Sampaoli besiegt mannorientiertes Peru

Dienstagnacht fand das erste Halbfinal der Copa America statt. Die bisher starken Chilenen trafen auf das eher überraschend ins Halbfinale eingezogene Peru.

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Grundformationen zu Beginn.

Anfangsviertelstunde
Auch wegen der Sperre von Gonzalo Jara musste Sampaoli sein Team umstellen. Statt einer Dreierkette bot er nur zwei Innenverteidiger in einem 4-3-1-2 auf.
Peru spielte wie erwartet in einem 4-4-2, das allerdings einige Besonderheiten aufwies. Schalker Jefferson Farfan, der wohl wegen Geschwindigkeitsvorteilen an Stelle Claudio Pizarros startete, orientierte sich im Pressing an Diaz und verfolgte ihn lose. Dadurch entstanden vor allem zu Beginn krumme 4-1-4-1-Staffelungen. Teilweise schob er aber auch wieder in seinen Grundraum vor, versuchte Diaz in seinen Deckungsschatten zu nehmen und den freien Innenverteidiger anzulaufen. Diaz konnte so nicht allzu präsent werden, sondern öffnete immer wieder Räume für Mitspieler, die diese durch verschiedene Fallbewegungen nutzten.
Die Außenspieler Perus hielten ähnlich mannorientierten Kontakt zu den gegnerischen Außenverteidiger, wodurch sie nach Außen gezogen wurden. Die verbleibende Doppelsechs hatte so großen Raum abzudecken, was sie zu Beginn mit hohem Laufaufwand aber noch gut abdeckten. Sie rückten immer wieder weit vor, um Chile nach Vertikalpässen wieder aus dem Sechserraum zu verdrängen. Chile hatte so zu Beginn noch ein paar Probleme konstant in die Mitte zu gelangen, was sich mit der etwas umstrittenen Roten Karte in der 20. Minute für den alt bekannten Frankfurter Carlos Zambrano ändern sollte.

Absolute Dominanz
Mit nur zehn sowieso schon unterlegenen Spielern gegen Chile musste es unglaublich schwer werden. Dass es am Ende nur zu einem knappen 2:1 reichte, lag vor allem an viel Glück für die Peruaner.
Peru verschanzte sich wie erwartet im typischen 4-4-1, das zwar grundsolide bleibt, dafür aber praktisch immer absolute Dominanz des Gegners bedeutet.
Die Außenverteidger Isla und Albornoz schoben noch höher und drückten Peru so in schematische Sechserketten. Dadurch banden maximal 4 Offensivspieler 6 Defensive. Peru agierte zwar schematisch mannorientiert, die Außenverteidger waren aber konsequent frei, was eine 4 zu 2 Überzahl in zentralen Bereichen bedeuten musste. Verbunden mit dem fehlenden Zehner konnten die Innenverteidiger den einzigen Stürmer Guerrero jetzt sehr einfach umspielen. Die Doppelsechs musste sich jetzt weiter zurück halten und agierte passiver.

 

Chiles Angriffsstil
Jorge Sampaoli hat die „Sprache“ des Nationalteams gegenüber der vorangegangenen WM weiter angepasst. Sie konzentrieren sich weniger auf ihr wildes Pressing als stärker aufs Ballbesitzspiel.
Typisch als Durchbruchsmittel sind sehr aggressive Bälle durch oder häufig auch über die Kette, die mit Vorlieben von Valdivia angebracht werden. Erhält er den Ball in erreichbarer Nähe der defensiven Kette den Ball, starten die Stürmer mit Quer- oder Vertikalläufen in die Tiefe. Insbesondere Alexis Sanchez zeichnet sich mit seiner Intelligenz wie Geschwindigkeit aus.
Aber auch in der ersten Phase streuen sie immer wieder lange Diagonalbälle auf die hohen Außenverteidger ein. Allerdings hatten sie hier Probleme mit den Folgeaktionen, weil sie häufig nicht mehr den Weg in die Mitte fanden, sondern zu häufig die Flanke wählten.
Nach einem solchen, jedoch späteren, Diagonalball und einer darauffolgenden Flanke von Alexis erzielte Vargas nach etwas Gestochere im Strafraum auch das 1:0 noch vor der Pause.

