Juventus siegt mit starkem 4-4-2 gegen Milan

Im Viertelfinale der Coppa Italia traf der italienische Serienmeister Juventus auf den AC Milan, dem man erst kurz vor Weihnachten im Elfmterschießen des Supercups unterlag. In einer sehr interessanten Begegnung konnte Juventus bereits nach wenigen in Führung gehen und nach einer starken Defensivleistung schließlich 2:1 gewinnen und ins Halbfinale einziehen, wo die Mannschaft von Max Allegri auf Sarris Napoli treffen wird.

 

Juventus begann das Spiel in einer 4-2-3-1-Grundformation mit einer etwas untypischen Besetzung in der Abwehr. Auf links begann Kwadwo Asamoah, als rechter Außenverteidiger spielte Andrea Barzagli. Khedira und Pjanic bildeten die Doppelsechs, Mandzukic spielte wie bereits in der vergangenen Partie gegen Lazio am linken Flügel.

Milan zeigte sein übliches 4-3-3, welches ohne Ball zu einem 4-1-4-1 wurde und im Ballbesitz einige interessante Asymmetrien zeigte. Antonelli, Romagnoli, Zapata und Abate bildeten die Abwehr, im Mittelfeld begannen Locatelli, Kucka und Bertolacci, was bedeutete, dass Bonaventura wieder als linker Flügelstürmer spielte.

Juventus konnte bereits sehr früh in Führung gehen. Nach einem Durchbruch auf links flankte Asamoah auf den einrückenden Cuadrado, der perfekt auf Dybala auflegte, der den Halbvolley im Strafraum perfekt verwertete. Auch das 2:0 folgte relativ früh, nach 21 Minuten. Asamoah dribbelte diagonal Richtung Strafraum und konnte nur durch ein Foul gestoppt werden, Miralem Pjanic verwandelte den anschließenden Freistoß.

Dies waren bis zu diesem Zeitpunkt auch die einzig nennenswerten Offensivaktionen, ein 0:0 wäre bis zu dahin eigentlich auch gerecht gewesen. Juve hatte ansonsten nur zwei Abschlüsse aus extrem großer Distanz aufweisen, Milan  kam zu gar keinen gefährlichen Szenen. Mit dieser frühen Führung begann sich Juventus eher auf das Verwalten des Vorsprungs zu beschränken und Milan hatte klar höhere Spielanteile, zur Halbzeit waren es gar 68% Ballbesitz.

Das 4-2-3-1 von Juventus wurde ohne Ball zu einem kompakten 4-4-2 und Milan plagte sich extrem dabei dieses zu bespielen. Die Offensivstruktur der Mailänder Mannschaft war jedoch sehr interessant. Über eine asymmetrische Rollenverteilung der Außenverteidiger wurde im Spielaufbau eine leicht verschobene Dreierkette gebildet, Abate auf rechts schob sehr hoch, Antonelli dagegen blieb tief und positionierte sich im linken Halbraum, tat dies aber in der Regel etwas höher als die Innenverteidiger Romagnoli und Zapata. Auf der rechten Angriffsseite rückte Suso in den Halbraum, Kucka dagegen kippte aus der Turiner Defensivstaffelung vereinzelt heraus und besetzte den tiefen Halbraum oder Flügel, der durch die hohe Positionierung von Abate freigelassen wurde.

Auf der linken Angriffsseite variierten die Abläufe ein wenig, wobei vor allem Bonaventura mit seinen teils weiträumigen Bewegungen für die Offensivstaffelungen prägend war. Meistens positionierte sich Bonaventura wie ein linker Mittelfeldspieler, um so einfach von Antonelli anspielbar zu sein und am Flügel seine Stärke im Dribbling und seine Schnelligkeit ausspielen zu können. Allerdings hatte er auch einrückendes Movement aufzubieten und trieb sich etwas im Zehnerraum herum, seine Bewegungen wurden dann gut von Bertolacci balanciert, der dadurch vor allem in der Anfangsphase des Spiel öfters am Flügel zusehen war und auch gerne die Schnittstelle zwischen Barzagli und Bonucci attackierte.

All dies war interessant, gegen das starke Pressing von Juventus half es allerdings nur wenig. Im 4-4-2 verteidigte das Team von Max Allegri vertikal und horizontal sehr kompakt. Im Mittelfeldpressing wurde versucht das Zentrum zu versperren und auf den Flügeln den Ball zu erobern, was auch sehr gut gelang. Dybala und Higuain arbeiteten sehr stark gegen den Ball, positionierten sich sehr nah an den Mittelfeldspielern und zeigten teils auch im Rückwärtspressing beeindruckende Szenen. Gemeinsam konnten sie den Einfluss von Locatelli auf das Mailänder Spiel gut einschränken, der Sechser war weniger dominant als üblich und musste etwas abkippen, um an Bälle zu gelangen.

