Michael Ambichl – spielintelligenter Kombinationsachter

Michael Ambichl ist 25 Jahre alt und spielt gerade seine erste Saison in der österreichischen Bundesliga. Nicht nur in Deutschland ist der Mittelfeldspieler unbekannt, auch in Österreich hat ihn derzeit noch kaum jemand auf dem Schirm. Nicht Mal bei seinem eigenen Verein, dem SKN St. Pölten, scheint die Wertschätzung für Ambichl besonders hoch zu sein und so wurde in einigen Spielen auf ihn verzichtet, drei Mal war er sogar bei der zweiten Mannschaft, den SKN Juniors, in der drittklassigen Regionalliga Ost im Einsatz. Dabei war Ambichl in der vergangenen Saison ein wesentlicher Erfolgsfaktor für den Aufstieg von St. Pölten in die Bundesliga, auch heuer in der höchsten Spielklasse brachte er auf dem Platz stets gute Leistungen. Ambichl überzeugt vor allem mit seiner Spielintelligenz und seiner Kreativität, mit der er insbesondere hohe Bedeutung für die Kreation von Torchancen hat.

Michael Ambichl ist in St. Pölten geboren und spielt seit seinem 15. Lebensjahr für den SKN, ging also nicht den Weg über die ebenfalls in der niederösterreichischen Landeshauptstadt ansässige Fußballakademie Niederösterreich. Bereits mit 17 Jahren gab er sein Debüt für die erste Mannschaft des SKN, damals noch in der Regionalliga Ost. Ambichl spielte damals noch als rechter Mittelfeldspieler, immer wieder sogar als rechter Verteidiger. Erst in der Saison 2014/15 wurde er vermehrt im zentralen Mittelfeld eingesetzt, wo seine strategischen Fähigkeiten besser zur Geltung kommen, seit der vergangenen Saison wird er nun konsequent auf dieser Position aufgestellt.

Ambichl unter Daxbacher

Im Sommer 2015 übernahm Karl Daxbacher als Trainer beim SKN St. Pölten und erreichte gleich in seiner ersten Saison den Aufstieg in die Bundesliga. Daxbacher, der vor kurzem entlassen wurde, genießt bei den Fans in Österreich einen sehr guten Ruf, dies einerseits wegen seiner Art – gerne wird er als „Sir“ bezeichnet – und andererseits aufgrund seines ansehnlichen Spielstils.

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Grundordnung des SKN St. Pölten in der Rückrunde 2015/2016.

Daxbachers Teams spielen mit viel Ballbesitz und versuchen sich organisiert nach vorne zu kombinieren. Dabei ist die Ballzirkulation oft sehr tief, es mangelt ein wenig an Penetration und für Kombinationen sind die Verbindungen nur selten wirklich passend. Daxbacher ließ beim SKN ein sehr breites flügelfokussiertes 4-4-1-1 spielen, welches üblicherweise als 4-2-3-1 bezeichnet wurde, wobei Thürauer eher wie eine zweite Spitze agierte. Diese Ausrichtung hatte seine Schwächen und SKN war außerdem oft über schnelle Konter gefährlicher, insgesamt war es aber sehr gut zum Spielermaterial passend.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor war das Zentrum mit Mader und Ambichl, der von Daxbacher nun stets als zentraler Mittelfeldspieler aufgeboten wurde. Beide sind eher langsam und nicht gerade zweikampfstark, dafür sind sie beide generell sehr spielintelligent, spielerisch stark und bestimmten den Rhythmus des Spiels gut.

Mader und Ambichl spielen stets eher tief, Mader kippt auch vereinzelt zwischen die Innenverteidiger ab, wobei dies eher nicht optimal eingebunden wird. Die Verbindungen nach vorne sind daher nicht ideal, Mader und Ambichl spielen aber beide extrem gute Diagonalbälle, wie man sie etwa von Xabi Alonso kennt, und können die Bälle so gut auf die Flügel bringen, wo man zumeist auf eher simple Durchbrüche aus ist.

