Von Oliver Lederer
„Wenn wir unseren Spielern die Vorstellung vermitteln können, dass der Ball uns stark macht, haben wir große Fortschritte erzielt“ Seirul·lo, (2015)
#letthemplay
Warum: Alles was wir machen, hängt damit zusammen, dass wir das schöne Spiel lieben
Die Liebe zum Ball und zum Spiel entsteht in keinem Verein dieser Welt, keinem Verband und keiner Organisation, mag sie auch noch so groß sein. Die Liebe entsteht sehr früh und meistens ungezwungen in irgendeinem „Käfig“ oder im Park, welche zu früheren Zeiten noch in rauen Mengen vorhanden waren. Diese Liebe sie entwickelt, ändert und adaptiert sich. So ist es bei so gut wie jedem Menschen der irgendwann mal mit der Sportart Fußball in Kontakt kommt und bei ihr bleibt. Früher oder später kommen Präferenzen zu einer bestimmten Art und Weise der Ausübung hinzu. Man möchte dann, wenn man selbst noch Spieler ist, so Fußball spielen können, oder, wenn man bereits im Trainergeschäft tätig ist seine Mannschaft so spielen lassen. Und genau so sollte jede Spielidee dieser Welt, wie sie auch immer aussehen mag, ihren Anfang nehmen. Ein Beginn der aus vollster Überzeugung, mit purer Leidenschaft und mit einem von Freude überflutetem Herzen startet.
Bei vielen der heute agierenden Trainern wurde dieses Feuer durch den FC Barcelona und seine goldene Generation rund um Xavi, Iniesta und natürliche Messi entfacht. Von 2008 bis rund 2013 wurde eine Spielidee gelebt und nahezu perfektioniert, die keinen Fußballfan auf dieser Welt kalt gelassen hat. Beschäftigt man sich dann mit dem Positionsspiel - Ballbesitzfußball - Tiki Taka (wobei die beiden letztgenannten Begriffe lediglich als Werkzeuge des Positionsspiels gesehen werden dürfen) oder wie auch immer man dazu sagen möchte, kommt man um Personen wie Johan Cruyff, Rinus Michel und natürlich in der Moderne Pep Guardiola nicht herum. Sie alle fachen dieses Feuer weiter an, bis man schlussendlich bis in die kleinste Faser des Körpers davon überzeugt ist. Was das nun genau mit einer Spielidee zu tun hat? Es ist der Grundstein für alles weiter - das Fundament auf dem das Haus steht. Das Warum beantwortet Fragen, es weckt Emotionen und es sorgt dafür, dass selbst wenn es einmal schwierig ist, man den Weg kennt, darüber weckt es die angeborene, aber oftmals verloren gegangene Entdeckungslust.
Wie: Indem die Spieler nicht nur eine Beziehung zum Ball aufbauen, sondern auch die Fremde dem Spiel gegenüber ablegen
Zuerst muss man einmal festhalten, dass wir bewusst den Namen Spielidee gewählt haben. Man hört immer wieder, dass jemand eine Philosophie entwickelt hat, aber das ist nicht der Kern eben jener Wissenschaft. Eine Philosophie ist etwas Objektives und Allgemeingültiges, oder wie es Richard David Precht formuliert hat „Philosophie ist ein Abfallprodukt der Langeweile“. Es gibt also im Fußball nur eine Philosophie und die heißt: Das Ziel ist es, in das gegnerische Tor zu treffen. Jeder der diese Grundregel nicht befolgt, spielt, etwas überspitzt formuliert, an und für sich nicht Fußball.
Trotzdem hat unsere Fußballidee einen sehr objektiven Zugang und das auch bei der österreichischen U15 Nationalmannschaft. Es geht darum ihnen Konzepte an die Hand zu legen, die sie im Spiel nutzen können. Es ist das oberste Ziel ein Verständnis für das komplexe Spiel aus Raum und Zeit aufzubauen. Dieses Verständnis kann nur aufgebaut werden, wenn die Spieler es quasi selbst entdecken. Thomas Tuchel formurlierte es im Aspire Academy Talk so: „Bereitet ihnen (den Spielern) Probleme“. Anhand dieser Probleme wird versucht gemeinsam mit den Spielern eine Lösung zu erspielen. An und für sich geht man hier einen ähnlichen Weg wie der französische Philosoph Descartes, und doch wieder ganz anders. Denn so wie er und unsere Wissenschaften es tun, nehmen wir nichts aus dem Kontext heraus, sondern versuchen das Ganze - in unserem Fall das 11v11 - zu nehmen und es herunter zu brechen.
