Konzeptfussball

Fussball mit Konzept

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Türchen 25: Rene Marics Weihnachtsgeschichte – Der Geist des vergangenen Coachings

Von René Marić

Letztes Jahr hatte ich das Privileg, an dieser Stelle einen Artikel am 24. Dezember zu veröffentlichen. In diesem Jahr konnte ich aufgrund meines Jobs nicht frühzeitig versprechen, etwas beizutragen. Jetzt fand ich ein wenig Zeit – aber zunächst kein Thema. Der letztjährige Artikel bestand aus einem Potpourri an verschiedenen Trainingsformen, die wir mit der U18 durchführten (und die immer noch bei den Profis zum Einsatz kommen) für verschiedene Teile einer Trainingseinheit. Der Fokus lag dabei im Besonderen auf Trainingsformen, die ich zuvor noch nirgendwo sonst gesehen hatte.

Worüber soll ich jetzt schreiben?

Für diesen Artikel diskutierte ich mit den Jungs von Konzeptfussball darüber, welches Thema ich abdecken soll: Eher schwer trainierbare Aspekte des Spiels (Unterzahl ihm letzten Drittel ausspielen, Absicherung in Ballbesitz, Tiefenvariationen im zweiten Drittel), innovativere Themen (positionelle Rotationen, neuartige Aufbau- oder Pressingstrategien) oder einfach noch mehr interessante Übungen? Ja, Ich habe sogar darüber nachgedacht etwas über die „lustigsten Übungen“ für das 25. Türchen beizutragen.

Aber stattdessen möchte ich etwas teilen, das ich vor allem in den letzten beiden Jahren realisiert habe. Ich glaube, die meisten Leute wissen nicht, dass ich schon vor meiner analytischen Arbeit für Spielverlagerung und diverse Vereine als Jugendtrainer angefangen habe. Von den sehr kleinen Jugendteams in meiner Heimatstadt wurde ich zum Cheftrainer des Amateur-Teams im Erwachsenenbereich, bevor ich schließlich bei Red Bull Salzburg landete.

In diesem Zeitraum (2010 bis 2017) hatte ich jeweils Mannschaften mit einem ausgeprägten Spielstil – eine sehr dribbling- und gegenpressingorientierte Jugendmannschaft, ein sehr ballbesitzfokussiertes Amateurteam und natürlich sowohl unsere U18 als auch unser Youth League-Team, die in drei von vier Spielphasen eher klassische RB-Teams darstellten, in Ballbesitz jedoch etwas mehr in Richtung des Positionsspiels tendierten.

Doch wenn man sich anschaut, wie wir Chancen kreiert und zugelassen haben, in Verbindung mit einem viel höheren Fokus auf die Arbeit mit individuellen Spielern sowie Gespräche mit einigen sehr kompetenten Kollegen bei Red Bull (besonders Trainer aus dem Stab der Akademiemannschaften) aber auch außerhalb der Organisation (zum Beispiel Marcel Lucassen von Raymond Verheijens World Football Academy oder einige brilliante Spielverlagerungs-Leser wie Pablo Rodriguez oder Moritz Kossmann und Kollegen wie Mario Despotovic von Hajduk Split), dann half mir das dabei, mich gewissermaßen zu entwicklen und von verschiedenen Perspektiven und Stilen zu lernen.

In Zusammenspiel mit meinem Masterstudium der Psychologie, welches ich neulich abgeschlossen habe, und anderen Arbeiten, die ich mit Fußball verband (statistische Analysen, andere Sportarten oder einfach generell Bücher über Entscheidungspsychologie, Spieltheorie, Verhaltensökonomik und Rationalität), stellte ich schließlich fest: Ich bin ein Idiot.

