KF-Trainerblog #2

Ich arbeite nun mein bereits fünftes Jahr als Trainer, habe alle Altersgruppen inklusive Senioren bereits trainiert, war einige Jahre Assistenztrainer bei verschiedenen Vereinen in Wien und Umgebung, bis ich eine U9, eine U16, eine U18 und eine Seniorenmannschaft als Chef trainierte. Diesen Februar ergab sich für mich die Möglichkeit in Kanada professionell als Trainer zu arbeiten, obwohl ich in Österreich nur die niedrigste Trainerlizenz (Kindertrainer) besitze. Diese Chance ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Hier betreue ich nun eine U11 und eine U13 Jungenmannschaft. Bei beiden Teams hatte ich eine unterschiedliche Basis, brauchte also etwas Zeit (bei der U11 länger) um das richtige „Rezept“ für sie zu finden, also die passende Komplexität im Training zu verwenden. Bei beiden Mannschaften periodisiere ich weitestgehend nach Verheijen, U11 ohne Conditioning-Session, U13 mit.

 

U11

Die Diskrepanz der Spielerqualität ist in diesem Team recht hoch. Hier hatte ich Spieler, die selbst mit dem stärkeren Fuß nur schwierig Bälle kontrollieren konnten, wie auch Spieler, die sehr schnell lernten oder generell zu den größten Talenten im Verein gehören. Da ich U18-Training von  Österreich gewohnt war, übertrieb ich es zunächst mit der Komplexität und brauchte etwas Rat vom hiesigen Cheftrainer der Herrenmannschaft, um zu realisieren dass es zu komplex für die 10 Jahre alten Spieler ist. Nach der Anpassung liefen die Trainingseinheiten jedoch deutlich besser, mit mehr Konzentration, passendem Fehler:Erfolgserlebnis Verhältnis und auch merkliche Steigerung bei den Spielern in ihrer Technik und ihren Entscheidungen.

Meine größten Ziele für diesen Jahrgang sind fast schon philosophischer Natur. Ich möchte ihnen die „Wichtigkeit“ des Passes und des Tores vermitteln, da ich merke, dass ihnen dies abgeht. Gegentore schienen sie am Anfang gar nicht zu stören, Ballverluste ebenso nicht. Im Mittelpunkt standen Dribblings und Schüsse, nur selten wurde kooperiert, der Ehrgeiz im Verteidigen fehlte. Deswegen arbeite ich primär in 1v1 bis 2v2 Spielen, um die individuelle Verantwortung zu verstärken. Auch mit „Verantwortungszonen“  und -regeln beginne ich gerade zu experimentieren.

Ebenso wichtig für mich sie zu mutigen Spielern zu machen. Vor allem die Torhüter lernen bei mir, dass sie stets Verbindung zum letzten Feldspieler halten und selbst wie einer agieren sollten. Ich habe zwei Torhüter, einer davon ist sehr spielintelligent (auch guter Eishockey- und Basketballspieler), aber recht immobil. Der andere hat generell eine sauberere Technik, seine Entscheidungen am Ball sind aber deutlich schlechter. Eines meiner Highlights war, als erstgenannter Torhüter in einem Freundschaftsspiel im Pressing bis an die Mittellinie schob und zwei mal dort den Ball abfing, beziehungsweise auch oft mit ins Gegenpressing ging. Dieser Mut geht dem anderen Torhüter noch ab.

 

U13

Beim 2004er Jahrgang merkte ich, dass die individuelle Qualität doch ganz gut ist. Dies ist wohl in Relation die beste Mannschaft, die ich je als Cheftrainer betreuen durfte. Mein erster Gedanke war, ein direktes Positionsspiel mit hohem und sehr intensivem Pressing zu implementieren. Von der Direktheit im Positionsspiel bin ich nun abgegangen. Grund dafür ist, dass das Großfeld meiner Meinung nach zu groß ist, die Direktheit zu mehr Ballverlusten und somit auch zu mehr Ermüdung führen würden. Das hohe und intensive Pressing bleibt jedoch erhalten. Auch hier schiebt der Torwart mittlerweile bis an die Mittellinie, wenngleich ihm das noch sichtlich unangenehm ist. Er gibt sich aber Mühe und versucht das Vorgegebene zu erfüllen. Dies ist übrigens für mich das beeindruckendste an der Kultur hier in Kanada: Der Coach wird deutlich mehr respektiert als in Österreich, die Umsetzung der Anweisungen wird wirklich versucht, das Vertrauen an das Fachwissen des Trainers ist sehr groß, vor allem wenn man aus Europa kommt. Dies gibt jedoch natürlich auch Ahnungslosen die Chance, großes Geld hier und in den Staaten zu verdienen (und davon gibt es nicht wenige Beispiele).

