Sarris Napoli vs Bolognas Manndeckung

Immer wieder plagte sich Maurizio Sarri in der Vergangenheit gegen sehr mannorientiert verteidigende Mannschaften. Bereits bei Empoli hatte Sarris Mannschaft Probleme solche Teams zu bespielen, auch in der vergangenen Saison bei Napoli war dies augenscheinlich und führte zu so manchen Punktverlusten, durch die man schließlich auch den Anschluss an Meister Juventus verlor. Roberto Donadonis Bologna setzt in der Defensive ebenfalls auf viele lose Manndeckungen, verfügt zudem über ein sehr ansprechendes Spielermaterial, was die Ausgangssituation für die Begegnung im Stadio San Paolo mit Napoli sehr interessante machte.

Napoli-Coach Sarri entschied sich nach dem Sieg in der Champions League gegen Dynamo Kiew an einigen Positionen Veränderungen vorzunehmen. In der Abwehr durfte Ivan Strinic statt Faouzi Ghoulam beginnen, im Mittelfeld übernahm Piotr Zielinski den Platz von Allan und im Sturm bekam Manolo Gabbiadini seine Chance an Stelle von Arkadiusz Milik.

Bei Bologna musste Donadoni im Sturm auf Mattia Destro verzichten, dafür rückte Flügelspieler Simone Verdi in die Spitze und Federico Di Francesco – Sohn von Sassuolo-Trainer Eusebio – kam neu in die Startelf. Ansonsten konnte Donadoni auf seine besten Spieler zurückgreifen, entschied sich im Mittelfeld aber zu einer Umstellung. Statt dem üblichen 4-3-3, in dem zuletzt Adam Nagy als Sechser mit Saphir Taider und Blerim Dzemaili spielte, wurde auf eine 2-1-Anordnung gewechselt, bei der Nagy nun der am höchsten agierende Mittelfeldspieler war.

Diese Umstellung nahm Donadoni offensichtlich vor, um das Mittelfeld von Napoli zu spiegeln und vor allem mit Jorginho den zentralen Mann in Sarris Mannschaft eng zu decken. Interessante ist, dass er ausgerechnet den jungen Ungarn Adam Nagy für diese Rolle als Jorginho-Bewacher auswählte. Nagy ist ein unfassbar guter Pressingspieler, er antizipiert sehr gut, hat einen gutes Gespür für Dynamiken und ist stets darauf bedacht, Passwege des Gegners zu schließen während er Druck Richtung Ball ausübt. Bei Ferencvaros spielte er in verschiedenen Rollen in Mittelfeld einer 4-3-3 oder 4-2-3-1-Grundordnung. Bei Donadoni begann er die Saison als linker Achter, wanderte dann auf die Bank, um gegen Cagliari als Sechser im 4-3-3 zu starten. Für einen defensiven Mittelfeldspieler presst er aber sehr weiträumig und etwas unvorsichtig, als Achter kann er seine defensiven Stärken etwas besser zeigen. Manndecken ist aber eigentlich so gar nichts für den talentierten Ungarn, solch eine Rolle ist eher verschenktes Potential.

Bologna presste grundsätzlich in einem 4-4-1-1 oder 4-2-3-1, wobei sich die zentralen Mittelfeldspieler wie bereits erwähnt sehr stark an ihren direkten Gegenspielern orientierten. Die Flügelstürmer Di Francesco und Krejci rückten zwar eigentlich ganz gut ein, orientierten sich aber dennoch stark an Napolis Außenverteidiger und halfen kaum dabei, durch die Mannorientierungen entstehenden Lücken im Zentrum und den Halbräumen zu schließen. Nagy blieb stets nah an Jorginho, beschränkte sich dabei aber nicht aufs manndecken, womöglich, weil es einfach nicht seinem Naturell entspricht. Er rückte öfters Richtung Koulibaly heraus und war dabei stets darauf bedacht, Jorginho in seinem Deckungsschatten zu haben. Dabei agierte Nagy auf einer Höhe mit dem sehr passivem Verdi und war teilweise gar der erste Pressingspieler der Mannschaft.

Napoli hatte aber keine wirklichen Probleme dieses Pressing von Bologna zu bespielen. Im Spielaufbau erinnerte die Mannschaft fast ein wenig an Sarris Empoli. Die Außenverteidiger blieben eher tief und bildeten mit den Innenverteidigern eine flache Viererkette, davor blieben drei zentrale Mittelfeldspieler ebenfalls recht tief. Somit konnte Napoli den Ball in tiefen Zonen recht gut zirkulieren und den Gegner anlocken, die eher tiefen Mittelfeldspieler sorgten auch für eine Vergrößerung des Zwischenlinienraums. Gut geübt in solch kleinräumigen Kombinationen ist Napoli ohnehin.