Warum? Weil ich so viel besser hätte sein können. Ich hätte Wissen besser erfassen, besser reflektieren und besser benutzen können. Einige Dinge fand ich recht früh heraus – mit Spielern zu reden und zu ihnen eine Bindung aufzubauen, funktioniert beispielsweise immer anders als der Austausch mit Experten (Aktionssprache vs. Konzeptsprache). Mit anderen Dingen dauerte es demgegenüber vielleicht etwas zu lange.

Eine einfache Wahrheit

  • Fußball ist für jedes Team gleich
  • Fußballer sind in jedem Team verschieden

Das ist ein banales Beispiel dafür, was ich einige Zeit lang falsch eingeschätzt habe. Verschiedene Spielstile werden nicht durch unterschiedlichen Fußball erzeugt, sondern durch Kulturen, Trainer und Spieler. Warum ist das so wichtig, insbesondere für diesen Beitrag sowie das Thema des gesamten Kalenders? Weil es eine sehr große Auswirkung auf Fußballtheorie und Fußballtraining hat.

Die Übungen sind nur Teil eines Trainings. Der Kontext (Atmosphäre, Resultate, Fehler in den letzten Spielen) ist ebenso wie die sorgfältige Wahrnehmung sowie das adäquate Coaching (inklusive verbaler Formulierung und Körpersprache) sehr wichtig. Ein Fehler, den ich speziell im Jugendbereich gemacht habe, war der Mangel an Struktur in meinem Coaching. Ich wollte immer alles coachen und alles auf meinen Weg machen.

Dies ist übrigens einer der Vorteile einer kohärenten Vereinsphilosophie. Man entwickelt nicht nur einen Stil, der sich durch die verschiedenen Altersgruppen zieht. Die Leute reden nur über die oberflächlichen Aspekte einer Philosophie. Doch die Wahrheit ist: Man schafft Details. Details in der Trainingsmethodologie, im Coaching, in taktischen Aspekten, in der Sprache und sogar im Scouting. Ich bin Red Bull beispielsweise sehr dankbar für diese Lektion.

Der Einfluss von Sprache auf die Spieler während des Coachings brachte mich wiederum darauf, welchen Einfluss die Sprache auf mich selbst im Fußballkontext hatte. Dies betrifft nicht nur meine eigene Arbeit, sondern auch all das, was ich gelesen habe und all das, mit dem ich aufgewachsen bin.

Aktionen werden Metaphern, Metaphern werden Aktionen

Mann- und Raumdeckung sind zum Beispiel zwei solche Fälle. Diese Metaphern wurden vermutlich eingeführt, um ein lebhaftes Bild von dem zu geben, was man als Spieler zu tun hat (was übrigens das wichtigste im Coaching ist). Aber im Laufe der Zeit wurden sie so gebräuchlich und intuitiv, dass man sie selbst als Aktionen gebrauchte. Das ist nicht zwingend schlecht. Denn es heißt auch, dass die kreierten Wörter sehr gut sind.

Doch im Endeffekt sollten wir nicht vergessen, dass etwas hinter diesen Metaphern steckt, das wichtig für das Coaching insgesamt und speziell für die individuelle Unterstützung der Spieler in ihrer Entwicklung ist. Das ist nicht nur ein Faktor in Bezug auf detailliertes explizites Coaching.

Wenn man eine Trainingseinheit mit einem sehr impliziten Fokus auf Fähigkeitsentwicklung plant, ist es dann effektiver, über die Details der Aktion nachzudenken, um solch eine Übung zu planen und somit die Wahrscheinlichkeit für effektive Lernmomente zu erhöhen oder plant man eine Übung, in der die Spieler den Raum decken müssen? Letzeres mag in gewissen Umständen hilfreicher sein, aber grundsätzlich möchte man die Spieler entwickeln, um das Team zu entwickeln.

Marcel Lucassen sagte beispielsweise einmal, Fußball sei ein Individualsport. Ich würde ergänzen, dass es ein Individualsport ist, der im Team gespielt wird und dass dies auch außerhalb des Spielfeldes mehr denn je gilt.

