Spielsysteme auf dem Kleinfeld: Über Möglichkeiten und Sinn

Sind die jetzt endgültig verrückt geworden? Wollen die jetzt schon unsere Kinder mit ihrem fachmännischen Gelaber, das niemand versteht (geschweige denn braucht) verstören? Ich kann Sie, liebe Eltern, beruhigen. Kein Kind im Kleinfeldalter wird Wörter wie Deckungsschatten, (Gegen-)Pressing oder Halbraum zu hören bekommen. Gleichwohl besteht die Chance, dass es zu einer gewissen Zeit dennoch weiß, was das ist, ohne jedoch die Begrifflichkeiten zu kennen. Fußballtraining im Allgemeinen und insbesondere im Kleinfeldalter findet heute mehr implizit als explizit statt. Das heißt: Die Spieler lernen im Optimalfall wichtigste Dinge wie nebenbei, ohne dass sie tatsächlich merken, was im Detail dahinter steckt. Vielmehr sind sie durch bestimmte Aufgabenstellungen dazu aufgefordert, selbst kreativ zu werden, selbst Lösungen zu finden. Nach diesem Prinzip designen Trainer, je nachdem, was sie eben beizubringen gedenken, Übungen. Man darf sich das Ganze selbstverständlich dennoch nicht als eine Sache vorstellen, die ohne Erklärungen einfach so abläuft, ohne dass der Trainer je eingreifen würde. Kommunikation ist im Gegenteil elementarer Bestandteil einer derartigen Lehre. Nur soll eben jene zwischen den Spielern gefördert werden und nicht eine schlimmstenfalls einseitige auf dem Wege von Trainer zu Spieler. Ein moderner Trainer braucht, so kann man es wohl durchaus formulieren, einen gewissen Mut. Den Mut, auch mal zu schweigen. Und gleichzeitig Dosierung und Timing. Timing, doch das richtige in den richtigen Momenten zu sagen, so dass es die jungen Spieler verstehen. Gerade Lob lässt sich sowohl zu Gunsten der Entwicklung als auch genau entgegengesetzt einsetzen. Wenn ich einen Spieler für seine Kombinationsansätze, für seine klugen Dribblings lobe, wird er diese mit zusätzlichem Mut weiterhin ausprobieren. Selbiges würde allerdings auch im Falle des Lobs für blind nach vorne geschlagenen Bällen passieren.

Fest steht jedenfalls: Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering, dass ein Spieler den Ball das nächste Mal zum besser postierten Mitspieler gibt, nur weil der Trainer ihm zuruft: „Da stand einer frei. Guck hin!“. Eine speziell entworfene Übung hingegen, die innerhalb einer Spielform das Umblickverhalten schult, den Spieler auf diese Passmöglichkeit gewissermaßen hinweist, ohne dass andere Möglichkeiten per se ausgeschlossen werden, dient dem, was man Entscheidungsfindung nennt. Auf diesem Feld liegt vieles, was den Fußball in Zukunft noch beschäftigen und auszeichnen wird, den überragenden mehr denn je vom ganz guten Fußballspieler trennen wird. Das ist als Jugendtrainer doch schließlich unsere Aufgabe: Die Spieler auf eine Art von modernem Fußball vorzubereiten, die es so womöglich noch kaum gibt. Seinen Trainerberuf, der ja meist mehr eine nahezu unentgeltiche Nebenbeschäftigung ist, korrekt auszuüben, heißt gewissermaßen Avantgardist oder Entrepreneur zu sein. Keinen Stein auf dem anderen zu lassen, ganz gleich wie schwer sie sich auch anheben lassen. Ungeachtet dessen, dass manches Mal der Stein auch hinunterfallen mag und einem selbst auf den Füßen landet.