Im Mittelfeld gab es leichte Mannorientierungen, diese waren wie üblich auch in der Turiner Abwehr zu sehen. Khedira und Pjanic nahmen die Mailänder Achter in ihrem Raum in eine enge Deckung, verfolgten deren herauskippende Bewegungen jedoch nicht. Dafür rückte Mandzukic stets auf Kucka heraus, sobald dieser auf der rechten Seite angespielt wurde, auf der anderen Seite bildete sich durch das Hochschieben von Cuadrado auf Antonelli zuteils ebenfalls ein 4-3-3. Bei Phasen im höheren Pressing, die es nur situativ gab, rückte Khedira mannorientiert auf Locatelli während Higuain und Dybala die Innenverteidiger anliefen oder zustellten und so lange Bälle erzwangen.

Entscheidend für die hohe Qualität des Turiner Pressing war neben der starken vertikalen Kompaktheit mit gut arbeitenden Stürmern vor allem auch die horizontale Kompaktheit im Mittelfeld im Verbund mit den pressenden Außenverteidigern. Insbesondere Cuadrado rückte sehr weit ein, wodurch bei Mailänder Angriffen über links sehr hoher Druck ausgeübt werden konnte, wobei Balleroberungen nicht sehr druckvoll forciert wurden. Dadurch waren Seitenwechsel auf rechts oft möglich, jedoch konnten diese durch eine äußerst starke Leistung von Barzagli als Außenverteidiger kaum gefährlich werden. Barzagli antizipierte Pässe auf Bonaventura sehr gut und presste frühzeitig weit heraus, die restliche Viererkette rückte gut nach. So konnte Bonaventura kein Tempo aufnehmen und sich häufig erst gar nicht Richtung Turiner Tor orientieren und Bertolaccis Läufe in die Schnittstelle wurden durch die gut nachrückende Abwehr abgefangen.

 

Milans Offensivstruktur und das Turiner 4-4-2. Verlagerungen konnten durch gutes Verschieben und schnelles Herausrücken von Barzagli abgefangen werden. 

Die Abläufe auf der anderen Seite waren ähnlich, wobei Mandzukic nicht so weit wie Cuadrado einrückte und Asamoah dadurch seltener aus der Viererkette herausschieben musste. Der Verlust an vertikaler Kompaktheit konnte von den Mailändern jedoch kaum ausgenutzt werden, sie kamen kaum in die offensiven Halbräume und fokussierten ihr Angriffsspiel auch generell eher auf die Flügel und das Zusammenspiel von Außenverteidiger, Achter und Flügelstürmer im Dreieck.

Juventus zeigte im Ballbesitz einen gewohnt ruhigen Aufbau und beeindruckte dabei erneut durch die Pressingresistenz und Spielstärke der Verteidiger. Bonucci ist sowieso als ungemein spielstark bekannt, Barzagli dagegen ist weniger spektakulär, dafür aber unglaublich solide und entscheidungsstark. Rugani beeindruckt mit seinem starken Flachpassspiel und sehr intelligentem und stabilem Andribbeln. Dies macht ein Offensivpressing für jeden Gegner sehr schwer, Milan probierte es aber dennoch und übte zumeist bereits sehr früh Druck auf den gegnerischen Spielaufbau aus.

Montellas Mannschaft presste in einem 4-1-4-1 mit herausrückenden Achtern, wobei sich dies als ein insgesamt recht löchriges Konstrukt präsentierte. Bertolacci und Kucka pressten recht mannorientiert auf Khedira und Pjanic, rückten im Pressing ballnah aber auch weiter heraus, um Druck auf die Innenverteidiger auszuüben. Durch diese Mannorientierungen waren häufig 4-3-2-1-Staffelungen oder eine Art verschobenes 4-3-1-2 zu sehen, wobei dies aufgrund der zu breiten Positionierung der Flügelspieler Räume in den Halbräumen öffnete.

Bei Juventus interpretierte Barzagli seine Rolle aus Außenverteidiger eher verhalten, Asamoah dagegen rückte gerne auch weiter auf, konnte in der ersten Halbzeit auf der linken Seite entscheidende Akzente Szenen und war an beiden Toren beteiligt. Pjanic übernahm mehrheitlich den tieferen Part der Doppelsechs, die Rollenverteilung mit Khedira variierte aber auch öfters. Häufig waren beide eher tief auf der selben Höhe positionierte, wodurch die Anbindung nach vorne nicht optimal war, auch weil Dybala in seinem Bewegungsspiel etwas weniger dominant als üblich agierte.