Zusätzlich zu diesem Punkt gibt es einige kognitive Verzerrungen wie hindsight bias (Rückschaufehler), information bias, illusion of control, illusion of transparency, curse of knowledge (Fluch des Wissens), functional fixedness (funktionale Fixierung) oder sogar den focussing effect (z.B. Ankereffekt) und das hyberbolic discounting (übertriebenes Abrechnen), welche das eigene Coaching beeinflussen können und meiner Meinung nach bei der Nutzung von Metaphern und Generalisierungen noch stärker wirken als ohnehin.

Ich würde dazu raten, eine gute Terminologie/Wortwahl zu finden, die man etabliert, um Referenzen zu Aktionen zu geben. Dies kommt gleichzeitig der Anwendung im Wettspiel sowie im Training zugute und erhöht die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Variation von Fußball-Aktionen. Zudem wir das Coaching im Spiel sowie im Training beschleunigt. Wenn wir jedoch vergessen, was hinter der Terminologie steckt, kann dies zum Problem werden. Oder würde man schreien: „Deck‘ den Raum! Deck‘ ihn enger!“? Selbst wenn, stellt sich unmittelbar eine Frage.

Ja, Trainer – aber wie?

“Vor 22 Jahren begann ich ein Trainer zu sein. Obwohl ich mit vielen großartigen Trainern zusammengearbeitet und selbst auf, man könnte sagen, hohem Level gespielt habe, war alles neu und ich versuchte mich selbst vorzubereiten, um in jeder Trainingseinheit auf etwas eingestellt zu sein, das ich in unserem Job für sehr, sehr wichtig halte. Wenn man mit einer beliebigen simplen Basketball-Übung startet und die Spieler involviert sind, werden sie immer etwas fragen. Man muss bereit sein, ihnen unmittelbar die richtige Antwort zu geben.

Wenn man nicht die richtige und korrekte Antwort hat, verstehen sie das und man hat ein Problem. Also lautet mein Rat, vor allem an jüngere Trainer: Bereitet euch vor, bevor ihr zum Training geht. Für jede Art von Übung, die man macht, muss man verstehen, warum man sie gewählt hat und was man mit ihr erreichen möchte. Sei vorbereitet auf die Spieler, denn sie werden nach Details fragen. Wenn du keine Antwort lieferst, hast du ein großes Problem.

Als ich damit begann, Trainer zu sein, habe ich deswegen etwa in den ersten zwei Monatne nicht geschlafen. Ich habe mich selbst mit Dingen befasst wie: Diese Übung könnte diese Fragen hervorrufen, diese Übung diese Fragen. Und heute, bin ich nach all den Jahren dazu bereit, jegliche Frage der Spieler zu beantworten und ich mag es, mit ihnen zu diskutieren. Manchmal haben sie gute und schlaue Fragen und manchmal sehr dumme Fragen.“

Ich benutzte dieses Zitat von Basketballtrainer Željko Obradović vor einiger Zeit im Rahmen einer Präsentation, die ich für Inspire hielt. Damals war er achtmaliger Euroleague-Sieger mit 4 verschiedenen Vereinen, mittlerweile ist jeweils einer hinzugekommen. Kein anderer Verein gewann mehr Titel als er (Real Madrid hat mit 9 genauso viele), kein anderer Trainer mehr als 4, kein Spieler mehr als 7 (Dino Meneghin).

Das ist eine ganz schöne Herausforderung, nicht war? Vereinfacht betrachtet: Trainieren wir unsere Spieler nicht, geben ihnen Referenzpunkte für die Entscheidungsfindung und versuchen ihre Ausführung mithilfe detaillierter Vorbereitung zu verbessern, indem wir ihnen mitgeben, was passieren könnte und indem wir sie mit Entscheidungsbäumen auf Fragen vorbereiten, die das Spiel aufwerfen könnte? Die meisten Trainer und Wissenschaftler glauben, dass dies ihre Entscheidungs- sowie Lösungsfindung erweitert und ihnen damit mehr Zeit für motorische oder/und kognitive Aktionen (die meist ineinandergreifen) gibt. Wäre so etwas nicht auch für uns Trainer hilfreich?

