Unerhörte Effektivität, defensive Flexibilität, Iborra. Villarreal 1 Sevilla 3.

image1Nachdem der FC Sevilla im Sechzehntelfinale bereits in Borussia Mönchengladbach eine Mannschaft mit klar strukturiertem 4-4-2 modernerer Ausprägung ausgeschaltet hatte, wartete nun in der nächsten Runde ein ganz ähnliches Team aus der heimischen Liga auf die Andalusier – der FC Villarreal.

Bereits die ersten Momente des Spiels sorgten dabei für so etwas wie eine Vorentscheidung. Nach weniger als 15 Sekunden war es Linksaußen Vitolo, der die Führung für die Gäste erzielte. Das schnellste Tor in der Geschichte der Europa League. Vorausgegangen war ein langer Ball aus der eigenen Verteidigung auf Zielspieler Iborra, der geschickt in den gut besetzten Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld weiterleitete und so eine 3 gegen 3-Situation in der letzten Linie erzeugte. Noch ehe das Rückwärtspressing der Hausherren greifen konnte, kombinierten sich Gameiro und der Torschütze fein durch und es stand 0:1.

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Szene vor dem 0:1 – Sevilla überlädt den Zwischenlinienraum.

Praktisch im Gegenzug spielte wiederum einer der Innenverteidiger Villarreals einen langen Ball auf den rechten Flügel, wo sich zunächst Uche durchsetzen konnte. Dieser legte auf Vietto zurück, der sich nunmehr im Zwischenlinienraum Sevillas postiert hatte, noch ehe Mbia die entstandene Lücke füllen konnte. Doch das Mega-Talent aus Argentinien scheiterte an der Latte. Der von Real Madrid ausgeliehene Russe Cheryshev vergab auch den Nachschuss aus vielversprechender Position.

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Villareals Chance auf den direkten Ausgleich.

So bekam Sevilla das Spiel trotz in den nächsten Minuten weiterhin enormem Aufwand von Seiten Villarreals immer besser in den Griff. Nominell waren sie ohnehin recht defensiv aufgestellt. Mit Mbia und Krychowiak besetzten zwei Spieler das Mittelfeld, die auch durchaus mal als Innenverteidiger aufgeboten werden. Außerdem war mit Iborra ein eigentlich ebenfalls eher zurückhaltender Akteur in der offensiven Dreierreihe zu finden. Doch seine Rolle sollte, wie bereits beim frühen Führungstor zu sehen, an diesem Abend eine besondere sein und mitentscheidend für den späteren Sieg werden. Der Kapitän spielte nämlich sehr hoch, bot sich immer wieder für hohe Zuspiele an, die er auf die quirligeren Mitspieler ablegte. Gefühlt verlor er im gesamten Spiel kein einziges Kopfballduell.

Das Prunkstück Sevillas war einmal mehr das teilweise sehr variable Defensivspiel, bei dem Mannorientierungen geschickt mit ballorientiertem Verschieben kombiniert wurden. So gab es Situationen in denen sie mit 4 Leuten hoch pressten und somit hinter sich im Mittelfeld eine recht große Lücke ließen, die allerdings aufgrund des hohen Drucks zumeist nur schwer zu bespielen war. Wenn dies doch getan wurde, rückte vor allem Mbia gut heraus und verhinderte ein weiteres Kombinieren, während die vorderen Spieler zurücklaufen konnten.

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Sevilla läuft hoch mit 4 Spielern an.

Diese Vierreihe in vorderster Front gab es auch in etwas tieferer Ausrichtung zu sehen, in der die Mitte für Villarreal so versperrt wurde, dass nur noch ein Weiterspielen über die Flügel möglich war.

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Der entstehende Raum zwischen der vorderen Linie und den defensiven Mittelfeldspielern wird nicht besetzt. Für den Fall, dass es doch geschehen würde, wäre mit einem Herausrücken Mbias zu rechnen.

Situativ gab es auch 4-1-4-1 oder 4-1-3-2-artige Formationen Sevillas zu sehen, wenn Mbia nach vorne aus der üblichen 4-2-3-1-Formation herauslief. Dies wurde allerdings nicht durchgehend so praktiziert, sondern eben wie üblich sehr variabel.

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Herausrücken von Mbia sorgt situativ für ein 4-1-4-1.

Einer der beiden Sechser Sevillas, zumeist war es Krychowiak, rückte zudem teilweise auf die Höhe der eigenen Viererkette, sodass Ansätze einer Fünferkette zu beobachten waren. Wobei die Außenverteidiger, insbesondere Trémoulinas teils weit herausrückten und das Zurückfallen wohl eher balancierend wirken sollte. Teilwiese agierte Sevilla jedoch nicht sehr kompakt, insbesondere in der Horizontalen taten sich immer mal wieder potentiell nutzbare Räume auf, die Villarreal wie im Bild unten durch die typischen einrückenden Läufe von Cheryshev bespielen konnte.

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Sevilla weit in der eigenen Hälfte. Zehnerraum praktisch entblößt.