Simples Gefahrenpotential Perus
Guerrero bewegte sich meist abgekoppelt von seinen Teamkollegen, wodurch häufig große Abstände, sozusagen 4-4-0-1-Staffellungen entstanden.
Am Offensivplan änderte die Rote Karte ironicher Weise kaum etwas: Peru wollte mit langen hohen Bällen, die Guerrero dann gegen die kleinen Innenverteidiger sichern sollte, rasch nach vorne kommen und schnell zum Abschluss zu gelangen.
Das funktionierte beängstigend gut. Nach einiger Zeit schienen Medel und Rojas sich gar nicht mehr zu bemühen, die Luftduelle zu bestreiten. So führten sogar manche Befreingsschläge, aber z.B. auch immer wieder Abschläge zu Durchbrüchen, Abschlüssen oder setzten sich mit Eckbällen usw. fort.

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Die doppelte Überzahl in der Zentralen und die aufgeblockten Freiräume.

Unwucht-Umstellungen zur Pause
Sampaoli wechselte Diaz für Pizarro aus und brachte Mena für Linksverteidiger Albornoz. In der Folge ergab das eine Assymetrie in der Flügelbesetzung. Mena hielt sich zurück, rückte nicht so früh auf, sondern verblieb bei mittlerer Höhe. Dadurch hielt er auch seinen sozusagen Manndecker weiter hinten.
Die üblicher Weise entstehende Sechserkette zeichnet sich nämlich durch eine gewissen Ambivalenz aus. Durch die schwindende Präsenz in vorderen Zonen, entwickelt die angreifende Mannschaft zwar hohe Dominanz, insbesondere durch die Probleme im Umschalten und das dadurch effektivere Gegenpressing. Gleichzeitig steht der Gegner aber eben mit einer Sechserkette am Strafraum, was es nicht unbedingt leichter macht, hindurchzuspielen. Die symmetrische Flügelbesetzung, sorgt für Simplizität. Das entsteht durch eine unpassende Spielereinbindung. Die Außen müssen sich immer wieder in den Halbraum fallen lassen, haben hier aber unglückliche Sichtfelder. Die Außenverteidiger dienen zudem nur als Anlockpunkt, da sie üblicher Weise nicht ins Tempodribbling gehen.

Sampaoli passte dagegen an seinem Spielermaterial sehr passend an. So schob man den Gegner in eine krumme Fünferkette, wo der sowieso offensiv ausgerichtete Isla sich austoben konnte. Gleichzeitig blockte man assymetrisch zwei Freiräume auf, aus denen man die Angriffe starten, bzw in die man sie beschleunigen konnte.
Links bewegte sich dafür Sanchez immer wieder nach außen, um von dort ins Tempodribbling zu gehen.
In den rechten Halbraum hinter Isla ließen sich häufig Vidal oder Valdivia fallen, wo sie leicht eine offene Stellung generieren konnte.
Die besten Angriffe entstanden, wenn sie von dort diagonal in die Mitte beschleunigten. Erreichte der Angriff die linke Seite, hinterlief Mena manchmal, wenn Sanchez schon eingerückt war und es an Breite fehlte.

So wurde Chile noch einmal deutlich dominanter, drückte Peru fast konsequent an den Sechszehner und hatte einige Hochkaräter, die sie noch vergaben.

Fazit

Der Zuschauer kann froh sein, dass Chile das Finale erreicht hat. Chile dominierte das Spiel spätestens nach der Roten Karte in allen Belangen. Mit elf Spielern hätte Peru sich wohl realistische Chancen ausrechnen dürfen, so beruhte ihre Hoffnung fast komplett auf dem Zufall.

Das Weiterkommen Chiles ist vor allem in ästhetischer Sicht höchst verdient, auch wenn er doch überraschend knapp blieb. Die Probleme mit langen Bällen, wie auch die nicht immer souveräne Strafraumverteidigung lassen fürs Finale zu denken geben. Trotzdem wird es – endweder gegen Argentinien oder Paraguay – ein Schlagabtausch auf höchstem Niveau.

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Ein Kommentar

  1. Danke für die Analyse. Die etwas veränderte Ausrichtung von Chile gefällt mir sogar noch ein bisschen besser. Was sie in Ballbesitz bei dieser Copa zeigen, ist teilweise echt spektakulär. Auf das Finale gegen Argentinien darf man sich absolut freuen.

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