Wenn wir unser Training planen, sollten wir uns darauf vorbereiten, die möglichen Fragen, welche von den Spielern, aber auch von der Übung selbst, an uns gestellt werden, schneller, besser und präziser zu beantworten. Letztlich geht es darum, im Rahmen des Trainings für unsere Spieler Antworten auf die folgenden Fragen zu finden:

  • Wie gut werden sie die Situation wahrnehmen können?
  • Wie viele Lösungen werden sie sammeln und liefern können?
  • Wie gut können sie es umsetzen?

Ich habe eine Sache realisiert: Wir sollten uns selbst mithilfe von Reflexion so auf das Training vorbereiten, wie sich die Spieler mithilfe von Training auf das Spiel vorbereiten. Besser noch: Wir können implizite Sachverhalte explizit und dadurch auch nützlich machen, was beides (Fähigkeit und Nutzen) für Spieler nicht immer möglich ist. Nun kommen wir (endlich!) zu dem Punkt, warum ich diesen Artikel überhaupt schreibe.

Verkomplizieren um zu Vereinfachen um zu Verkomplizieren

Das Spiel ist der Lehrer – für Trainer genauso sehr wie für Spieler. Zu beobachten und zu reflektieren, wie (Top-)Spieler und Teams innerhalb des Wettspiels Probleme erzeugen und lösen, ist besser als die meisten, wenn nicht sogar alle, Bücher über Fußball. Aus diesen Lösungen Konzepte zu kreieren, ist dann die Möglichkeit dafür, Dinge zu generalisieren sowie Strategien und Ideen für das Teamverhalten zu finden. Diese werden schließlich zu Metaphern, Konzepten und Spielmodellen.

Einige Prinzipien aus der Trainingswissenschaft sowie dem menschlichen Verhalten dafür zu benutzen, dies zu lehren, wirkt wie eine ziemlich logische Verknüpfung. Aus simplen Aktionen komplexe Konzepte abzuleiten kann enorm dabei helfen, Informationen zu sammeln. Selbiges gilt für die Verwendung von gut begründeten Konzepten sowie praktischer Evidenz.

Dennoch findet man immer Dinge, die nicht in diese Konzepte hineinpassen. Man findet Wettbewerb zwischen Ideen vor, die beide zu funktionieren scheinen, aber nicht miteinander vereinbar sind. Wie kann das sein? Der hauptsächliche Faktor ist natürlich die schiere Varianz des Spiels an sich. Verschiedene Mannschaften stellen verschiedene Fragen, verschiedene Antworten werden mehr oder weniger Erfolg zeigen. Aber wie viel Sinn ergibt das Ganze in Bezug auf die Intentionen der einzelnen Spieler?

Alle Spieler führen dieselben Aktionen aus. Offensiv versuchen sie, den Ballbesitz zu sichern, Passoptionen zu finden, sich selbst als Passoptionen anzubieten oder einen Mitspieler dabei zu unterstützen. Defensiv versuchen sie den Ball zu gewinnen, Pässe abzufangen, Passoptionen zu blockieren oder einen Mitspieler bei all diesen Aktionen abzusichern. Auf der Was-Ebene scheint es nicht mehr zu geben. Manchester Citys Spieler führen dieselben Aktionen aus wie die Spieler von Stoke City.

Nichtsdestotrotz können wir ziemlich gut auf das „Wie“, nicht nur auf das „Was“ schauen. Diejenigen, die mit der Fußballtheorie von Tamboer vertraut sind, werden sicherlich die Raum-Zeit-Komponenten kennen: Der räumliche Start einer Aktion (Position), der zeitliche Start einer Aktion (Moment) sowie das Ende der beiden, welches durch Geschwindigkeit und Richtung einer Aktion herbeigeführt wird.