Durchaus logisch ist es da also nur, dass man sich früher oder später auch den „Spielsystemen“ beziehungsweise „Formationen“ seiner Jugendmannschaft zuwendet. Ganz gleich wie sehr man ein Anhänger des „deliberate play“ ist – kontrolliertes Chaos wirkt durchaus ansprechender und für die Entwicklung sinnvoller als völlige Anarchie, ohne Spaß und Freiheit grundsätzlich einzuschränken. Darum geht es eben nicht, schon gar nicht in diesen jungen Altersklassen: Man will niemanden in ein Korsett zwingen, überladen mit Anweisungen, die kaum verstanden oder gemerkt werden können. Das berühmte Augenmaß ist schon eher gefragt, wenn man den ansonsten impliziten Lernprozess mit einigen zunächst einfachen Aufgaben peu à peu anreichert und wiederum in diesen integriert. Am besten man bereitet sie noch so auf, dass sie sich in der Gedankenwelt der Kinder interessant darstellen. Ein Schmierzettel wirkt wenig spannend. Ein leuchtendes Tablet mit Grafiken könnte ein Kind unserer Zeit schon eher begeistern. Die Diskussion über Sinn und Unsinn, über Schaden und Nutzen solcher Geräte erscheint in diesem Zusammenhang müßig, zumal bereits 10jährige mit eigenem Smartphone hantieren.

Strategie („der große Plan“), Taktik („der konkrete Plan“) und Spielsystem/Formation verfolgen hierbei ein gänzlich anderes Ziel als im höheren Jugend- und vor allem im Erwachsenenalter. Man könnte es folgendermaßen darstellen: Statt wie allzu oft „Gewinnen und optimalerweise noch attraktiven Fußball spielen“ heißt es eher andersherum „Möglichst attraktiven Fußball spielen und optimalerweise noch gewinnen, aber nicht unbedingt“.

Wie unwichtig das bloße Siegen in der Jetzt-Zeit ist, lernt man wohl am besten, wenn man mit einer Mannschaft zusammenarbeitet, die (nahezu) immer verliert. Selbstverständlich wird sich gerade bei einer zweistelligen Anzahl an Gegentoren auch mal ein gewisser Frust ansammeln. Doch sobald spürbare Fortschritte einsetzen, Torchancen herausgespielt, ja: Tore erzielt werden, rückt das zahlenmäßige Ergebnis auch in den Köpfen der Kinder immer mehr in den Hintergrund. Es wäre hingegen ein Fehler in Erwartung allzu hoher Niederlagen der Mannschaft eine defensive, schlimmstenfalls destruktive Spielweise anzueignen, bei der das einzige Ziel ein letztlich unerreichbares ist, nämlich kein Gegentor zu kassieren. Eine Formation für Kleinfeldmannschaften kann also schlichtweg zu defensiv, aber praktisch nicht zu offensiv angelegt sein. Selbst wenn sich das Team gegen einen starken oder gar übermächtigen Gegner im Endeffekt doch mit 4 Spielern in der letzten Linie wiederfindet, was wohl in derartigen Fällen unvermeidbar ist: Von der Geisteshaltung, von der Kommunikation wird ein Gefühl der Offensive verbreitet, was auch in den schwersten Situationen immerhin einen Anfang darstellt.
Kritiker können an dieser Stelle und überhaupt zu Formationen im Kindesalter entgegnen, die Spieler würden ohnehin nie tatsächlich in der vorher angesagten Aufstellung auf dem Feld zu sehen sein und die Anordnung auch kaum verstehen. Zu letzterem verlor ich bereits ein paar Worte. Mit ein wenig Mühe seitens des Trainers, mit Geduld und kleinen Schritten, wird hier die Empirie in den meisten Fällen das Gegenteil beweisen. Selbst meine U11, bestehend teilweise aus blutigen Fußballanfängern, verstand nach einigen Wochen des gemeinsamen, hinführenden Trainings, schon ungefähr, was es auf sich hatte mit der von mir präsentierten Formation. Eine solche, und das sollte man nicht vergessen, schafft schließlich auch gewisse Referenzpunkte für die Spieler, wenn sie zum Beispiel aus der Darstellung wissen: „Ich muss mich die meiste Zeit irgendwo zwischen Mitspieler X und Y bewegen.“ Dass nur eine Art der Anordnung über das gesamte Spiel hinweg zu sehen ist, kommt schließlich auch im professionellen Fußball herzlich selten vor.

