Taktik- und Trainingstheorie des Deckungsschattens

Der Deckungsschatten ist die Bezeichnung für die Fläche, die ein Spieler bei gegnerischem Ballbesitz hinter ihm selbst abdeckt. Wenn der Ball als Sonne gesehen wird, wirft der Spieler je nach Körperorientierung und Position zum Ball also einen anderen (Deckungs)Schatten. Jeder Spieler hat einen Deckungsschatten, doch nicht jeder nutzt ihn bewusst. Generell nutzt man ihn, um Pässe zu Gegnern zu verhindern, ohne direkt bei ihnen stehen zu müssen. Dadurch allein erhöht sich der Druck auf den Ballführenden, da sein Mitspieler den Ball nicht einmal prallen lassen könnte, da er ja nicht anspielbar ist. Der verteidigende Spieler kann nun auch den Gegner attackieren und versuchen den Ball zu gewinnen, was den Druck nochmals erhöht. Die vertikale Passoption ist gesperrt, zudem wird der Deckungsschatten des Verteidigers durch das Attackieren größer, somit ist es schwieriger sich für den Mitspieler des Gegners sich freizulaufen.

Der Deckungsschatten trägt somit dazu bei, positionelle Vorteile zu schaffen. Numerisch ist der blaue Verteidiger zwar unterlegen, aufgrund seiner Position wird jedoch ist der zweite rote Angreifer nicht anspielbar, und existiert nicht mehr als „ganzer Spieler“. Zwar hat er durch seine Bewegungen natürlich Einfluss auf das Verhalten des blauen Verteidigers, kann jedoch nicht so effektiv zum Ausspielen beitragen, wie wenn er anspielbar wäre. Der Deckungsschatten wird nicht nur zum Versperren von potentiell gefährlichen Anspielstationen verwendet, sondern kann auch strategische Bedeutung haben. So kann man den Gegner in bestimmte Zonen leiten, um dort dann Lokalkompaktheiten herzustellen und Ballgewinne zu provozieren. Oder auch bestimmte Spieler können vom Rest der Mannschaft konstant abgeschnitten werden. Dies wurde schon einige Male gegen Messi beim FC Barcelona praktiziert. Gegen Spieler wie Messi sind Manndeckungen nämlich völlig nutzlos, so bietet sich das Kappen der Verbindungen durch Deckungsschattennutzung an.

Bei kluger Nutzung des Deckungsschatten kann man sogar mehrere Spieler nicht anspielbar machen, was das Verteidigen deutlich effektiver macht. Es werden weniger Spieler pro Gegner benötigt, wodurch man mehr Balldruck erzeugen kann und die Chance des Ballgewinns höher ist. Zudem kann auch die Restverteidigung numerisch weiterhin passend besetzt sein. RB Leipzig beherrscht die Deckungsschattennutzung besonders gut, schafft so ballnah immer wieder Überzahl und Zugriff, während man in der Restverteidigung zumindest in Gleichzahl bleibt. Strategisch wichtige Zonen werden abgedeckt und der Gegner in nur sehr schwer lösbare Situationen gedrängt.

Abbildung 1: Ein suboptimal positionierter Gegner kann recht einfach doppelt in den Deckungsschatten genommen werden.

Zur effektiven Nutzung des Deckungsschatten sind ist eine passende Orientierung, sowie die Wahl des Anlaufens wichtig. Um sich gut orientieren zu können, ist auch bei gegnerischem Ballbesitz der Schulterblick unabdingbar. In diesem Video sieht man, wie Atléticos Doppelspitze stets über die Schulter blickt, um Busquets‘ Position zu kennen und somit die eigene anpassen kann, um Verbindungen zu ihm zu kappen. Zur passenden Orientierung trägt auch verbale Kommunikation mit den Mitspielern bei. Tiefer positionierte Spieler können Kommandos zur Positionsveränderung oder zum Timing des Anlaufens geben, da der attackierende Spieler ja nicht dauernd ein (virtuelles) 360° Sichtfeld haben kann.

Das Anlaufverhalten ist ebenfalls ein wichtiges Element der Deckungsschattennutzung. Das Anlauf-Tempo kann je nach Absicht variiert werden. Will man den Gegner zu einem langen, unkontrollierten Ball zwingen, dann ist das Sprinttempo zu empfehlen. Man nimmt dem Ballführenden die Zeit eine Entscheidung zu treffen, erhöht den Druck und provoziert unkontrollierte Aktionen. Gedrosselteres Anlaufen hat ein leitenderes Element. Der Anlaufende selbst kann kontrollierter seinen Deckungsschatten nutzen, sich öfter umblicken und so den Ballführenden zu einer Aktion in bestimmte Zonen oder zu bestimmten Spielern leiten.

Man kann den Gegner nicht nur gerade, sondern in einem Bogen anlaufen. Dies hilft auch dabei, situativ mehrere Gegenspieler in den Deckungsschatten zu nehmen, entweder gleichzeitig oder hintereinander. Bei letzterem spielt wieder das leitende Element mit. Durch bogenförmiges Anlaufen werden bestimmte Anspielstationen versperrt, um in einer anderen Zone eine Pressingfalle zuschnappen zu lassen. Meist werden Gegner entweder vom Zentrum weg geleitet, jedoch gibt es immer wieder auch Teams, die den Gegner ins Zentrum leiten und dort zuschlagen wollen.

Abbildung 2: Durch bogenförmiges Anlaufen wird der rote Sechser in den Deckungsschatten genommen. Der ballempfangende Innenverteidiger soll zum Pass auf den Außenverteidiger gezwungen werden.

