Tür 23: Lösungen bei Mannorientierungen

Taktik bedeutet geplante Handlungen anzuwenden um Erfolg zu haben. Also auf den Fußball bezogen im Spiel Strategien zu entwickeln und Aktionen auf den Platz zu bringen. Als einzelner Spieler und auch als Mannschaft versuche ich meinem Gegner einen Schritt voraus zu sein.

Einfach heruntergebrochen, ich will den Ball erobern/haben und mit Ball am Gegner vorbei kommen.

Bei diesen Überlegungen spielt immer auch mein Gegner eine Rolle, d.h. nicht nur meine Art und Weise zu stellen, meine Ideen entscheiden über den Fortgang oder die beste Lösung, sondern im Prinzip entscheidet mein Gegner. Welche Räume bietet er mir, welche Schwachstellen kann ich erkennen, wie versucht er sein eigenes Spiel zu gestalten.

Gegen diese Verhaltensweisen; gegen seine Idee mein Spiel, oder mich als Gegenspieler zu kontrollieren, muss ich eine Lösung finden. 

Über viele Jahre war in der Defensive die vorherrschende Strategie eine ballorientierte Raumdeckung. Also Spielräume verkleinern, ballorientiert verschieben, lenken, Überzahl herstellen, situativ doppeln. Gegen diese Art und Weise zu verteidigen bieten sich viele Prinzipien oder Möglichkeiten an. Ich kann beispielsweise versuchen durch Spielverlagerungen Raum zu schaffen oder gegen die Verschieberichtung zu spielen; auf einer Spielfeldseite Überzahlsituationen schaffen und diese dynamisch bespielen oder noch einmal das Spiel verlagern, wenn der Gegner extrem verschiebt. Wichtig in diesem Zusammenhang sind immer wieder eine gute Raumaufteilung, gute Positionierungen (zwischen Gegenspielern positionieren, „schwimmen“, sich in den Zwischenräumen bewegen, im Rücken des Gegenspielers anbieten, Verbindungen untereinander herstellen, diagonale Anspielstationen schaffen…). 

Bei meiner Arbeit als Auswahltrainer und in der Trainerausbildung erlebe ich im Moment, dass diese „Basics“ mittlerweile bei vielen Spielern und auch Trainern grundsätzlich gut verinnerlicht sind und in vielen Trainingsformen (Rondos / positionsorientierte (Überzahl)spielformen ) im Fokus stehen.

Was wir aber jetzt im Spitzenfußball und teilweise auch wieder im Jugend- und Amateurfußball sehen ist ein Trend zu mehr Mannorientierung in der Defensive. Nicht nur im Strafraum, sondern teilweise über den ganzen Platz. Bielsa mit Leeds ist nur ein prominentes Beispiel, viele Teams pressen mittlerweile sehr mannorientiert. Gegen diese Mannorientierungen Lösungen zu finden (als Mannschaft und auch individuell bzw. in Kooperation mit einem Mitspieler) sind Inhalte, welche wir nicht vernachlässigen sollten.  

In der Ausbildung von Spielern muss es das Ziel sein, alle Facetten des Spiels abzubilden und so in Trainingsformen zu verpacken, dass Lösungen gegen unterschiedliche Strategien des Verteidigens vermittelt werden. Mein Eindruck aktuell ist, dass dafür zu wenig Zeit in Training und Wettkampf investiert wird. 

Wenn es darum geht, Lösungen gg mannorientiertes Verteidigens zu finden lohnt sich meines Erachtens ein Blick über den Tellerrand.

Im Handball gilt bei der Ausbildung der Grundsatz „in Manndeckung spielen lernen“. Man nutzt einen ganzheitlichen Ansatz, um sich gezielt in der Defensive und Offensive zu verbessern und spielerisch Lösungen zu kreieren. Im Wettspiel der E-Junioren wird in zwei Zonen 3gg3 in Manndeckung gespielt. In den Regeln ist verankert, dass alle Spieler Mann gegen Mann verteidigen müssen. Kontrolliert wird dies vom Schiedsrichter.  Entstanden ist diese Form, weil viele Teams bereits Raumdeckung rund um den Kreis spielten und somit keinerlei Spielfluss zu Stande kam. Ohne Spielfluss, ohne Aktionen, kein Lernen der einzelnen Spieler. 

(in beiden Hälften jeweils 3gg3, nachdem ein Tor erzielt wird rotiert ein Päarchen aus der hinteren in die vordere Hälfte und umgekehrt)

Im Handball gilt somit in der Ausbildung das Prinzip: erst die Manndeckung beherrschen (und Lösungen gg die Manndeckung kennenlernen/üben), später kommt das raumorientierte Verteidigen hinzu. Positiver (Neben)Effekt, Lösungen gegen diese Verteidigungsstrategie (Spiel ohne Ball, Freilauffinten, 1gg1, Spielen und Gehen,…) werden in jungen Jahren ausgebildet und trainiert. Aus dem Gesichtspunkt, dass Spieler aus defensiver Sicht erst einmal das 1gg1 beherrschen sollen (und zwar das 1gg1 gegen den Ballführer, und das 1gg1 gegen die ballerwartenden Spieler) entsteht der Leitsatz: In der Manndeckung SPIELEN lernen. Der Fokus liegt somit komplett auf individualtaktischen Schwerpunkten. Allerdings nicht isoliert, sondern ganzheitlich im Spiel.

