Türchen 12: Diagonalitätsspiel in 3 Zonen

Von Moritz Kossmann

Hinter dem heutigen Türchen des Adventskalenders verbirgt sich eine Spielform, die ich seit kurzem recht häufig in meine Trainingseinheiten einbaue.

Das Spiel dreht sich gänzlich um diagonales Spiel, insbesondere in Verbindung mit Spiel über den Dritten. Doch bevor wir uns mit der konkreten Form befassen, ist es zunächst wichtig zu ergründen, warum diagonales Passspielen und diagonale Aktionen als solche im Kontext des Positionsspiels so wichtig und erstrebenswert sind.

Betrachtet man einen üblichen Vertikalpass, ohne den Gegner einzubeziehen, so besteht der Vorteil des maximalen Raumgewinns (näher zum gegnerischen Tor kommen). Doch gleichzeitig hat der Passempfänger zumeist ein geschlossenes Blickfeld (Blickrichtung zum eigenen Tor). Er muss sich erst drehen, bevor er das gegnerische Tor attackieren kann.

Im modernen Fußball werden diese Vertikalpässe in der Regel heftig von vorwärtsverteidigenden Gegenspielern als Pressingtrigger genutzt – insbesondere da die Möglichkeit besteht, den Passempfänger aus dessen „blind side“ zu überraschen. Horizontalpässe wirken sich wiederum ziemlich gegenteilig aus: Der Ballempfänger verfügt über ein offenes Blickfeld (Blickrichtung zum gegnerischen Tor), doch es wird mit einem solchen Pass kein Raumgewinn erzielt.

Vertikal- und Horizontalpässe nehmen damit beide durch ihre Eigenschaften in Verbindung miteinander einen hohen Stellenwert ein und sollten keinesfalls vernachlässigt werden. Doch Diagonalpässe (insbesondere solche, die eher vorwärtsgerichtet sind) verbinden die Charakteristiken bereits in einer Aktion miteinander.

Man empfängt den Ball näher zum gegnerischen Tor und verfügt dennoch über ein offenes Blickfeld. Deshalb sollten derartige Pässe im Training aktiv explizit (Coaching) und implizit (Feldmaße und Spielregeln) eingefordert werden und den Spielern die Vorteile einer diagonalen Spielweise vermittelt werden

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass Zugriffsprobleme beim Gegner erzeugt werden: Da sowohl horizontal als auch vertikal damit Linien überspielt werden (können), bleibt häufig unklar, wer auf den Ball herausrücken soll.

Um die oben genannten Vorteile hervorzuheben, ordnen wir das Feld, wie in obenstehender Grafik dargestellt, in Rautenform an. Dies hat zur Folge, dass das Feld umso enger wird, je näher man beidseitig zum Tor kommt. Dementsprechend sieht diese Spielform keine breite Anordnung im letzten Drittel vor und fördert stattdessen diagonale Angriffe in Richtung des gegnerischen Tores.

Dies stellt eine übliche Form innerhalb der Red Bull-Philosophie dar, ist aber auch bei anderen Trainer und Vereinen keineswegs unüblich. Um die Trainingsform an unseren Spielstil anzupassen, teilen wir das Feld zusätzlich in 3 vertikale Zonen auf. Dies hat eine Reihe von Gründen, die sich auf das Offensivspiel beziehen:

Erstens möchten wir den Spielern die Möglichkeit aufzeigen, bei Aufbau unter Druck in die Breite zu spielen, um sich diesem zu entziehen. Anstatt das Spiel jedoch mit Pässen die Linie entlang sowie anschließenden Flanken fortzusetzen, möchten wir so schnell wie möglich den Weg zurück ins Zentrum finden. Die Flügelzonen dienen somit zum Ausweichen bei geschlossener Spielfeldmitte.