Mein Ziel mit der U13 ist es, das Individuum auszubilden und im Pressing sowie auch im Ballbesitz vielseitig zu machen. Ich setze hier vor allem im ersten Hauptteil immer auf Kleingruppenspiele und coache individuelles Verhalten, das nicht allzu „stilspezifisch“ sein soll. Ich möchte, dass die Spieler mit egal welchem Trainer Erfolg haben und spielen. Barca-Spieler auszubilden macht sicher Spaß, doch ist es natürlich fraglich, wie erfolgreich Xavi, Iniesta oder Busquets bei anderen Vereinen unter anderen (ahnungslosen) Trainern geworden wären. Dies möchte ich vermeiden.

Mannschaftlich soll das Ballbesitzspiel sehr geduldig und zentrumslastig sein. Dennoch streue ich immer wieder Übungen für Flügeldurchbrüche ein, sowie sehr direktes Spiel. Ich möchte hohe Flexibilität erreichen. Man kann darüber diskutieren, ob die Spieler dann vielleicht nicht zu durchschnittlich werden würden. Ich denke aber, dass Flexibilität unheimlich wichtig ist für Erfolg als Einzelspieler. Da ich  außerdem nur in Spielformen trainiere, kommt die technisch/taktische Entwicklung auch zu voller Entfaltung. Vielleicht schaffen wir es als Mannschaft dann nicht jedes Spiel zu gewinnen, die Basis an Fähigkeiten der Spieler ist dann aber sehr breit und der Weg in alle Spielstil-Richtungen geebnet. Ich wechsle den  Fokus im Training täglich zwischen Positionsspiel und Pressing/Umschaltspiel. Letzteres ist immer bei Conditioning-sessions im Fokus. Elemente vom anderen Fokus sind natürlich aufgrund der Spielformen und gewisser eingestreuter Regeln immer dabei.

 

Nachwort

Ich habe in Kanada bereits so einiges gelernt. Vor allem habe ich die österreichische Organisation schätzen gelernt. Hier gibt es immer noch keinen derart geregelten Liga-Betrieb wie in Österreich, wo man auf- und absteigen kann. Ligen bestehen in Kanada eher „nebeneinander“ als unter- und übereinander. So zerstreuen sich auch die besten Spieler über mehrere Vereine, da kein dauernder Qualitätsvergleich unter den Vereinen stattfindet.

Das kanadische Spiel ist sehr britisch geprägt, wie aber auch in Österreich werden körperlich starke Spieler bevorzugt, der Stil soll möglichst direkt gespielt werden. „To each their own“ denke ich mir. Meine Aufgabe ist es Spieler auszubilden. Technisch gute Spieler, mit klugen Entscheidungen und Einsatz und Intelligenz im Pressing werden immer gefragt sein, unabhängig vom Spielstil.

Durch das etwas höhere Niveau meines Vereins im Verhältnis zu meinen bisherigen Mannschaften in Österreich, treffe ich  nun auch auf Elternteile, deren Ehrgeiz größer als der ihrer Kinder erscheint. Auch dies ist eine interessante Lernerfahrung für mich. Deutliche Grenzen setzen, sowie Konsequenz sind für mich hier sehr entscheidend. Im Endeffekt geht es mir um die individuelle Entwicklung jedes Spielers. Natürlich ist der Fokus auf die besseren Spieler höher, dennoch darf nicht alles toleriert werden. Weder von Spieler- noch von Elternseite.

Über David Goigitzer

1v1 ist eine Lüge. Beistriche auch.
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6 Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel, auch dass das Englische sprachlich mehr einfließt.
    Sehr gerne mehr davon

    Hätte allerdings noch drei Fragen:
    1. Bei der 3. Übung der U11: Inwiefern wird hier das Verschieben gelernt, wenn die Verteidiger nicht über die vertikale Linie schieben dürfen? (Oder wie ist „Verteidigen in der eigenen Hälfte“ gemeint?)