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“
Damit landet man irgendwann beim 1v1 und es geht vor allem Dingen um Selbstmanagement im Fußball, da man die meiste Zeit ohne Ball sich am Spielfeld bewegt. Also stellt sich die Frage, wie wir es in unserem Sinne am besten hinbekommen. Anhand der eigenen Vorstellungen sowie Idealen gibt es bei uns Konzepte die vermittelt werden können.
„A lot of Coaches are thinking for them“
Johan Cruyff
Eines davon befasst sich damit, dass die eigene Bewegung nie der des Balles entsprechen sollte (siehe Bild). Bewege dich also immer in eine andere Richtung wie der Ball geht. Das hat mit Referenzen zu tun die sich meistens aus Ball, Gegenspieler und dem Tor (als Ziel) zusammensetzen. Ich bin also positionell überlegen, wenn der Gegner eine dieser Referenzen - meistens mich als direkten Gegenspieler - verliert. Es ist neben der numerischen, technischen (individuellen) oder physischen Überlegenheit die für uns wichtigste in der Entwicklung von Spielern (gerade physische und technisch passieren eigentlich nebenbei)
Wie kann man diese Überlegungen im Teamkontext in die Praxis umsetzen? Ein Teamkontext Beispiel von DB
Jede Mannschaft hat eine gewisse Spielidentität. Denke man nur an das eben angesprochene Barcelona der frühen 2010er Jahre unter Pep Guardiola und den Klopp Jahren in der Bundesliga. Auch an anderen Mannschaften wie RB - Teams kann beispielsweise eine bewusste Fokussierung auf ein taktisches Mittel als „Idendität“ wahrgenommen werden. Diese Form der Wahrheitssuche, bei der eine Art und Weise des Fußballspiels als Maxime ausgeschrieben wird, bezeichne ich im folgenden als Spielidentität.
Die Spielidentität
Diese Spielidentität beruht auf unausgesprochenen taktischen Richtlinien, die alle Spieler verinnerlicht haben und intuitiv ausführen. Der Ursprung dieser Richtlinien und Intuitionen kann auf verschiedenste Weise zu Stande gekommen sein. Beispielsweise durch bestimmte Jugendtrainer, zusätzlichen Lehrgängen in Auswahl-Mannschaften oder schlichtweg den Bolzplatz. Auch andere Sportarten können als Einfluss haben. So ist meine (DB) heutige Sicht auf verschiedene gruppentaktische Elemente wesentlich von meinen langjährigen Erfahrungen im Handballsport geprägt worden.
Viele Aspekte dieser Spielidentität lassen sich nur schwer quantifizieren. Schließlich kann ich als Zuschauer nicht in den Kopf der Spieler schauen und evaluieren wie die Spieler Entscheidungen treffen und gegen welche Handlungsoptionen sie sich (un-)bewusst entscheiden. Ebenso wenig kann ich als Spieler diese Entscheidungen im Spiel abstrahieren, evaluieren und anschließend ausführen. Fußball ist ein hochdynamischer, komplexer Sport und Probleme lassen sich nicht abgesondert betrachten, sondern müssen sekundenschnell entschieden werden.
Ein paar Dinge lassen sich aber von außen betrachtet quantifizieren und zur besseren Verdeutlichung möchte ich einige aufzählen (Einige dieser Diskussionsgegenstände entspringen den Gedanken Martin Rafelts in einer älteren Episode des SV-Mailbags).
- Risikobereitschaft in strategischen Situationen:
- Höhe und Einbindung des Torwarts
- Höhe des Anlaufens
- Positionstreue - Passrhythmus
- Schlüsselaktionen:
- Ball am Flügel - Biete ich mich kurz an oder bleibe ich weit?