Man sollte diese „Formationen“ auf dem Kleinfeld dennoch nicht überbewerten. Aber auch nicht vollständig vernachlässigen, wozu die Neigung in diesem Fall, aber auch generell, eher geht. Von „Spielsystemen“ im wahrsten Sinne des Wortes zu reden, ist jedoch kaum angebracht. Eher sind die Anordnungen so etwas wie Stützen für das Spiel der Mannschaft, jedoch keine festen Grundsätze. Auch Strategie und Taktik im eigentlichen Sinne treten tendenziell nicht auf, wenngleich eine übergreifende Planung selbstverständlich zwingend notwendig ist. Ohne Fokus auf etwaige Gegner, stattdessen mit höherer Konzentration auf mittel- bis langfristige Entwicklungsschritte. Ein konzeptloser Trainer ist auf lange Sicht vieles, aber wohl kein tatsächlicher Trainer.

Zum Abschluss noch ein paar kurz ausgeführte Ideen zu Formationen, mit möglichen Dreiecken, die bei der Ausführung implizit entstehen können. Also ziemliche Theorie. Das sollte zum Thema vorerst reichen.

Standard: 1-3-3. Klare Aufteilung in Offensive und Defensive, welche die Entstehung des obligatorische "Lochs" im Mittelfeld zusätzlich befördert. Doppelte Flügelbesetzung. Stattdessen Unterbetonung der Mitte. Und überhaupt der Verbindungen zueinander.

Standard der Fußballkonservativen: 1-3-3. Klare Aufteilung in Offensive und Defensive, welche die Entstehung des obligatorischen „Lochs“ im Mittelfeld zusätzlich befördert. Doppelte Flügelbesetzung. Stattdessen Unterbetonung der Mitte. Und überhaupt der Verbindungen zueinander. Diagonalität?

Halbräume. Was sind Halbräume? Die Stellen, wo niemand ist. Ein Bewusstsein dafür ließe sich einfach durch Spielformen mit entsprechender Feldaufteilung schaffen.

Halbräume. Was sind Halbräume? Die vertikalen Bahnen, denen niemand zugeteilt ist. Ein Bewusstsein dafür ließe sich einfach durch Spielformen mit entsprechender Feldaufteilung schaffen.

Etwas andere Ausführung des 1-3-3, in der zumindest Halbräume etwas mehr Beachtung finden.

Etwas andere Ausführung des 1-3-3, in der zumindest Halbräume etwas mehr Beachtung finden.

1-2-3-1. Deutlichere Verbindungen im Vergleich zum 1-3-3. Drei statt zwei Linien.

1-2-3-1. Deutlichere Verbindungen im Vergleich zum 1-3-3. Drei statt zwei Linien.

1-2-1-2-1. Im Prinzip das gleiche wie zuvor beim 1-2-3-1, jedoch mit deutlicherer Verbindungsspieler-Aufgabe für die ganz spielintelligenten Kandidaten.

1-2-1-2-1. Im Prinzip das gleiche wie zuvor beim 1-2-3-1, jedoch mit deutlicherer Verbindungsspieler-Aufgabe für die ganz spielintelligenten Kandidaten.

Was würde Paco tun? 1-1-2-2-1/1-1-2-3 mit nur einem nominellen Verteidiger und dadurch von Zeit zu Zeit Defensivaufgaben für Halb- und Flügelspieler. Potentiell größere Einheit von Defensive und Offensive.

Was würde Paco tun? 1-1-2-2-1/1-1-2-3 mit nur einem nominellen Verteidiger und dadurch von Zeit zu Zeit Defensivaufgaben für Halb- und Flügelspieler. Potentiell größere Einheit von Defensive und Offensive.

2-2-1-2. Oder: Die ultimative Hipster-Variante mit Torwartkette. Mitspielen früh eindrucksvoll und nicht nur als Phrase aus dem Fernsehen lernen.

2-2-1-2. Oder: Die ultimative Hipster-Variante mit Torwartkette. Mitspielen früh eindrucksvoll und nicht nur als Phrase aus dem Fernsehen lernen.

