Türchen 2: Spiele im Schlauch

Von Moritz Kossmann (Trainer bei Ubuntu Cape Town in Südafrika)

In der heutigen Ausgabe des Adventskalenders geht es um eine Trainingsform, die einen Grundstein für die tägliche Arbeit mit meinem Team darstellt.

Grundidee

Die Grundidee ist dabei sehr einfach. Zwei Mannschaften mit 9 Spielern (Anzahl kann natürlich variieren, dann muss vor allem die Länge des Feldes entsprechend verändert werden) spielen ein normales Spiel gegeneinander. Das Feld ist dabei extrem schmal, normalerweise die Breite des Fünfmeterraums oder weniger, aber deutlich länger, erstreckt sich beispielsweise über die gesamte Hälfte. Wir kreieren damit ein Spiel unter extremem Raum- und Zeitdruck. Allein das hat schon einige Effekte:

Zunächst ist das Spieltempo sehr hoch, worauf sich die Spieler entsprechend anpassen und ihre Aktionen schneller ausführen müssen – weniger Zeit und mehr Aktionen (pro Minute). Zweitens müssen die Spieler sich viel mehr orientieren, das Feld in einer höheren Rate „scannen“, da sie bei der Ballannahme stets unter Druck gesetzt werden.

Durch die geringeren Abstände zueinander werden kleine Positionswechsel im direkten Umkreis für den jeweiligen Passempfänger wichtiger, da sie unmittelbare Auswirkungen auf seine Folgeaktionen haben. Dementsprechend gibt es natürlicherweise eine Menge schnelles und direktes Spiel mit nur kurzen Ballberührungen. Die Spieler passen sich der Umgebung an.

Der Hauptkritikpunkt an diesem Spiel ist das entstehende Chaos, welches für vielerlei unsaubere Aktionen sorgt. Dies ist nicht von der Hand zu weisen. Ich sehe das Chaos allerdings weniger als Problem denn als Möglichkeit, Lösungen zu finden. Durch die ständigen Veränderungen im direkten Umfeld werden die Spieler (kognitiv) deutlich mehr gefordert als im üblichen 11 gegen 11. Dabei ist es die Hauptaufgabe im Coaching, weiterhin saubere flache Kombinationen einzufordern, auch wenn diese nah am eigenen Tor stattfinden und zunächst nur schwer umzusetzen sind.

Spiel über den Dritten als Schlüssel

Als wir das Spiel zum ersten Mal durchführten, wurde uns bewusst, dass der erste flache Vorwärtspass der wichtigste Moment einer Ballbesitzphase ist. Die Spieler bauen im eigenen Drittel auf und spielen den Ball dort so lange hin und her bis ein flacher Vorwärtspass in die Mitte erfolgt. Der Ballempfänger gerät dort in der Regel sofort unter Druck und wird im Rücken gepresst (die Verteidiger stellen ihn in dem Moment zu, wenn der Ball unterwegs ist und er ihn noch eher frontal anschaut).

Ein Aufdrehen ist dementsprechend nur in den seltensten Fällen möglich und erst recht nicht nach einem vertikalen Zuspiel. In diesen Momenten hielten wir den Passempfänger dazu an mit einem Kontakt auf einen dritten Spieler prallen zu lassen, der entweder diagonal versetzt oder sogar an der Seitenlinie positioniert ist.

Den ursprünglichen Ballempfänger unter Druck zu setzen, verlangt neben einer physischen Komponente auch die Aufmerksamkeit der Verteidiger, welche ihr Blickfeld entsprechend auf ihn richten. Der dritte Spieler wird den Ball demgegenüber eher in einer Situation mit wenig Druck empfangen können, während er seinen Blick bereits nach vorne richtet (wie bei horizontalen oder rückwärts diagonal gespielten Pässen üblich).

Dieser Aspekt wird auch noch einmal von der obenstehenden Grafik veranschaulicht. Der Innenverteidiger spielt den Ball vertical zum Mittelfeldspieler, der den Ball unter Druck von zwei Seiten erhält. Allerdings hat er sich vororientiert und weiß, wo der dritte Spieler steht. Zu diesem kann er eine diagonale Ablage mit einem Kontakt spielen. Der Mitspieler (grün unterlegt) findet sich im Zentrum mit ausreichend Raum wieder und hat gleichzeitig das Feld vor ihm im Blick.

 “We don’t move the ball to move the ball, we move the ball to move the opposition” – Pep Guardiola

Aus dieser Position kann dieselbe Art der Kombination genutzt werden, wobei es unzählige weitere Möglichkeit gibt, um voranzukommen. Das Spiel steht dem angreifenden Team von diesem Punkt an praktisch offen, da die erste Vorwärtsbewegung sauber vonstattenging und über den Dritten stabilisiert wurde.

 “There is no way to beat the third man” – Xavi Hernandez

Wohin soll ich mich umblicken?

Oftmals beobachte ich, wie Trainer ihre Spieler dazu anhalten, sich möglichst viel umzublicken. Obwohl es wissenschaftliche Studien zur Wichtigkeit des Umblickverhaltens gibt und Mittelfeld-Genies wie Xavi oder Busquets das Feld über 800 Mal pro Spiel „scannen“, wissen viele junge Spieler nicht wirklich, worauf sie in diesen Momenten tatsächlich achten sollen.

