Türchen 14: Variable Kontaktbegrenzungen

Von Alex Lawrence

Kontaktbeschränkungen kommen auf allen Ebenen des Fußballtrainings vor. Sie stellen ein nützliches Werkzeug dar, um alle Aspekte des Spiels zu akzentuieren. Die Begrenzung der erlaubten Anzahl an Kontakten, die ein Spieler während eines einzelnen individuellen Ballbesitzes zur Verfügung hat, sorgt für eine höhere Rate an Fußballaktionen: Sowohl in als auch ohne Ballbesitz bleibt weniger Zeit für Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse, während die physiologischen Anforderungen aufgrund der häufiger notwendigen Anpassungen steigen.

Mit einem geringeren Maß an verfügbarer Zeit steigt die Bedeutung jener Aktionen, die (zeitlich) vor der technischen Ausführung stehen, beispielsweise Positionierung und (Vor-)Orientierung. Je mehr Unsauberkeiten dabei auftreten, desto häufiger treten Ballverluste auf. Somit bekommen die Spieler ein direktes Feedback, um ihre eigene Leistung zu reflektieren.

Doch Fußball ist ein Spiel, das in verschiedenen Rhythmen stattfindet und nicht bloß One-Touch-Kombinationen enthält. Dementsprechend bildet die Fähigkeit, den Rhythmus des Spiels zu kontrollieren, einen wichtigen Baustein, um den Ballbesitz zu sichern. Ein zu schneller Rhythmus kann dazu führen, dass Spieler den Ball erhalten, bevor sie Unterstützung erhalten. Dadurch werden sie isoliert. Ein zu langsamer Rhythmus gibt dem Gegner wiederum viel Zeit zum Verschieben, was es schwieriger macht, einen Pass durch sie hindurch erfolgreich anzubringen.

Im tatsächlichen Spielgeschehen müssen die Spieler selbst einschätzen und entscheiden, wie viele Kontakte sie für eine Aktion gebrauchen. Dadurch können Übungen mit Kontaktbeschränkungen die zur Verfügung stehenden Entscheidungsmöglichkeiten unrealistisch einschränken. Dies macht es wiederum besonders wichtig zu verstehen, welche Art des Spiels und welchen Rhythmus man mit einer allgemeinen Kontaktbegrenzung provoziert. Passt die Vorgabe zu den konkreten Trainingszielen?

Ein üblicher Weg, um diese Problematik zu umgehen, ist es schlichtweg, Trainingsformen auf engerem Raum durchzuführen. In einem solchen Umfeld verfügen die Verteidiger praktisch ständig über Zugriff auf den Ball, was ein Spiel mit weniger Kontakten unabdinglich macht. Gleichzeitig bietet sich aber dennoch die Möglichkeit, den Rhythmus situativ zu verlangsamen, zum Beispiel, um den Druck des Gegners bewusst zu provozieren und so anderswo freie Räume zu schaffen.

Im Training mit unserer Mannschaft haben wir in dieser Saison variable Kontaktbegrenzungen genutzt, die sozusagen einen Mittelweg darstellen. Einerseits bleiben die allgemeinen Vorteile derselben erhalten, andererseits wird im Gegensatz zu einer allgemeinen Beschränkung dennoch ein wettkampfgemäßer Rhythmus beibehalten. Wir nutzten variable Kontaktbegrenzungen hauptsächlich in drei unterschiedlichen Wegen:

  1. Als Mittel zur Punkt- bzw. Torerzielung
  2. Als Voraussetzung für Punkterzielung
  3. Als Reaktion auf vorangegangene Aktionen

Variable Kontaktbegrenzung als Mittel zur Punkt- bzw. Torerzielung

Wir haben diese Art der Trainingsform sowohl als Positionsspiel als auch im Rahmen von freieren Spielformen erfolgreich implementiert. In Positionsspielen konnten Punkte entweder durch eine bestimmte Anzahl von Pässen mit einem Kontakt innerhalb einer ununterbrochenen Ballbesitzphase, von einem neutralen Spieler, der einen Pass mit einem Kontakt spielen muss oder durch das Spiel über den Dritten mit einem Kontakt erzielt werden. Für freiere Spielformen nutzten wir dabei vor allem letztere Regel, wobei die Anzahl an „dritten Spielern“ durch den Einsatz von Toren noch vergrößert wurde.

