Tür 3: Architektur und Fußball

Architekten gestalten Räume, in denen sich Menschen jeden Tag bewegen. Ein Fußballtrainer kreiert Räume/Übungen, in denen sich die Spieler bewegen. In diesem Artikel soll untersucht werden, welche architekturtheoretischen und architekturphilosophischen Ideen sich auf den Fußball übertragen lassen und welchen Zugang man darüber zum Fußball erhält.

Bewegung schreiben, Wege lesen

Was wird in diesem Abschnitt analysiert? Wir wollen untersuchen, welche Auswirkungen die Architektur auf den Menschen haben kann. Anschließend wollen wir schauen, ob die Beeinflussung des Menschen durch die Architektur Ähnlichkeiten zur der Beeinflussung des Spielers durch den Trainer und die Übungen hat. Was lässt sich durch diesen Vergleich über die Beziehung zwischen Trainer und Spieler und die Wirkweise von Fußballübungen sagen? (Werden Fußballer durch Übungen so beeinflusst, wie Menschen durch Architektur?)

»Dabei formt und formuliert Architektur die Bewegungen des Körpers, gibt dem Körper Raum oder beengt ihn, weist ihm Wege durch das Sichtbare, zeichnet eine Karte. Sich durch Architektur zu bewegen heißt […] ihre Wege zu lesen. Architektonische Elemente zeichnen Wege und Bewegungen des Körpers vor, begrenzen und entgrenzen sie […]. Der gestaltete Raum der Architektur motiviert und strukturiert – er choreographiert Bewegungen des Körpers.«

Isa Wortelkamp: Choreographien der Architektur. Bewegung schreiben, Wege lesen.

Dieses Zitat bezieht sich auf die Wirkweise von Architektur und soll als Grundlage dienen. 

Wie wirkt Architektur auf den Menschen?

  1. Architektur schafft Grenzen.
  2. Architektur formt die Bewegungen des Körpers.

3. Architektur beengt den Körper oder gibt ihm Raum. 

3.1 Architektur gibt Wege/Bewegungen vor. Sie erlaubt und verhindert bestimmte Bewegungen.

3.2. Architektur schafft („zeichnet“) eine Karte, sie schafft Orientierung und Ordnung. 

3.2.1 Architektur strukturiert. 

4.   Architektur bestimmt was sichtbar und nicht sichtbar ist. 

4.01 Architektur lenkt das Auge/die Blickrichtung. („im Gegenteil wird vielmehr das Auge von solchem Einheitspunkte ab nach allen Seiten hingelenkt“)

Lassen sich diese Wirkweisen auf Fußballübungen übertragen? Ja. Fußballübungen schaffen Grenzen, sie geben dem Spieler Raum oder kein Raum, sie geben ihm Zeit oder keine Zeit, sie formen, geben vor oder verhindern Bewegungen. Sie können Orientierung schaffen und lenken die Blickrichtung der Spieler.

Wenn man sich auf dieses Zitat als Grundlage bezieht, kann man festhalten, dass Fußballübungen den Spieler ähnlich beeinflussen wie Architektur den Menschen. 

Welche Beziehung gibt es zwischen Architekt und Mensch und Trainer und Spieler?

Sich durch Architektur zu bewegen heißt […] ihre Wege zu lesen.

Isa Wortelkamp: Choreographien der Architektur. Bewegung schreiben, Wege lesen.

In dem man sich durch die Architektur bewegt, liest man ihre Wege. Das Lesen ist also mit der Bewegung verknüpft und funktioniert nur über diese. Der Titel von Isa Wortelkamps Buch fasst diese Vorstellung von Architektur passend zusammen: »Choreographien der Architektur. Bewegung schreiben, Wege lesen«.  Grob vereinfacht, könnte man also von einer Autor-Leser-Beziehung zwischen Architekt/Mensch und Trainer/Spieler sprechen. 

Der Trainer schreibt Bewegungen (setzt Grenzen, gibt Raum, Zeit, Druck usw.) und der Spieler entschlüsselt diese über seine Bewegungen in der Übung (Bzw. seine Bewegungen/Entscheidungen entstehen als Reaktion auf die Übung)

Diese Beeinflussung des Spielers spiegeln im Idealfall die Ideen des Trainers wieder (choreographierte Bewegung des Körpers). Der Spieler kann über das Lesen und das Ausführen des Gelesenen in dem richtigen Handlungen geprimt werden (abschneiden der Ecken, long-line Pässe verhindern usw.).

Was ergibt sich konkret daraus?