- Ball bei den Innenverteidigern - Komme ich nah oder gehe ich in die Tiefe? - Zonenfokus
- Welche Zonen bespiele ich besonders gerne? -> Bsp. die Halbräume
- Wo möchte ich durch meine Spieler nummerische Überzahlen erschaffen -> Bsp. auf der letzten Linie
Allen voran sind diese Überlegungen beziehungsweise die Antworten auf die oben aufgeführten Fragestellungen Teil einer - man könnte es „ontologischen Dimension“ nennen. Einer Art und Weise Fußball zu verstehen, Fußball zu denken, Fußball zu fühlen und lieben.
Diese Gedankengänge möchte ich (DB) mit einem kleinen Beispiel abschließen.
Wieso? Wir wollen Fußball spielen! Wir wollen den Ball haben! Wir sind mit dem Ball stärker als ohne!
Wie? In dem wir aktiv den Ball haben wollen! In dem wir vorwärts verteidigen! In dem wir uns den Ball erkämpfen!
Was? Als spielnahes Prinzip in der Verteidigung umgesetzt: „Sehe einen, Decke einen!“
Nur wenn man als Team (noch besser als Verein / Verband) es schafft den Gedanken des „Wieso?“, die „Ursprünge“ unserer Fußballbegeisterung zu wecken, und mit der entsprechenden Spielidentität zu koppeln, können Skaleneffekte genutzt werden und eine nachhaltige Entwicklung der Spieler garantiert werden.
Was: Daraus können sich nur spielintelligente, eigenständige und positive Persönlichkeiten auf und abseits des Feldes entwickeln
Bevor wir (Oliver und Maximilian Doller, Assitent) uns genau mit dem „Was“ beschäftigen, sollten wir noch einmal einen kurzen Sprung zu dem „Warum“ machen. Denn eben jene scheinbar unbedeutende Kleinigkeit löst eine Welle von Entscheidungen aus. Wenn wir eine bestimmte Spielidee verfolgen, dann brauchen wir dementsprechendes Personal, das uns dabei unterstützt. Auch für die Menschen die in unserem Betreuerteam agieren sind viele Fragen leichter zu beantworten, denn es gibt ein gemeinsames „Warum“ wir etwas machen. Sind wir beim Betreuerteam angekommen geht es in die nächste Ebene, der wichtigsten Ebene - die Ebene der Spieler. Auch hier stellt sich wieder die Frage: Wer kann es am besten umsetzen? Gehen wir rein nach der Entwicklung der Spieler, dann würden wir diese Frage in die Zukunft setzen. Welche Spieler können es in 5 Jahren am besten umsetzen? Bei einem Nachwuchsnationalteam, wo auch Ergebnisse – wenn auch eine untergeordnete - Rolle spielen, müssen wir uns dementsprechend fragen: Wer kann es aktuell am besten umsetzen und gleichzeitig erfolgreich sein?
Am Ende der gemeinsamen Reise wird man dann sehen, „Was“ dabei herauskommt. Aber selbst hier gibt es klare Vorstellungen, die erfüllt werden sollen und gleichzeitig das eigentliche Top-Down-Prinzip (vom Warum über das Wie zum Was) einfach auf den Kopf stellen kann. Anhand einer Bucketliste ist ein klares Ziel für das Ende bekannt. Diese Bucketliste besteht aus Bereichen, die dann wieder in weitere Fähigkeiten unterteilt werden kann. So haben wir es in Charakter (positiv, respektvoll, etc.), Kompetenzen (Positionsspiel, Konzepte, Kreativität,) und kognitive Fähigkeiten (Wahrnehmung, Entscheidungsfindung, etc.) unterteilt.
Eine komplette Spielidee in einem kurzen Artikel unterzubringen ist nahezu unmöglich. Wir sind aber der Überzeugung, dass sich die drei Fragen die wir gestellt haben, jeder Trainer oder auch Spieler stellen kann. Dabei ist auch die Reihenfolge wichtig und sollte beachtet werden, da gerade das „Warum“ als Fundament für alles weitere gilt und auch bei einem Haus, eine andere Baufolge nicht zum gewünschten Ergebnis führen wird. Wer sich gerade zu diesem Thema weiterentwickeln will, dem legen wir noch ans Herz, sich Simon Sinek und seinen Theorien zu widmen. Auf einer seiner Reden beruht das Prinzip des Warums, Wie und Was. Es hat uns ein Stück weit die Augen geöffnet und wird hoffentlich auch weitere Trainer zum Nachdenken anregen.