Das “Warum” ist der wahre Unterschied. Ein technisch sehr versierter Spieler kann es sich durchaus erlauben, den Ball mit weniger Raum und Zeit länger zu halten. Ein schlauer Spieler mit besserer Wahrnehmung kann möglicherweise früher und präziser die Passoptionen seiner Mitspieler finden. Wenn nach Passoptionen gesucht wird, mag ein Trainer vielleicht vermehrt Blicke in die Tiefe einfordern, um einen langen Ball zu schlagen, ein anderer hingegen verlangt von seinen Spielern, dass sie in ihrem unmittelbaren Umkreis suchen, da er ein Spiel mit flachen Kurzpässen präferiert.

Aber wie und weshalb hilft uns das beim Coaching?

Passend geplante Vorbereitung

Wenn wir als Trainer ein Spielmodell und/oder eine Trainingseinheit planen, sollten wir so sehr wie möglich auf das individuelle Level und eine entsprechende Verbesserung schauen. So entsteht ein Plan darüber, welche der vier Aktionen, wir auf welchem Wege entwickeln wollen. Was ist das Problem welcher der vier Aktionen innerhalb unseres Spielmodells für die Spieler mit einer bestimmten Funktion?

Urs Siegenthaler, Chefscout beim DFB, sprach darüber, wie es von Vorteil für die Spieler und das Team sein kann, wenn man weniger Positionen und mehr Funktionen für Situationen nutzt. Solch eine Basis zu erstellen, sie in verständliche Konzepte zu verpacken und Formulierungen für spezifische Variationen der vier Aktionen zu kreieren, erscheint nützlich.

Nachfolgend gebe ich ein Beispiel und binde es in eine lose Idee für Coachinpunkte ein. Ein Wort, das wir bei Spielverlagerung in den letzten Jahren häufig genutzt haben, ist der „Laserpass“. Hierzu nehmen wir einmal an, dass dies eine gute, einfach verständliche und einprägsame Metapher ist, die uns eine sinnvolle Assoziation gibt und eine Bild im Kopf der Spieler kreiert.

Was verbrigt sich hinter dem Wort „Laser“? Wir wollen, dass unsere Aufbauspieler Linien überwinden. Wir wollen, dass sie sehr genaue Pässe in hohem Tempo spielen, sodass diese nicht abgefangen werden können und so lang wie möglich sind. Dafür ist die Formulierung „Laser“ passend, wenngleich ich sie selbst weniger im Spiel, sondern eher in der Videoanalyse verwenden würde.

Zusammengefasst: Aus einer tiefen Position (Linien zu überwinden und Spiel vor uns) mit adäquatem Timing (Nicht zu viele Kontakte davor, damit der Passweg offen bleibt, aber auch nicht zu direkt, was die Genauigkeit einschränken würde), sehr hohes Tempo (Schneller als üblich zu kontrollieren, da es in diesen Zonen eine gute Möglichkeit gibt, Ablagen anzubringen) und in den Fuß des Mitspielers (als direktionale Komponente). In einer konkreten Übung könnten wir den Druck auf die Spieler in der ersten Linie verringern und ihnen vorne klare Zielspieler vorgeben, ihre Kontaktzahl reduzieren und die Ballbesitzmannschaft insgesamt mit einer Überzahl ausstatten, um uns anschließend in Richtung eines ausgeglichenen Zahlenverhältnisses vorzuarbeiten, bei dem sich der Druck auf die erste Aufbaulinie erhöht.

Ein weiterer Weg, dies ins Training einfließen zu lassen, wäre es nach Fehlern oder generellen Entwicklungszielen zu schauen. Wir wollen unseren jungen Spielern beibringen, wie sie den Ball(besitz) besser sichern. Wo könnte das Problem liegen?

