Tür 16: Individualisiertes Fußballtraining

In diesem Artikel gab es ein paar interessante Überlegung zur Individualisierung des Trainings. Die Übungen und die Ideen, die in diesem Artikel diskutiert werden, orientieren sich daran.

Im Rahmen einer hochgradig individualisierten Herangehensweise könnte man verschiedenen Spielern mit verschiedenen Problemen verschiedene Regeln innerhalb ein und derselben Übung auferlegen.

Rene Maric

Was ist die Idee dahinter? Verschiedene Spieler haben unterschiedliche Schwächen, bewegen sich im Training aber häufig in einem Rahmen, der ihre individuelle Schwächen nicht wirklich beachtet. Individuelles Training (damit ist nicht Einzeltraining gemeint) stellt die spezifischen Schwächen der Spieler in den Vordergrund, so soll ein effektiver Lernprozess entstehen. Das Training wird individueller, indem die Spieler eigene Aufgaben und Regeln innerhalb einer Übung erhalten.

In dem folgenden Artikel möchte ich meine Versuche, ein individuelleres Training zu erstellen, vorstellen und reflektieren. 

Welche Unterscheidungen kann ich bei individuellen Aufgaben/Regeln machen?

Wir haben zwischen zwei Arten von Aufgaben unterschieden. Man kann den Spielern positionsspezifische Aufgaben/Regeln zuweisen. Die orientieren sich daran, was von ihre Position verlangt wird (Welche Passrichtung sollen sie haben? Wie sollen sie sich positionieren? Wie sollen sie sich bewegen?). Dies könnte man als erste Stufe eines individuellen Trainings bezeichnen, da man bereits feiner unterteilt. Diese Regeln wollen wir positionsspezifische Aufgaben nennen. 

Im nächsten Schritt unterschieden wir dann zwischen jedem Spieler. Jeder Spieler bekommt eine individuelle Regel, die ihn auf eine bestimmte Art verbessert. 

Wie kommt man zu diesen Regeln? Wir sind über die Fehler der Spieler zu den Regeln gekommen.

A = Welcher Fehler macht der Spieler? -> B = Wie kann der Spieler diesen Fehler nicht mehr machen? Um eine Regel aufzustellen, muss man B beantworten. B kann man auf zwei verschiedene Arten beantworten. 

B1 = Was soll der Spieler stattdessen machen? -> B1.1 = Welche Regel bringt den Spieler dazu?

B2 = Wie kann ich den Spieler zu neuen Handlungsmustern zwingen? (Unabhängig von richtig/zielführend. Ziel = möglichst viele verschiedene Handlungsmustern, die eine Alternative zu dem fehlerhaften Handlungsmustern bilden können. Der Spieler trifft dann die Entscheidung, welches Handlungsmuster er einsetzt.)

Damit es etwas greifbarer wird, möchte ich ein konkretes Beispiel geben. 

A: Welchen Fehler macht der Spieler? Spieler X hat keinen stabilen Rhythmus in seinem Spiel, deswegen gerät er schnell aus der Balance, macht Stockfehler und seine Ballannahmen -> Pässe werden unsauber. 

B: Wie kann der Spieler diesen Fehler nicht mehr machen? Ich habe keine direkte Antwort auf diese Frage. Ich kann sagen, dass der Spieler einen einheitlichen Rhythmus oder verschiedene Rhythmen entwickeln muss (wie genau schafft er das?), damit seine Aktionen stabiler werden, aber ich möchte dem Spieler keinen Rhythmus vorschreiben, der ihm nicht entspricht.

B2: Wie kann man den Spieler zu neuen Handlungsmustern zwingen? Indem man seine Kontaktzahl beschränkt, kann man dem Spieler verschiedene Rhythmen vorgeben. Damit haben wir nur einen kleinen Bruchteil vom Rhythmus verändert, aber in dem der Spieler in kurzen Zeitabschnitten verschiedene Ballkontakte hat, kann er die Auswirkung der Ballkontaktzahl auf seinen Rhythmus besser nachvollziehen und auch für sich herausfiltern, welcher Rhythmus für ihn funktioniert und sein Spiel stabilisiert. 

Wie individualisiere ich ein Training?

Erstmal muss man einen Rahmen festlegen. In welchem Spielfeld will man verschiedenen Spielern unterschiedliche Regeln auferlegen? Wie muss diese Feld aussehen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen individuellen Aufgaben und den natürlichen Regeln eines Spielfelds?

Größe kann je nach Spieleranzahl variiert werden.

Wir haben diesen Aufbau genutzt, da wir uns vor allem auf räumliche Probleme fokussieren wollten und somit verschiedene Zonen haben mussten, anhand von denen die Spieler ihr Spiel strukturieren und an die wir individuelle Aufgaben binden können. 

Positionsspezifische Regeln

Die positionsspezifischen Regeln haben wir aus unseren Spielprinzipien übernommen. In Übung 1 von oben haben wir uns auf Bewegungen mit und ohne Ball (Dribbling- und Passrichtung) fokussiert. 