Eine Anmerkung zu Toren

Dieses Jahr verfügt unser Kader lediglich über einen Torhüter. Dies schränkt zunächst ein, welche Art von Trainingsformen wir verwenden können. Doch das Einführen der Regel, dass mit einem Kontakt abgeschlossen werden muss, erlaubt es uns auch in dieser Konstellation bidirektionale Spielformen durchzuführen. Manchmal fügen wir zusätzlich ein Hindernis hinzu, welches im leeren Tor steht und einen Torhüter simuliert oder definieren gewisse Zielbereiche (zum Beispiel die unteren Ecken).

Solch eine Regel provoziert gleichzeitig einige der von uns gewünschten Verhaltensweisen. So sind die Stürmer dazu angehalten, sich näher aneinander zu halten und sich dadurch stets unterstützen zu können. Gleichzeitig braucht es in höheren Zonen eine schnelle Ballzirkulation, um den zur Verfügung stehenden Raum in idealem Maße für Abschlüsse nutzen zu können. Gegen den Ball muss gleichzeitig Zugriff auf mehrere Offensivspieler aufrechterhalten werden. Nach gespieltem Pass gilt es, möglichst aggressiv zu pressen und den Ballempfänger unmittelbar unter Druck zu setzen oder den Ball gar vor ihm zu erreichen und abzufangen.

Variable Kontaktbegrenzung als Voraussetzung für Punkterzielung

Die folgenden beiden Spielformen bildeten einen Kern unseres diesjährigen Trainings. Das 5 gegen 5 plus 3 „Mittelfeldspieler-Spiel“ sieht vor, dass alle drei neutralen „Mittelfeldspieler“ den Ball berühren, bevor ein Tor erzielt werden kann. Zudem dürfen sie sich nicht alle in der gleichen Hälfte des Spielfeldes aufhalten. Wird ein „Mittelfeldspieler“ das erste Mal in einer Ballbesitzphase angespielt, so muss er mit einem Kontakt agieren, anschließend darf er frei agieren. Dadurch sehen sich die Neutralen immer noch den Anforderungen eines Spiels mit begrenzter Kontaktzahl ausgesetzt, kommen aber zeitgleich auch noch in den Genuss des freien Spiels.

5 gegen 5 plus 3 – „Mittelfeldspieler-Spiel“

Unser 4 gegen 4 plus 4 „Flügelspieler-Spiel“ wird im Rahmen eines wöchentlichen Wettkampfs gemeinsam mit dem jüngeren Jahrgang durchgeführt. Dabei gibt es fest zugeteilte Mannschaften für die gesamte Saison, die in einem Ligasystem mit Tabelle und Aufstieg/Abstieg organisiert ist.

Die vier Neutralen teilen sich auf die beiden Spielfeldhälften auf. Beide Neutralen, die sich aus Sicht des ballbesitzenden Teams in der gegnerischen Hälfte befinden, müssen den Ball berühren, bevor ein Tor erzielt werden darf. Wie im „Mittelfeldspieler-Spiel“ gilt: Wird ein „Flügelspieler“ das erste Mal in einer Ballbesitzphase angespielt, so muss er mit einem Kontakt agieren, anschließend darf er frei agieren. Die beiden in der eigenen Hälfte befindlichen Neutralen („Außenverteidiger“) müssen mit maximal zwei Kontakten agieren. Das erste Team, welches zwei Tore erzielt, gewinnt. Die Verlierer tauschen mit den Neutralen.

4 gegen 4 plus 4: „Flügelspieler-Spiel“

Beide Spielformen geben aufgrund der zwingenden Einbindung der Neutralen Anlass dazu, verschiedene Taktiken und Strategien anzuwenden. Flache Hereingaben von Flügelspieler zu Flügelspieler im Allgemeinen und Cutbacks im Besonderen sind im „Flügelspieler-Spiel“ ebenso üblich wie Spiel über den Dritten, um einen Schützen mit offenem Blickfeld anzuspielen.

In beiden Spielen werden die Mannschaften immer wieder einmal dazu übergehen, die Neutralen mannzudecken, damit diese nicht an den Ball kommen und der Gegner somit kein Tor erzielen kann. Falls dies auftritt, muss das ballbesitzende Team Ruhe bewahren und auf den richtigen Moment warten, um einen der Neutralen anzuspielen – entweder direkt oder als „dritten Spieler“. In beiden Spielen gibt es zudem eine Belohnung für hohes Pressing: Gewinnt man den Ball in der gegnerischen Hälfte, so kann direkt abgeschlossen werden.

