Italien im Test gegen Spanien

Italien gegen Spanien lautete neben Deutschland gegen England die wohl aufregendste Partie der vergangenen Testspiele. Im neuen Stadion von Udine trafen am Donnerstag die beiden Mitfavoriten auf den EM-Sieg aufeinander. Beide konnten sich souverän für das Turnier in Frankreich qualifizieren, Spanien mit neun Siegen und einer Niederlage, Italien ungeschlagen mit sieben Siegen und drei Unentschieden.

Italien-Coach Antonio Conte probierte dabei in der Qualifikation viel herum und zeigte sich taktisch sehr flexibel. Gegen Spanien probierte er nun erstmals ein 3-4-3-System aus. Die Spanier von Vicente Del Bosque präsentierten sich in einer 4-3-3-Grundformation. Beide Teams zeigten sich dabei, aufgrund von Verletzungen oder um zu testen, nicht mit ihrem stärksten Spielermaterial.

Italien vs Spanien

Italien war anfangs etwas dominanter und ließ den Ball sicher in der Abwehr zirkulieren. Contes Team stellte sich in einem sehr breiten 3-4-3 auf, die offensiven Flügelspieler hielten sehr lange die Breite und standen in einer Linie mit den Wingbacks, die zentralen Mittelfeldspieler blieben eher tief und beide meistens auf der selben Höhe.

Spanien verteidigte in einer 4-1-4-1-Grundordnung, sie stellten sich relativ hoch auf, übten aber nur selten höheren Druck auf die Dreierkette aus. Nur hin und wieder schob einer der beiden Flügelstürmer hoch, um einen Halbverteidiger druckvoll anzulaufen, während Aduriz Bonucci zustellte. Zudem agierten die Achter Fabregas und Thiago ein wenig mannorientiert auf Motta und Parolo. Dadurch waren sie oft höher als die beiden Flügel und es ergab sich eine 4-3-2-1-Staffellung. In der Folge hätten Mata und Morata wohl mehr neben San Jose einrücken müssen, sie blieben aber in der Regel eher breit mit Blick auf die italienischen Wingbacks. In der ersten Halbzeit gab es ein druckvolles Pressing Spaniens kaum zu sehen, die Italiener konnten den Ball in der Abwehr sicher laufen lassen, taten sich aber aufgrund der eigenen Positionsstruktur schwer in höhere Zonen vorzudringen.

Spanien 4-1-4-1 Halbräume offen Eder breit

Dabei wäre das 4-1-4-1 der Spanier ganz nett zu bespielen gewesen. Druck auf die ballführenden Verteidiger wurde nicht wirklich ausgeübt, die vertikale Kompaktheit ließ zu wünschen übrig und neben Spaniens Sechser San Jose waren die Halbräume stets völlig offen. Die Italiener bauten anfangs aber vermehrt über den linken Halbverteidiger Davide Astori auf, wobei sich gerade der linke Flügelstürmer Eder (der im Bild so breit und hoch steht, dass er gar nicht im Bild ist) als nicht gerade intelligent in seinen Positionierungen zeigte und oft zu spät und mit schlechtem Timing in den Halbraum einrückte. Auf der Gegenseite mit Candreva und Florenzi funktionierte dies weitaus besser, allerdings wurde der rechte Flügel etwas weniger genutzt.

Eder bekommt mal, Folgeaktion kaum möglch

In dieser Situation rückt Eder nun diagonal ein und zieht Juanfran aus seiner Position, Astori passt mit Leichtigkeit durch das spanische Mittelfeld auf den Flügelstürmer. Vernünftige Folgeaktionen sind aber kaum möglich, Giaccherini steht auf links etwas zu tief und rückt zu spät auf, die beiden zentralen Mittelfeldspieler stehen eher tief im Zentrum und sind nicht anspielbar. Ballfern stehen nicht nur der Wingback sondern auch der Flügelstürmer breit, Pelle ist die einzig mögliche Anspielstation (in dieser Situation scheitert Eder beim Pass auf den Stürmer und Spanien gewinnt den Ball).