Vielleicht befindet sich der Körper nicht zwischen Ball und Gegner (schlechte Position). Wir könnten die Position mithilfe von explizitem Coaching der Körperstellung, der Wahrnehmung (Woher kommt der Druck?) sowie Zonenregeln für die Positionierung aller Spieler (eine regelmäßige Frage erstellen) verbessern.

Zusätzlich lässt sich auch die Anzahl und die Positionierung von Toren verändern, um dahingehend einen impliziten Effekt zu erzeugen, wie man den Körper zum Abschirmen einsetzt. Alternativ lässt sich die Wiederholungszahl implizit erhöhen, indem man Linientore einsetzt oder es nur bestimmten Spielern erlaubt, bestimmte Zonen zu betreten. Oder man hält die Spieler dazu an, verpflichtend über den Dritten zu spielen, um das Problem zu umgehen.

Vielleicht sichert der Spieler den Ball im falschen Moment (Dribbling, wenn es keinen Raum gibt; kein Dribbling, wenn es Raum gibt). Durch konditionierte Kontaktregeln (Wenn ein Dribbling möglich ist, sind mehr Kontakte erlaubt; Wenn es unmöglich ist, maximal zwei Kontakte) können wir möglicherweise für eine bessere Entscheidungsfindung sorgen, da so aufgezeigt wird, wie viele Fehler in jeder Aktion passieren (können).

Vielleicht ist die Geschwindigkeit das Problem, weil zu viel Zeit zwischen den Kontakten besteht und dies zu Ballverlusten führt. Zeitlimits in Ballbesitz oder eine Mindestanzahl an Kontakten vor dem Torabschluss in kleineren Spielformen und/oder explizite Motivation, Design des Feldes (Größe, Form) können allesamt hilfreich sein.

Dribbelt der Spieler in die falsche Richtung? Maximale Kontaktzahl vor dem Torabschluss in kleineren Spielformen oder die Anpassung der Position der Tore auf größerem Feld, Extrapunkte für das Bespielen von Zonen vor dem Torabschluss/vor dem Betreten des tornahen Raums können, neben Videoanalyse und explizitem Coaching, allesamt dazu beitragen, den Spieler weiterzuentwickeln.

Im Rahmen einer hochgradig individualisierten Herangehensweise könnte man verschiedenen Spielern mit verschiedenen Problemen verschiedene Regeln innerhalb ein und derselben Übung auferlegen. Wenn man dann noch Coachingpunkte in Bezug auf die Wahrnehmung (Orientierung im eigenen Rücken und in Richtung des gegnerischen Tores vor der Ballannahme) hinzufügt, könnte man ziemlich schnell Fortschritte beobachten.

Ist die bloße Ausführung das Problem? Erzwingen von mehr Dribblings durch Linientore oder eine Mindestkontaktzahl. Alternativ lässt sich auch die Anzahl der Gegenspieler verringern (von 4 gegen 4 zu 1 gegen 1 plus 1), während man einen ganzheitlichen Ansatz beibehält und darüber reflektiert, welche Teilbereiche den Spieler an einer funktionalen Ausführung hindern.

Es ist dabei wichtig, nicht nur Bewegungsaktionen, sondern auch Denkaktionen einzuschließen – ganz im Sinne der Terminologie von Jan Tamboers Buch.

Lesen und Reagieren? Vor-Agieren und Lesen und Vor-Agieren

“Frage in erster Linie nicht, was du glauben sollst, sondern was du antizipieren sollst“ – Eliezer Yudkowsky

Für Spieler und Trainer ist dieses Zitat wichtig und reiht sich hervorragend neben jenes von Obradović ein. Indem man eine Referenz für das hat, was man tut, Fehler mithilfe der Raum-Zeit-Komponenten, wie ausführlich beschrieben, richtig korrigiert und die individuellen sowie die Funktionen des Mitspielers kennt, wird das Team als Ganzes antizipationsfähiger. Den Spielern beizubringen, was sie in Bezug auf ihre Mitspieler, den Gegner und sich selbst antizipieren können, Situationen zu schaffen, in welchen sie wissen, was sie antizipieren können und die Manipulation dessen, sind demnach überaus wichtig.