P.S.: Hört auf, eure Kinder Runden laufen zu lassen. Hört auf, sie aufzufordern, „näher am Mann zu stehen“, „Gegenspieler zu decken“. Lasst sie lieber Fußball spielen. Immer weiter. Immer.

Über Eduard Schmidt

Für mehr (post-) modernen Fußball! Für mehr durchdachten taktischen Mut! Wir haben das noch nie so gemacht - lasst es uns versuchen. Twitter: @EduardVSchmidt
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9 Kommentare

  1. Es heißt immer, Positionen seien nicht so wichtig und die Ergebnisse der Spiele auch nicht. Dennoch erlebe ich wöchentlich bei der F und E-Jugend genau das Gegenteil. Kinder die angeschrien werden, wenn sie ihre Positionen nicht halten oder wenn sie nicht hart am Mann verteidigen. Und wer verliert schon gerne. Theorie und Praxis klaffen doch stark auseinander.

  2. Bin hier gelandet, weil ich nach Kritiken der Taktik 6+1 DVD der MfS gesucht habe. Sehr guter Artikel und der Blog ist in den Bookmarks. 🙂

  3. Sehr guter Artikel!

    Ich bin selbst seit mehreren Jahren im Kleinfeldbereich unterwegs und kann dem 3-3 auch nicht viel abgewinnen.

    Etwas schade finde ich, dass die Formationen nur unter dem Aspekt der Verbindungen (Passspiel) beleuchtet werden. Gerade der kindliche Drang nach Dribbling sollte zumindest im F-Jugend-Bereich Teil der Formations-Überlegungen sein. Und das ist es gut, mit drei Verteidigern zu spielen. Zum einen wegen der Absicherung, zum anderen um die Räume zum Dribbling nicht formativ zuzustellen.

    Mein Favoriten:

    Bambini – ohne Positionen, freies Spiel
    F-Jugend – 3-2-1 ggf. 3-1-2
    E-Jugend – 2-3-1 bzw. 2-1-2-1

  4. Ich habe meinen Kindern gesagt: „Egal was ihr macht, ihr müsst immer nur sehen, dass nicht nicht zuw eit voneinander entfernt seid.“ Wir haben das auch in kleinen Spielen spielerisch trainiert. Nicht nur, dass sie das schnell und unkompliziert verstanden haben, das Spielen hat ihnen auch viel mehr Spass gemacht.

  5. Hallo,
    ist mein erster Kommentar hier, glaub ich zumindest.
    Guter Artikel und weiter so!
    LG

  6. „Kritiker können an dieser Stelle und überhaupt zu Formationen im Kindesalter entgegnen, die Spieler würden ohnehin nie tatsächlich in der vorher angesagten Aufstellung auf dem Feld zu sehen sein und die Anordnung auch kaum verstehen.“

    Sowas amüsiert mich immer wenn ich es lese:
    Ich habe schon einzelnen(!) 5-jährigen erklärt warum sie etwas tun sollen, z.B. das man manchmal absichtlich das Spiel verlagern muss und das gewisse Abstände wichtig sind damit die Pässe funktionieren.

    Natürlich rennen manche bis sie 12 sind kopflos dem Ball hinteher, aber das muss man halt nutzen. Man muss Aufgaben vermitteln, nicht Positionen, bevor die Kinder überhaupt eine Ahnug haben welche Rolle und Aufgaben eine Positionen überhaupt hat.
    Aber hey, da wäre ja Kompetenz gefragt.

    • Eduard Schmidt

      Völlig richtig.
      Was du ansprichst und was auch noch mal betont werden sollte: Keine festen Positionen (eventuell Torwart, trotzdem ins Teamtraining fußballerisch integrieren).
      Auch keinen festen Kapitän. Da entstünden sofort hierarchische bis festgefahrene Strukturen, die für eine langfristige Weiterentwicklung wenig förderlich sind.

      • Absolut, macht aber keiner, weil da ja die Ergebnisse drunter leiden (bzgl. Positionen).
        Selbst den Torwart sollte man problemlos wechseln können, ich trainiere seit 3 Jahren eine inzwischen U11 und da sind jetzt halt 4 Kinder, die im Tor alle gleich gut sind wie die jeweils gegnerischen Torspieler.

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