Das Ballbesitzspiel von Juventus war dadurch in der ersten Halbzeit nicht herausragend, aber solide und aufbaustark, was aufgrund der frühen Führung auch genügte. Mit einem 2:0 ging es in die Pause, jedoch veränderte sich die Ausgangslage zu Beginn der zweiten Spielhälfte sehr schnell. Milan gelang etwas überraschend der Anschlusstreffer, nach einem hohen Ball auf den in die Tiefe laufenden Kucka gelang der Ball etwas zufällig zu Bacca, der sehenswert abschloss. Die Partie schien nochmal sehr interessant zu werden, doch nur wenige Szenen später holte sich Locatelli mit einem unnötigen Foul seine zweite Gelbe Karte im Spiel und wurde vom Platz gestellt.

Trotz des Platzverweises in der 54. Minute gab Montella die Partie nicht auf und ließ seine Mannschaft in Ballbesitz und Pressing weiterhin mutig agieren. Abate wurde vom Feld genommen und mit Pasalic ein neuer Sechser gebracht, Kucka rückte dafür auf die Außenverteidigerposition, die er in der ersten Halbzeit in Ballbesitz bereits situativ übernommen hat. Suso übernahm nun eine Art Mischrolle zwischen rechten Achter und rechten Flügelstürmer. Gegen den Ball veränderte sich die Formation vom 4-1-4-1 auf ein 4-4-1.

Mit einem Mann weniger nahm die Qualität im Pressing noch ein wenig ab. Weiterhin gab es Szenen mit herausrückenden Achtern (siehe Bild oben), wobei es für Milan noch schwieriger war auf den Turiner Spielaufbau ausreichende Druck auszuüben und Juventus kam nun besser in die Zwischenlinienräume. Higuain, der sich in der ersten Halbzeit eher zurückhielt und auf das Tiefe Geben beschränkte, baute sich etwas mehr in die Ballzirkulation ein und Dybala konnte mit guten Positionierungen die Räume im Mailänder Pressing ausnutzen. Auch Cuadrado konnte teilweise gut im Halbraum eingesetzt werden.

Juventus kam so in der zweiten Halbzeit zu einigen guten Offensivszenen, verpasste es aber den Sack zuzumachen. Milan dagegen hatte durch das recht tiefe Pressing von Allegris Mannschaft weiterhin hohe Spielanteile und wurde mit Fortlauf des Spiels gefährlicher. Waren es zunächst Standardsituationen, welche zu gefährlichen Szenen führten, führten später Turiner Schwächen zu Gefahrenmomenten.

Juventus verpasste es in der Schlussphase das Spiel ausreichend zu kontrollieren. Die Ballzirkulation war etwas zu hektisch und zu druckvoll wurden Durchbrüche fokussiert. Statt den Ball ruhiger über die Abwehr und die Sechser zirkulieren zu lassen, wurde oft in unpassenden Situationen Risiko genommen, was zu vermeidbaren Ballverlusten führte. Statt nur das Ergebnis zu verwalten lieber auf das 3:1 zu spielen ist grundsätzlich keine falsche Strategie, jedoch fand Juventus hier in keinen wirklich passenden Rhythmus und verlor gegen zehn Mailänder zu viele Bälle. Letztlich konnte dies Milan jedoch nie entscheidend ausnutzen und mussten sich daher mit 2:1 geschlagen geben.

Fazit:

Juventus zeigte in dieser Begegnung erneut seine große Stärke bei gegnerischem Ballbesitz. Das 4-4-2-Mittelfeldpressing funktionierte äußerst gut und wies praktisch keine nennenswerten Schwächen auf. Milans Offensivausrichtung war interessant, jedoch fand Montella kein passendes Rezept, hatte zudem auch das Problem der individuellen Unterlegenheit. Juventus kam der Spielverlauf mit der frühen Führung natürlich entgegen, zudem zeigte sich in der Offensive auch einfach die hohe Qualität von Spieler wie Dybala, Higuain und Pjanic. Das Ballbesitzspiel im 4-2-3-1 ist noch ausbaufähig, doch das Mailänder Pressing zeigte Schwächen in Ausrichtung und Umsetzung und machte in dieser Partie wohl den Unterschied aus.

Über Alex Belinger

War als Kind zu oft in Italien auf Urlaub und mag jetzt italienischen Fußball.

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