Zweitens möchten wir die breit stehenden Spieler darauf konditionieren, sich aktiv und diagonal in Richtung des Zentrums/Halbraums zu orientieren, bevor sie den Ball erhalten. Dadurch sollte zugleich ein klarer Orientierungspunkt für die im ersten Punkt genannten Aktionen geschaffen werden. Damit schafft man nicht nur einen Weg, über grundsätzlich weniger enge Räume einfacher und recht erfolgsstabil in die wirklich gefährlichen Zonen zu gelangen, sondern stellt die Defensive zugleich vor schwierigere Aufgaben.

Der erste Pass auf den Flügel hinaus erfolgt aufgrund der Feldform zwingend diagonal, wodurch die Verteidiger zum Verschieben in Ballnähe gebracht werden, um den direkten Tor zu schließen und eine lokale Überzahl zu erzeugen. Wenn man dies mit einem schnellen Diagonal- oder Horizontalpass in Richtung Mitte beantwortet, so agiert man mithilfe zweier schneller Richtungswechsel gegen die Verschieberichtung des Gegners. Dadurch kann man leichter freie Spieler mit offenem Blickfeld erreichen. Dies können vom Zentrum aus vorwärtsgerichtete Kombinationen anschieben.

Wie kriegen wir diese Kombinationen hin?

Wie weiter oben erwähnt, provozieren die Feldmaße bereits diagonales Spiel. Doch wir fügen zusätzlich ein paar Regeln hinzu, um genau jene Kombinationen zu bekommen, die wir auch benötigen. Erstens zählen, wie bei den von mir bereits präsentierten Spielen im Schlauch, normale Tore für 3 Punkte. Dadurch wird die Tororientierung bei gleichzeitigem Fokus auf das Kombinationsspiel gewahrt.

Zweitens: Wird der Ball nach außen gebracht und der dortige Spieler bringt den Ball mit einem Kontakt im Spiel über den Dritten wieder nach innen, so erhält seine Mannschaft einen Punkt.

Dadurch wird zugleich der Zentrumsfokus beibehalten, auch wenn man die Flügelzonen mit ins Spiel einbezieht. Da der Rückpass ins Zentrum erfolgen muss, ist es für das ballbesitzende Team zudem wenig sinnvoll, den Flügel mit zu vielen Spielern zu besetzen (was ohnehin durch die Feldform eher unsinnig ist).

Ein weiterer Weg, um die Punkteregelung zu variieren wäre es, für Tore weiterhin 3 Punkte zu vergeben, für diese spezielle Form des Spiels über den Dritten 2 Punkte gutzuschreiben und das normale Spiel über den Dritten mit einem Kontakt zu belohnen.

Weitestmöglicher Vertikalpass

Ein weiteres Spielprinzip, welches vor allem in den formativen Jugendjahren aktiv gecoacht werden sollte, ist es, stets nach dem weitestmöglichen flachen Vertikalpass zu schauen. Dadurch wird ein weiterer Referenzpunkt für die (Vor-)Orientierung der Spieler geschaffen, was wiederum dazu beiträgt, das Spieltempo zu erhöhen sowie die Abstimmung aufeinander innerhalb des Teams zu verbessern. Kombinationsspiel und Ballvortrag gestalten sich so zunehmend erfolgsstabil.

Dieses Prinzip kann innerhalb der Spielform durch folgende Punkteregelung forciert werden: Torerzielung = 3 Punkte, Kombination außen-innen mittels Spiel über den Dritten = 1 Punkt, Pass nach außen und anschließendes flaches Spiel in die ballferne Mitte (zusätzliche Teilung derselben) = 2 Punkte.

Diese Regeln führen dazu, dass gewisse vom Trainer eingeforderte Verhaltensweisen zwar belohnt, aber keineswegs forciert oder aufgezwungen werden. Den Spielern bleibt stets ein gewisser Grad der Entscheidungsfreiheit erhalten und ihre Kreativität wird nicht maßgeblich eingeschränkt. Gleichzeitig läuft man nicht Gefahr, dass das Spiel vorhersehbar wird. Nutzen die Spieler die gewünschten Kombinationen nicht, setzt sich das Spiel dennoch fort; sie haben schlichtweg keine Punkte erzielt.