In letzter Zeit habe ich versucht die Entscheidungstheorie im Fußball ein wenig zu erforschen. Ich nehme an, die meisten kennen das Gefangenendilemma als Beispiel eines Spiels, das innerhalb der Spieltheorie mathematisch analysiert wird. In dieser Hinsicht ist der Fußball natürlich noch mal sehr viel spezieller und komplexer, da man viele Mit- sowie Gegenspieler hat, die jeweils eingreifen können. Zudem gibt es jederzeit zwei Ziele (Tor erzielen und kein Tor bekommen), die mit einem Ball verbunden sind, den jeder Spieler auf dem Feld haben will.

Entsprechend lautet die einfachste Frage, die man stets beantworten muss, wie folgt:
„Wird meine Aktion funktionieren, wenn Mit- und Gegenspieler sie kennen?“

In einigen Situationen ist es einem als Spieler („Ich“) egal, ob die Gegen- und die Mitspieler wissen, was man tun wird. Ein Extrembeispiel könnte ein Spieler sein, der auf ein leeres Tor zuläuft – oder einfach generell Lionel Messi (just kidding). Allgemein wäre dies der Fall, wenn der eigene Vorteil so groß ist, dass der Gegner nicht eingreifen kann und die Mitspieler entsprechend nicht helfen müssen, um diesen Zustand hervorzurufen. Auf einem generellen Level würde ich dies als „reaktiv“ bezeichnen: Der Spieler sieht einen Vorteil, der bereits existiert, und den weder er noch ein Mitspieler erst kreieren müssen. Der Handlungsvorschlag wäre hier, bloß die Aktion auszuführen.

In einigen Situationen braucht man als Spieler („Ich“) einen Mitspieler, der weiß, was man tun wird, aber es ist einem weiterhin ganz gleich, ob dies auf den Gegenspieler ebenfalls zutrifft. Eine gut ausgespielte 2 gegen 1-Situation könnte ein Beispiel dafür sein. Auf der Teamebene würde ich dies als „aktiven“ Stil bezeichnen. In den beiden vorgestellten Situationen geht es für das „Ich“ jeweils darum, nur die Aktion auszuführen.

Aber was passiert, wenn “Ich“ eine Aktion ausführen möchte, von welcher der Gegner nichts wissen darf, da sie ansonsten nicht funktionieren würde? Die Pässe von Busquets unter Manipulation der Körperstellung sind ein Beispiel dafür. Busquets möchte zu einem Mitspieler passen, muss dafür aber so tun, als wolle er zu einem anderen spielen. Allein das kann schon knifflig werden. Er will wenigstens, dass der Passempfänger (jedenfalls, wenn er in den Raum spielt) weiß, was passieren wird, sodass eine Täuschung als solche schwierig umsetzbar ist. Die Intention ist hier vielmehr, eine Aktion zu verdecken (disguise), wozu keine tatsächliche Interaktion mit dem Gegenspieler nötig ist, sondern „nur“ das Fehlen desselben.

Wenn ich eine Aktion nur ausführen kann, wenn der Gegenspieler etwas anderes macht als das, was er bereits tut – wie gehe ich vor? Ich brauche womöglich noch nicht einmal einen Mitspieler, damit diese Aktion erfolgreich ist, da es das maßgebliche Ziel ist, den Gegner für eine Aktion zu manipulieren. Eine Täuschung (deception) könnte der beste Weg sein, um den Ballvortrag der eigenen Mannschaft in Richtung Tor zu unterstützen. Hier geht es dann nicht um das Fehlen einer gegnerischen Aktion, sondern der Gegner muss die falsche Aktion ausführen.