Im Anschluss an den leicht mögliche Pass auf den einrückenden Flügelstürmer konnte Italien aber kaum weiter vorrücken, es folgten oft Versuche von simplen Flügeldurchbrüchen im Verbund mit den Wingbacks, die zu einigen Ballverlusten führten, oder Pässe zurück auf die Halbverteidiger. Gefährlicher wurde es, wenn die Halbverteidiger direkt Pelle anspielen konnten und dieser mehr eingebunden wurde.

Durch die starke Breite (die mit der Zeit abnahm) und die tiefen Mittelfeldspieler im Zentrum konnten trotz einer eher schwachen, spanischen Defensive kaum vernünftige Angriffe vorgetragen werden. Contes 3-4-3 war in Ballbesitz interessant, aber mit Schwächen und fehlender Konsequenz. In der Serie A gibt es hier zwei ansprechende 3-4-3-Versionen. Die eine ist von Paulo Sousas Fiorentina und ist eigentlich eher ein 3-4-2-1 mit konstanter Besetzung der offensiven Halbräume und Zentrumsfokus, die andere ist Gasperinis Genoas mit extremer Breite und Flügelfokus, bei der sich die dynamischen zentralen Mittelfeldspieler mehr auf der Seite einbauen und auch der Mittelstürmer mehr rausschiebt, wodurch es zu einer Rautenbildung am Flügel kommt. Dies war in der zweiten Halbzeit – als die Abläufe mit Insigne und Zaza besser funktionierten – etwa in der folgenden Aktion schön zu sehen:

Auf der rechten Seite funktionierten die Abläufe etwas besser als links. Romas Alessandro Florenzi spielte hier mit Antonio Candreva, der sich bei Lazio normalerweise sehr umtriebig, dominant und gut strukturgebend präsentiert. Im Nationalteam hatte er nun eine weniger dominante Rolle, seine Zusammenspiel mit Florenzi funktionierte aber relativ gut und er bewegt sich recht geschickt im Zwischenlinienraum.

Candreva gut einrückend

Gefährlich wurde Italien aber kaum, nur vereinzelt gab es Flügeldurchbrüche mit halbwegs brauchbaren Hereingaben. Dies ist aber weit mehr als die Spanier vorweisen konnten.

Italien 5-4-1 Spanien 4-3-3

Vicente Del Bosques Team startete das Spiel mit einem sehr breiten 4-3-3. Das Ballbesitzspiel wies aber mehrere Mängel auf und die Spanier plagten sich gegen Italiens 5-4-1-Defensivformation.

Spanien 4-3-3 Fabregas zu tief

Auffällig waren etwa die tiefen Positionierungen der Mittelfeldspieler. Zum tiefstehenden San Jose kam meistens noch Fabregas dazu, der sich häufig weit zurückfallen ließ, um den Verteidigern die Bälle wegzunehmen und gelegentlich Passoptionen zuzustellen. Pique und Ramos machten kaum etwas für den Spielaufbau. Thiago Alcantara – der auch desöfteren mit Fabregas die Seite tauschte – versuchte Fabregas‘ Bewegungen etwas auszugleichen und schob höher, doch im spanischen Mittelfeld ergaben sich nur unzureichenden Verbindungen.

Der Spielaufbau der Spanier fokussierte sich etwas auf die rechte Seite mit Juanfran und Juan Mata, doch die beiden erhielten oft zu wenig Unterstützung und konnten am rechten Flügel gegen die gut verschiebenden Italiener nichts ausrichten. Mit Fortlauf des Spiels rückte der anfangs sehr breit stehende Juan Mata immer weiter ins Zentrum ein und Juanfran stand in Folge konstant höher als Azpilicueta auf der linken Seite. Morata dagegen blieb weiterhin breit in einer Linie mit Azpilicueta. Das altbekannte Kurzpassspiel der Spanier funktionierte nicht so recht und stattdessen griff man gerne mal auf hohe Bälle auf Aduriz und Morata zurück, wobei Italiens Abwehr diese souverän verteidigte.