Auf die Innenverteidiger von Napoli wurde im Spielaufbau kaum Druck ausgeübt, nur bei Abstößen stellte Bologna wirklich hoch zu. Koulibaly und Albiol sind beide sehr ballsicher, passstark, Koulibaly noch dazu ein situativ sehr guter Dribbler. Koulibaly nahm eine etwas dominantere Rolle im Aufbau ein, er dribbelte stets weit vor und wartete, bis ein Gegenspieler ihn attackierte. Durch dieses Andribbeln kann sich daraufhin leicht Raum in der gegnerischen Defensivstaffelung ergeben, wobei dieser Raum nicht immer einfach zu bespielen ist.

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Napoli überlädt die linke Seite. Insigne lässt sich zurückfallen, Strinic zieht auf, ihre Gegenspieler gehen mit. Krejc bleibt ballfern relativ breit und orientiert sich an Hysaj. 

Problematisch für Bologna war vor allem die Rolle von Simone Verdi. Er presste eigentlich gar nicht. Interessant wäre es etwa gewesen, wenn Verdi die Rolle von Nagy übernimmt und dadurch ein zusätzlicher Mittelfeldspieler vor der Abwehr den Zehnerraum absichern kann. So spielte Nagy quasi zwei Rollen gleichzeitig, er musste Jorginho bewachen und presste dabei zuweilen auch die Innenverteidiger, während Verdi untätig zusah. Aber auch Dzemaili und Taider rückten öfters weit Richtung andribbelnden Innenverteidiger heraus.

Zwar hatten diese beim Rausrücken ihren Gegenspieler zunächst im Deckungsschatten, Napoli konnte diese aber durch einfaches Spiel über den Dritten und generell gute Dreiecksbildung relativ einfach bespielen. Vor allem auch Marek Hamsik half dabei. Er spielte sehr tief, kippte öfters zwischen Koulibaly und Strinic heraus, wodurch er stets auch ein wenig Taider aus seiner Position zog und hinter sich Raum öffnete. Napoli baute dadurch auch vermehrt über die linke Seite auf, Hamsik hatte sehr viele Ballkontakte, war aber vor allem durch seine Bewegung ohne Ball wichtig. Durch sein Herauskippen ermöglichte er auch Strinic eine etwas höhere Position – Hysaj auf der anderen Seite blieb eher tief und eng – und Insigne konnte mehr einrücken, um seinen Platz im Zwischenlinienraum zu nutzen. Diese Abläufe waren unangenehm für die Defensive von Bologna. Der rechte Außenverteidiger Krafth ging teilweise weit mit Insigne mit, verließ dadurch aber seine Position, welche von Di Francesco eingenommen werden sollte. Diese Übergabemomente sind nicht einfach zu organisieren und sowohl Insigne als auch Strinic profitierten öfters davon.

Durch die 2-1-Anordnung in Bolognas Mittelfeld mit den leicht auseinanderziehbaren Dzemaili und Taider im Verbund mit den eher passiven Flügelspielern war das Zentrum und der dynamisch besetzte Zehnerraum vor allem in der Anfangsphase sehr oft offen. Napoli konnte so nach einer zuerst eher geduldigen, tiefen Ballzirkulation sehr schnell das Mittelfeld überspielen und Dynamik aufnehmen. Napoli hatte einige Situationen in denen Insigne oder Callejon im Zwischenlinienraum den Ball bekamen und mit Tempo in einer 3 vs 4 Situation auf Bolognas Abwehr zuliefen. Napoli hatte so eine hohe Dynamik in den Angriffen, spielte diese aber oft nicht ideal aus und kam nur selten zu Abschlüssen von innerhalb des Strafraums.

Mit Fortlauf der Partie kam Napoli zu etwas weniger Chancen, war aber dank der frühen 1:0-Führung durch Callejon nach Flanke von Insigne auf den zweiten Pfosten zufrieden mit einer sicheren Ballzirkulation auf Höhe des Mittelkreises. Bologna dagegen konnte in der ersten Halbzeit kaum eigene Akzente setzen.