Innenverteidiger: Wenn der blaue Raum im Zentrum frei ist, sollen sie sich vom weißen in den blauen Raum bewegen. Wieso? 1. Sie müssen dann darauf achten, wie die Struktur im Zentrum ist. Ihre Positionierung ist abhängig von der Staffelung in der blauen Zone (Es entsteht eine Verknüpfung). 2. Sie treffen eine selbstständige Entscheidung. Es werden Denkanstöße geben. Wie sieht ein freier blauer Raum aus? Wie verändert meine Höhe meine Rolle auf dem Feld? 3. Der Spieler kommt in unterschiedliche Situationen/Strukturen und lernt so.

Außenverteidiger: Sie dürfen den Ball nicht in den pinken Dreiecken erhalten, wenn sie diagonal nach innen spielen oder dribbeln können, müssen sie es machen und sie dürfen nicht in die offensiven pinken Dreiecke spielen. Wieso? 1. Sie sollen so hoch wie möglich stehen und trotzdem noch Pässe von den Innenverteidigern oder Sechsen erhalten können. Viele Außenverteidiger machen den Fehler, dass sie zu tief stehen. 2. Sie sollen auf diagonale Pass- und Dribbelwege achten und bewerten, ob sie den Pass spielen oder das Dribbling machen können. 3. Sie sollen keine long-line Pässe spielen.  Außerdem sind sie in ihrer Entscheidungsfindung deutlich begrenzter als die Innenverteidiger, da sie zwei Zonen nicht bespielen können. Die Idee ist, dass sie dann stärker darauf angewiesen sind durch eine geschickte Positionierung diagonale Wege ins Zentrum oder auf den anderen Flügel zu öffnen. (Sind diagonale Wege frei und kann ich sie bespielen? 1. Ja; Ja = bespielen. 2. Ja; Nein = Was muss ich verändern, um sie bespielen zu können? 3. Nein; Nein = Wie kann ich Wege ins Zentrum öffnen? (andribbeln, Positionierung))

Zentrale Mittelfeldspieler: Sie dürfen den Ball nur in den orangen und den defensiven pinken Zonen erhalten. Wenn sie aufdrehen können, müssen sie aufdrehen. Wenn sie nicht aufdrehen können, haben sie nur zwei Kontakte. Wieso? 1. Sie sollen sich wie die Innenverteidiger in verschiedenen Räumen erleben. Wie verändert sich ihre Rolle durch ihre Positionierung? Außerdem sollen sie sich in der Positionsfindung begrenzen. Ein bewegte sich z.B häufig zu weiträumig aus dem Deckungsschatten seiner Gegenspieler raus (Ist dann nicht eher eine individuelle Regel?). Durch die Begrenzung wird die Bewegung aus dem Deckungsschatten ebenfalls begrenzt und er muss kleinräumigere Lösungen finden, sich aus dem Deckungsschatten zu bewegen. 2. Sie sollen selber entscheiden, ob sie aufdrehen können oder nicht. Als Trainer kann man dann ihre Entscheidungen beobachten und zusammen mit dem Spieler besprechen (Wieso hast du dich in dieser Situation nicht aufgedreht?) und man kann zusammen mit ihm Kriterien entwickeln anhand von denen er entscheiden kann, ob er aufdrehen soll oder nicht. 3. Wenn sie nicht aufdrehen können, sollen sie schnelle Entscheidungen treffen.

Flügelspieler: Die Flügelspieler haben in den hellblauen Zonen nur drei (oder zwei) Kontakte und im Zentrum eine unbegrenzte Kontaktanzahl. Wieso? 1. Bewegungen ins Zentrum sollen belohnt werden. Es sollen mit wenigen Kontakten Wege vom Flügel ins Zentrum gefunden werden.

Stürmer: Die Stürmer hatten in der dunkel blauen Zone nur einen Kontakt und am Flügel unbegrenzte Kontakte. (Alternativ: Wenn der Spieler mit dem Rücken zum Tor ist, hat er ein Kontakt. Wenn er mit dem Rücken zum Tor ist und sich drehen kann, hat er eine unbegrenzte Anzahl an Kontakten) Wieso? 1. Er soll zwischen offener und geschlossene Stellung unterscheiden. Seine Stellung, wenn er den Ball erhält, beeinflusst seine Entscheidung, wenn er den Ball hat. 2. Er soll mit ausweichenden Bewegungen zum Flügel experimentieren. Wann kann ich mich zum Flügel bewegen, wie unterscheiden sich die Situationen am Flügel von denen im Zentrum und wie verändern diese meine Spielweise?

Individuelle Regeln

Spieler 1: Wenn der Spieler den Ball in der hellblauen Zone erhält, darf er nur in die blaue Zone dribbeln. Wieso? 1. Er entscheidet sich zu oft für vertikale Dribblings. Durch diese Einschränkung soll er seine Dribblingsrichtung reflektieren und zu anderen Handlungsmustern gezwungen werden.

Spieler 2 (Beispiel von oben): Der Spieler musste drei Kontakte nehmen, wenn er den Ball erhielt (Kann man dann auch variieren. 2,5 Minuten 1 Kontakt, 2,5 Minuten 2 Kontakte usw). Wieso? 1. Spieler soll verschiedene Spielrhythmen ausprobieren. Mit was fühle ich mich am wohlsten? Wie verändert die Kotaktbeschränkung mein Spiel?

