immer wieder gut Verbindungen und zeigten sich sehr spielstark. Otto brachte mit seiner Umtriebigkeit und Wuseligkeit viel Bewegung ins Kombinationsspiel auf rechts. Zusätzlich zeigte er sich sehr engagiert und aufmerksam in Pressing und Gegenpressing.

Ein verdienter Sieg für ein strukturell und individuell klar überlegenes deutsches Team.

Über Nils Poker

Konstruktiv, Kreativ, Kombinativ #Spielgeist
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Ein Kommentar

  1. Die drei wahren „K“s sind doch Kampf, Konzentration und Konter 😀

    Toller Artikel, danke!

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