Der Deckungsschatten hat jedoch nicht nur im geordneten Pressing seinen Platz, sondern auch im Gegenpressing. Nach Ballverlust hat man den Vorteil, dass der Ballgewinner sich erstmal orientieren muss. Dies kann man dazu nutzen, um per Deckungsschatten Passoptionen noch einfacher zu kappen, die Orientierungslosigkeit trägt dazu bei, dass das Umspielen dieser Deckungsschatten schwieriger wird, da das Herausbewegen des Mitspielers aus dem Deckungsschatten unter dem Druck, der durch die Situation an sich, sowie das Anlaufen erzeugt wird, nicht registriert werden kann. Vor allem beim passwegorientierten und beim spielraumorientierten Gegenpressing ist die Deckungsschatten von hoher Wichtigkeit. Mit ihr steht und fällt die Stabilität des Gegenpressings. Unsauberkeiten können dann nicht nur leicht bespielt, werden, sondern können gefährliche Folgen haben, da Zwischenlinienräume mit hoher Dynamik bespielt werden können und das Umschalten Rückwärtspressing für die verteidigende Mannschaft wichtige Hundertstel dauern kann.

Der Deckungsschatten spielt auch bei eigenem Ballbesitz eine große Rolle. Durch kluges Freilaufverhalten kann man hier Mannschaften, die fokussiert mit Deckungsschatten arbeiten, aushebeln. Individuell zeigte Thiago diesbezüglich eine besonders gute Performance im Hinrundenspiel des Herbstes der Bayern gegen Leipzig. Judah Davies hat auf spielverlagerung.com hier die „blind side“ noch näher betrachtet.

 

Übertrag ins Training

Die Nutzung des Deckungsschatten kann implizit sowie explizit gecoacht werden. Bei zweiterem hat man vor allem die Wirkung eines erhöhten Bewusstseins gegenüber der Nutzung des eigenen Deckungsschatten. Wie sonst alles andere auch, kann man die Deckungsschattennutzung am besten in Spielformen trainieren. Dazu gibt es verschiedene Mittel, um implizit den Instinkt des richtigen Anlaufens und Positionierens zu trainieren.

7v3 Mittelzonen-rondo

  • Blau versucht entweder 10 Pässe aneinander zu reihen oder die Mittelzone zu bespielen (beides 1 Punkt)
  • Rot muss dies verhindern. Ballgewinn zählt 1 Punkt

Coachingpunkte:

Bei der Ballzirkulation sollen passende Verbindungen gecoacht werden, vor allem die Mitte soll stets besetzt werden, damit man ein penetrierendes Passspiel entwickelt.

Die Unterzahlmannschaft soll durch kluges Anlaufen und Deckungsschattennutzung den Gegner leiten und Lokalkompaktheiten herstellen. Auch Pressingfallen sollen vorbereitet werden. Timing der Interception, wenn Ballführender kurz vor dem Pass auf dem Ball schaut, und so Richtung nicht mehr ändern kann. 

Variation:

Minitore können außerhalb des Feldes gestellt werden, die die Roten bespielen können. Dies ist eine Motivation zum Gegenpressing für Blau, dabei müssen die Deckungsschatten richtig genutzt werden.

Busquets-Triforce (von Martin Rafelt)

  • Blau muss durch Zirkulation den Ball durch die Mittelzone spielen (1 Punkt)
  • Blau darf sich frei bewegen
  • Rot versucht, ohne die Mitte zu betreten, dies zu verhindern
  • Gewinnt Rot den Ball, gibt es 1 Punkt. Wird danach ein Tor erzielt, gibt es einen weiteren

Coachingpunkte:

Blau: Schnelle, genaue Ballzirkulation. Passende Körperorientierung um dies zu bewerkstelligen. Sofortiges Gegenpressing nach Ballverlust, Passwegorientierung.

Rot: Orientierung , Schulterblicke um Gegner zu erspähen. Timing der Interception, wenn Ballführender kurz vor dem Pass auf dem Ball schaut, und so Richtung nicht mehr ändern kann.

Variation mit 2 Bällen auch möglich

 

Wechselpassrondo mit Gegenpressingtoren

  • Blau muss eine bestimmte Anzahl an Pässen (1 Punkt) spielen, danach ist Verlagerung (1 Punkt) ins andere Feld erlaubt
  • die blauen Seitenspieler, sowie der Zentrumsspieler rücken ebenfalls ins andere Feld
  • Rot muss versuchen den Ball zu gewinnen. Dies ist durch eine Interception in der Mitte, oder durch die zwei im Feld möglich
  • Ballgewinn ist 1 Punkt, genauso wie danach ein Pass in eines der Passtore

Coachingpunkte:

Blau: Schnelle, genaue Ballzirkulation. Passende Orientierung soll dies bewerkstelligen. Stetiger Blick in die Tiefe, suche nach dem längstmöglichen Flachpass. Sofortiges Gegenpressing nach Ballverlust. Passende Orientierung beim Gegenpressing, um Passtore abzudecken.

Rot: Leitende Bewegungen, mithilfe von Deckungsschatten positionelle Vorteile schaffen. Nach Ballgewinn schnelle Orientierung in die Tiefe, um Passtore zu bespielen. In der Mitte: Schulterblick, um Zielspieler abzudecken. Timing der Interception, wenn Ballführender kurz vor dem Pass auf dem Ball schaut, und so Richtung nicht mehr ändern kann.

Über David Goigitzer

1v1 ist eine Lüge.
Beistriche auch.

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