Eine Körperfinte, wenn man sich selbst als Passoption anbietet, könnte ein Beispiel dafür darstellen: Man kann nicht frei für ein Zuspiel werden, wenn man bloß auf den ballführenden Mitspieler zuläuft, sondern braucht eher eine Täuschung (Lauf in die Tiefe, bevor man sich wieder zurückfallen lässt), damit dies geschieht. Auf der Teamebene würde ich sowohl die Täuschung als auch die Verdeckung von Aktionen „proaktives“ Verhalten nennen.

Das Rondo stellt eine großartige Übung dar – nicht nur, weil man eine Menge sinnvoller Bewegungen und Fähigkeiten lernt, sondern eben auch den Unterschied zwischen Verdecken einer Aktion, Antäuschen einer Aktion und bloßer Ausführung einer Aktion erfährt. So war es auch Barcelonas größte Stärke unter Guardiola, dass man ein enormes gegenseitiges Verständnis für die Aktionen des jeweils anderen aufbringen konnte – insbesondere mit Busquets, Xavi, Iniesta und Messi als Kern des Teams.

In all diesen Situationen muss der Spieler zusätzlich wissen, ob er für sich selbst oder für einen Mitspieler Aktionen verdeckt, antäuscht und ausführt. Führt er eine Täuschung aus, um selbst frei zu werden oder hat er die Passoption zu einem Mitspieler erkannt, die durch seine Täuschung aktiviert werden kann? Und wenn nichts funktioniert – weder Täuschen, Verdecken noch Ausführen – dann ist es wichtig, eine andere Aktion zu finden, die man ausführt, vor allem auf kollektiver Ebene.

Doch Fußball wird nicht nur vom Spieler in Ballbesitz gespielt. Was passiert, wenn der ballführende Spieler nicht weiß, was er tun soll? Als Trainer kann man ihm ein paar Richtlinien an die Hand geben. Einige geben vor, den Ball unter Druck lang wegzuschlagen, andere geben die Option eines blinden Longline-Passes oder diagonalen Chips und die Extremsten sagen ihren Spielern, dass sie so lange den Ball halten sollen, bis eine Lösung entsteht.

Auf der Teamebene nenne ich dies einen „passiven“ Spielstil. Idealerweise wären die Mitspieler in der Lage, solch eine Situation für den Ballführenden frühzeitig zu erkennen und ihm eine Lösung anzubieten – entweder durch verbale oder nonverbale Kommunikation. In diesem Fall sind Unterstützung oder Abbruch die beiden Aktionen.

Dies wenigstens implizit ins Coaching einfließen zu lassen, stellt einen weiteren Schritt dar, um die Probleme der Spieler sowie die gesamte Entwicklung des Teams im Rahmen des Spielmodells vollständig zu verstehen.

Fazit

Mit diesem Essay wollte ich ein paar der Fehler teilen, die ich über die letzten Jahre in meinem Coaching gemacht habe. Gleichzeitig wollte ich einige Lösungen präsentieren, die ich gefunden habe und einen kleinen Einblick in ein Projekt geben, an dem ich gerade arbeite: Ein Grundgerüst der Fußballtheorie, inklusive Bewegungs- und Denkaktionen.

Zugegeben: Aktuell ist es noch ein ziemliches Durcheinander. Ich fand 18 Prinzipien für die vier Aktionen und warf nur kurze Zeit später die gesamte Struktur wieder über den Haufen, obwohl ich mir des praktischen Nutzens der meisten Prinzipien relativ sicher war.

Stattdessen arbeite ich nun daran, ein Grundgerüst zu kreieren, welches Wahrnehmungs- und Kognitionsaspekte der Fußballaktionen sowie eine klarere und sauberere Referenz für die Richtlinien der vier Fußballaktionen enthält – das einzige, was ich noch nicht aufgegeben zu haben scheine. Meine Hoffnung ist, dass dies ein kleines Fundament für die Planung aller Trainingsübungen werden kann und gleichzeitig ein Schritt dahin ist, die Aktionen individueller Spieler besser zu verstehen.