  1. Der Spieler begibt sich in einen Raum, den man entworfen hat. Der Spieler ist an den Raum und die Regeln gebunden, er wird davon unweigerlich gelenkt und beeinflusst. Dieser Einschnitt ist als Spieler natürlich spürbar und müssen bei der Entwicklung der Übungen mitgedacht werden. 
  2. Räume werden über Bewegungen erschlossen. Der Trainer ist niemals Teil seiner eigenen Übung, er ist sehr stark an das gebunden, was er von außen sieht. Außerdem nehmen die Spieler die Übungen aus einer anderen Perspektive und über Bewegungen wahr. Die Qualität der Übungen kann nur über beide Perspektiven (Spieler und Trainer) bewertet werden. (Wie wichtig ist eine gemeinsame Sprache in Bezug auf die Bewertung der Übungen? Wie entsteht eine solche Sprache?)
  3. Die Übungen sind nicht nur ein Hilfsmittel, um den Spieler besser zu machen. Sie sind auch ein Teil der Kommunikation zwischen Spieler und Trainer. Der Spieler denkt eine Aussage des Trainers mit. Genauso wie der Leser einen Autor imaginiert, stellt sich der Spieler einen Trainer und mehrere Aussagen zur Übung vor. Diese Aussage muss präzise gewählt werden.

Konstruktion von Möglichkeiten

In diesem Abschnitt soll ein stärkerer Fokus auf den Zusammenhang zwischen Architektur und Denkprozessen gelegt werden. Wie beeinflusst Architektur unser Denken? Wie beeinflusst der Aufbau der Übungen das Denken der Spieler?

2009 habe ich vorgeschlagen, Architektur als Konstruktion von Möglichkeiten zu definieren, oder genauer, um den performativen Aspekt herauszuheben, als Ermöglichung

Ludger Schwarte: Einen Anfang bauen. Aufgaben der Architekturphilosophie.

Schwarte spricht von Architektur als Konstruktion von Möglichkeiten/Ermöglichung. Der Trainer konstruiert (beschränkt oder erweitert) die Möglichkeiten seiner Spieler. Allerdings bezieht Schwarte sich dabei nicht nur auf die direkte Konstruktion von Möglichkeiten, sondern denkt Architektur auch als etwas, dass unser Denken organisiert und somit bestimmte Denkprozesse ermöglicht/zulässt. Wenn man das auf den Fußball überträgt, dann könnte damit also nicht nur gemeint sein, dass man die Ecken von einem Viereck abschneidet und dem Spieler die direkte Möglichkeit für einen long-line Pass nimmt. Es könnte auch so interpretiert werden, dass die Übungen, die der Trainer entwirft, dem Spieler ermöglichen auf eine gewisse Art zu denken. Im Idealfall sogar Denkprozesse anstoßen und erlauben. Julia Weber geht sogar davon aus:

(…), dass Raumvorstellungen unser Denken immer schon in grundlegender Weise prägen, indem sie uns ein Set von räumlichen Anordnungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen, mit deren Hilfe wir unser Denken organisieren.

Julia Weber: „Im Hohlraum“ – Kafka als Architekt.

(Julia Weber beschäftigt sich mit dem Thema Raum in Literatur. Das ist nochmal ein anderer Bereich, müsste man nochmal genauer analysieren, ob man das so direkt übertragen kann(?))

Wie wirken sich Gebäude/räumliche Anordnungen auf unser Denken aus?

  1. Architektur erlaubt und stößt bestimmte Denkprozesse an. (Wie genau?)
  2. Architektur hilft uns dabei unser Denken zu organisieren. 

Wie kann man das konkreter denken?

Wenn man es direkter denkt, dann hilft dieses Feld (Abbildung 1) dem Spieler bereits sein Spiel räumlich neu zu organisieren und einzuteilen. Diese Aufteilung ist außerdem eine direkte Abbildung meiner Philosophie vom Fußball. „Sie zeigt, was meine Philosophie meint.“

Abbildung 1

Wie verändert diese räumliche Einteilung das Denken des Spielers?

Die Spieler fangen an, ihre Spielsituationen in diese fünf Zonen einzuordnen, können also differenzierter über ihre Aktionen nachdenken und kleinteiliger unterscheiden. Sie strukturieren ihr Spiel nicht mehr zwischen Flügel, Zentrum, hinten und vorne (klassische Feldeinteilung eines Spielers (?)). 