Vicente Del Bosque reagierte auf eine sehr schwache erste Halbzeit und brachte Nacho für Ramos und Koke für den bemühten, aber enttäuschenden Mata. Koke nahm die Position als linker Achter ein, Thiago ersetzte Mata, wobei es ihn nur selten am rechten Flügel hielt.

Spanien 4-2-2-2 vs Italien 5-2-3

Das System der Spanier war in Ballbesitz am ehesten ein 4-2-2-2, mit Fabregas neben San Jose und Koke sowie Thiago davor. Morata spielte weit mehr im Zentrum und bildete eine Doppelspitze mit Aduriz. Das Mittelfeld agierte sehr fluide und wechselte die Position häufig. Breite wurde nur noch durch die Außenverteidiger und teilweise Thiago gegeben, wobei Juanfran für die Offensive deutlich mehr brachte als sein Gegenüber Azpilicueta. Die Ballzirkulation funktionierte besser und Spanien hatte in der zweiten Halbzeit mehr Spielanteile, jedoch weiterhin kaum Torchancen. Überhaupt brachte es Spanien im ganzen Spiel nur auf drei Abschlüsse, wobei der erste davon erst in Minute 70 erfolgte.

Italien verteidigte im 5-4-1 und agierte dabei in der letzten Linie etwas mannorientiert, die Spanier kontrollierten das Mittelfeld besser, aber fanden gegen diese 5er-Abwehr kein geeignetes Rezept. Das 5-4-1 der Italiener war eher passiv, nur um etwas Druck auf den Spielaufbau auszuüben schob öfter mal einer der Flügelstürmer hoch und es formte sich ein 5-3-2, doch wirklich druckvoll war dies nicht. Mit Fortlauf der Partie wurde Italien gegen den Ball mutiger und formierte sich öfter im 5-2-3, was Spanien auch zu so manchen langen Bällen zwang.

Auch die Spanier pressten mit der Zeit höher und aggressiver als noch zu Beginn, aus dem 4-1-4-1 wurde dabei ein klares 4-3-3. Dabei mangelte es oft an der Abstimmung und es ergaben sich freie Räume, welche die spielstarke italienische Abwehr öfters gut bespielen konnten. Auch der italienische Führungstreffer durch Insigne ergab sich aus einer spanischen Pressingsituation:

Spanien konnte jedoch direkt im Anschluss nach einer Standardsituation durch Aduriz ausgleichen. Del Bosque wechselte den Torschützen direkt danach für David Silva aus, wodurch sich ein 4-2-3-1 ergab, in dem die Abläufe, vor allem gegen den Ball, immer unklarer wurden. Koke steht in dieser Situation die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben:

In der Schlussphase ergaben sich so noch mehrere Chancen auf beiden Seiten, mit einem leichten Plus für die Italiener, deren Offensivausrichtung in der zweiten Hälfte aufgrund des Spielermaterials besser funktionierte. Insigne kam nach 50. Minuten für Eder, was eine deutliche Verbesserung darstellte. Auch Zaza präsentierte sich besser als Pelle, er konnte mehr in das Spiel eingebunden werden und zeigte vor allem einige gute Ablagen. Bernardeschi kam nach 60. Minuten für Candreva und machte ein gutes Spiel, später tauschte Conte noch mehr durch und brachte neue Wingbacks und Jorginho im zentralen Mittelfeld.

Fazit

Italiens 3-4-3 ist eine sehr interessante Variante, an der aber noch ein wenig gearbeitet werden muss. Ein paar Verbesserungen sollten sich alleine durch besseres Spielermaterial ergeben. Das 5-4-1 wirkt defensiv sehr stabil, kann man auf die weltklasse Juve-Abwehrreihe zurückgreifen, wird dies extrem unangenehm für die meisten Gegner sein. Spaniens Auftritt dagegen war weniger hoffnungsvoll, das Ballbesitzspiel war mühsam, dem defensiven 4-1-4-1 mangelte es an Kompaktheit und das Pressing ist verbesserungswürdig. Aber auch bei Spanien könnte sich vieles mit dem Spielermaterial zum Positiven verändern.

 

 

 

 

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.
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