Ambichls Rolle Offensiv

Ambichl agiert als höherer Sechser und zeigt dabei ein sehr weiträumiges Bewegungsspiel. Zumeist spielt Mader etwas tiefer und Ambichl davor, teilweise kippt Ambichl aber auch etwas ab oder seitlich rechts heraus. Aufgrund der breiten, eher flügelfokussierten Spielweise wird Ambichl im Zentrum kaum eingebunden und bekommt dort nur wenige Bälle. Höhere Bedeutung hat er in der Unterstützung des Flügelspiels, wo er sich mit kleinräumigen Kombinationen einbringen kann. Teils zeigt er am Flügel auch Läufe in die Tiefe – hier merkt man seine Vergangenheit als rechter Mittelfeldspieler – und erkennt hier offene Räume ganz gut. Zudem balanciert er seine Mitspieler gut und kann flexibel andere Räume besetzen und kurzzeitig andere Positionen übernehmen. Für den SKN ist er sehr wichtig bei der Kreationen von Torchancen und sucht stark nach Key-Pässen im letzten Drittel. Desweiteren hat er im Team eine wichtige Rolle als Schütze bei Standardsituationen.

Nach dem der rechte Innenverteidiger den Ball erhält bewegt sich Ambichl nach vorne und ermöglicht dadurch dem rechten Mittelfeldspieler ein besseres, druckvolles Einrücken. Er hilft dabei zudem durch sein kurzzeitiges Binden des defensiven Mittelfeldspielers des Gegners, erkennt dann aber gut den viel zu großen Abstand zwischen den Innenverteidigern und läuft die Schnittstelle an.  

Intelligent, kombinativ, kreativ

Generell bewegt sich Michael Ambichl ganz gut, ohne diesem Punkt wirklich herausragend zu sein. Er ist nicht besonders dominant und hat es in seiner Mannschaft schwierig im Zentrum, da es ihm hier an Unterstützung mangelt und ein Spiel in anderen Zonen bevorzugt wird. Prinzipiell gefällt es ihm spielmachend zu agieren, dazu muss er jedoch abkippen oder aus der gegnerischen Defensivformation herauskippen, was er in passend Situationen und nicht zu dominant macht. Insgesamt ist für ihn jedoch nicht einfach, sich im Spielaufbau gut anzubieten und er tut sich etwas schwer dabei. Er ist dafür sehr darauf bedacht, seinen Mitspielern den Ballvortrag zu ermöglichen bzw. zu vereinfachen. Oft bewegt er sich nur wenig, bindet dabei aber Gegenspieler im Zentrum. Durch sein Spiel bekommt man den Eindruck, dass er gerne mehr im Aufbau involviert wäre, allerdings zeigt er sich nur selten druckvoll ballfordernd, da er mit dem Ball im Zentrum nur selten vernünftige Optionen hätte und tiefere Positionierungen ebenfalls nicht hilfreich wären. Dafür agiert er teils sehr gut raumöffnend, kann so den Gegnerdruck für den ballführenden Spieler minimieren und ein leichteres Aufrücken mit dem Ball ermöglichen. Auffällig sind hierbei auch seine sofortigen Folgebewegungen nach seinen Ballaktionen.

Schöne beispielhafte Szene zu Ambichls Verhalten im Spielaufbau. Er berührt keinen Ball und hat dennoch eine entscheidende Rolle. Als der rechte Innenverteidiger angespielt wird, rückt Ambichl auf, drängt seinen Gegenspieler so zurück und öffnet Raum für den Innenverteidiger, fordert dessen andribbeln sogar per Handzeichen. Auf das Einrücken des rechten Mittelfeldspielers reagiert er durch einen Lauf in den dadurch freigewordenen vorderen Flügelraum. 

Ambichl nimmt sich den etwas zu scharfen Pass nicht gut an, macht in der Folge aber alles richtig.

In etwas höheren Zonen steigt der Einfluss von Ambichl und er hat mehr Ballaktionen. Er schafft teilweise gute Anbindung an die hängende Spitze, Lukas Thürauer, und macht sich durch gutes Timing bei aufrückenden Bewegungen für Ablagen gut anspielbar. Wichtiger ist aber noch seine Unterstützung für das Flügelspiel der Mannschaft. Er hat generell einen Rechtsfokus in seinem Spiel und bewegt sich viel auf den rechten Flügel, um diesen gemeinsam mit dem rechten Verteidiger und dem rechten Mittelfeldspieler zu überladen und diesen eine weitere, oft dringend benötigte, Kombinationsmöglichkeit zu bieten. SKN hat dadurch eine ein wenig asymmetrische Ausrichtung, da Florian Mader eher im Zentrum bleibt und auf dem linken Flügel daher mehr mit einer simplen Pärchenbildung agiert wird. Ambichl unterstützt auf rechts das Kombinationsspiel, kann dort kleinräumig kombinieren oder Situationen Richtung Zentrum auflösen, wobei auch seine guten Fähigkeiten im Dribbling dabei hilfreich sind. In seinen Bewegungen ist er dabei sehr flexibel, vereinzelt startet er auch am Flügel Läufe in die Tiefe und kann kurzzeitig als ein eher klassischer Flügelspieler agieren.