Die räumliche Ordnung schafft auch eine sprachliche Ordnung/Klarheit. In dem Moment, wo die Felder abgesteckt werden, können sie benannt und hinweisend erlernt werden (Wittgenstein: „Die Sprache scheitert dann, wenn sie nicht hinweisend erlernt werden kann“). Der Spieler erhält zum abstrakteren Konzept/Wort Halbraum einen konkreten Raum. Vitruv schreibt in Zehn Bücher über Architektur, dass Architektur Ideen in eine wahrnehmbare Relation zu Dingen bringe (Übungen bringen bestimmte Ideen vom Fußball in Relation zum ganzen Spiel(?)). 

Die Übungen strukturieren also auch das Denken des Spielers, da sie es dem Spieler erlauben, den Wörtern des Trainers konkrete Dinge zuzuordnen. 

In diesem Sinne kann man sagen, dass die Architektur zeigt, was die Philosophie meint. Die Architektur verwirklicht die Philosophie.

Ludger Schwarte: Einen Anfang bauen. Aufgaben der Architekturphilosophie.

Die Übungen zeigen, was die Philosophie des Trainers meint. Sie sind der greifbare Teil der Philosophie des Trainers und das direkte Gegenstück zum sprachlichen Ausdruck der Philosophie. Somit organisieren sie nicht nur das Denken, sie ermöglichen dem Spieler in gewisser Weise erst auf eine bestimmte Art und Weise über Fußball nachzudenken. Sie bilden die Grundlage. Insofern könnte man sagen, dass sprachliche Probleme zwischen Trainer und Spieler in Bezug auf taktische Aspekte vom Fußball ihren Ursprung in den Übungen haben. 

Übungs-Sprache

Der Trainer erklärt die Übungen, es gibt also eine zusätzliche sprachliche Komponente, die es in der Beziehung zwischen Architekt/Mensch nicht gibt. Wenn man die Beziehung zwischen Spieler-Trainer mit der Beziehung Autor-Leser gleichsetzt und die Übungen als Kommunikationsgrundlage zwischen Spieler und Trainer fungieren, dann müsste es auch Übungen geben, die ohne sprachliche Einführungen funktionieren. 

Dafür müsste man genauer analysieren, wie die Übungen das Verhalten der Spieler beeinflussen (?). Und welche Möglichkeiten ich als Trainer habe, meine Spieler über die Übungen zu beeinflussen ohne die Entscheidungsfreiheit zu nehmen und möglichst spielnah zu bleiben(?). Kann man dann Übungen kreieren, die ohne Anweisung (sprachliche Komponente) funktionieren? Der Spieler sie sich also selber erschließt?

Die Begrenzung des Spielfelds kann der Spieler direkt anhand des Aufbaus der Übung sehen. Wieso? Der Spieler hat die Verknüpfung: die äußersten Hütchen einer Übung = ihre Grenze. Das ist nichts weiter als eine Zeichensprache, eine Verknüpfung zwischen A und B. 

Kann man also eine eigene Übungs-Sprache entwickeln, die über die gesprochenen Sprache funktioniert, aber später unabhängig davon ist? Wenn man durchgängig wichtige Zonen (Halbräume, Zentrum) mit grünen Hütchen markiert und dem Spieler nur die Information mitgibt, dass grüne Zonen = wichtige Zonen sind, spielt er dann häufiger in eine Zone, wenn diese mit grünen und nicht mit roten Hütchen markiert ist? 

Dadurch würde die Sprache stärker aus dem Trainingsprozess entfernt werden. Sie wird als zentraler Vermittler der Ideen und Vorstellungen des Trainers entlastet und der Trainer ist nicht so stark an das Funktionieren der Sprache gebunden. Wahrscheinlich muss es keine Übungen geben, die ohne sprachliche Einführungen funktionieren, aber es ist ein spannend zu untersuchen, ob es Vorteile hat, wenn man als Trainer eine konstante Übungs-Sprache entwickelt und nutzt (Also z.B grün = immer Halbraum, rot = Flügel usw.)

Fazit

Dieser Artikel beschäftigt sich theoretisch mit der Schnittstelle zwischen Architektur und Fußball. Um konkreterer Erkenntnisse zu generieren, müsste man untersuchen, wie der Aufbau der Übungen den Spieler konkret beeinflusst. Welche Möglichkeiten habe ich als Trainer z.B über Farben oder Form der Hütchen den Spieler zu prägen? Wie genau kann ich über den Aufbau der Übungen kommunizieren? 

(Diesen Artikel habe ich schon länger rumliegen. Die Schnittstelle zwischen Architektur und Fußball finde ich persönlich sehr spannend. Manches ist noch sehr unausgereift. Über Feedback oder Ergänzungen freue ich mich.)

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