Konzeptfussball

Fussball mit Konzept

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Türchen 6: Spiel über den Dritten

Von Moritz Kossmann

“The third man is impossible to defend against.”- Xavi Hernandez

Ein Spiel über den Dritten bezeichnet eine Kombination, bei der Spieler A zu Spieler B passt, der wiederum Spieler C findet. Spieler C ist dabei als der „Dritte”. Es gibt verschiedene Gründe, warum diese Art der Passkombination so wünschenswert ist. Einerseits ist es die natürliche Reaktion des Gegners bei einem Zuspiel von Spieler A auf Spieler B letzteren zu pressen – entweder alleine oder mit Unterstützung weiterer Teamkollegen.

Er steht im Mittelpunkt der Orientierung, von ihm soll der Ball gewonnen werden. Orientiert sich Spieler B allerdings bereits für seinen nächsten Pass vor (denkt also quasi zwei Aktionen voraus, wenn Spieler A in Ballbesitz ist), kann er den Ball schnell zu Spieler C weiterleiten, der damit idealerweise freigespielt wurde.

Ein grundlegend wichtiges Prinzip im Positionsspiel ist es, einen freien Spieler zu finden. Und das kann man eben mit dieser Art von Spielzug am einfachsten erreichen. Zwei schnelle Wechsel der Ballposition sind schlichtweg enorm schwer zu verteidigen, selbst wenn man sie in gewisser Weise antizipieren kann.

Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass der zweite Pass (zu Spieler C) häufig auch noch gegenläufig zur vorherigen Pressingaktion (auf Spieler B) gespielt wird. Dadurch wird nicht nur die Ballposition, sondern auch die Bewegungsrichtung der Verteidiger zwei Mal geändert.

Wahrscheinlich kann man das Spiel über den Dritten am einfachsten mit einem isolierten Doppelpass vergleichen – eine Aktion, die zweifelsohne vielerlei Vorteile mit sich bringt, aber eben deutlich weniger komplex abläuft. Der Verteidiger kann den Rückpass mithilfe seines Deckungsschattens verhindern oder er bewegt sich ohne größeren Aufwand einfach dorthin, wo der zweite Spieler hinläuft.

Eine Angriffsaktion, bei der bloß zwei Spieler involviert sind, bietet schlichtweg nicht besonders viele Lösungsmöglichkeiten. Kreiert eine Mannschaft nun allerdings eine gute Positionsstruktur mit guten Abständen und Verbindungen zueinander, gibt es theoretisch mehr als nur einen möglichen Dritten, der den zweiten Pass erhalten könnte. Dadurch multiplizieren sich die zuvor erwähnten Zuordnungsschwierigkeiten für den Gegner.

Oftmals endet das Spiel über den Dritten zusätzlich damit, dass der letzte Spieler in der Aktion den Ball in offener Stellung annehmen kann und das Spielfeld vor sich hat. Dies hängt insbesondere auch mit dem Prinzip zusammen, über das David schon geschrieben hatte: Die Suche nach dem weitest möglichen flachen Pass vorwärts.

Spielt eine Mannschaft häufig linienüberwindende Pässe (ganz gleich gegen welche Verteidigungslinie), so sollte der zweite Spieler in der Regel Optionen für Ablagen genau in dem Raum zur Verfügung haben, der gerade überspielt wurde.

In Folge einer solchen Passkombination blickt der Dritte nahezu immer nach vorne, in Richtung des gegnerischen Tores und hat vielerlei Optionen für die Spielfortsetzung. So wurde nicht nur das Pressing des Gegners entscheidend überspielt, sondern eine gute vorwärtsgerichtete Dynamik für die gesamte Mannschaft geschaffen.

Natürlich ist auch und gerade dieses Prinzip eng mit anderen Prinzipien, wie dem bereits erwähnten, oder auch der Positionierung auf unterschiedlichen Linien, verbunden, und funktioniert auch nur im Zusammenspiel mit diesen wirklich erfolgsstabil.

Ich finde es überaus hilfreich, gerade das Prinzip des Spiels über den Dritten den Spielern gegenüber besonders hervorzuheben, da es die Struktur des Teams implizit in Richtung vieler komplexerer Prinzipien des Positionsspiels lenken kann.