In dieser Spielform wenden wir üblicherweise die Regel an, dass es für ein erfolgreiches Spiel über den Dritten (mit einem Kontakt) einen Extrapunkt gibt, während ein normales Tor für 2 oder 3 Punkte zählt. Dadurch werden die Spieler geschult, ständig nach dem dritten Spieler (nächster anspielbarer Spieler) Ausschau zu halten, während auch die Gegenspieler in der näheren Umgebung im Blick behalten werden. Das Kombinationstempo wird weiter erhöht und die Orientierungsfrequenz steigt auf taktisch sinnvolle Art und Weise. Kleine Lücken in der gegnerischen Verteidigung können unmittelbar genutzt werden.

Innerhalb dieses einfachen Rahmens arbeiten wir so eindeutig am Positions- sowie Kombinationsspiel und kreieren dabei einen Spielstil, für den Kombinationen ebenso elementar wie Ballbesitz sind. Ein sinnvolles Vertikalspiel trägt dazu bei insgesamt eine dynamische Interpretation des Positionsspiels zu etablieren.

Variationen

Die erste Variation des Spiels ist ein Spiel in 3 Zonen. Die Spieler dürfen sich frei in allen drei Zonen bewegen. Allerdings muss bei einem Pass vom eigenen ins Mitteldrittel der erste Ballempfänger mit einem Kontakt spielen, um das Spiel über den Dritten noch weiter zu akzentuieren. Die Linien zwischen dem Mitteldrittel und den anderen beiden Dritteln gelten hier zudem als Abseitslinien.

Eine andere Variante ist es, das Feld mittels einer vertikalen Linie in zwei Zonen zu teilen. Diese Linie kann als maßgeblicher Orientierungspunkt verwendet werden. Wenn der Ball vertikal nach vorne gespielt wird, ist die Folgeaktion zumeist eine Ablage. Wird der Vorwärtspass allerdings diagonal gespielt und schneidet die Linie, so hat der Passempfänger häufiger ein offenes Blickfeld und kann mehrere Kontakte benutzen. Dieses diagonale Spiel kann neben dem Spiel über den Dritten je nach Fokus der Trainingseinheit zusätzlich belohnt werden.

Nachfolgend ein Beispiel für die gegnerspezifische Vorbereitung anhand dieser Spielform:

Im diesjährigen Pokalfinale spielten wir gegen den ungeschlagenen Hellenic FC. Nach der Gegneranalyse entschieden wir uns dazu, für dieses Spiel auf eine 4-1-2-1-2-Formation mit Raute im Mittelfeld zu wechseln. Innerhalb dieser Formation war für uns vor allem die Rolle der Außenverteidiger von besonderer Bedeutung. Diese Spieler gaben nicht nur als einzige Breite, sondern hatten auch eine hervorgehobene Rolle im Aufbauspiel.

Wir wollten den Ball zu ihnen spielen, wenn eine Kombination in der Zentrumsraute nicht möglich war. Von dort sollten die Außenverteidiger diagonal Pässe zu unserer Nummer 10 oder zum ballnahen Stürmer anbringen, welcher sich in der Regel für Ablagen etwas in den Halbraum absetzte. Praktisch also eine alternative Route, um über den Umweg nach außen doch noch ins Zentrum zu gelangen, so wie unten dargestellt:

Dafür kreierten wir die hier dargestellte Variation der Spielform. Die beiden Außenverteidiger wurden als zusätzliche Neutrale in den schmalen Außenzonen neben dem Schlauch positioniert. In ihrer Zone konnten sie sich frei bewegen und Pässe mit einem Kontakt spielen. Zu Beginn sollten diese Pässe vorwärts gerichtet sein, doch später sollten sie lediglich am Boden zum dritten Spieler gelangen.

Dadurch wurde ihre Orientierung stark herausgefordert, doch bereits nach wenigen Minuten gab es Fortschritte zu sehen. Wir gewannen das Endspiel schließlich mit 2:1. Unser rechter Außenverteidiger steuerte dabei die Vorlage zum Siegtor bei.

Abschließende Gedanken und Coachingpunkte

Üblicherweise lasse ich dieses Spiel zum Ende einer Einheit durchführen, habe es aber auch schon als Hauptteil genutzt. Dabei lasse ich in der Regel 4 Mal 3 Minuten spielen mit 90 Sekunden Pause zwischen den einzelnen Durchgängen. In der Form eines Wettbewerbs soll ermittelt werden, welches Team mehr Durchgänge für sich entscheiden kann. Das viele Zählen von Kombinationen über den Dritten wird bei dem hohen Spieltempo auch als Trainer anspruchsvoll, aber man gewöhnt sich daran und hat idealerweise noch einen Co-Trainer dabei, der das übernehmen kann.

Meine Coachingpunkte drehen sich zusammengefasst um das Spiel über den Dritten, Orientierung, Zentrumsbesetzung, Abstände zueinander sowie das Erzeugen verschiedener Ebenen in Ballbesitz. Außerdem soll die wenige zur Verfügung stehende Breite optimal durch kleinere Verlagerungen genutzt werden, sozusagen als Vorwegnahme auf das Training von Halbraumverlagerungen.

Abschließend ist nochmals auf die besondere Wichtigkeit von positivem Coaching und entsprechender Motivation hinzuweisen. Auch wenn Spieler unter Druck den Ball wegschlagen wollen, soll weiterhin flaches Kombinationsspiel durch enge Räume eingefordert werden. Hier müssen die Spieler dazu gebracht werden, es immer weiter zu versuchen, auch wenn nicht jede Aktion erfolgreich ist. Meiner Erfahrung nach zeigt sich: Je besser die Spieler mit dem Druck in dieser Spielform zurechtkommen, desto besser zeigen sich die darin behandelten Prinzipien auch am Spieltag auf dem Platz.

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