Für mich ist es außerdem sehr wichtig, dass die Spieler sich jederzeit in jede Zone des Spielfelds bewegen dürfen – so wie es im echten Spiel tatsächlich auch der Fall ist. Trotz bestimmter Zielvorgaben des Trainers, die durch gewünschte Passmuster sowie die Feldform erreicht werden sollen, bleibt der Spielfluss aus dem Wettkampf erhalten. Die Spielform befindet sich nah genug am echten Spiel, um einen Transfer in tatsächliche Verhaltensweisen zu gewährleisten.

Variation für Fokus auf Defensivverhalten

Mithilfe der 3 vertikalen Zonen ist es ebenfalls sehr einfach einen Fokus auf das Defensivverhalten umzusetzen. Dies kann entweder durch Auslassen einiger Regeln für die Angreifer oder aber über spezielle Regeln für die Verteidigung erreicht werden. Für vertikale Kompaktheit, insbesondere bei Ballbesitz des Gegners am Flügel, kann das verteidigende Team entweder über Regeln dazu gezwungen oder über entsprechende Orientierung dazu ermutigt werden, innerhalb der zwei ballnächsten Zonen zu agieren. Dadurch wird die ballferne Seite vernachlässigt und man fokussiert sich auf Ballgewinne am Flügel. Durch die Feldform geschieht letzteres zusätzlich häufig mittels diagonaler Sprints in Richtung des Balles.

Es gibt zweifellos noch viele weitere Variationen, welche abhängig vom Stand des Teams innerhalb der Entwicklung und/oder von der gewünschten Spielweise des Trainers sind.

Subjektive Erfahrung mit der Spielform

Meine Mannschaft nahm diese Spielform mit größter Selbstverständlichkeit an. Im 7 gegen 7 oder 8 gegen 8 entstanden schnell ansehnliche und gleichzeitig kreative Kombinationen wie jene, die in obenstehender Grafik abgebildet ist. Wir bauen die Übung häufig in Form eines Turniers mit 3 Mannschaften ins Training ein: Jedes Team spielt zwei Mal gegen die beiden anderen. Dadurch werden insgesamt 6 Mal 3 Minuten gespielt, jedes Team ist dabei 4 Mal 3 Minuten aktiv.

Im Kontext einer einzelnen Trainingseinheit kann die Spielform entweder als Haupt- oder Schlussteil eingesetzt werden, was wiederum vom Thema der Einheit sowie dem Zeitpunkt innerhalb der Trainingswoche (Periodisierung) abhängt. Ich selbst verwendete sie mit starken U15- und U16-Spielern. Mit jüngeren und/oder schwächeren Spielern könnte es angebracht sein, mit weniger Regeln zu beginnen und diese dann schrittweise einzuführen.

Das Zählen der erzielten Punkte kann relativ anspruchsvoll für den Trainer sein. Ein Co-Trainer stellt dabei eine großartige Hilfe dar. Nichtsdestotrotz bin ich mir sicher, dass man sich auch alleine an diesen Umstand gewöhnt und durch den Fokus auf spezielle Kombinationen sowie Feldpositionen selbst besser auf diese Aspekte zu fokussieren lernt.

Meine expliziten Coachingpunkte beinhalteten: verschiedene Ebenen in Ballbesitz, Orientierung in Richtung Zentrum, Bereit sein für und Ausführen von (diagonalem) Spiel über den Dritten, Ablagen und Tiefenläufe, Anspielen der weitest entfernten flachen Option, offene Körperstellung.

Viel Glück mit dieser Spielform und viel Spaß mit dem Entwicklungsprozess der Spieler!

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