Auch ein Blick zum Futsal lohnt sich. Hier ist ein mannorientiertes Verteidigen eine Strategie, die häufig angewandt wird. Aus dieser Verteidigungsstrategie entstanden wiederum interessante Lösungen, die auch für den Fußball im 11gg11 nützlich sein können. Unter anderem gibt es die sogenannte 4-0 Formation. Bei dieser wird bewusst der torgefährliche Raum nicht besetzt. Man lockt teilweise den Gegner in eigenem Ballbesitz in die eigene Hälfte, um dann durch Läufe in die Tiefe den entstandenen Raum zu nutzen und torgefährlich zu werden. Unabdingbar dabei ist ein abgestimmtes Freilaufverhalten (gegengleiche Bewegungen / Rotationen / Vorder-hinterlaufen / Blocken) der 4 Spieler und eine individuelle Pressingresistenz in Ballbesitz.

Youtube Videos zum Futsal + 2 Trainingsszenen 4mal 1gg1

Meiner Meinung nach bieten Formen, in denen eine Mannorientierung vorhanden ist oder entsteht, eine gute Möglichkeit um das Repertoire/die Qualität der Spieler zu erweitern und sie auf jegliche Anforderungen im modernen Fußball vorzubereiten.

Folgende Fähigkeiten werden besonders geschult:

In der Verteidigung: Durch die direkte Zuordnung kommen zwei wesentliche Abwehraufgaben auf die Spieler zu: 1gg1 gegen den ballführenden Spieler und 1gg1 gegen einen Spieler ohne Ball.  Dabei hat das 1gg1 ohne Ball eine sehr große Bedeutung, da der Abwehrspieler häufiger (praktisch permanent) in dieser Aufgabe gefordert ist. Im 1gg1 ohne Ball haben die Abwehrspieler die Aufgabe, zu verhindern, dass sich ein Angreifer einen Positions-/Raumvorteil erarbeitet. (Innere Linie halten / Gegenspieler sehen/fühlen / trotzdem Mitspieler absichern).

Für die Angreifer gilt es sich einen Vorteil zu schaffen durch: Freilaufen/Bewegungen ohne Ball: Individuell (Lauffinten) / abgestimmt mit einem Mitspieler (gegengleich/Rotation) / Raum frei ziehen für Mitspieler (binden ohne Ball). Außerdem in Ballbesitz den Ball sichern bzw. in Bewegung halten und Passoptionen erkennen (plus ausspielen: Spielen/Gehen; Doppelpass) oder durch ein überwindendes 1gg1 Überzahl schaffen und diese dann auszuspielen.

2gg2 auf 2gg2 bzw. 3gg3 auf 2gg2

In zwei Zonen wird jeweils in Gleichzahl ohne Abseits gespielt.

Mögliche Variationen:

  • ein Päarchen darf in die nächste Zone nachrücken
  • Futsal TH Regel, nur ein Rückpass pro Ballbesitz

4 mal 1 vs. 1

In vier Zonen wird jeweils 1gg1 gespielt. Miteinander spielen erlaubt, Zonen dürfen nicht verlassen werden. Hoher Fokus auf individuellem Freilaufen und 1gg1 Situationen.

Mögliche Variationen:

  • Futsal TH Regeln, nur ein Rückpass pro Ballbesitzphase
  • Siehe rechtes Bild: Zonen dürfen dynamisch gewechselt werden (SP Rotationen / Freilaufen gegengleich) – für die Abwehrspieler kann ich die Entscheidung frei lassen ob sie mannorientiert mitgehen oder in ihrer Zone bleiben müssen oder dies auch vorgeben

4 vs. 4 Variationen

Form 1 – in Zonen (Abseits ab roter Linie) 🡪 Erweiterung zur ersten Spielform hin zu mehr Spielnähe

Form 2 – ohne Zonen (Abseits überall) 🡪 Überall Abseits vereinfacht hohes Pressing und sorgt für permanente Tiefenläufe oder Quer-Tiefläufe/Bogenläufe

Form 3 – wie 2 nur in Hexagon Form 🡪 Anpassungen der Feldform natürlich auch noch möglich

Links zum Thema Handball:

https://www.hv-suedb.de/fileadmin/shv/Lehrwesen/Schiedsrichter/Jugend_einheitliche_Wettspiele_DHB.pdf

https://www.lionball-pro.de/wp-content/uploads/2013/03/flyer.pdf

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