Spieler 3: Nur dieser Spieler darf sich in offensive Endzone (weiße Zone) bewegen. Wieso? 1. Der Spieler bewegt sich zu selten hinter die Kette. Dem Spieler wird ein feste Aufgabe/Funktion gegeben. Er soll anfangen seine Handlungen im Kontext der Funktion zu bewerten. Wenn ich Aktion X mache, kann ich mich dann anschließend in die weiße Zone bewegen? Welche Aktionen sind mit anschließenden Tiefenläufen kompatibel (z.B Ablage + Tiefenlauf)? Wie positioniere ich mich am besten um Pässe in der weißen Zone zu erhalten?

Was hat nicht funktioniert? 

Insgesamt bin ich noch unzufrieden mit meinem Aufbau eines individuellen Trainings. Am Anfang habe ich zu viele verschiedene Aufgaben und Einschränkungen übereinander gelegt. Das Spielfeld beschränkt den Spieler schonmal in seinen Handlungen und gibt bestimmte Entscheidungen vor (abgeschnittene Ecken, Einteilung), dazu hat er noch positionsspezifische Aufgaben und teilweise individuelle Regeln. Das war in vielen Fällen zu viel. Es ist wichtig, dass man vorher ganz klare Ziele festlegt, diese dem Spieler auch erklärt und sich immer fragt, wie die Übung in das Spiel des Spielers eingreift. 

In Zukunft würde ich klarer zwischen positionsspezifischen und individuellen Aufgaben trennen. Die Spieler sollen entweder positionsspezifische oder individuelle Aufgaben bekommen, außerdem sollte der Aufbau der Übung nicht so stark in das Spiel eingreifen. (Sehr oft hatte ich das Gefühl, dass ich den Spieler zu sehr einschränke und ihm zu viel vorgebe. Ab wann wird es zu spielfern?)

Wenn man dem Spieler Regeln auferlegt, die ihn zu neuen Handlungsmustern zwingt, sollte es außerdem auch eine Phase geben, in der sich der Spieler im Feld bewegen kann ohne dass er auf eine bestimmte Weise gelenkt wird. Dieser Abgleich ist wichtig, damit der Spieler einen Vergleich zwischen Handlungsmuster A und B hat. Meine Erfahrung ist, dass es den Spielern besser gelingt diesen Vergleich zu ziehen, wenn sie sich in dem gleichen Spielfeld bewegen (Übertragung auf ein anderes Feld/ Raum ist schwierig).

Psychologische Aspekte vom individuellen Training 

Die Vorteile vom individuellen Training lassen sich vor allem auf einer psychologischen Ebene gut erkennen. Den Spielern hat die Übung sehr viel Spaß gemacht, sie haben mich öfters gefragt, ob wir diese Übung nochmal machen können. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen: Die Spieler fühlen sich gesehen, sie haben das Gefühl, dass man sich mit ihnen und ihren Schwächen auseinandersetzt. Außerdem sind Individuelle Fehler den Spielern näher, sie werden damit öfters konfrontiert und können es dementsprechend besser greifen und nachvollziehen. Sie haben das Gefühl, dass sie wirklich was lernen und sich verbessern.

Wir haben teilweise auch konkrete Ziele vorgeben. Also z.B: Spieler X muss es schaffen fünf diagonale Pässe in die blaue Zone spielen. Als Trainer ist es sehr schwer, dass immer nachzuvollziehen und mitzuzählen, aber die Spieler haben ein konkretes Ziel und können zwischen nicht erfolgreich/ erfolgreich unterscheiden. Oft kamen sie dann nach der Übung zu einem und haben einem erzählt, wie viele diagonale Pässe sie gespielt haben oder gefragt, ob man diesen bestimmten Pass gesehen hat.

Fazit

Ein individualisiertes Training ist sehr spannend und könnte zu enormen Leistungssteigerungen führen, da man direkt an den Fehlern der Spieler dran ist. Aus aus einer psychologischen Sicht ist es ebenfalls sinnvoll, da eine andere Beziehung zwischen dem Spieler und dem Trainer entsteht. Der Trainer kommuniziert ganz klar Interesse an der Verbesserung des einzelnen Spielers.

Viele Aspekte sind aber noch nicht besonders ausgereift. Um individualisiertes Training besser zu verstehen, habe ich mir am Anfangen sehr wenige Grenzen gesteckt und so viele Dinge, wie möglich ausprobiert. In Zukunft müsste man da klarer Grenzen stecken. 

  1. Funktionieren positionsspezifische und individuelle Regeln gemeinsam in einer Übung? Kann man das überhaupt trennen? 
  2. Wie viele verschiedene Regeln/Einschränkungen kann ich übereinander legen ohne den Spielfluss zu unterbrechen oder zu spielfern zu werden?
  3. Sollte man dem Spieler eher Lösungen präsentieren oder ihn zu möglichst vielen Handlungsmustern anregen? Kann man das trennen?

Über CF

Taktik. Ballbesitz. Veloso. Twitter: CF
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