Wenn Bologna den Ball hatte, versuchte die Mannschaft stets ruhig und flach aus der Abwehr heraus aufzubauen. Dazu positionierten sich die Innenverteidiger teils auch sehr tief und Torhüter Da Costa wurde ganz gut eingebunden. Napoli presste die Innenverteidiger vereinzelt erfolglos, jedoch konzentrierte sich die Mannschaft auch gar nicht auf ein derart hohes Offensivpressing, sonders versuchte durchaus hoch stehend den Weg übers Mittelfeld hinweg zu blockieren. Bologna konnte so in der Viererkette den Ball halbwegs sicher zirkulieren, konnte aber nicht in höhere Zonen vordringen.

Napoli presste im Offensivpressing vereinzelt in einem klaren 4-3-3, prinzipiell gab es aber das übliche, sehr flexible 4-5-1-Pressing von Sarri zu sehen. Sehr variabel rückten die Mittelfeldspieler heraus, zeigten dabei sehr gute Anlaufbewegungen, und fielen daraufhin wieder zurück. Aus dieser 4-5-1-Grundordnung heraus versuchte Napoli immer möglichst schnell Zugriff auf die ballnahen Optionen zu haben, ließ diese dabei zuerst frei, um nur bei einem Zuspiel schnell reagieren zu können. Napoli zeigte dabei vertikal sowie horizontal gute Kompaktheit, auch wenn etwa Jorginho weiter Richtung Taider, der tieferen der beiden Sechser von Bologna, herausrückte, entstanden keine wirklichen Löcher in der Defensivformation. Lobenswert zu erwähnen ist noch die Defensivarbeit von Manolo Gabbiadini, dem zwar in Ballbesitz nicht viel gelang, aber in der Arbeit gegen den Ball stark arbeitete und vor allem im Rückwärtspressing wertvoll war.

Nach der Halbzeit kam Bologna zum überraschenden Ausgleich. Verdi zog aus der Distanz ab und Pepe Reina machte dabei wahrlich keinen guten Eindruck. Nach dem Tor kam Bologna etwas besser ins Spiel und hatte etwas mehr Ballbesitz. Die Mannschaft von Roberto Donadoni legt ihr Spiel sehr breit ein, beide Außenverteidiger und Flügelspieler halten in Ballbesitz konsequent die Breite. Der Ball wurde in der Viererkette und über die Sechser ein wenig herumzirkuliert, bis er irgendwann am Flügel landete und von Napoli erobert wurde. Die Außenverteidiger konnte die Flügelspieler bereits nur wenig einbinden, vor allem Di Francesco auf rechts bekam kaum Bälle. Hatten Krejc oder Di Francesco mal den Ball konnte sie nur alleine die Linie entlang dribbeln, Optionen ins Zentrum gab es nicht wirklich und die Abläufe im Pärchen mit den Außenverteidiger waren auch nicht ideal (wie soll man als Außenverteidiger auch hinterlaufen, wenn der Flügelstürmer schon an der Outlinie steht?). Etwas unklar war zudem, welche Rolle Nagy in Ballbesitz eigentlich haben sollte. Er spielte etwas vor Dzemaili und Taider, ließ sich aber auch öfters zurückfallen und wich viel in den rechten Halbraum.

Nach 60 Minuten nahm Sarri Gabbiadini vom Platz und brachte dafür Milik, der die Partie auch entscheiden sollte. Zuerst setzt ihn Hamsik mit einem wunderschönen Steilpass perfekt ein, später schloss er von außerhalb des Strafraums ins kurze Eck ab und konnte dabei Tormann Da Costa überwinden. Nach 81 Minuten bekam Bolognas Krafth noch die rote Karte, für ein Foul als letzter Mann. Bologna verteidigte daraufhin im 4-4-1 während Napoli nur noch gemütlich den Ball hin und her schob.

Fazit:

Donadoni passte seine Ausrichtung gegen Napoli interessant an, erfolgreich war er damit jedoch nicht und dies war auch schon nach wenigen Minuten absehbar. Napoli bespielte die Manndeckungen von Bologna sehr gut, vor allem die Abläufe auf der linken Seite mit Koulibaly, Hamsik und Insigne funktionierten sehr gut. Es scheint als hätte die Mannschaft mittlerweile einiges dazugelernt und sich nochmal einen wichtigen Schritt weiterentwickelt. Überbewerten sollte man diese Partie aber auch nicht, da es Bologna Napoli auch nicht besonders schwer gemacht hat. Im Endeffekt hätte Napoli hier auch ein noch besseres Ergebnis erzielen können.

 

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.
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