Ambichl bringt das Spiel zunächst auf den rechten Flügel, löst die Situation dann (mit geringer Passqualität) Richtung Zentrum auf.

Ambichl startet ein suboptimalen Lauf auf den rechten Flügel. Damit öffnet er das Zentrum, was allerdings von keinem Mitspieler genutzt wird. Er erhält den Ball in einer eher ungünstigen Unterzahlsituation, kann diese aber mit einer schnellen Drehung auflösen.

Im letzten Drittel ist Ambichls oft entscheidend, um mit seiner Kreativität und seinem Passspiel Gefahr zu erzeugen. Dabei kommt ihm entgegen, dass in Strafraumnähe die vertikalen Verbindungen zu den Mitspielern automatisch ein wenig kürzer werden, so dass ihm mehr und bessere Kombinationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, welche er auch gut nutzt. Im Angriffsdrittel agiert Ambichl ankurbelnder und hat auch längere Ballzeiten, um selber nach Lücken in der gegnerischen Defensivformation zu suchen. Wenn sich solche Lücken ergeben, so erkennt er dies gut und spielt Steilpässe zumeist mit sehr hoher Qualität. Zudem erscheint es ihm bedeutend zu sein, Abschlüsse mit hoher Torwahrscheinlichkeit vorzubereiten und dazu flach in den gegnerischen Strafraum einzudringen. In Strafraumnähe kann er teilweise schön kleinräumig kombinieren, was er mit guten Bewegungen verbindet, und zeigt gute Ideen mit denen er Durchschlagskraft erzeugen kann. Dabei nutzt er recht kreativ etwa gerne mal kleinräumige Lupfer, spielt Hackenpässe oder setzt zu überraschenden Dribblings an.

Aus einer 2vs2-Situation am Flügel kommt der Ball über Mader zu Ambichl, der sich gut im rechten Halbraum positioniert. Er visiert den aufziehenden rechten Verteidiger an, manipuliert damit die gegnerische Defensive und spielt dann den Vertikalpass an die Strafraumgrenze.

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Ambichls Radargrafiken der vergangenen und der aktuellen Saison. Zu erkennen ist vor allem seine hohe Anzahl an Torschussbeteiligungen (bzw. Torschussvorlagen, da er selber kaum abschließt) und Scorerpunkten. Auch die Passquote bei langen Bällen sticht heraus. Für die aktuelle Saison ist anzumerken, dass das Sample mit 407 Minuten nicht gerade hoch ist und SKN nun gegen den Abstieg kämpft und derzeit auf Rang Neun der Tabelle liegt. Vielen Dank an Alexander Semeliker von abseits.at für die Grafiken.

Ambichls Kreativität zeigt sich vor allem dadurch, dass er immer wieder ungewöhnliche Lösungen findet und überraschend gefährlich Situationen erzeugen kann. Dazu hilft ihm natürlich seine gute Übersicht, durch die er nicht nur die offensichtlichen Optionen wahrnimmt, wobei seine generell kombinative Art noch hinzukommt. Doch auch unabhängig von der Chancenkreation hat Ambichl eine teils kreative Entscheidungsfindung.

Ambichl nimmt einen losen Ball am Schnellsten auf und zieht Richtung Strafraum. Statt dem einfachen Pass auf dem Flügel versucht er lieber die Schnittstellen zwischen den Verteidiger zu bespielen und den Ball in den Strafraum zu bringen. 

Dieser Pass sieht zwar nicht unbedingt gut aus, ist aber funktional.

Qualitäten hat Ambichl auch im Dribbling, dies war neben seiner guten Flanken wohl auch ein Hauptgrund, weshalb er früher als rechter Mittelfeldspieler eingesetzt wurde. Durch seine gute Technik ist er relativ pressingresistent, wobei seine Dribblings zumeist eher simpel sind und nicht gezielt in komplizierten, engen Situationen eingesetzt werden. In der Ballführung ist seine recht aufrechte Körperhaltung und das Scannen des Platzes auffällig. Im Dribbling so wie im Passspiel generell ist er ziemlich eingeschränkt auf seinen rechten Fuß, zudem überschätzt er seine Fähigkeiten im Dribbling immer wieder, was zu riskanten Ballverlusten führen kann.

Ambichl antizipiert die Situation gut und startet sofort ein Dribbling in den Strafraum, möchte dann noch einen kurzen Steilpass spielen.

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Ambichls recht weiträumiges Bewegungsspiel anhand seiner Heatmap der aktuellen Saison. Erneut Dank an Alexander Semeliker für die Grafik.