Die Spielform

Natürlich kann dieses Prinzip in einer Vielzahl verschiedener Spielformen und Positionsspielen trainiert werden. Ein einfacher Weg wäre beispielsweise das Belohnen des erfolgreichen Spiels über den Dritten mit einem Kontakt, indem man hierfür in regulären Trainingsformen einen Extrapunkt gibt (wichtig: Vororientierung und schnelles Anbieten von Anschlussoptionen).

Die im Folgenden vorgestellte Spielform erwies sich als besonders effektiv, indem sie das gewünschte Spiel über den Dritten mit einem Fokus auf Diagonalität verbindet. Das hauptsächliche Merkmal ist hierbei die Feldform – im Prinzip zwei rautenförmige Teile, die im Zentrum durch ein Rechteck verbunden werden.

Es gibt zwei Neutrale, die sich auf den geraden Linien im Zentrum außerhalb des Feldes bewegen und mit einem Kontakt spielen müssen. In der Standardvariante gibt es keine weiteren Regeln. Diese können jedoch je nach Kontext hinzugefügt werden.

Durch die Form des genutzten Spielfeldes ergeben sich erhebliche Einschränkungen für die jeweilige Ballbesitzmannschaft. Dadurch sind die Spieler dazu gezwungen, schon vor der Ballannahme zu wissen, wohin sie den nächsten Ball (im Spiel über den Dritten) passen können.

Dadurch wird der zuvor beschriebene Aspekt des Dritten als freier Spieler noch zusätzlich hervorgehoben, aber ist eben gleichzeitig auch aufgrund der Restriktionen schwerer zu erreichen.

Beim Spielaufbau gibt es die Möglichkeit sich in den seitlichen Zonen der Raute anzubieten. Bekommt man dort den Ball, muss die Anschlussaktion in der Regel jedoch zurück ins Zentrum erfolgen, häufig diagonal. So entsteht quasi ein „Zick-Zack-Spiel“, bei dem man eben nicht nur tief und dann zurückspielt, sondern eben auch (gleichzeitig) nach außen und dann zurück nach innen. Ein effektiver Weg, den Dritten so ins Spiel zu bringen, dass er das Feld vor sich hat.

 “Move the opponent, not the ball. Invite the opponent to press.”- Pep Guardiola

In engen Räumen ist es besonders wertvoll, einen solchen Spieler in einer dynamischen Situation zu finden, da man sich so effektiv aus dem Druck lösen kann. Genau in solchen Situationen zeigt die Spielform den Spielern die Bedeutung des Spiels über den Dritten. Es wird sozusagen Überzeugungsarbeit geleistet und gleichzeitig die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Spieler das Prinzip internalisieren.

In der Grundform spiele ich mit einer durchgezogenen Linie zwischen den breitesten Stellen der jeweiligen Raute als Abseitslinie. Das kann natürlich angepasst werden, um den Schwierigkeitsgrad weiter zu erhöhen. Zusätzlich ließen sich innerhalb des Feldes noch weitere Zonen abstecken, um bestimmte Bewegungen oder Strukturen hervorzurufen.

Die zentrale Zone mit den Neutralen kann zur Beschleunigung des Kombinationsspiels genutzt werden (Rhythmuswechsel). Ein Beispiel hierfür wäre der zuvor erwähnte weitest mögliche flache Pass zu einem der Neutralen, der den Ball dann gegen das Verschieben des Gegners ins Zentrum, zu einem dritten Spieler, prallen lässt.

Derlei Aktionen versprechen einen großen Raumgewinn. Kleinere Kombinationen zu nutzen, um einen längeren Vorwärtspass vorzubereiten, sind ein wichtiger Nebeneffekt dieser Spielform.

Ich nutzte diese Spielform grundsätzlich als Hauptteil innerhalb einer Einheit zum Thema Kombinationsspiel. Normalerweise ließ ich sie 4 Mal 4 oder Minuten spielen mit einer Pause von 90 Sekunden oder 2 Minuten zwischen den einzelnen Runden.