Variable Kontaktbegrenzung als Reaktion auf vorangegangene Aktionen

Vor allem Positionsspiele mit einem Fokus auf Tiefe (lange und enge Felder: Spielen im Schlauch) bergen stets das Risiko eines „einfachen Entkommens“, indem ein hoher Pass direkt von einer Seite auf die andere geschlagen wird und das Pressing des Gegners dadurch komplett aufgelöst wird. Eine mögliche Lösung dafür wäre es, hohe Zuspiele gänzlich zu verbieten. Damit wird zwar das Problem gewissermaßen gelöst, doch man nimmt den an den Stirnseiten positionierten Spielern gleichzeitig die Möglichkeit, Chipbälle einzustreuen, wenn diese tatsächlich angebracht wären – insbesondere für Torhüter und Innenverteidiger ein wichtiger Bestandteil des Spiels.

Stattdessen spielen wir also mit der Bedingung, dass nach jedem Pass von Stirnseite zu Stirnseite eine Ablage mit einem Kontakt erfolgen muss. Dies verhindert, dass der Ball einfach ohne ersichtlichen Grund von einem Ende ans andere geschlagen wird, da derlei Zuspiele unmittelbar verarbeitet werden müssen. Zusätzlich sind die Spieler im Zentrum dazu angehalten, lange Bälle schnell entsprechend zu unterstützen und sich für eine Ablage anspielbar zu machen.

Beispiel für ein Positionsspiel: Blau spielt im 5v3 von Seite zu Seite. Tun sie dies mit einem Pass, muss die Ablage mit einem Kontakt erfolgen. Gewinnt weiß den Ball, spielen sie ihrerseits ein 5v3 von einer Seite zur anderen.

Coachingpunkte

In den meisten dieser Spielformen lassen sich ähnliche Dinge coachen. Da nahezu alle unserer Gegner im Wettkampf zumindest situativ manndecken, benutzen wir derlei Formen häufig, um den Spielern Wege aufzuzeigen, wie sie sich aus einer solchen Deckung lösen und diese umspielen können. Dabei kommt es vor allem für die Spieler im Zentrum darauf an, mit einer begrenzten Kontaktzahl zu agieren, da sie sich unmittelbar im Zugriffsbereich eines Verteidigers befinden. Zudem genießt das Spiel über den Dritten in diesem Kontext einen hohen Stellenwert. Konkrete Coachingpunkte können wie folgt aussehen:

  • Die seitlichen Spieler müssen sich so bewegen, dass sie den Ballempfänger (Neutralen) unmittelbar mit dessen Annahme unterstützen können und für eine Ablage zur Verfügung stehen (Punkterzielung). Für sie soll eine Spielfortsetzung dann unmittelbar möglich sein, weshalb eine gute Körperstellung zur Sicherung des Ballbesitzes unabdinglich ist.
  • Die zentralen Spieler müssen so häufig wie möglich bereits die nächste (idealerweise vorwärtsgerichtete) Passoption ausfindig machen und sich so positionieren, dass sie diese so einfach wie möglich sehen und bedienen können.
  • Spieler, die eine Ablage verwerten wollen, müssen aufpassen, wohin sie sich bewegen und in welchem Moment dies geschieht. Laufen sie am ersten Passempfänger vorbei, so wird es für diesen in der Regel schwerer, sie mittels einer Ablage zu erreichen.
  • Es sollte vermieden werden, den ersten Pass ins Mittelfeld zum am engsten gedeckten Spieler zu spielen – außer sein Bewacher soll aus der Position herausgezogen werden. Der gedeckte Spieler blickt in der Regel auf sein eigenes Tor und kann praktisch nur zur Ausgangsposition zurückpassen. Somit trägt ein Pass zu ihm in der Regel nicht zu einem gezielten Ballvortrag bei. Um einen solchen zu gewährleisten, sollte der Passgeber sich stets an der weitest entfernten Passoption orientieren, die flach anspielbar ist. Eine Ablage in höheren Zonen führt dann schließlich dazu, dass ein Spieler den Ball mit Raumgewinn und Blick zum gegnerischen Tor erhalten kann.

Spielkontext

Gegen in extremem Maße manndeckende Gegner (3-1-4-2 als Spiegelung unseres 4-3-3) hat sich das Spiel über den Dritten von unserem Mittelstürmer zu einem hochschiebenden Achter als effektiv erwiesen, um Durchbrüche zu erzielen. In Spielen, bei denen wir uns schwertun, durch das Zentrum zu spielen, nutzen wir Rochaden zwischen Flügelspieler und Außenverteidiger, um tiefe Anspieloptionen zu kreieren. Dabei generieren wir potentiell auch noch einen freien Spieler im Halbraum und können ein weiteres Spiel über den Dritten in Richtung Sechser/Achter anleiten.

So spielt man gegen Manndeckung. Variable Kontaktbegrenzungen helfen dabei, entsprechende Prinzipien abwechslungsreich im Training zu erlernen.

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