Villarreal hatte überhaupt unheimlich viel Ballbesitz, den sie jedoch kaum nutzen konnten, um effektiv für Gefahr zu sorgen. Die Außenverteidiger spielten wie üblich ziemlich zurückhaltend, stießen von Zeit zu Zeit allerdings recht klug nach, um den jeweiligen Außenspieler zu unterstützen. Vor allem das Pärchen Costa/Cheryshev setzte das ein paar Mal durchaus ansehnlich um. Des Weiteren wurden des Öfteren ohne großen Effekt Überladungen erzeugt. Die beiden Sechser spielten etwas offensiver als in manch anderer Besetzung, wobei dos Santos im Spielaufbau immer mal wieder ein bisschen näher zu den Innenverteidigern stand, um dort Bälle zu fordern. Zu Chancen kamen sie zumeist entweder eben durch die diagonalen Läufe Cheryshevs oder durch Schnittstellenpässe in die horizontalen Lücken in Sevillas Formation. Neben dem Russen war es Vietto, dem es durchaus gelang, Sevilla die ein oder andere Schwierigkeit zu bereiten. Ebenso wie eine hohe Flexibilität leicht für Chaos sorgen kann, so lässt eine klare Spielanlage das Geschehen wie bei Villarreal oft starr aussehen (umgangssprachlich: „ideenlos“). Ein bisschen mehr von ersterem hätte ihrem Spiel sicher nicht übel zu Gesicht gestanden.

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Vietto startet in den Raum zwischen rechtem Innen- und zugehörigem Außenverteidiger und wird angespielt.

Mit der Zeit spielte Sevilla in einem immer klareren 4-4-2, das zum Teil horizontal äußerst weiträumig war, sich jedoch bei Gefahr schnell zusammenzog.

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Sevillas 4-4-2 mit herausrückenden Außenspielern.

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Ungewohnt seltener Anblick in diesem Spiel: Villarreals typisches 4-4-2 mit viel Raum zwischen den Stürmern und der Mittelfeldreihe

Konterszenen gab es logischerweise kaum für Villarreal und wenn doch, dann kam Sevilla unheimlich schnell mit vielen Spielern wieder hinter den Ball.

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Egal wie schnell du bist – Sevilla ist schneller.

Andersherum klappt das schon besser – aus dieser Situation entsteht ein Lattenschuss von Vidal, der fast für das 0:3 schon in der ersten Halbzeit gesorgt hätte.

Andersherum klappt das schon besser – aus dieser Situation entsteht ein Lattenschuss von Vidal, der fast für das 0:3 schon in der ersten Halbzeit gesorgt hätte.

Neben der flexiblen Defensive war es die beängstigende Effektivität der Andalusier, die dieses Spiel entschied. Aus der ersten Chance nach der Führung resultierte in der 36. Minute sogleich das 0:2 durch Mbia, wenn auch aus knapper Abseitsposition. Selbst als Villarreal schwungvoll aus der Pause kam, mit dem durchschlagskräftigeren Campbell für Gómez, und Vietto aus einer unübersichtlichen Situation heraus das 1:2 erzielte (übrigens hervorragend entschieden vom Schiedsrichtegespann), hatten sie eine sofortige Antwort parat. Natürlich war es nach einem Freistoß in der Nähe der Mittellinie Iborra, der sich per Kopf gegen mehrere Gegner durchsetzte und auf Kevin Gameiro zurücklegte. Der Franzose vollendete ebenso sehenswert wie unbedrängt, weil auch Carrico zwei Gegenspieler auf sich ziehen konnte.

In der Folge zog sich Sevilla in ein tieferes 4-4-2 zurück und ließ nur vereinzelt Chancen zu, die auch eher aus Einzelaktionen entstanden.

Typisches Bild: Villarreal rennt gegen die gut verengte Mitte an.

Typisches Bild: Villarreal rennt gegen die gut verengte Mitte an.

Sevillas tieferes, kompakteres 4-4-2.

Sevillas tieferes, kompakteres 4-4-2.

Aufseiten der Gäste kam dann noch der physisch extrem starke Carlos Bacca für Gameiro, um für einige aussichtsreiche Szenen bei Kontern zu sorgen. Spätestens als dann in der 75. Minute Fußballgott Éver Banega das Spielfeld im Tausch mit Iborra betrat, war die Partie gelaufen.

Abschließend sei zusätzlich auf den WhoScored match report verwiesen, der ein paar interessante Dinge zeigt. Eines Fazits bedarf es wohl kaum:

– 50% der Abschlüsse Villarreals kamen von außerhalb des Strafraums, während Sevilla zu 100% (!) innerhalb des Sechzehners abschloss.

– Krychowiak spielte effektiv auf einer Linie mit den Innenverteidiger, Mbia nur knapp davor. Vidal war ebenfalls sehr weit eingerückt, wohl als Reaktion auf die Läufe Cherysovs. Dafür nahm sich die Positionierung von Trémoulinas deutlich offensiver heraus.

Über Eduard Schmidt

Für mehr (post-) modernen Fußball! Für mehr durchdachten taktischen Mut! Wir haben das noch nie so gemacht - lasst es uns versuchen. Twitter: @EduardVSchmidt
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Ein Kommentar

  1. Ganz großes Debüt. Weiter so!

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