    2. Wie hältst du die Motivation bei den verschiedenen Rondos hoch? (Meine U11 ist da leider nicht sehr scharf drauf)

    3. Wie gehst du damit um, wenn der Ball bei einem Rondo weit weg vom Feld rollt? (Meine Spieler laufen dann immer dem Ball weit hinterher und kämpfen dort noch darum)

    • Ich antworte einfach mal, auch wenn ich nicht gefragt wurde.

      Die Antwort von David zur ersten Frage würde mich auch sehr interessieren, zu den anderen beiden Frage:
      Ich trainiere eine U17, weswegen es möglicherweise nicht ganz vergleichbar ist, aber ich hatte ähnliche Probleme und habe mir dann von T. Tuchel zwei Sachen abgeguckt. Zum Einen markiere ich bei jedem Rondo ein Feld, in dem gespielt wird, wenn der Ball ins Aus geht, zählt es eben als Fehlpass, damit erübrigen sich viele Diskussionen und der Kreis wird nicht immer größer.
      Zum Anderen mache ich meist zwei, drei Rondos mit leicht unterschiedlichen Regeln hintereinander, von denen jede Runde eine vorher exakt angegebene (eher kurze) Zeit dauert, wer bei Zeitablauf in der Mitte ist, bekommt eine kleine Strafe (bewährt haben sich „Ohrenschnipper“ – Idee habe ich auch von Tuchel), damit bleibt die Motivation hoch und die Spieler lernen auch gleich mit Zeitdruck umzugehen, der in Spielen ja auch mal vorkommen kann.

    • David Goigitzer

      1. Sie können ja trotzdem verschieben. Die vertikale linie soll einfach dabei helfen einen adäquaten abstand zu halten.
      2. Ich habe von anfang an klar gemacht wie wichtig diese Übung für mich ist. Feiere jeden guten pass und körperposition, bin halt selber extrem begeistert von rondos, is wohl ansteckend

      3. Machen meine eigentlich nicht, nur vereinzelt. Da spielt dann aber ein mitspieler oder ich selber einfach den nächsten ball rein.

  2. hier steht vor allem etwas, was ich gegenüber anderen coaches(ich trainiere eine u12 seit sie in die u9 wechselten) immer wieder betone. eine zusammengestellte, am besten noch einer idee entsprechend, gecastete gruppe zu trainieren ist einfacher als einen wilden haufen. letztere, die von einem ganz wilden und eher gröberen typen bis zu feinsinnigen sehr ruhigen und anders herum reichen, zusammenzuhalten, ist eine kunst. seit drei jahren vertraue ich auf horst weins ideen des trainings mit kleinen spielformen bei einem 2:1 beginnend und darauf aufbauend erweitert bis zum 5:5 oder 7:7. dazu habe ich auch eine „philosophie“ des miteinander spielens, die immer erst schlecht läuft, weil die teams des 1:1 in den unteren jahrgängen erfolgreicher sind, aber in der aktuellen saison ist das ins gegenteil gekippt. es ergeben sich immer mehr vorteile beim gemeinsamen herausspielen von chancen und gleichzeitigem gemeinsamen verteidigen.

  3. Super Beitrag!
    Du differenzierst und reflektierst deine Entscheidungen und gibst damit einen tollen Einblick, gerade was den kulturellen Unterschied angeht (was nicht viele mit erleben dürfen).
    Außerdem erkenne ich mich gerade mit dem „herum experimentieren“, den zu komplexen Spielformen für die U11 und bei vielen weiteren Punkten wieder!

    Allgemein würde ich mir solche Berichte häufiger und von mehreren Autoren wünschen! Mittlerweile interessieren mich nämlich Spielanalysen deutlich weniger als sämtliche Artikel über das Trainerdasein. Ich weiß nicht, ob es hier vllt Sinn machen würde mit SV-Autoren zusammen ein gemeinsames „Trainerportal“ bzw. einen entsprechenden Blog zu machen. Durch die Vernetzungen könnte man evtl. noch weitere, gute und innovative Ansätze einstreuen. Dass dies nicht mal eben aus dem Ärmel geschüttelt wird und mit viel Arbeit zusammen hängt ist mir klar, aber ich glaube es dürfte einige Interessenten geben 🙂

    • David Goigitzer

      SV hat ja schon damit begonnen, Beiträge über Trainings zu machen.
      Für mich ist die Spielanalyse immer noch sehr wichtig, ohne sie käme ich ja nie auf meine Trainingsideen.

      Ich denke Trainerblogs werden weiterhin folgen, wenn der Abstand dazwischcen zu kurz ist, wird es jedoch eintönig denke ich.

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