Aufgrund der Komplexität dieser Form würde ich sie im Anschluss an andere Übungen mit Kombinationsfokus durchführen. Das gilt sowohl für eine einzelne Einheit als auch für die längerfristige Planung. Hierfür bieten sich beispielsweise Spiele im Schlauch sowie das Diagonalitätsspiel an – über beide habe ich im vergangenen Jahr an dieser Stelle bereits ausführlich geschrieben.

Coaching

Die Mischung aus allgemeiner Diagonalität der Struktur und der Passrichtung mit dem Spiel über den Dritten sorgt an sich schon einmal für eine gute Basis im Ballbesitzspiel. Ich versuche dies den Spielern zu vermitteln, indem ich eben eines der zugrundeliegenden Prinzipien (wie das Spiel über den Dritten) hervorhebe.

Nach ein wenig Zeit, in der die Spieler sich mit der Form vertraut machen, würde ich die Pausen zum Coaching nutzen oder situativ auch mal eine Szene einfrieren. Gerade bei letzterem sollten sowohl gute als auch schlechte Momente dargestellt werden, ohne die jeweilige Kombination zu zerstören.

Nachdem die Spieler so ein grundlegendes Verständnis des Prinzips haben, können wir ihnen nun dabei helfen, dieses noch zu erweitern, indem wir basierend auf dem Prinzip selbst mögliche Kombinationen aufzeigen. Das kann man vielleicht mit einem Mathelehrer vergleichen, der zunächst bestimmte Regeln erklärt, die dann anschließend in ein paar Beispielen dargestellt wird, um die Umsetzung in der Praxis zu zeigen.

Es ist weiterhin wichtig die Spieler stets dazu zu ermuntern, nach konstruktiven Lösungen zu suchen, wenn sie das Spiel von hinten heraus aufbauen – unabhängig davon unter welch hohem Druck dies geschieht. Das Training soll schließlich in gewisser Hinsicht schwerer als das Spiel selbst sein. Natürlich sollte man hierfür auch bestimmte besprochene Kombinationen einfordern, aber dabei eben den Spielern noch genug Raum lassen, damit sie sich selbst ausprobieren können.

Insbesondere Dribblings auf engem Raum sind ein Aspekt, den sie für sich selbst entdecken und anwenden müssen. Ich fördere grundsätzlich die Risikobereitschaft in der Entscheidungsfindung und vor allem unkonventionelle Lösungen, selbst und gerade, wenn nicht alles funktioniert. Darin zeigt sich letztlich doch das Bemühen der Spieler, selbst nach Lösungen zu suchen und die Prinzipien so zu durchdringen, dass sie ins eigene Repertoire aufgenommen werden.

Die Grundform wird, wie beschrieben, im 8 gegen 8 plus 2 gespielt. Hierbei lässt sich aber natürlich auch die Schwierigkeit steuern, indem die Spieleranzahl oder die Größe des Raums angepasst wird.

Ich lasse in der Regel erst mal meine Außenverteidiger als Neutrale auf außen agieren, aber auch andere Spieler sollten diese Position immer mal wieder im Wechsel einnehmen. So werden die Außenverteidiger auch in anderen Situationen geschult, während ihre Mannschaftskameraden als Neutrale an ihrer Orientierung in Richtung des dritten Spielers arbeiten können.

Fazit

Insgesamt denke ich, dass dieses Spiel eine hohe Bedeutung in Bezug auf die Arbeit am Spiel über den Dritten und das Hervorheben desselben hat, das uns als alltägliches Prinzip so wichtig ist. Eine hohe Erfolgsstabilität lässt sich durch die Mischung dieses Aspekts mit Diagonalität und guter Raumaufteilung in Dreiecken mit so vielen Linien wie möglich erzielen.

Meine Spieler hatten große Freude bei der Durchführung dieser Spielform in unseren Einheiten. Sie spielten einige überragende Kombinationen, etwa auch eine ähnlich zur zweiten Grafik. Ganz persönlich betrachtet überträgt sich diese Freude auch auf mich als Trainer.

Es gibt kaum etwas Schöneres als den eigenen Spielern dabei zuzusehen, wie sie mit Spaß in einer solchen Spielform wunderbare Kombinationen anbringen. Das ist ein absolutes Highlight in dem Beruf des Trainers: Die kollektive Schönheit des Fußballs.