Im Offensivspiel zeichnet sich Ambichl also durch sein weiträumiges Bewegungsspiel und sein variables Passspiel aus. Er spielt lange Bälle mit sehr hoher Qualität, zeigt auch gutes vertikales Passspiel, wobei er in diesem Punkt eher durch Übersicht und Spielintelligenz als durch die hohe Qualität der Pässe geprägt ist. Mit diesen Fähigkeiten ist er gut geeignet, um stets Anbindung zu geben, Räume zu überladen, um in diesen dann kleinräumig zu kombinieren oder weiträumig zu wechseln und enge Situationen aufzulösen. Diese Rolle hat er derzeit auch ein wenig, allerdings gibt es zumeist nur wenige Kombinationsmöglichkeiten für ihn und er wird im Zentrum nicht ideal eingebunden, wodurch sein offensives Potential nicht ausgeschöpft wird. Durch die in manchen Zonen mangelnde Absicherung kann sich seine kombinative, kreative Spielweise auch negativ auswirken.

Ambichl Defensiv

Stärken hat Ambichl aber auch bei gegnerischem Ballbesitz, wie auch bereits in den oben angefüngten Radargrafiken anhand seiner Defensivwerte sichtbar ist. Ambichl ist sicher kein typischer Abräumer vor der Abwehr, so ist er relativ langsam, kopfballschwach und hat Verbesserungspotential in der Zweikampfführung.

Entscheidend ist er aber oft schon bevor Angriffe des Gegners überhaupt erst entstehen. Bereits in Ballbesitz ist er meistens gut positioniert und kann Situationen sehr gut antizipieren. Er erkennt Ballverluste sehr schnell und kann gut ins Gegenpressing gehen. Dabei ist auffällig, wie er die Bälle nicht nur zurückerobert, sondern direkt wieder das Offensivspiel belebt und vorantreibt, wie etwa bereits im Video zu seinen Dribbling zu sehen war. Neben seinem Antizipationsvermögen wirkt auch seine Handlungsschnelligkeit sehr gut, was sich etwa bei losen Bällen zeigt.

Bereits mit dem ersten Kontakt kann Ambichl neue Angriffe starten.

Michael Ambichl im zweifachen Gegenpressing.

Ambichl zeigt bei gegnerischem Ballbesitz ein gutes Stellungsspiel und fängt dadurch relative viele Bälle ab. Dies liegt aber auch an seinen rechten geschickten Pressingbewegungen, in denen er seinen Deckungsschatten ganz gut einsetzt. Er attackiert zudem immer sehr stark diagonal, wodurch er den Gegner lenken kann. Ambichl versperrt ganz gut zentrale Räume und kann seine Gegenspieler meist am Aufdrehen hindern, in Zweikämpfe kommt er dabei aber nur selten. Diese führt er recht bemüht und aggressiv, allerdings stellt er sich dabei häufig etwas ungeschickt an und begeht oft vermeidbare Fouls.

Ambichl blockt zuerst einen Pass gut ab, dann lenkt er den ballführenden Spieler stark nach links und ermöglich so auch Mader ein besseres Pressing. 

Fazit

Michael Ambichl spielte in der vergangenen Saison in der zweithöchsten Spielklasse groß auf und bringt nun auch in der Bundesliga ganz gute Leistungen, wird dabei aber immer noch von vielen unterschätzt. Für den SKN ist er vor allem ein sehr wichtiger Kreativspieler, allerdings wäre er in einer kombinativerer Ballbesitzmannschaft, etwa als rechter Achter in einem 4-3-3, besser aufgehoben. Beim SKN ist seine Einbindung nicht ganz unpassend, allerdings gibt es viel ungenutztes Potential. Er kann seine Stärken in diesem Sysem zu selten einsetzen und seine Genieblitze kommen zu vereinzelt zum Vorschein. Abschließend sei auch noch mal auf seine Schwächen hingewiesen, so überschätzt er seine Dribblingqualitäten teilweise, seine Passqualität ist oft zu unsauber und er nimmt auch öfter mal zu viel Risiko in Kauf bei seinen Aktionen. Aufgrund seiner vermeintlichen defensiven Schwächen wurde er von Daxbacher nach dessen kurzer Systemumstellung kaum eingesetzt, der neue Trainer, Jochen Fallmann, bisheriger Co-Trainer des Teams, scheint nun aber wieder mehr auf Ambichl zu setzen und bei passender weiterer Entwicklung sollte er daher auch für die österreichischen Topteams interessant werden.

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.

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